{"id":22344,"date":"2001-09-23T08:59:24","date_gmt":"2001-09-23T06:59:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22344"},"modified":"2025-03-23T09:01:27","modified_gmt":"2025-03-23T08:01:27","slug":"matthaeus-619-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-619-23\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 6,19-23"},"content":{"rendered":"<h3>Erntedankfest | 30. September 2001 | Matth\u00e4us 6,19-23 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>19 Ihr sollt euch nicht Sch\u00e4tze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.<\/p>\n<p>20 Sammelt euch aber Sch\u00e4tze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.<\/p>\n<p>21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.<\/p>\n<p>22 Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.<\/p>\n<p>23 Wenn aber dein Auge b\u00f6se ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie gro\u00df wird dann die Finsternis sein!<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&#8222;Krisenstimmung am Aktienmarkt&#8220; &#8211; &#8222;Weltfinanzm\u00e4rkte im Terrorschock&#8220; &#8211; &#8222;Weltwirtschaft: Angst vor dem Absturz&#8220; &#8211; Schlagzeilen aus der vergangenen Woche.<\/p>\n<p>&#8222;Ihr sollt euch nicht Sch\u00e4tze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.&#8220; &#8211; Ein Bibelvers aus der Bergpredigt zum Erntedankfest 2001.<\/p>\n<p>Wir erleben, wie die Kurse an den B\u00f6rsen ins Sacken geraten. Ich frage mich: musste erst etwas so unfassbar Furchtbares geschehen, um deutlich zu machen, dass die scheinbar allgewaltigen Finanzm\u00e4rkte doch nicht so unersch\u00fctterlich sind?.<\/p>\n<p>Ern\u00fcchterung und Abk\u00fchlung gab es ja schon seit l\u00e4ngerem. Die Experten hatten bereits seit mehr als einem Jahr gewarnt, es k\u00f6nne nicht unaufh\u00f6rlich in die H\u00f6he gehen mit Dax und Nemax. Doch kaum jemand h\u00f6rte auf sie.<\/p>\n<p>Schon zu sehr war, angeheizt von smarten Werbespots mit k\u00fchnen Gewinnversprechen, B\u00f6rsenspekulation zum Volkssport geworden. Die Gier nach raschem Reichtum, sie passt ja so gut zum Lebensstil der Spa\u00dfgesellschaft.<\/p>\n<p>Als die k\u00fcnstlich hochgejubelten Kurse ins Trudeln gerieten, kam der gro\u00dfe Katzenjammer f\u00fcr viele Kleinanleger, die feststellen mussten, dass sie ihr Geld blindlings aus dem Fenster geworfen hatten.<\/p>\n<p>Es scheint mir eine grunds\u00e4tzliche, tragische Schw\u00e4che des Menschen darin zu liegen, dass er das, was er besitzt, h\u00e4ufig erst dann zu sch\u00e4tzen wei\u00df, wenn er es verloren hat: Gesundheit, Arbeit, intakte Beziehungen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, in Gespr\u00e4chen mit Menschen der \u00e4lteren Generation, die den Krieg noch erlebt haben, f\u00e4llt mir oft auf, dass sie sehr viel mehr Bescheidenheit besitzen als die J\u00fcngeren.<\/p>\n<p>Wer am eigenen Leib erlebt hat, wie Besitz und Heimat, Haus und Hof verloren gingen, der bekam oft fortan ein neues Verh\u00e4ltnis zu irdischen G\u00fctern. &#8211; Besitz und auch Wohlstand sind nie etwas v\u00f6llig Gesichertes, sie sind stets gef\u00e4hrdet. Es ist ein riskantes Spiel, wenn jemand denkt, er sei gegen alle Wechself\u00e4lle des Lebens gesichert oder versichert.<\/p>\n<p>Ich glaube, nur die Tatsache, dass jeder von uns jeden Tag eine geh\u00f6rige Portion Gl\u00fcck hat, bewahrt uns unseren gewohnten Alltag. Doch was machen wir, wenn wir Erfolg haben, wenn wir gesund sind, uns wohl f\u00fchlen?<\/p>\n<p>Wir nehmen es als selbstverst\u00e4ndlich. Aber wehe, wenn etwas schief geht! Ein Unfall, eine notwendige Operation, eine misslungene Pr\u00fcfung: pl\u00f6tzlich bricht die Welt zusammen, scheint sich das Schicksal gegen uns verschworen zu haben. So sind wir nun einmal.<\/p>\n<p>Mathematiker rechnen uns zwar vor, dass es wahrscheinlicher ist, von einem Blitz getroffen zu werden, als einen Hauptgewinn im Lotto zu erzielen. Trotzdem ist jeder Lottospieler entt\u00e4uscht, wenn es wieder einmal nicht geklappt hat mit den 6 Richtigen &#8211; oder hadert derjenige mit dem Schicksal, der mit einem Gipsbein aus der Klinik humpelt: wieso unter all den vielen Fu\u00dfg\u00e4ngern musste der Radfahrer ausgerechnet mich anfahren?<\/p>\n<p>Wir neigen also eher dazu, die angenehmen Dinge des Lebens als die nat\u00fcrlichen und die l\u00e4stigen und bedrohlichen als Fehler oder Unf\u00e4lle zu betrachten.<\/p>\n<p>Das ist menschlich. Typisch menschlich. So sind wir nun einmal. &#8211; Aber andererseits sind wir auch nicht dumm. Wir haben im Laufe unserer Entwicklung gelernt, dass doch immer wieder der eine oder die andere von uns ins Ungl\u00fcck ger\u00e4t. So kam der Mensch auf den Notgroschen, auf die Reserve, auf die Versicherungen. Und heute verdienen ganze Zweige der Wirtschaft daran, Vorsorge f\u00fcr Ungl\u00fccks- und Schadensf\u00e4lle gegen j\u00e4hrliche Geb\u00fchren anzubieten. Schutz vor Motten, Rost und Dienstahl.<\/p>\n<p>Jesus dagegen scheint eine ganz andere Meinung von Vorsorge und Versicherung zu haben. Wenige Verse nach dem Predigttext finden sich die ber\u00fchmten S\u00e4tze: &#8222;Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Sehet die V\u00f6gel unter dem Himmel an: sie s\u00e4en nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater n\u00e4hret sie doch.&#8220;<\/p>\n<p>Jesus f\u00e4hrt fort: &#8222;Und warum sorgt ihr f\u00fcr die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine dieser Lilien.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich habe einige Zeit gebraucht, diese Verse zu verstehen. Nicht s\u00e4en, nicht ernten, und doch ern\u00e4hrt werden? Ohne eigenes Zutun prachtvoller gekleidet sein als der h\u00f6chste Herrscher? Ist das so gemeint? Und wie kann das funktionieren?<\/p>\n<p>Die Bergpredigt, aus der all diese Zitate stammen, ist sicherlich der wichtigste Teil der \u00dcberlieferungen aus dem Leben Jesu Christi. Und viele ihrer S\u00e4tze gewinnen ihre Bedeutung erst aus den vorangegangenen oder folgenden Worten.<\/p>\n<p>Zwei Worte aus der Umgehung unseres Predigttextes haben mich auf die Spur gebracht. Erstens der Hinweis Jesu: &#8222;Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr k\u00f6nnt nicht Gott dienen und dem Mammon.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist das eine Wort. Mit Mammon ist die uneingeschr\u00e4nkte, gottgleiche Macht des Geldes gemeint. Gottesdienst und Streben nach finanzieller Allmacht schlie\u00dfen sich gegenseitig aus. Wer sein Leben nur per Saldo nach Gewinn und Verlust zu planen versucht, der hat keinen Platz mehr in der Jahresbilanz f\u00fcr Gott. &#8222;Ihr sollt euch nicht Sch\u00e4tze sammeln auf Erden.&#8220;<\/p>\n<p>Der zweite Vers, der mir geholfen hat, lautet: &#8222;Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.&#8220;<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist das ja fast eine m\u00e4rchenhafte Zauberformel f\u00fcr das Leben: &#8222;Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch alles andere zufallen.&#8220; &#8211; Das klingt so \u00e4hnlich wie die Aufforderung aus dem Predigttext: Sammelt euch Sch\u00e4tze im Himmel! &#8211; Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes!<\/p>\n<p>Dann wird euch alles andere zufallen, hei\u00dft es. Dann braucht ihr euch nicht um Kleidung sorgen wie die Lilien auf dem Felde, und nicht um Nahrung, wie die V\u00f6gel unter dem Himmel. &#8211; Ist das nicht zu sch\u00f6n, um wahr zu sein?<\/p>\n<p>Die Aufl\u00f6sung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis dieser scheinbar m\u00e4rchenhaften Worte liegt in dem kleinen Hinweis &#8222;zuerst&#8220;. Damit ist eine Rangordnung gemeint. Jesus will nat\u00fcrlich nicht, dass seine Nachfolger, seine Christen von Stund an wie Vagabunden umherziehen, in der Hoffnung und Zuversicht, Nahrung, Kleidung und Obdach w\u00fcrden sich schon irgendwie finden. Nein, die S\u00e4tze Jesu sind keine Aufforderung zu einer Art religi\u00f6sem Hippiedasein. Was wir zum t\u00e4glichen Leben brauchen, wird uns nicht in den Scho\u00df fallen. Aber es wird uns leichter fallen.<\/p>\n<p>Was Jesus sagt, will uns davor bewahren, den materiellen Dingen in unserem Lehen den ersten Rang einzur\u00e4umen. Denn das ist ein aussichtsloses Vorhaben. &#8222;Sammelt euch Sch\u00e4tze im Himmel, denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz&#8220; &#8211; das ist nichts anderes als der Rat Jesu, Gottes Wort und Gebot \u00fcber alles andere zu stellen.<\/p>\n<p>Kein Befehl Jesu &#8211; sondern ein Rat. Ein Rat, der sich auf die Erfahrung gr\u00fcndet: wo Menschen versuchen, selbst die Absicherung ihres Lebens oder Lebensstandards zu gew\u00e4hrleisten, so m\u00fcssen sie in st\u00e4ndiger Sorge vor Zwischenf\u00e4llen und Katastrophen leben.<\/p>\n<p>Ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr Gef\u00fchl und ihren Sp\u00fcrsinn werden sie auf nichts anderes mehr verwenden als darauf, m\u00f6gliche Gefahren von ihrem materiellen Besitz abzuwenden, von ihrer beruflichen Karriere, von ihrem politischen Einfluss. Einer Illusion werden sie ihre ganze Lebensenergie widmen. Die vollkommene Sicherheit gibt es nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.&#8220; Wo mein Blick klar und unverf\u00e4lscht ist, nicht allein auf meinen privaten Vorteil eingeengt, dort komme ich mit mir selbst ins Reine.<\/p>\n<p>Heute, zu Erntedank, lenken wir bewusst unseren Blick auf die Fr\u00fcchte und Lebensmittel hier in der Kirche, als Erinnerung, wie viel bei unserem Essen und Trinken von der Arbeit anderer abh\u00e4ngt. Und denken wir bitte daran: das gilt auch in anderen Bereichen unseres Lebens. Dankbarkeit f\u00fcr das, was ich bin und habe, und Besinnen darauf, wem ich es verdanke &#8211; das ist der Anfang vom &#8222;Sch\u00e4tze sammeln im Himmel&#8220;.<\/p>\n<p>Das ist keine Garantie gegen Fehlschl\u00e4ge und Krisen, beileibe nicht. Aber es ist der richtige Weg, an solchen Schwierigkeiten nicht zu scheitern. Gott erspart seinen Christen nicht die Schwierigkeiten, aber er l\u00e4sst sie nicht mit ihnen allein.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Peter Kusenberg, Pastor und freier Journalist<\/p>\n<p>Adelebsen-Erbsen<\/p>\n<p><a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\">E-mail: peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erntedankfest | 30. September 2001 | Matth\u00e4us 6,19-23 | Peter Kusenberg | 19 Ihr sollt euch nicht Sch\u00e4tze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. 20 Sammelt euch aber Sch\u00e4tze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3416,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,727,157,853,114,560,362,349,3,1558,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22344","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-erntedank","category-kapitel-06-chapter-06-matthaeus","category-kasus","category-nt","category-peter-kusenberg","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22344","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22344"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22344\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22345,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22344\/revisions\/22345"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22344"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22344"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22344"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22344"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}