{"id":22348,"date":"2001-10-23T09:04:47","date_gmt":"2001-10-23T07:04:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22348"},"modified":"2025-03-23T09:07:08","modified_gmt":"2025-03-23T08:07:08","slug":"johannes-935-41","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-935-41\/","title":{"rendered":"Johannes 9,35-41"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Sehend blind?&#8220; | 17. Sonntag nach Trinitatis | 7. Oktober 2001 | Johannes 9,35-41 | Stefan Knobloch |<\/h3>\n<p>35 Jesus h\u00f6rte, da\u00df die Pharis\u00e4er den geheilten Blinden hinausgesto\u00dfen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? (Sag es mir,), damit ich an ihn glaube. 37 Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. 38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. 40 Einige Pharis\u00e4er, die bei ihm waren, h\u00f6rten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41 Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind w\u00e4rt, h\u00e4ttet ihr keine S\u00fcnde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure S\u00fcnde.<\/p>\n<p>Jesus hat einen Blinden geheilt; nicht einfach einen, der durch Krankheit oder durch andere Umst\u00e4nde seine Sehkraft verloren, eingeb\u00fc\u00dft h\u00e4tte. Jesus heilte einen, der von Geburt an, gewisserma\u00dfen von Natur aus, blind war. \u00dcber die sozialen Lebensbedingungen von Blinden in der Antike m\u00fcssen wir uns nicht lange verbreiten; sie waren miserabel. Die Betroffenen lebten vom Betteln, mehr schlecht als recht. Doch das ist nicht das Thema unseres Textes. Vielmehr ist sein Thema die Heilung eines Blinden und die Wirkung, die diese Heilung auf andere hatte. In einer ersten Runde waren die Leute mit dieser Heilung nicht zurechtgekommen. Der jetzt sehend und quietschvergn\u00fcgt herumlief, war das der Blinde? Oder sah er ihm nur \u00e4hnlich? Man fragte ihn, und er antwortete, wie er sein Augenlicht gewonnen hatte. Dahinter tauchte die Frage nach dem auf, der ihn geheilt hatte. Wer war das? Wo war er jetzt? Viele offene Fragen, die Anla\u00df waren, die Sache vor die religi\u00f6se Instanz zu bringen.<\/p>\n<p>Hier kam heraus, da\u00df der, der die angebliche Heilung vorgenommen hatte, einen Frevel begangen hatte, ein unlauterer Mensch sein mu\u00dfte, einer, der nicht von Gott sein konnte. Denn er hatte die Heilung an einem Sabbat vorgenommen. Die Dramaturgie spitzte sich zu, indem auch noch die Eltern eingeschaltet wurden; aber die zogen sich aus der Aff\u00e4re. Ihr Sohn sei alt genug; er k\u00f6nne selbst Rede und Antwort stehen. Sie f\u00fcrchteten, aus der Synagoge exkommuniziert zu werden. Die n\u00e4chste Runde, gewisserma\u00dfen wie beim Boxen, war an den geheilten Blinden gegangen. Da die Pharis\u00e4er die Runde bewu\u00dft hoch angesetzt hatten &#8211; &#8222;gib Gott die Ehre!&#8220; -, bekamen sie es exakt deshalb vom Geheilten besonders dick serviert. Noch mal dar\u00fcber zu reden, wie die Heilung geschehen sei, nein, das st\u00fcnde nicht mehr an. Wertungen st\u00fcnden an, Wertungen, die zeigten, da\u00df die einen, die Pharis\u00e4er, nicht sehend waren, w\u00e4hrend der andere, der Geheilte, sah. F\u00fcr sie war Jesus ein S\u00fcnder; Klappe zu. Mehr war zu ihm nicht zu sagen. F\u00fcr den Geheilten aber war Jesus mehr. Die Runde hatte damit geendet, da\u00df sie den geheilten Blinden ausstie\u00dfen, aus der Synagoge exkommunizierten. Er geh\u00f6rte nicht mehr dazu. Wohin sollte er jetzt geh\u00f6ren?<\/p>\n<p>Es kommt, nach dem Hinauswurf, zu einer zweiten Begegnung zwischen Jesus und dem Geheilten. Er, der bereits in dem &#8222;Verh\u00f6r&#8220; &#8211; denn etwas anderes war es nicht &#8211; sich entschieden widersetzt hatte, gemeinsam mit den Pharis\u00e4ern in Jesus einen gottlosen Gesetzesbrecher zu sehen, der sich \u00fcber Gesetz und Ordnung hinwegsetzte, der Geheilte also, der in Jesus einen Propheten sah und zu dieser seiner \u00dcberzeugung stand, begegnet Jesus ein zweites Mal. Die Frage, die Jesus stellt, macht deutlich, worin die Heilungserz\u00e4hlung ihren Brennpunkt hat: nicht im Geheilten selbst, richtiger gesagt, nicht in der Tatsache seines gewonnenen Augenlichts, sondern in Jesus bzw. im Glauben an ihn. &#8222;Glaubst du an den Menschensohn?&#8220;, so wird der Geheilte von Jesus gefragt. Der st\u00f6hnt nicht und lehnt nicht etwa ab mit der Bemerkung, was nun diese Frage solle. Schlie\u00dflich, so h\u00e4tte er sagen k\u00f6nnen, sei er mit dem Geschenk seines gewonnenen Augenlichts so randvoll besch\u00e4ftigt, da\u00df er dar\u00fcber hinaus im Augenblick f\u00fcr nichts anderes Interesse habe. Er hat Interesse, er ist offen f\u00fcr das, was von Jesus kommt. Die Antwort, die er gibt, k\u00f6nnte von uns stammen, zumindest in ihrem ersten Teil: &#8222;Menschensohn? Wer ist das?&#8220; In seiner Frage schwingt aber eben keine achselzuckende Gleichg\u00fcltigkeit mit, sie hat keinen abwehrenden Sinn, gewisserma\u00dfen im Sinn von, &#8222;Menschensohn? Wer soll das schon sein? Das interessiert mich nicht weiter.&#8220; Nein, der Geheilte packt zu. Der griechische Text unseres Evangeliums macht das deutlicher als die deutsche \u00dcbersetzung. Der Geheilte antwortet n\u00e4mlich mit einem &#8222;Und&#8220;, mit einem neugierigen, gespannten &#8222;Und&#8220;. &#8222;Und, wer ist das, Herr?&#8220; So, wie wir auch manchmal in unseren Gespr\u00e4chspartner dringen und sagen: &#8222;Und, nun sag&#8216; schon&#8230;&#8220; &#8222;Und, wer ist das, Herr? Damit ich an ihn glaube.&#8220; Die Antwort Jesu ist kurz und knapp und sie beginnt ihrerseits mit diesem zupackenden bzw. sich preisgebenden &#8222;Und&#8220;: &#8222;Und du siehst ihn vor dir; und der, der mit dir redet, der ist es.&#8220; Den Geheilten h\u00e4lt es nicht mehr. Er, der bisher schon eine Anfangsahnung, eine Anfangs\u00fcberzeugung hatte, nimmt die Selbstaussage Jesu, der Menschensohn zu sein, unverz\u00fcglich, ohne Z\u00f6gern an. Er, der aus der Synagoge Ausgesto\u00dfene, gewinnt wieder Boden in der Zugeh\u00f6rigkeit zu dem, vor dem er sich niederwirft: &#8222;Ich glaube, Herr.&#8220;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen nicht meinen, da\u00df der Geheilte in diesem Augenblick dem Wesensgeheimnis Jesu umfassend auf die Spur gekommen sei, da\u00df er gewisserma\u00dfen in diesem Augenblick ein theologisches Examen \u00fcber die Christologie mit Bestnote bestanden h\u00e4tte, aber immerhin bricht sich in ihm etwas Bahn, was wir in unserer Glaubenssituation zu aktualisieren haben: Der Geheilte steht f\u00fcr ein pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis zu Jesus. Sein Glaube ist nicht mehr sozialgest\u00fctzt durch andere, er meint ein unmittelbares, pers\u00f6nliches Bezogensein. Hier blitzt etwas auf, was sich in der nach\u00f6sterlichen Glaubenssituation in der Glaubensformel verdichtete: &#8222;Wenn du mit deinem Munde bekennst: &#8218;Jesus ist der Herr&#8216; und in deinem Herzen glaubst: &#8218;Gott hat ihn von den Toten auferweckt&#8216;, so wirst du gerettet werden&#8220; (R\u00f6m 10,9). Der Bezug der R\u00f6merbriefstelle zu unserem Text liegt nicht unmittelbar auf der Hand, aber er l\u00e4\u00dft sich ungek\u00fcnstelt herstellen. Beide Aussagen signalisieren, worauf es im Glauben ankommt. Das Bekennen mit dem Mund ist wichtig und gut, aber es mu\u00df aus dem Herzen kommen. Damit meine ich jetzt nicht, aus unserer Tiefe, aus letzter Ehrlichkeit. Man kann darin auch das andere mitschwingen h\u00f6ren, da\u00df der Glaube, sosehr er immer von Gott getragen, gest\u00fctzt und erm\u00f6glicht ist, gleichwohl unsere, meine pers\u00f6nlichen Z\u00fcge annimmt, von mir aus den Erfahrungen meines Lebens, meiner Biographie reformuliert wird und immer wieder ver\u00e4nderte Gestalt annimmt. Man spricht heute gern von der individualisierten Religiosit\u00e4t, von der gesellschaftstrukturell bedingten Individualisierung auch der Religion. Das ungesch\u00fctzte, nicht weiter sozial abgesicherte Bekenntnis des Geheilten, &#8222;ich glaube, Herr&#8220; &#8211; hat es nicht Ber\u00fchrungspunkte mit unserer Glaubenssituation? Es ist eben wohl nicht so, da\u00df alles um uns herum uns nur dazu einl\u00e4dt, wortlos und \u00fcberm\u00e4chtig, das mit Glauben und Religion sein zu lassen. Die Zeit der religi\u00f6sen Individualisierung stellt auch einen Anreiz an uns zur Verf\u00fcgung, den weniger sozialgest\u00fctzten, wohl aber von Gott gest\u00fctzten pers\u00f6nlichen Glauben an Jesus bzw. an Gott zu wagen.<\/p>\n<p>Das Bekenntnis des Geheilten ist in ein bestimmtes Szenario gestellt. Einige Pharis\u00e4er sind Zeugen des Vorgangs. Es sei, so sagt Jesus, seine Aufgabe, Blinde sehend und Sehende blind zu machen. Da\u00df hier nicht von der somatischen Blindheit der Augen die Rede ist, liegt auf der Hand. Von Blindheit im \u00fcbertragenen Sinn ist die Rede, und zwar von der Blindheit, Jesus in den wahren Zusammenh\u00e4ngen seines Lebens und seiner Sendung nicht erkennen zu k\u00f6nnen. Die Pharis\u00e4er h\u00f6ren den Vorwurf an ihre Adresse heraus. Ihre Reaktion ist weniger eine Frage als eine Entr\u00fcstung: &#8222;Sag blo\u00df, wir seien blind&#8220;, bzw. &#8222;Nicht da\u00df du meinst, wir seien blind.&#8220; In ihrem Ton liegt Arroganz. Sie werden von Jesus nicht erreicht. Sie wissen es doch besser. Die Antwort Jesu ist in ihrer inneren Dialektik gewisserma\u00dfen als ein Stolperstein gedacht: &#8222;Da\u00df ihr blind seid, ist eine ausgemachte Sache. Nur sagt und denkt ihr, ihr w\u00fcrdet sehen, ihr h\u00e4ttet die wahren, g\u00fcltigen Einsichten in das Leben, in den Willen Gottes. Das macht eure Lage so prek\u00e4r.&#8220; Darum bewegt sich bei ihnen nichts, darum bleibt ihre &#8222;S\u00fcnde&#8220;.<\/p>\n<p>Auch dies kann noch einmal auf uns zielen. Die Tatsache der individualisierten Religiosit\u00e4t von vorhin ist das eine. Sie kann auf der anderen Seite zu einem Zusammenr\u00fccken religi\u00f6s ver\u00e4ngstigter Leute f\u00fchren, die sich in den Bestand ihrer Glaubens\u00fcberzeugungen verkriechen, einigeln, sich mit ihm ummanteln, so da\u00df sie die F\u00e4higkeit, mit anderen zu kommunizieren, sich auszutauschen, verlieren. Letztlich, weil sie meinen, es besser zu wissen. So verst\u00e4ndlich und plausibel bei der heutigen gesellschaftlichen Gro\u00dfwetterlage eine solche Haltung w\u00e4re &#8211; sie m\u00fc\u00dfte sich von unserem Text fragen lassen, ob sie nicht &#8222;sehend blind&#8220; sei. Der geheilte Blinde sah, er sah mit den Augen des Leibes und mit den Augen des Glaubens. Tun wir es ihm gleich.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Stefan Knobloch<\/p>\n<p>Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz, Fachbereich Katholische Theologie<\/p>\n<p>Saarstra\u00dfe 21 D-55099 Mainz<\/p>\n<p>Tel.\/Fax: 0 61 31 \/ 39 22 743<\/p>\n<p><a href=\"mailto:pastoralunimz@hotmail.com\">pastoralunimz@hotmail.com<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sehend blind?&#8220; | 17. Sonntag nach Trinitatis | 7. 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