{"id":22358,"date":"2001-10-23T09:17:34","date_gmt":"2001-10-23T07:17:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22358"},"modified":"2025-03-23T09:19:31","modified_gmt":"2025-03-23T08:19:31","slug":"johannes-51-16-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-51-16-2\/","title":{"rendered":"Johannes 5,1-16"},"content":{"rendered":"<h3>19. Sonntag nach Trinitatis | 21. Oktober 2001 | Johannes 5,1-16 | Christian-Erdmann Schott |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>An den Wundergeschichten haben die Menschen immer Ansto\u00df genommen. Da gibt es Ratlose, die sagen: Wunder kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ich komme damit nicht zurecht. Ich wei\u00df nicht, was ich davon halten soll. Da gibt es Gutwillige, die meinen: Ich m\u00f6chte schon gern an Wunder glauben, &#8211; wenn ich nur w\u00fc\u00dfte, ob das alles stimmt. Sind das nicht M\u00e4rchen, fromme Erfindungen, Legenden? Macht man sich nicht selbst zum Dummen, wenn man so etwas f\u00fcr bare M\u00fcnze nimmt? Da gibt es Entschlossene, die erkl\u00e4ren: Ich glaube nur, was ich sehe. Wunder habe ich noch nicht gesehen. Also, was solls? Und da gibt es B\u00f6swillige, die wissen, was Wunder sind: L\u00fcgen, die sich schlaue Priester und Pfaffen ausgedacht haben, um die Leute zu verdummen und sich an der Macht zu halten. Wunder sind Opium f\u00fcrs Volk, Priesterbetrug.<\/p>\n<p>Nun haben die Pfarrer seit Jahrhunderten versucht, die Wunder zu &#8222;erkl\u00e4ren&#8220;. Dahinter steckte durchaus auch ein pers\u00f6nliches Interesse. Sie wollten sie ja gern auch selbst verstehen. Und so haben sie viele Predigten gehalten und viele B\u00fccher geschrieben und es immer wieder versucht &#8211; aber so ganz ist es ihnen nie gelungen. Die Wunder blieben sperrig, nie ganz erkl\u00e4rbar, r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte heute anhand dieser Wundergeschichte drei \u00dcberlegungen anstellen:<\/p>\n<p>I. Stellen wir uns vor, wir w\u00fcrden aus allen diesen Bem\u00fchungen ein Fazit ziehen und sagen: Wir verstehen die Wunder doch nicht, also schneiden wir sie aus dem Neuen Testament heraus und verzichten auf diesen Teil der Bibel und des Glaubens. Was w\u00e4re dann?<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir diese Geschichte einmal ohne Wunder: Da ist einer krank. Und weil er krank ist, ist er f\u00fcr die Menschen uninteressant. Seine Eltern sterben. Er kommt in ein Heim. Dort d\u00e4mmert er vor sich hin. Die Heimleitung erkl\u00e4rt: &#8222;Er hat keinen Menschen&#8220;. So wird er halt durchgef\u00fcttert, ohne Perspektive, keiner fragt nach ihm, niemand bemerkt ihn. So geht es ja durchaus manchen Menschen in unseren Heimen, aber auch in freien Wohnbereichen: &#8222;Ich habe keinen Menschen&#8220;. Das ist das Leben eines solchen Kranken ohne Wunder.<\/p>\n<p>Aber nun zeigt dieser Kranke in unserer Geschichte eine bemerkenswerte Inkonsequenz. Er kennt seinen Zustand, aber er verkriecht sich nicht, sondern legt sich an diesen Teich Betesda, obgleich er wei\u00df, da\u00df er niemals als erster in das Wasser einsteigen wird. Wider alle Erfahrung, wider alle klare Einsch\u00e4tzung der Situation bleibt er dort und wartet &#8211; worauf?<\/p>\n<p>Jesus fragt es aus ihm heraus: &#8222;Willst du gesund werden?&#8220;. Damit wird die heimliche Inkonsequenz dieses Mannes ans Licht gezogen: Er will gesund werden, aber wie? Er wei\u00df es nicht. Er hofft. Letztlich hofft dieser Kranke auf ein Wunder. Er w\u00e4re nicht lebensf\u00e4hig, wenn er diese geheime, inkonsequente, unlogische Hoffnung nicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Nehmen Sie ein anderes Beispiel: Als Jesus gestorben war, durften ihn seine Angeh\u00f6rigen gerade noch in ein Grab legen. Dann wurde ein gro\u00dfer Stein davor gew\u00e4lzt. Dieser Stein erhielt ein Siegel. Und das alles bewachten Soldaten. Er war nicht nur tot. Er war auch eingeschlossen und milit\u00e4risch bewacht. Und nun geschieht etwas ebenfalls ganz Unlogisch-Inkonsequentes: Drei Frauen kaufen Salben, geben sehr viel Geld daf\u00fcr aus und machen sich auf den Weg zu dem verschlossenen und bewachten Grab. Sie sagen es selbst: Wer wird uns den Stein von der T\u00fcr des Grabes wegw\u00e4lzen? Vern\u00fcnftig w\u00e4re es, sich erst einmal ruhig zu verhalten, das Geld zusammenzuhalten und abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln.<\/p>\n<p>Beide Geschichten zeigen dasselbe: Wir Menschen sind gar nicht so rational, wie wir gern meinen. Wir sind so sehr auf Hoffnung, auch nicht begr\u00fcndbare Hoffnung angelegt, da\u00df wir ohne diese Ausrichtung gar nicht leben k\u00f6nnten. Ohne diese weithin irrationale Hoffnung w\u00fcrden wir vor jeder geschlossenen T\u00fcr kapitulieren, vor jedem verschlossenen Grab resignieren. Unbewu\u00dft-bewu\u00dft erwarten wir &#8211; wie dieser Kranke in Betesda und wie die Osterfrauen &#8211; , da\u00df irgendetwas geschieht, das die Situation auf wunderbare Weise ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>II. Die Wunder des Neuen Testamentes sollen\/wollen gar nicht verstanden, begriffen, erkl\u00e4rt werden. Sie wollen herausfordern. Sie sind Provokationen, die uns daran erinnern wollen: Bei Gott ist vieles m\u00f6glich. Er ist gr\u00f6\u00dfer und geheimnisvoller als unser Verstand es zu denken vermag und vielf\u00e4ltiger in seinen Bezeugungen als unsere Erfahrung sich das tr\u00e4umen lassen kann. Die Wunder der Bibel sind Ausdruck und Zeichen der grenzenlosen Freundlichkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes. Sie sagen: Es mu\u00df nicht sein, da\u00df einem, der krank ist und keinen Menschen hat, niemals geholfen wird. Es mu\u00df nicht sein, da\u00df eine verschlossene T\u00fcr, ein verschlossenes Grab f\u00fcr immer verschlossen sein m\u00fcssen. Es mu\u00df \u00fcberhaupt nicht sein, da\u00df alles so ist und so bleibt wie es ist. Die Wundergeschichten wollen zur Hoffnung auf Gott ermutigen und zum Beten locken.<\/p>\n<p>Umfragen zeigen, da\u00df sehr viele Menschen beten; viel mehr als in die Kirche gehen. Die meisten beten in Angst oder in Sorgen um die Kinder, den Partner, Verwandte, Freunde. Die Bitte, Gott m\u00f6chte eingreifen und helfen, ist im Kern jedesmal die Bitte um ein Wunder. Es ist oft die letzte T\u00fcr, an die wir noch klopfen, wenn alle anderen M\u00f6glichkeiten nicht mehr greifen. Viele haben erfahren, da\u00df Gott ihnen tats\u00e4chlich geholfen hat, h\u00e4ufig ganz anders als sie es sich gedacht hatten. Es gibt Menschen, die nur darauf ihre Genesung oder ihre Rettung bei einem Unfall oder ihre R\u00fcckkehr aus der Kriegsgefangenschaft oder ihr hohes Alter in gef\u00e4hrlicher Zeit zur\u00fcckf\u00fchren: &#8222;Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine gro\u00dfe G\u00fcte&#8220; (EK 329).<\/p>\n<p>Die Provokation liegt schon in der Frage &#8222;Willst du gesund werden?&#8220;. Sie klingt fast wie Hohn. Denn dieser Mann ist &#8211; wie alle, die dort sind &#8211; aus diesem einzigen Grunde da. Nat\u00fcrlich will er gesund werden. Durch diese Frage aber will Jesus diesen Kranken in Betesda dahin bringen, da\u00df er ihm seine Not schildert und klagt, da\u00df er mit Jesus, zu Jesus \u00fcber seine Krankheit spricht. Das tut der Mann dann auch. Und es wird deutlich: Diese Heilung ist eine Gebetserh\u00f6rung; Antwort auf ein Gebet, zu dem Jesus den Kranken selbst ermutigt hat &#8211; so wie er mit diesem Beispiel alle, die das h\u00f6ren, ermutigen will.<\/p>\n<p>III. Die sehr interessante, h\u00e4ufig diskutierte Frage, was von den von Gott nicht erh\u00f6rten, was von den tats\u00e4chlich oder nur scheinbar erfolglosen Gebeten zu halten ist, wird hier nicht er\u00f6rtert. Statt dessen ist in der Fortsetzung dieser Geschichte die Frage nach unseren Reaktionen auf Gottes Wunder gestellt. Oben haben wir gesagt, insgeheim warten wir auf Wunder und geben die Hoffnung auf eine wunderbare F\u00fcgung unserer Dinge nie auf. Jetzt ist ein Wunder geschehen. Der Kranke vom Teich Betesda kann gehen. Die nat\u00fcrliche, &#8222;normale&#8220; Reaktion w\u00e4re Freude, helle Freude &#8222;Das es so etwas gibt!&#8220; und zwar auf allen Seiten &#8211; von den Angeh\u00f6rigen bis zu den \u00c4rzten, unter Einschlu\u00df der Schriftgelehrten. Aber diese normale Reaktion tritt nicht ein. Pharis\u00e4er und Schriftgelehrte machen Jesus den Vorwurf : Das darf nicht sein. Am Sabbat darf man nicht arbeiten und darum auch keine Wunder tun. Und der Geheilte darf sein Bett auch nicht herumtragen. Das ist gegen die Ordnung, gegen das Gebot, es ist gegen Gott. So werden Tradition, Scharfsinn, Theologie aufgeboten, um zu beweisen, da\u00df ein solches Wunder nicht sein darf, obgleich es doch in unserem tiefsten Interesse liegt, da\u00df Gottes Gr\u00f6\u00dfe und Freiheit Grenzen jeder Art \u00fcberwinden kann und tats\u00e4chlich \u00fcberwindet, um uns zu helfen.<\/p>\n<p>Nach Auffassung des Evangelisten Johannes weist diese eigentlich nicht normale Reaktion auf eine tiefer liegende St\u00f6rung unseres Verh\u00e4ltnisses zu Gott hin. Was hier als Reaktion auf einen Einzelfall, auf ein einzelnes Wunder Jesu Christi greifbar wird, ist nur ein Ausschnitt aus der Reaktion auf das gro\u00dfe Geschenk, das Gott der Menschheit mit der Sendung des Sohnes gemacht hat. Eigentlich entspricht diese Sendung und das, was der Sohn uns bringt, den tiefsten Bed\u00fcrfnissen, der Sehnsucht und Hoffnung der Menschheit. Eigentlich m\u00fc\u00dfte die Menschheit sich freuen, jubeln \u00fcber das Wunder Gottes, das Jesus Christus hei\u00dft &#8211; so wie die Engel in der Weihnachtsgeschichte gejubelt haben. Aber nein. Da wird nach Gr\u00fcnden gesucht, um das Wunder kleinzureden und sich dem Anspruch des Sohnes entziehen zu k\u00f6nnen. Der Evangelist wei\u00df darauf nur eine Antwort: Die Menschen sind verblendet. Sie sehen nicht, was ihnen wirklich zum Frieden dient. &#8222;Er (Jesus Christus) war in der Welt &#8230;, aber die Welt erkannte ihn nicht&#8220; (Joh. 1,10). Oder noch sch\u00e4rfer: Sie wollte ihn nicht (an)erkennen. Unter diesem Vorzeichen gesehen, ist der R\u00fcckgriff auf das Sabbatgebot nur eine Ausrede, um nicht an Jesus Christus glauben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir sollten unsere Ausreden \u00fcberpr\u00fcfen und durchschauen lernen. Sie halten uns im Vorl\u00e4ufigen fest, in der Not tragen sie nicht. Vielmehr f\u00fchren sie zu einer mi\u00dfvergn\u00fcgten Verkniffenheit, die sich aus Freudlosigkeit und innerer Unfreiheit speist. Der Kranke von Betesda wu\u00dfte es besser. Er hatte keine Vorurteile und hat sich in seiner Verlassenheit auf Jesu Angebot unverkrampft, normal, seiner Bed\u00fcrftigkeit entsprechend eingelassen. Er ist reich belohnt worden. Wenn wir uns mit jemandem in dieser Geschichte identifizieren wollen, dann mit ihm.<\/p>\n<p>Aber da ist noch eine Frage: Was ist mit den vielen anderen Kranken um den Teich Betesda, ja in der Welt bis heute, die nicht geheilt wurden? Die Wunder, die damals wie heute geschehen sind, weisen hin auf die gro\u00dfen, weithin noch gar nicht ausgenutzten M\u00f6glichkeiten Gottes. Seit den Propheten des Alten Testamentes haben die Frommen auf dieses Potential gehofft und darauf gewartet, da\u00df es zur Auswirkung kommt. Wenn es dazu kommt, werden alle gesund werden. Dann ist das Reich Gottes f\u00fcr alle sichtbar da. Das ist die gro\u00dfe Perspektive, in der wir leben. Darum hatten die fr\u00fchen Christen recht, wenn sie sagten: Dann wollen wir auch den Sabbat nicht mehr halten. Wir wollen diese Lebensperspektive unterstreichen, indem wir unsere Woche mit dem Sonntag beginnen lassen, dem Tag des Wunders der Auferstehung und der Hoffnung auf die Vollendung.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es schade, da\u00df diese sch\u00f6ne Wundergeschichte ohne Dank und ohne Jubel-Schlu\u00df-Chor endet. Sie endet eher traurig, mit dem Verfolgungsbeschlu\u00df der Schriftgelehrten. Dies aber nur, weil der Geheilte aus dem Blick gekommen ist. Der Evangelist Johannes wird erlauben, da\u00df wir am Ende diesen Gesundgewordenen noch einmal besonders hervorheben und dankbar einstimmen in das Lob Gottes, das seitdem er und viele andere bis in unsere Zeiten gesungen haben, weil sie die Wunder Gottes in ihrem Leben vielf\u00e4ltig erfahren haben.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Christian-Erdmann Schott<\/p>\n<p>Elsa-Brandstr\u00f6m-Str. 21, 55124 Mainz<\/p>\n<p>Tel.: 06131-690488<\/p>\n<p>Fax: 06131-686319<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis | 21. Oktober 2001 | Johannes 5,1-16 | Christian-Erdmann Schott | Liebe Gemeinde! An den Wundergeschichten haben die Menschen immer Ansto\u00df genommen. Da gibt es Ratlose, die sagen: Wunder kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ich komme damit nicht zurecht. Ich wei\u00df nicht, was ich davon halten soll. 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