{"id":22346,"date":"2001-09-23T09:01:31","date_gmt":"2001-09-23T07:01:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22346"},"modified":"2025-03-23T09:04:43","modified_gmt":"2025-03-23T08:04:43","slug":"lukas-711-17-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-711-17-4\/","title":{"rendered":"Lukas 7,11-17"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Weine nicht!&#8220; | Erntedankfest | 30. September 2001 | Lukas 7,11-17 | Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Die erste Reaktion auf diese Geschichte war bei mir lange Zeit diese: Das klingt alles ziemlich phantastisch, da\u00df jemand aus dem Tode ins Leben zur\u00fcckkehrt &#8211; und auch wenn das einmal geschehen sollte: Was hilft uns das heute, was hilft das den Menschen, die heute der Unwideruflichkeit des Todes gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Ich denke, wenn man diese Geschichte so &#8211; gleichsam von au\u00dfen &#8211; sieht, wird man mit ihr nicht viel anfangen k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte deshalb die Geschichte einmal anders erz\u00e4hlen, d.h. eine andere Geschichte, die eigentlich ganz \u00e4hnlich ist und die f\u00fcr mich viel bedeutet hat &#8211; auch wenn ich es nie erlebt habe, sondern nur davon geh\u00f6rt und gelesen habe. Und ich denke, da\u00df diese &#8211; meine Geschichte &#8211; sehr wohl etwas mit dem zu tun hat, was uns im Evangelium erz\u00e4hlt wird: Da\u00df Jesus jemandem von Tode ins Leben zur\u00fcckkehren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Es geschah vor fast hundert Jahren, im August 1913. Ich habe davon geh\u00f6rt und auch in der Erinnerungen meines Gro\u00dfvaters Hermann Stoevesandt gelesen. Meine Gro\u00dfeltern hatten damals vier Kinder, die j\u00fcngsten waren Zwillinge, nicht viel \u00e4lter als ein jahr alt, ein Junge und ein M\u00e4dchen. Durch den Garten lief ein kleiner Flu\u00df. Mein Gro\u00dfvater erz\u00e4hlt: Die Kinder spielten im Garten im Laufgitter, die Mutter hatte sie einen Augenblick aus den Augen verloren, weil sie ins Haus gegangen war, um einen Korb zu holen. Dabei hatten die Kinder pl\u00f6tzlich das sch\u00fctzende Gitter verlassen und waren beide zum Wassergraben gekrochen, und darin ertrunken. Jeder Rettungsversuch kam zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Mein Gro\u00dfvater schreibt in seinen Erinnerungen: &#8222;Es war schwer, sich zurechtzufinden. Als die Kinder im Sarge lagen, der in der Erkerstube aufgestellt war, und meine Frau und ich allein davorstanden, war ich mit meinem Latein am Ende. Meine Frau kniete nieder, ich kniete neben ihr, und sie fand den Ton, den einzigen der hier lautwerden konnte. Sie dankte Gott f\u00fcr alle die Freude, die er uns an den Kindern geschenkt hatte, und die Freude war gr\u00f6\u00dfer gewesen als das Leid, das nun an ihre Stelle getreten war. Diese Kinder haben nicht umsonst gelebt, denn sie haben uns gezeigt, da\u00df unser Leben in jedem Augenblick in Gottes Hand steht, da\u00df er uns alles gibt und nach seinem Willen auch alles nehmen kann. So ergab sich von selbst, da\u00df wir auf das Kreuz auf dem Grabe den Spruch setzten:<\/p>\n<p>Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt,<\/p>\n<p>da\u00df wir seine Kinder sollen hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Von Gott kommt nur Gutes, und am Ende unseres Lebens werden wir f\u00fcr das Leid ebenso zu danken haben wie f\u00fcr die Freude. Von dem kleinen Grabe ist ein Segen ausgegangen, der uns bis an unser Ende begleiten wird. Wir haben das Danken gelernt und begriffen, was es bedeutet, im Ernst zu sagen: Dein Wille geschehe&#8220;.<\/p>\n<p>Kann man am Grabe eines Kindes lernen, was es hei\u00dft zu danken? Starke Worte. Im Munde eines Pastoren w\u00fcrden Sie vielleicht hohl klingen &#8211; so wie das auch in der Geschichte vom J\u00fcngling zu Nain der Fall ist: Es gibt einen Trost, ein &#8222;Weine nicht&#8220;, den nur Gott selbst geben kann.<\/p>\n<p>Es ist auch nicht so, da\u00df Leid und Trauer nun einfach verschwinden. Mein Gro\u00dfvater berichtet, da\u00df es nat\u00fcrlich schwer war f\u00fcr die Eltern der Kinder, sich zurechtzufinden, Weihnachten gehen sie zum Grabe der beiden Kinder und sind wieder recht verzagt.<\/p>\n<p>Aber fast genau ein Jahr nach dem Ungl\u00fcck , berichtet mein Gro\u00dfvater, &#8222;wurden uns Zwillinge geboren&#8220;. Wieder ein Junge und ein M\u00e4dchen: &#8222;Es war beinahe nicht zu fassen, da\u00df uns wiedergeschenkt wurde, was wir ein Jahr zuvor verloren hatten, und die Mitfreude, die wir von allen Seiten erfuhren, war gr\u00f6\u00dfer, als wir geglaubt h\u00e4tten&#8220;.<\/p>\n<p>Man kann dar\u00fcber streiten, welches Wunder gr\u00f6\u00dfer ist, am Grabe eines Kindes danken zu k\u00f6nnen &#8211; oder da\u00df einem wiedergeschenkt wird, was man verloren hat. Mein Gro\u00dfvater war bestimmt kein sentimentaler Christ, sehr n\u00fcchtern, trug sein Herz nicht auf der Zunge. Man erz\u00e4hlte von ihm, da\u00df er einmal nach dem Gottesdienst in die Sakristei ging, sich seine sonnt\u00e4gliche Zigarre anz\u00fcndete, und zum Pastoren sagt: Ihre Predigt, Herr Pastor, war nicht mal so viel Wert wie die Asche dieser Zigarre. Aber immerhin: An n\u00e4chsten Sonntag sa\u00df er wieder in der Kirche.<\/p>\n<p>Wenn ich die Geschichte vom J\u00fcngling zu Nain im Lichte der Erz\u00e4hlung von meinem Gro\u00dfvater h\u00f6re, dann steht f\u00fcr mich nicht so sehr das Wunder der Wiederbelebung im Mittelpunkt, sondern der einfache Satz Jesu: &#8222;Weine nicht!&#8220;. In unserem Munde sind das ja oft ohnm\u00e4chtige und hohle Worte, und ich w\u00fcrde nie zu einem Mutter, die ein Kind verloren hat, zu sagen wagen: Weine nicht, sei lieber dankbar. Und manchmal machen wir uns ja auch eine Theorie zurecht dar\u00fcber, da\u00df es ja auch gut ist, weinen zu k\u00f6nnen, und furchtbar nicht weinen zu k\u00f6nnen. Wer weint, gibt Ausdruck f\u00fcr sein Leid und seine Trauer &#8211; nicht weinen k\u00f6nnen, nicht trauern k\u00f6nnen, stumm bleiben kann furchtbar sein. Und wir leben vielleicht in einer Kultur, in der Weinen gleichsam nicht erlaubt ist.<\/p>\n<p>Dennoch w\u00e4re es falsche Romantik, im Weinen nur eine legitime Form von Therapie zu sehen. Es ist furchtbar, nicht weinen zu k\u00f6nnen, aber auch furchtbar, nicht mit dem Weinen aufh\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich verstehe die Geschichte vom J\u00fcngling zu Nain in diesem Sinne: Es gibt einen Trost, den man sich nicht selbst geben kann, auch nicht einem anderen Menschen. Es gibt einen Trost, den nur Gott schenken kann. Man kann nicht jemanden auffordern, am Grabe eines Kindes Gott zu danken. Man kann sich dies auch nicht selbst zumuten oder sich dazu verpflichten. Dann w\u00fcrden die Worte und die Fr\u00f6mmigkeit falsch! Aber es kann einem geschenkt werden.<\/p>\n<p>Mag sein, da\u00df uns heute &#8211; angesichts der Ereignisse um uns und angesichts des Textes &#8211; zum Danken nicht zumute ist. Es w\u00e4re zynisch, wollte man davon absehen, es w\u00e4re zynisch, wollten wir Erntedankfest halte, &#8222;als ob nichts geschehen w\u00e4re&#8220;. Man kann nicht dazu auffordern, angesichts des Todes, angesichts des Leids zu danken. Aber es kann einem geschenkt werden, man kann darum bitten: Da\u00df die Uniwiderrufbarkeit des Todes uns nicht die Dankbarkeit f\u00fcr das Leben raubt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rektor, Prof. Eberhard Harbsmeier<\/p>\n<p>Fasanvej 21DK-6240-L\u00f8gumkloster<\/p>\n<p>tel.: 74 74 55 99<\/p>\n<p>mobil: 21 73 07 57<\/p>\n<p>e-mail: <a href=\"mailto:Eberhard.Harbsmeier@mail.tele.dk\">Eberhard.Harbsmeier@mail.tele.dk<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Weine nicht!&#8220; | Erntedankfest | 30. September 2001 | Lukas 7,11-17 | Eberhard Harbsmeier | Die erste Reaktion auf diese Geschichte war bei mir lange Zeit diese: Das klingt alles ziemlich phantastisch, da\u00df jemand aus dem Tode ins Leben zur\u00fcckkehrt &#8211; und auch wenn das einmal geschehen sollte: Was hilft uns das heute, was hilft [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5535,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,727,157,853,114,948,560,484,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22346","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-eberhard-harbsmeier","category-erntedank","category-kapitel-07-chapter-07-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22346","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22346"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22346\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22347,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22346\/revisions\/22347"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5535"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22346"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22346"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22346"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22346"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}