{"id":22365,"date":"2001-10-24T08:22:59","date_gmt":"2001-10-24T06:22:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22365"},"modified":"2025-04-11T09:37:30","modified_gmt":"2025-04-11T07:37:30","slug":"markus-223-28-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-223-28-2\/","title":{"rendered":"Markus 7,1\u201323"},"content":{"rendered":"<h3>20. Sonntag nach Trinitatis | 28. Oktober 2001 | Markus 7,1-23 | Gertrud Yde Iversen |<\/h3>\n<p>Es ist in diesen Tagen viel von Furcht die Rede. Das ist furchtbar, sagen einige, und meinen damit, da\u00df sie es nicht anders benennen k\u00f6nnen als damit, da\u00df dies etwas ist, was sie f\u00fcrchten. Furcht und Zittern nennt S\u00f8ren Kierkegaard eines seiner Hauptwerke, eine systematische philosophische Untersuchung \u00fcber die Grundbedingungen menschlicher Existenz. Furcht und Zittern ist auch der gemeinsame Nenner vieler Zeitungs\u00fcberschriften in der ganzen Welt gewesen in den letzten Wochen, und hier erscheint das menschliche Dasein mehr un\u00fcberschaubar und von den vielen Gesichtern der Furcht gezeichnet. Es geht um Furcht vor Terror, Furcht vor amerikanischer Kriegsrhetorik, die Furcht, zu viel zu tun, und die Furcht, zu wenig zu tun. Die Furcht, da\u00df es einen selbst treffen k\u00f6nnte, die Furcht vor dem Ungewissen und dem Unbekannten. All dieses Reden von Furcht ist in sich ein Grund zur Sorge. Denn das, was auf dem Spiele steht, ist die Furcht vor der Verwundbarkeit des Lebens.<\/p>\n<p>Es strengt an, sich Sorgen zu machen. Aber es ist noch anstrengender, sich die Kunst anzueignen, sich keine Sorgen zu machen. Aber in dieser Anstrengung, seine Sorgen zu \u00fcberwinden, im Lernen der Sorglosigkeit liegt eine Notwendigkeit, vielleicht sogar eine Lebensnotwendigkeit. Denn die Furcht an sich l\u00f6st nichts und f\u00fchrt zu nichts. Sie ist keine L\u00f6sung in sich, sondern ruft vielmehr nach Antwort und Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt, da\u00df man das Pferd zwar zum Wasser f\u00fchren kann, aber es mu\u00df selbst trinken. So ist es auch mit der Notwendigkeit und der Kunst, sich von dieser Bindung an die Furcht zu befreien. Diese Aufgabe mu\u00df jeder f\u00fcr sich in Angriff nehmen &#8211; vielleicht auch mit der Hilfe anderer. Aber in dem Predigttext dieses Sonntags ist eine Stimme, die einen leiten kann &#8211; zur Hilfe, zum Nachdenken, zur Erbauung, wenn mann so will. Denn so wie das Leben f\u00fcr viele Menschen in diesen Tagen sich darum dreht, wie man sich von der Furcht befreien kann, so dreht sich der Predigttext dieses Tages auch darum, von etwas befreit zu werden.<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Markus berichtet von Jesus, der zu den Pharis\u00e4ern und seinen J\u00fcngern \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Menschen und dem Gesetz und von der Notwendigkeit spricht, dieses Verh\u00e4ltnis richtig zu verstehen. Warum? Weil sich der Mensch Gott zuwenden soll und sich an ihn halten soll. Nicht an das Gesetz. Oder, um dasselbe aus einer anderen Perspektive zu sagen: Der Mensch soll sich nicht an das Gesetz halten, wenn er sich an Gott halten will. Das Gesetz ist gut, aber es ist nicht Gott. Das Gesetz ist gut f\u00fcr das Menschenleben, aber es ist zu nichts nutze, wenn es um das Lebensnotwendige geht &#8211; sei es nun darum, etwas zu essen zu bekommen, wenn man hungrig ist, so wie es mit K\u00f6nig David und seinen M\u00e4nnern damals der Fall war, oder sei es in der heutigen Zeit, wo das Lebensnotwendige in der westlichen Welt f\u00fcr die meisten von uns nicht darin besteht, etwas zu essen zu bekommen. Das Lebensnotwendige f\u00fcr uns heute ist mehr dies, da\u00df man einen Ort hat, an den man vor der Furcht fliehen kann. Einige werden nat\u00fcrlich Gesetz und Ordnung ins Feld f\u00fchren als einzige Antwort auf das Problem. Es ist vielleicht richtig, da\u00df dies eine notwendige Antwort ist, wenn es um die L\u00f6sung politischer Probleme geht. Vielleicht. Aber dies ist keine L\u00f6sung f\u00fcr das Problem der Furcht und der Sorge. Sich vom Gesetz leiten zu lassen ist genauso schlimm wie sich von der Furcht und der Sorge tyrannisieren zu lassen, denn dies verk\u00fcrzt den Blick und versperrt die Sicht auf das Wesentliche: Das am Ende aller Sorgen der Welt und jeder menschlichen Furcht Gott steht. Er ist mehr als der Geber des Gesetzes, er ist mehr als der W\u00e4chter des Gesetzes, er ist der Vater im Himmel, der seinen Sohn schickt, damit Menschen sich an ihn wenden mit dem Lebensnotwendigen. Das ist das eigentlich Radikale an den ber\u00fchmten Worten des Markusevangeliums, da\u00df der Mensch nicht f\u00fcr den Sabbat da ist, sondern der Sabbat f\u00fcr den Menschen: Jesus macht seine Autorit\u00e4t als von Gott gesandt geltend. Der Menschensohn ist der Herr &#8211; auch \u00fcber den Sabbat. Dies sind vielleicht die wichtigsten Worte im heutigen Text: Der Menschensohn ist Herr &#8211; auch \u00fcber den Sabbat. Hier finden wir eine Auslegung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Mensch und Gesetz, eine Antwort auf die Frage, wo wir hingegen sollen, wenn es um das Lebensnotwendige geht, wenn es darum geht, sich von der Furcht und der Sorge zu befreien. Der Menschensohn ist Herr &#8211; auch \u00fcber den Sabbat. Das h\u00e4lt die Welt zusammen.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Von Gott in dieser allumfassenden Weise zu reden als einer Deutung der Welt und des menschlichen Daseins in seinen verschiedenen Aspekten vom Hunger bis zu Furcht und Zittern mag einem H\u00f6rer des Jahres 2001 fremd vorkommen. Nicht da\u00df das Interesse f\u00fcr Auslegung der Wirklichkeit nicht da w\u00e4re. Es ist gro\u00df und es gibt viele Vorschl\u00e4ge. Die Welt und das Leben werden ihrer Vielfalt ausgelegt und die eine Deutung mag so gut sein wie die andere. Aber trotz dieser Vielfalt und diesem Suchen nach Grenzen sind die Menschen von heute, d.h. wir sind da angekommen, wo wir nur noch einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit haben, auf dem wir stehen k\u00f6nnen: jeweils uns selbst! Deine Wirklichkeit und deine und meine Wirklichkeit sind meine und es gibt in einer postmodernen Welt von heute keine gemeinsame Tradition, keine gemeinsame Geschichte, keine gemeinsamen Werte, in denen wir uns begegnen k\u00f6nnten. Die Situation, in der wir uns befinden, hat nat\u00fcrlich eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich. Wenn wir sie lesen, k\u00f6nnen wir vielleicht verstehen, wie unsere Zeit so geworden ist, wie sie ist. Aber wir k\u00f6nnen nicht hinter die Geschichte zur\u00fcckgehen, hinter die Renaissance, die Aufkl\u00e4rungszeit, die Naturwissenschaft und die Industrialisierung, die eine Trennung zwischen Geist und K\u00f6rper, Gott und Welt bedeuteten und uns nun in einer Welt stehen lassen, die wir zwar messen k\u00f6nnen, die wir aber nicht mehr wahrnehmen k\u00f6nnen, ohne uns fremd zu f\u00fchlen &#8211; auch in unserer eigenen Furcht.<\/p>\n<p>Hier sind wir nun, im 21. Jahrhundert: Menschen, die m\u00e4chtig sind und frei, aber auch mit einem schmalen Streifen Wirklichkeit, auf dem wir stehen, weil wir jeweils auf uns selbst angewiesen sind, allein mit je unserer Wirklichkeit, in der meine Furcht meine ist und deine Furcht deine. Der heutige Predigttext verk\u00fcndet, da\u00df der Menschensohn Herr ist &#8211; auch \u00fcber den Sabbat, da\u00df Gott den Menschen befreit, nicht allein vom Gesetz, sondern auch von der Furcht. Der Menschensohn ist Jesus, der, wie wir Glauben, Gottes Sohn ist, der, wie wir glauben, an unsere Stelle getreten ist f\u00fcr unser Heil und unsere Vers\u00f6hnung. Wenn es also hei\u00dft, da\u00df der Menschensohn Herr ist &#8211; auch \u00fcber den Sabbat, dann handelt es sich um einen Herren, der nicht bindet, sondern frei macht. Auch wenn das Wort nicht direkt im Text vorkommt, darum geht es: Da\u00df wir befreit werden.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Was sollen wir in diesem Zusammenhang unter Freiheit verstehen? Und was nicht? Letzteres zuerst: Wir reden am Text vorbei, wenn wir seine Pointe in allgemeine Prinzipien umschreiben, z.B. da\u00df lebendige Menschen das Zentrale sind und nicht tote Gesetze und Buchstaben. B\u00fcrokratie ist zwar selten etwas Gutes, aber die Freiheit, von der hier die Rede ist, umfa\u00dft ganz anders das f\u00fcr Menschen Lebensnotwendige als eine banale Kritik an Prinzipienreiterei. Es geht auch nicht um den sonst so verbreiteten Grundsatz, da\u00df die Not keine Gesetze und Grenzen kennt. Auch Gesetze und Grenzen kommen vielen menschlichen Bed\u00fcrfnissen gegen\u00fcber zu kurz. Das ist zwar wahr. Alles kann nicht durch Gesetze geregelt werden, Hunger und Furcht k\u00f6nnen nicht durch Verordnungen bek\u00e4mpft werden. Aber der Text darf nicht als ein Aufruf verstanden werden, Gesetze zu verachten. Der Menschensohn ist Herr &#8211; auch \u00fcber den Sabbat, gewi\u00df! Aber es steht nichts davon im Text, da\u00df er den Sabbat au\u00dfer Kraft setzt!<\/p>\n<p>Die Freiheit, von der hier die rede ist, ist die Freiheit, den Blick vom Buchstaben des Gesetzes zu heben. Die Freiheit, sich den Blick nicht verk\u00fcrzen zu lassen, die Freiheit, zu sehen, an wen wir uns immer wenden k\u00f6nnen mit dem Lebensnotwendigen. Die Freiheit, um die es im heutigen Text geht, ist eine Freiheit, die von einer bestimmten Stelle herkommt: von Gott. Es ist eine Freiheit, die mit Jesus als Menschensohn sichtbar wird, Es ist deshalb eine Freiheit, die so gro\u00df ist, da\u00df sie auch weit in den verworrenen und furchtvollen Alltag des Jahres 2001 hineinreicht &#8211; damit das Getrennte vereint werden kann und die Wirklichkeit nicht nur ein schmaler Streifen ist, \u00fcberbelastet durch die Furcht um das verwundbare Leben.<\/p>\n<p>Mit dem heutigen Predigttext im Ohr haben wir einen Ort, an den wir uns &#8211; wenn wir es wollen &#8211; wenden k\u00f6nnen mit unserer Furcht, unserem Zittern, ob dies nun dem Feind im Unbekannten gilt, oder ob die Furcht daher kommt, da\u00df wir in der unverh\u00fclltesten Weise erfahren haben, wie verwundbar das Leben ist. Wir d\u00fcrfen eine Stimme aus der Vergangenheit h\u00f6ren, die Stimme Jesu, dem Sohn Gottes, sein Wort vom Menschensohn, der Raum und Zeit \u00fcberwindet. La\u00dft uns nicht uns selbst binden im Dienst der Furcht, sondern es wagen, an Gott zu glauben, der stets vor uns ist und an den wir uns wenden k\u00f6nnen. Amen.<\/p>\n<p>Kirchengebet:<\/p>\n<p>Herr unser Gott, himmlischer Vater. Wir danken dir f\u00fcr das Leben, das du uns geschenkt hat, das Leben, das du jeden Tag neu gibst.<\/p>\n<p>Herr Jesus Christus, unser Heiland. Du bist in die Welt gekommen mit Barmherzigkeit und Vers\u00f6hnung f\u00fcr alle, die an dich glauben. Wir bitten dich: Verla\u00df uns nicht. Es gibt viel Furcht in diesen Tagen. La\u00df nicht zu, da\u00df diese Furcht uns besiegt. La\u00df uns statt dessen beten f\u00fcr die, die sinnlos ihr Leben verlieren in Krieg und Terror, f\u00fcr die, die einen Menschen verloren haben, da\u00df sie mit ihrem Leid nicht allein bleiben. Hilf uns, da\u00df wir nicht der Rache dienen als einem Herrn, der das Opfer zum Henker macht. La\u00df nicht die Furcht Macht gewinnen \u00fcber uns, sondern allein auf dich vertrauen. An dich wenden wir uns, dein Wort halten wir fest, in ihm k\u00f6nne wir Mut und Kraft finden zu tun, was du willst. Sei bei uns, wenn wir verzweifeln, \u00fcberw\u00e4ltigt von dem Grauen, das uns umgibt, wenn uns der Blick verstellt ist f\u00fcr deine N\u00e4he, wenn uns Vertrauen, Treue und Geduld verlassen.<\/p>\n<p>Herr Gott, Heiliger Geist, gesandt in die Welt und zu den Menschen. La\u00df Deine Vers\u00f6hnung der Welt in Christus die Wahrheit auch \u00fcber unser Leben sein. Befreie die Unterdr\u00fcckten, erbarme dich \u00fcber die, die \u00fcbersehen werden, richte die auf, die gefallen sind. Komm zu denen die Not leiden, gib den Hungrigen zu essen, st\u00e4rke die Schwachen und l\u00f6se die Fesseln der Gefangenen. St\u00e4rke uns, da\u00df wir die Verantwortung f\u00fcr unsere Mitmenschen wahrnehmen &#8211; f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Verfolgte, f\u00fcr die Kranken und Einsamen, f\u00fcr die Sterbenden, f\u00fcr die, die keine Hoffnung mehr haben f\u00fcr den morgigen Tag. Wir bitten f\u00fcr unser Land und seine Zukunft, f\u00fcr die Kinder und ihre Zukunft, f\u00fcr die Alten und ihren Lebensabend.<\/p>\n<p>Wir bitten dich f\u00fcr deine Kirche und Gemeinde hier bei uns und in der ganzen Welt. Reiche uns Dein Wort, deinen Frieden und Deinen Segen, da\u00df wir als freie Frauen, M\u00e4nner und Kinder von hier gehen k\u00f6nnen im Glauben daran, da\u00df dein Reich w\u00e4chst bis an das Ende der Welt. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Gertrud Yde Iversen<\/p>\n<p>Fasanvej 21DK-6240 L\u00f8gumkloster<\/p>\n<p>Tlf.: ++ 45 &#8211; 74 74 55 99<\/p>\n<p>email:\u00a0<a href=\"mailto:gyi@mail.tele.dk\">gyi@mail.tele.dk<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. 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