{"id":22367,"date":"2001-10-24T08:25:29","date_gmt":"2001-10-24T06:25:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22367"},"modified":"2025-03-24T08:28:06","modified_gmt":"2025-03-24T07:28:06","slug":"jesaja-626-7-10-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-626-7-10-12-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 62,6-7.10.12"},"content":{"rendered":"<h3>Reformationstag | 31. Oktober 2001 | Jesaja 62,6-7.10.12 |\u00a0Juhani Forsberg |<\/h3>\n<p>O Jerusalem, ich habe W\u00e4chter \u00fcber deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu g\u00f6nnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!<\/p>\n<p>Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, r\u00e4umt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf f\u00fcr die V\u00f6lker! Siehe, der Herr l\u00e4sst es h\u00f6ren bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen &#8222;Heiliges Volk&#8220;, &#8222;Erl\u00f6ste des Herrn&#8220; und dich wird nennen &#8222;Gesuchte&#8220; und &#8222;Nicht mehr verlassene Stadt&#8220;.<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Auch die letzten Gefangenen waren auf dem Wege zur Heiligen Stadt. Sie war von dem fremden Eroberer besch\u00e4mt und zerst\u00f6rt worden. Ihr Name und ihre urspr\u00fcnglichen Einwohner waren entehrt. Der alte Glaube an Gott, der sein Volk leitet und sch\u00fctzt, war ins Schwanken geraten. Die Unsicherheit vor der Zukunft war handgreiflich. Wenn Gott, gegen seine eigenen Verheissungen, das Leben seines Volkes nicht mehr mit seinen G\u00fctern segnet, woran kann man dann noch glauben?<\/p>\n<p>Die weltpolitische Wende erm\u00f6glichte es, dass die armseligen Gefangenen und Zwangsumgesiedelten allm\u00e4hlich zur\u00fcckkehren konnten. Der m\u00fchsame Wiederaufbau der Heiligen Stadt war begonnen, aber manche Unterbrechungen und R\u00fcckschl\u00e4ge machten auch die Wiederherstellung des alten Glaubens schwierig.<\/p>\n<p>Es ist aber doch einer, der glaubt oder wenigstens hofft. Er ist ein Vision\u00e4r, der im prophetischen Geist noch das Volk ermutigt. Er kann nicht schweigen, bis die Ehre der Heiligen Stadt wiederhergestellt worden ist. Was aber bedeutet die &#8222;Wiederherstellung&#8220; nach seiner Vision? Er spricht allerdings mit sch\u00f6nen Metaphern von dem kommenden Ruhm der Stadt und gibt Mahnungen an die W\u00e4chter auf ihren Mauern. Aber er spricht kein Wort von den ehemaligen irdischen Reicht\u00fcmern oder von den un\u00fcberwindlichen Kriegsheeren mit ihren tapferen Soldaten, die den Nachbarnv\u00f6lkern als Zeichen der alten Macht gelten sollten.<\/p>\n<p>Nein, jetzt sind W\u00e4chter n\u00f6tig, d.h. Beter und Erinnerer Gottes, die nicht schweigen, wie der Prophet selbst nicht schweigen kann. Die Aufgabe dieser W\u00e4chter ist nicht so sehr, vor den \u00e4usseren Feinden zu warnen, sondern Gott selbst daran zu erinnern, was er seinem Volk verheissen hat. Die Beter sollen sich selbst keine Ruhe g\u00f6nnen, aber sie sollen auch Gott keine Ruhe geben. Die Beter sollen Gott solange daran erinnern, &#8222;bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie ein Fackel&#8220; (Jes 62:1).<\/p>\n<p>Gerechtigkeit und Heil, sie sind die wahren Zeichen der Wiederherstellung der Heiligen Stadt. Die Beter bewirken mit ihrem W\u00e4chteramt nicht das Heil, sondern das Heil kommt von Gott. Das Heil kommt, obwohl es noch nicht sichtbar ist. Schon jetzt aber ist die Zeit da, in der das Volk die Verheissungen Gottes ergreifen und seinem Heil vorgreifen kann. Noch ist die Schande der Heiligen Stadt nicht vorbei, aber ihr neuer Name bringt ihre wiederhergestellte Herrlichkeit ihrem Volk, damit sie sie schmecken und ihre Nachbarn sie bewundern. Sie ist &#8222;Nicht mehr verlassene Stadt&#8220; weil in ihr &#8222;Heiliges Volk&#8220; und &#8222;Erl\u00f6ste des Herrn&#8220; wohnen.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Die christliche Kirche entstand, als das kommende Heil in Jesus Christus sichtbar wurde. Die alten Propheten, gleichgesinnt mit den W\u00e4chtern auf den Mauern Jerusalems, hatten es schon vorgesehen: &#8222;Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein K\u00f6nig kommt zu dir&#8230;&#8220; &#8222;Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!&#8220; (Mt 21:5,9). Gerechtigkeit und Heil war auch jetzt der Inhalt der Verheissungen Gottes, sichtbar in Worten und Taten des Herrn, und noch mehr, in Jesus Christus selbst. Seine Person und seine Botschaft wurde nur von wenigen angenommen, aber zugleich wurde das Heil greifbar &#8211; nicht nur den Einwohnern der Heiligen Stadt, sondern allen Menschen und V\u00f6lkern. Die Aussenstehenden blieben nicht nur Bewunderer des Heils, sondern sie wurden eingeladen, daran teilhaftig zu werden.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Wir, die heute den Reformationstag feiern, leben in einer Situation, die uns an die Worte des Vision\u00e4rs erinnern. Wir glauben und hoffen, dass die urspr\u00fcngliche Botschaft von der\u00a0Gerechtigkeit\u00a0und von dem\u00a0Heil\u00a0Gottes nicht nur uns, sondern auch die &#8222;Aussenstehenden&#8220; \u00fcberzeugen kann. Im Laufe der Jahrhunderte sind aber auch wir selbst unsicherer geworden, ob die alte Botschaft von Gerechtigkeit und Heil, die allein aus der Gnade Gottes kommt, noch gilt. Wir m\u00fcssen auch uns selbst die Frage stellen, ob wir selbst inzwischen fremde St\u00fctzkonstruktionen gebaut haben, um unser Heil zu erreichen.<\/p>\n<p>Wir feiern den Reformationstag zu dem Zeitpunkt, wo pl\u00f6tzlich auch eine \u00e4ussere Unsicherheit uns alle \u00fcberrascht hat. Wir haben uns doch lange an den Gedanken gew\u00f6hnt, dass keine allzu ernste Gefahr unseren normalen Lebenslauf bedrohen wird. Die Sicherheit des Lebens war eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden. Nat\u00fcrlich haben wir alle schon immer gewusst, dass jeder Mensch sterblich ist. Aber dabei haben wir unser Leben &#8211; mehr oder weniger bewusst oder unbewusst &#8211; auf die Entwicklung einer relativen Sicherheit gebaut. An einem Tage aber wurde alles ver\u00e4ndert. Wir alle f\u00fchlen uns bedroht. Nicht nur unsere St\u00fctzkonstruktionen des Lebens, sondern auch unser Glaube ist ersch\u00fcttert. Hat es noch einen Sinn, an die Verheissungen von Gerechtigkeit und Heil zu glauben? Wo ist jetzt unser Gott?<\/p>\n<p>Diese doppelte Unsicherheit hat verursacht, dass unsere Feier des Reformationstages schon im voraus alle M\u00f6glichkeiten einer oberfl\u00e4chlichen Selbstzufriedenheit verloren hat. Das ist aber letzten Endes kein Verlust sondern ein Gewinn. Wir sind gezwungen, zu den urspr\u00fcnglichen Quellen unseres Heils zur\u00fcckzukehren. Dabei leisten die Worte des Propheten eine heilsame Hilfe.<\/p>\n<p>Lasst uns mit neuen Ohren den Worten des Propheten zuh\u00f6ren, die uns zum W\u00e4chteramt rufen. Wir sind nicht beauftragt, uns mit unseren Kr\u00e4ften nur gegen die Feinde zu wehren, die unsere Selbstzufriedenheit zerst\u00f6rt haben. Wir alle sind eingeladen, wieder Beter und Erinnerer Gottes zu werden. Dabei wird zugleich uns selbst wieder bewusst, wo unsere Gerechtigkeit und unser Heil zu finden sind. Noch mehr, uns wird auch wieder bewusst, was die Gerechtigkeit und das Heil in dieser Welt und f\u00fcr diese Welt bedeuten.<\/p>\n<p>Das Heil ist nicht das Werk der Beter. Das ist ein Geschenk Gottes, dessen wir ohne unser Zutun teilhaftig werden. Wir sind aber eingeladen, in einem nie schweigenden Gebet, Gott selbst daran zu erinnern, was er uns versprochen hat. Das Heil ist ein reines Geschenk von Gott, aber das macht unser Gebet nicht \u00fcberfl\u00fcssig. Das Werk des Gebets ist ein harter Kampf angesichts der Unsicherheit des Lebens. Es ist aber zugleich eine uns gegebene trostvolle M\u00f6glichkeit, uns v\u00f6llig der Gerechtigkeit und dem Heil Gottes zu \u00fcberlassen. Auf diese Grundlage k\u00f6nnen wir die Feier des heutigen Tages stellen!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Juhani Forsberg<\/p>\n<p>Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands<\/p>\n<p>Hauptreferent f\u00fcr Theologie im Kirchlichen Aussenamt<\/p>\n<p><a href=\"mailto:juhani.forsberg@evl.fi\">juhani.forsberg@evl.fi<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reformationstag | 31. Oktober 2001 | Jesaja 62,6-7.10.12 |\u00a0Juhani Forsberg | O Jerusalem, ich habe W\u00e4chter \u00fcber deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. 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