{"id":22350,"date":"2001-10-23T09:07:12","date_gmt":"2001-10-23T07:07:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22350"},"modified":"2025-03-23T09:09:28","modified_gmt":"2025-03-23T08:09:28","slug":"johannes-935-41-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-935-41-2\/","title":{"rendered":"Johannes 9,35-41"},"content":{"rendered":"<h3>17. Sonntag nach Trinitatis | 7. Oktober 2001 | Johannes 9,35-41 | Esko Ry\u00f6k\u00e4s |<\/h3>\n<p>35 Es kam vor Jesus, da\u00df sie ihn ausgesto\u00dfen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn?<\/p>\n<p>36 Er antwortete und sprach: Herr, wer ist&#8217;s? da\u00df ich an ihn glaube.<\/p>\n<p>37 Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist&#8217;s.<\/p>\n<p>38 Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an.<\/p>\n<p>39 Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.<\/p>\n<p>40 Das h\u00f6rten einige der Pharis\u00e4er, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind?<\/p>\n<p>41 Jesus sprach zu ihnen: W\u00e4rt ihr blind, so h\u00e4ttet ihr keine S\u00fcnde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure S\u00fcnde.<\/p>\n<p>Im Glauben sieht man Jesus<\/p>\n<ol>\n<li>Gegen Abend spielen Kinder auf einem Sportplatz Fu\u00dfball. Es ist Herbst, die B\u00e4ume und B\u00fcsche haben Herbstfarben. Es regnet, und der Platz ist nass geworden. Die Spieler und der Fu\u00dfball sind schmutzig und grau. Die Mannschaft l\u00e4uft gegen das Tor. Noch eine Abgabe und dann ein harter Schuss. Im letzten Moment gelingt es dem Torwart, den Ball abzuwehren. Er schie\u00dft ihn weit in das Geb\u00fcsch.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber wo steckt der Ball? Er ist weit in das Geb\u00fcsch geflogen. Es ist schon d\u00e4mmerig geworden, die B\u00fcsche sehen dunkel aus und der Ball ist nass und schmutzig. Zuerst sucht der Torwart den Ball, dann einige Spieler seiner Mannschaft und zuletzt alle gemeinsam. Man l\u00e4uft im Geb\u00fcsch hin und her, aber der Ball bleibt verschwunden. Endlich ordnen sich die Spieler in einer Kettenlinie und gehen langsam vor. Nach einigen Minuten ruft einer von den Spielern: &#8222;da ist er&#8220;. Nach und nach bemerken auch die anderen den Ball. Er ist nicht leicht zu finden, aber wenn man wei\u00df, was man sucht und wo, findet man ihn. So kann das Spiel fortgesetzt werden.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Im Leben kommen gibt es oft Situationen, in denen man nichts sehen kann, obwohl man sich sehr anstrengt. Und pl\u00f6tzlich gestaltet sich das Bild. Wenn man mit dem Auto im Dunkeln f\u00e4hrt, kann man nicht immer bemerken, ob ein anderes Auto kommt oder nicht. Wenn man ein Puzzle sammelt, ist es oft schwer zu sehen, welcher Teil des Bildes in einem einzigen St\u00fcck steckt. Wenn das St\u00fcck an seinem richtigen Platz ist, kann man das Bild gew\u00f6hnlich leicht erkennen. In der Psychologie hat man Bilder erzeugt, wo gleichzeitig zwei Objekte dargestellt sind, zum Beispiel zwei verschiedene Gesichter. Mit ein wenig \u00dcbung kann man die beiden abwechselnd sehen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Johannes-Evangelium wird \u00fcber die Situation berichtet, in der Jesus einen Blinden heilte, aber die Zuschauer stritten dar\u00fcber, was sie gesehen hatten. Einige glaubten, dass es um einen ganz gew\u00f6hnlichen Menschen ging, andere dagegen, dass es sich um Gottes Sohn handelte. Verschiedene Menschen haben unterschiedliche Realit\u00e4ten. Einige sahen Gott nicht, obwohl sie es versuchten. Andere sahen die Situation ganz anders. So wie es schwierig war, den schmutzigen, grauen Ball im dunklen Geb\u00fcsch zu sehen und einige Spieler nur die Menschen neben sich sahen. Aber als die Augen aufgingen, fanden sie auch den Ball. Auf die gleiche Weise konnten einige Menschen in Jesus Gott sehen.<\/p>\n<p>Der Glaube ver\u00e4ndert unseren Begriff von der Realit\u00e4t. Durch den Glauben sieht man andere Dimensionen im Leben. Wenn man \u00fcber den Glauben die Anwesenheit Gottes in unserer Zeit und im unseren Leben gesehen hat, wundert man sich, warum man es nicht schon fr\u00fcher sah. Es ist leicht, im nachhinein dar\u00fcber zu staunen. Aber dieses Sehen kann man nicht selbst hervorbringen.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Vor einigen Jahren war in der f\u00fcnften Klasse der Schule ein Junge. Wir nennen ihn Wilhelm. Er war ein flei\u00dfiger Junge. Er machte seine Schulaufgaben gleich als er nach Hause gekommen war, er studierte flei\u00dfig und konnte m\u00fchelos die Fragen des Lehrers beantworten. Er folge auch dem Schulunterricht sehr aufmerksam. Zuhause war er auch hilfsbereit. Somit wunderte sich seine Mutter, warum Wilhelm einmal nicht antwortete. Sie hatte ihn schon zweimal zu sich gerufen. Aber der Junge sa\u00df nur und reagierte nicht. Die Mutter ging zu ihm und fasste ihn an die Schultern. Hast du nicht geh\u00f6rt, ich habe dich zu mir gerufen. Wilhelm war \u00fcberrascht: nein, ich habe nichts geh\u00f6rt. Die Mutter lie\u00df es dabei, aber sie begann den Jungen zu beobachten. Wenn man mit ihm diskutierte, schien alles in Ordnung zu sein. Aber wenn er weiter weg war, antwortete er nicht mehr. Endlich entdeckte die Mutter: Wilhelm war schwerh\u00f6rig geworden. Er h\u00f6rte nicht, aber er hatte gelernt, an den Lippen abzulesen. Er hatte niemandem etwas gesagt, er wollte nur ein gew\u00f6hnlicher Junge sein und so sich benehmen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es ist leicht zu verstehen, dass er dabei keine Fortschritte machen konnte. Die Geschichte hat aber ein gl\u00fcckliches Ende. Die Mutter brachte sein Kind zum Arzt, und der Arzt stellte fest, dass Wilhelm eine Komplikation nach einer Erk\u00e4ltung hatte. Und als die medizinische Pflege anfing, bekam er sein Geh\u00f6r zur\u00fcck. Aber einige Zeit hatte Wilhelm als H\u00f6render gegolten, obwohl er nichts h\u00f6rte.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Dieses trifft auch f\u00fcr den Glauben zu. Wilhelm versuchte vorzuspielen, dass er h\u00f6rt, obwohl er nicht h\u00f6ren konnte. Es ist auch m\u00f6glich den Gl\u00e4ubigen vorzuspielen, obwohl man nicht glaubt. Aber auf Dauer gelingt das nicht. Es gelang dem Wilhelm nicht, und es gelingt auch nicht dem Nichtgl\u00e4ubigen. Man kann nicht durch Anstrengung Glauben erreichen, so wie der Taube nicht h\u00f6ren kann. Er mag sich anstrengen so viel er will, er h\u00f6rt trotzdem nicht.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Johannes-Evangelium fragte Jesus denjenigen, der sein Sehverm\u00f6gen wiedererhalten hatte: Glaubst du an den Menschensohn?<\/p>\n<p>Der Geheilte wusste, dass er geheilt war, aber er wusste nicht, wer ihn geheilt hatte. Deswegen antwortete er mit einer Gegenfrage: Herr, wer ist&#8217;s? dass ich an ihn glaube. Darauf antwortete Jesus: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist&#8217;s. Dieses war die entscheidende Hilfe. Sofort sagte der, dem geholfen wurde: Herr, ich glaube, und betete ihn an.<\/p>\n<p>Der Glauben entsteht durch die Begegnung mit Jesus. Diese Begegnung kann im Beten sein, sie kann durch Heilung entstehen, sie kann durch Bibellesen, durch das geschriebene Wort geschehen. Diese Begegnung kann auf verschiedene Weisen erfolgen &#8211; und dadurch entsteht der Glaube. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes. Wenn man dieses Geschenk erhalten hat, braucht man nicht versuchen, ein Gl\u00e4ubiger zu sein, man braucht nicht die Taten Gottes im tagt\u00e4glichen Leben zu suchen. So wie der Ball lange Zeit versteckt blieb und man hat ihn gefunden, und lie\u00df ihn nicht mehr verloren gehen &#8211; auf die gleiche Weise hilft der Glaube, die Realit\u00e4t anders zu sehen.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Der Vater ist vier Wochen auf einer Gesch\u00e4ftsreise. Heute kommt er zur\u00fcck, sagte die Mutter ihrem f\u00fcnfj\u00e4hrigen Sohn. Sie machen gemeinsam sauber. Der Tisch wird gedeckt, die feinen Kaffeetassen werden auf den Tisch gestellt und ein gro\u00dfer Sahnekuchen wartet im K\u00fchlschrank. Dann ziehen sie sich an, und gehen auf den Bahnhof. Der Inter-City -Zug wird gleich ankommen. Es ist spannend. Hat sich der Vater nun einen Bart wachsen lassen? Er hat den Rasierapparat im Badezimmer vergessen, hat die Mutter dem Jungen erz\u00e4hlt. Hat der Vater Mitbringsel? Es sind viele Leute auf dem Bahnhof, wird der Vater uns finden, erkenne ich ihn wieder?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es gibt viele Leute auf dem Bahnhof, denn es die Zeit des Feierabends. Viele eilige Erwachsene kommen und gehen. Jetzt sollte der Zug des Vaters kommen, auf dem Bahnsteig f\u00fcnf. Der Zug h\u00e4lt an, die T\u00fcre gehen auf, die ersten steigen aus und beeilen sich. Aber wo ist der Vater? Viele mit und ohne Bart steigen aus, aber keiner sieht bekannt aus. Erkenne ich ihn wieder? Die Leute gehen und kommen und wir warten und warten. Ich halte mich an der Hand der Mutter fest. Jetzt sieht die Mutter mich nach und zeigt auf das Ende des Zuges. Dort sind viele Leute. Aber der letzte, der kommt, scheint dem Jungen bekannt zu sein. Die Brille und das L\u00e4cheln, ja das ist mein Vater. Und jetzt laufen sie &#8230;<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Beim Warten wird einem kleinen Jungen die Zeit lang. Aber wenn der Vater kommt, kennt man ihn wieder, obwohl viel Zeit vergangen ist. Das Wiedererkennen braucht seine Zeit, aber allm\u00e4chlich erkennt man die bekannte Gestalt. Wen man kennengelernt hat, erkennt man wieder.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Text des Evangeliums berichtet das gleiche \u00fcber Jesus. Wenn man gelernt hat, Gottes Werk im Leben zu sehen, ist das Leben nicht mehr wie fr\u00fcher. In der Mitte von allem Schmutzigem und Grauem sieht man, dass Gott anwesend ist, dass er betreut und begleitet.<\/p>\n<p>Wenn man zuweilen das Gef\u00fchl hat, dass Jesus nicht in der N\u00e4he ist, kann man sich auf seine Ankunft auf die gleiche Weise vorbereiten wie der f\u00fcnfj\u00e4hrige Junge sich auf die Ankunft seines Vaters vorbereitet hat: Er deckte den Tisch. Wir k\u00f6nnen die Bibel nehmen und lesen. Wenn man Jesus nicht sieht, ist es gut zu fragen: Herr wer ist&#8217;s? dass ich an ihn glaube. Und wenn Jesus nahekommt, kann man das tun, was der Mann im Evangelium getan hat: er betete ihn an. Danach ist das Leben nicht mehr so wie fr\u00fcher. Man hat Jesus nahe kommen k\u00f6nnen. Man braucht nicht mehr zu suchen, man braucht nicht mehr vorzuspielen, man braucht nicht mehr auf ihn warten. Man sieht ihn!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Esko Ry\u00f6k\u00e4s<\/p>\n<p>Universit\u00e4t zu Joensuu<\/p>\n<p><a href=\"mailto:Esko.Ryokas@joensuu.fi\">Esko.Ryokas@joensuu.fi<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. Sonntag nach Trinitatis | 7. Oktober 2001 | Johannes 9,35-41 | Esko Ry\u00f6k\u00e4s | 35 Es kam vor Jesus, da\u00df sie ihn ausgesto\u00dfen hatten. 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