{"id":22371,"date":"2002-01-24T08:30:23","date_gmt":"2002-01-24T07:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22371"},"modified":"2025-03-24T08:36:39","modified_gmt":"2025-03-24T07:36:39","slug":"kindheits-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kindheits-traum\/","title":{"rendered":"Kindheits-Traum"},"content":{"rendered":"<h3>Lebens-Geschichten: Kindheits-Traum |\u00a0Hans-J\u00fcrgen Fraas |<\/h3>\n<p>Markuskirche M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Universit\u00e4tsgottesdienste der Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Wintersemester 2001\/2002<\/p>\n<p>&#8222;Einst spielt&#8216; ich mit Szepter, mit Krone und Stern&#8220;, singt der Zar in Lortzings Oper, und er endet: &#8222;Selig, o selig, ein Kind noch zu sein&#8220;. Der historischen Recherche \u00fcber die Kindheit Peters des Gro\u00dfen h\u00e4lt die biedermeierliche Idylle allerdings nicht stand.<\/p>\n<p>Lortzings romantische Verkl\u00e4rung der Kindheit ist keine Einzel-Erscheinung. Gewi\u00df gibt es in jeder Kindheit Momente der &#8222;Seligkeit&#8220;, an die man sich gern erinnert. Aber daneben stehen die gro\u00dfen drohenden Worte Kinderarbeit, Kinds-Mi\u00dfhandlung, Kinds-Entf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Zumindest ist die Idylle der Kindheit auf die b\u00fcrgerliche Welt beschr\u00e4nkt, in Biographien der Arbeiterklasse oder der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung sind ganz andere T\u00f6ne zu h\u00f6ren. Und selbst das b\u00fcrgerliche Kinderzimmer ist von \u00c4ngsten und Zw\u00e4ngen erf\u00fcllt, von denen die Erwachsenen oft nichts ahnen.<\/p>\n<p>Kein Wunder, da\u00df Kinder, von pathologischen Ausnahmen wie dem Blechtrommler bei G. Grass abgesehen, auch nicht Kinder b l e i b e n, sondern erwachsen werden wollen. Sie sind zukunftsorientiert, wie denn der Zar seines Spiels &#8222;mit Szepter und Krone&#8220; sich erinnert, also mit den Insignien der Macht, den Insignien des Erwachsenseins. Kinder tr\u00e4umen, erwachsen zu sein &#8211; erst Erwachsene schw\u00e4rmen von der Kindheit: Menschen wollen offensichtlich in ihrer ewigen Sehnsucht immer gerade das jeweils a n d e r e nach dem pessimistischen Heimweh-Motiv: &#8222;Da, wo du n i c h t bist, bl\u00fcht dein Gl\u00fcck&#8220;.<\/p>\n<ol>\n<li>Kindertr\u00e4ume<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Zauber, den die Kindheit nun aber doch ausstrahlt, liegt in der F\u00e4higkeit zu t r \u00e4 u m e n. Traum und Phantasie gew\u00e4hren die Allmacht der Erwartung. Als Kind kann man ideale Lebensgeschichten entwerfen, als R\u00e4uber oder Prinzessin, als Astronaut oder Top-Model. Kinder tr\u00e4umen den Traum von Abenteuer und eigenem Gestalten-D\u00fcrfen, von Wichtigkeit und Bewunderung, von Anerkennung und Liebe. Auch &#8222;mit 17 hat man noch Tr\u00e4ume&#8220;, die um den Ideal-Beruf kreisen, um Liebe und Partnerschaft, um ein gelingendes Leben.<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume von Gl\u00fcck und Reichtum, wie sie von den medialen Traumfabriken gen\u00e4hrt werden, sind oberfl\u00e4chlich und meist mit Geld erf\u00fcllbar, wie vielleicht gelegentlich ein Traumurlaub auf einer Trauminsel. Andere Ziele erfordern einen hohen k\u00e4mpferischen Einsatz, und der eine oder andere Kindheitstraum erf\u00fcllt sich oftmals erst sp\u00e4t, gebunden an innere Reife, aber auch an verf\u00fcgbare Mittel oder verf\u00fcgbare Zeit.<\/p>\n<p>Phantasie und Tagtraum machen die Realit\u00e4t in ihrer N\u00fcchternheit ertr\u00e4glich und lassen das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich erscheinen, denn &#8222;Freiheit ist nur im Reich der Tr\u00e4ume m\u00f6glich&#8220;. Im Tr\u00e4umen \u00fcberschreiten wir den Augenblick, das Hier und Jetzt, die Lebenssituation \u00fcberhaupt. Phantasie und Traum sind Ausdruck des noch Offenen, der Skizzenhaftigkeit des kindlichen Lebensentwurfs. &#8222;Ihm liegen noch im Zeitenscho\u00dfe die dunklen und die heitern Lose&#8220;, und die unterschiedlichsten Verwirklichungsm\u00f6glichkeiten sind denkbar.<\/p>\n<p>Manches von den Phantasie &#8211; Konstruktionen geht in die Br\u00fcche, manches bleibt auf der Strecke. Aber ob es nun die Br\u00fcche in der Lebensgeschichte sind, die unerf\u00fcllten Tr\u00e4ume, oder die Momente der Seligkeit: Im Kindheits-Traum liegt etwas, das \u00fcber alle Erfahrung hinaus weist, eine Zukunftsperspektive, die jeglichen Rahmen sprengt und einen weiten Raum \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Wenn im Markus-Evangelium Jesus die Kinder der besonderen N\u00e4he zu Gott oder zum Reich Gottes versichert, dann mu\u00df aber hinter der Kindheit ein Geheimnis stehen, das mit der F\u00e4higkeit zum Tr\u00e4umen noch nicht ausreichend beschrieben ist.<\/p>\n<p>Was ist denn im Sinn des Evangeliums besonderes an der Kindheit? Man hat das Vorbildhafte sehr verschieden gedeutet, als Unkompliziertheit, als Naivit\u00e4t, als F\u00e4higkeit zu hingegebenem Spiel, als unkritischen Glauben, als Selbstvergessenheit, als tr\u00e4umende Unschuld. Das allein ist es nicht.<\/p>\n<p>Die Tr\u00e4ume des Kindes kreisen darum, in Liebe a n g e n o m m e n zu sein, so wie seine \u00c4ngste weitgehend \u00c4ngste vor Liebes-Verlust sind. Es wei\u00df sich geborgen in der B e z i e h u n g zu seiner n\u00e4chsten Umwelt, selbst dann noch, wenn diese Umwelt versagt. Es lernt &#8222;ich&#8220; zu sagen, wenn es bei seinem Namen gerufen wird, es e m p f \u00e4 n g t sich in der Liebe oder aus der Liebe der Eltern, es lebt vom &#8222;Du&#8220; und im &#8222;Wir&#8220;. D a s ist es:<\/p>\n<p>Der polnische, in Treblinka ermordete P\u00e4dagoge Janos Korczak gibt Einblick in seinen Glauben, einen Glauben &#8222;wie ein Kind&#8220;, wenn er Gott anspricht: &#8222;Ich freue mich wie ein Kind &#8211; und ich nenne dich weder gro\u00df noch gerecht noch gut &#8211; ich sage \u201amein Gott&#8216;. Ich sage \u201aMein&#8216; und habe Vertrauen&#8220;.<\/p>\n<p>Jesus betet &#8222;abba, lieber Vater&#8220;. Wer &#8222;Vater&#8220; sagt, setzt sich in die Position des Kindes. So, wie am Anfang die Eltern unsere Welt gewesen sind, so l\u00e4\u00dft der Glaubende Gott seine Welt sein. Wer so mit Gott auf Du und Du steht, der lebt in der Haltung, zu der wir Menschen bestimmt sind, der Haltung der Partnerschaft, der Gemeinschaft, der ist der Gottesherrschaft nahe.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Abschied vom Kindheitstraum<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber &#8222;die Welt ist keine Kinderstube&#8220;, wie uns Freud nachdr\u00fccklich gelehrt hat. Mancher bleibt freilich lebenslang ein Tr\u00e4umer, der mit traumwandlerischer Sicherheit an der Realit\u00e4t vorbei geht. Mit einem besonderen Schutzengel werden solche Tr\u00e4umer dann Dichter oder liebensw\u00fcrdige Sonderlinge. Aber sie werden der Welt, in der wir leben, nicht gerecht.<\/p>\n<p>Das Realit\u00e4tsprinzip in seiner H\u00e4rte schl\u00e4gt der kindlichen Phantasie-Welt ins Gesicht. Die Sachzw\u00e4nge des Lebens, denen wir uns nicht entziehen k\u00f6nnen, lassen den Traumbildern keinen Raum. Was nicht in das wissenschaftliche Raster pa\u00dft, wird eliminiert.<\/p>\n<p>Unsere Phantasie hat sich l\u00e4ngst an die Kette des technischen Denkens legen lassen. Die virtuelle Welt der Computerspiele l\u00e4\u00dft die menschliche Traumarbeit \u00fcberfl\u00fcssig werden. Der permanente Mausklick macht alles m\u00f6glich: Er erweitert zwar die Spielr\u00e4ume, in denen wir uns bewegen, aber diese Erweiterung bedeutet zugleich eine Verarmung der freien Phantasie: Indem sie sich im Technischen auslebt, wird sie in das Me\u00dfbare eingeholt und b\u00fc\u00dft ihre poetische Freiheit ein. Selbst der alte Menschheits-Traum vom &#8222;ewigen Leben&#8220; wird durch die zunehmend realisierbare Erwartung einer beliebigen Verl\u00e4ngerung der physischen Existenz ersetzt.<\/p>\n<p>Auch die Unmittelbarkeit des Kinderglaubens ist uns verwehrt. Er mu\u00df durch die Realit\u00e4tspr\u00fcfung hindurch. Die kritische Distanz zu den Dingen, die uns die Aufkl\u00e4rung vermittelt hat, kann zumindest in unserem Kulturraum auf Dauer niemandem erspart werden.<\/p>\n<p>Jede Biographie f\u00fchrt durch den Bruch hindurch, in dem die kindlichen Wunschbilder und Projektionen im Feuer der rationalen Kritik vergehen m\u00fcssen. Gertrud von le Fort bekennt: &#8222;Herr, es liegt ein Traum von Dir in meiner Seele, aber ich kann nicht zu dir kommen, denn alle meine Tore sind verriegelt. Ich bin belagert wie von Heerscharen, ich bin eingeschlossen in mein ewiges Allein&#8220;.<\/p>\n<p>So geht uns das kindliche &#8222;Du&#8220; verloren, das &#8222;Du&#8220; Gottes zuerst und dann auch oft genug das zwischenmenschliche &#8222;Du&#8220;. Unsere entmythisierte Lebenserfahrung macht uns einsam im Universum. Es bleibt die &#8222;vern\u00fcnftige Resignation&#8220;, es bleibt die &#8222;Leere und das gezeichnete Ich&#8220;..<\/p>\n<p>Aber nicht nur die rationale Kritik von au\u00dfen straft die allzu naiven religi\u00f6sen Vorstellungen des Kindes L\u00fcgen, sondern auch die Kritik von innen, die &#8222;Schule des Glaubens&#8220;.<\/p>\n<p>Da\u00df der gute Hirte &#8222;mich stets auf s\u00fc\u00dfe Weide&#8220; f\u00fchrt, so &#8222;da\u00df ich keinen Mangel leide&#8220;, wie es im Kinderlied hie\u00df &#8211; das stimmt ja nicht, jedenfalls nicht so buchst\u00e4blich, wie ein Kind das zwangsl\u00e4ufig verstehen mu\u00df. &#8222;Die Verh\u00e4ltnisse, die sind nicht so&#8220;. Wir lernen in unserem Reifeproze\u00df, da\u00df selbst unsere f r o m m e n W\u00fcnsche Gott keineswegs Befehl sind.<\/p>\n<p>So m\u00f6gen Petrus und wohl auch Judas getr\u00e4umt haben von einem Reich Gottes nach i h r e r Vorstellung. Aber mit Christus sind diese Wunschbilder gekreuzigt. Das Kreuz Christi durchkreuzt unsere religi\u00f6sen Tr\u00e4ume, unsere Vorstellungen vom schnellen Heil, vom \u00dcberspielen der Realit\u00e4t. Am Kreuz scheitert alle Naivit\u00e4t. Am Kreuz werden wir uns der Unhaltbarkeit, des egoistischen Charakters unserer Traumgedanken bewu\u00dft.<\/p>\n<p>&#8222;Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind&#8220;, sagt Paulus. &#8222;Als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindisch war&#8220;. Er spricht vom St\u00fcckwerk unseres Erkennens. &#8222;Selig, ein Kind noch zu sein!&#8220; &#8211; vielleicht, aber wir s i n d es nicht, unsere Tr\u00e4ume sind gebrochen. Die Bilder haben einen Ri\u00df. Immerhin: Dieser Ri\u00df l\u00e4\u00dft uns ahnen, da\u00df es noch ein &#8222;dahinter&#8220;, ein &#8222;hinter den Bildern&#8220; gibt.<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind dem Aufwachen nahe, wenn wir tr\u00e4umen, da\u00df wir tr\u00e4umen&#8220; &#8211; aber wohin wachen wir auf? In die endg\u00fcltige Alltagswelt des Homo faber, oder in die menschliche Zukunft, in den Tag, in das Morgengrauen Gottes?<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Wiedergewinnung der Kindheit<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir wissen heute, da\u00df unser Denken weitergehende Aufkl\u00e4rung n\u00f6tig hat, die bei einer positivistischen Weltauffassung nicht stehen bleiben darf. Wir wissen, da\u00df der Wahn von der Machbarkeit aller Dinge einen Holzweg der Humanit\u00e4t darstellt. Wir wissen, da\u00df wunschloses Gl\u00fcck nicht herstellbar ist, da\u00df Leistung und Erfolg, Rentabilit\u00e4t und Gewinn-Maximierung kein gelungenes Leben garantieren.<\/p>\n<p>Die Harry-Potter-Begeisterung auch unter Erwachsenen ist wohl als Flucht aus einer allzu n\u00fcchternen Wirklichkeit zu deuten, als Sehnsucht nach Wieder-Verzauberung der Welt. Der T r a u m von einer b e s s e r e n W e l t, von einem besseren Leben in Gemeinschaft, von Liebe und Treue setzt sich am Ende durch.<\/p>\n<p>Der &#8222;Stoff&#8220;, aus dem solche Tr\u00e4ume sind, stammt aus den Phantasien der Kindheit. Schon in der Prophetie kehren diese Bilder wieder, die Bilder vom Angenommensein, von Frieden, von Geborgenheit und erf\u00fclltem Leben. Sie sind wie eine Skizze f\u00fcr den Bauplan des Reiches Gottes: &#8222;F\u00fcrchte Dich nicht, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein!&#8220; Da ist es wieder, das vertraute und vertrauensvolle &#8222;Du&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;La\u00dft euch die Kindheit nicht austreiben!&#8220;, schreibt Erich K\u00e4stner. &#8222;Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt&#8230;.Man n\u00f6tigt euch in der Schule eifrig von der Unter- \u00fcber die Mittel- zur Oberstufe. Wenn ihr schlie\u00dflich droben steht und balanciert, s\u00e4gt man die \u00fcberfl\u00fcssig gewordenen Stufen hinter euch ab, und nun k\u00f6nnt ihr nicht mehr zur\u00fcck&#8220;.<\/p>\n<p>Auch der Kinderglaube wird oft im Keller abgelegt, er gilt als endg\u00fcltig \u00fcberwunden und nicht mehr angebracht. &#8222;Aber m\u00fc\u00dfte man&#8220;, f\u00e4hrt K\u00e4stner fort, &#8222;nicht in seinem Leben wie in einem Haus treppauf und treppab gehen k\u00f6nnen? Was soll die sch\u00f6nste erste Etage ohne den Keller mit den duftenden Obsthorden und ohne das Erdgescho\u00df mit der knarrenden Haust\u00fcr und der scheppernden Klingel?&#8220;<\/p>\n<p>Aber Jesus sagt: &#8222;So ihr nicht w e r d e t wie die Kinder&#8220;. Nicht das Kind- B l e i b e n ist das biblische Ziel, nicht die gespielte Naivit\u00e4t im Verkehr der Christen untereinander, nicht die gutm\u00fctige Naivit\u00e4t der Kirche im Umgang mit dem Geld, nicht die realit\u00e4tsferne Naivit\u00e4t der Sozialromantiker in und au\u00dferhalb der Kirche, und schon gar nicht die unverantwortliche Naivit\u00e4t eines fundamentalistischen Buchstaben-Glaubens. Realit\u00e4tssinn und Realit\u00e4tspr\u00fcfung sind auch im religi\u00f6sen Bereich notwendig, und die Alten, die in ihrem Jugendlichkeitswahn der Jugend auf allen Lebensgebieten Konkurrenz zu machen suchen, machen sich l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Etwas a n d e r e s ist es, den Zugang zur Kindheit und ihren Tr\u00e4umen durch die Lebenserfahrungen hindurch n e u zu erwerben. Das ist ein langer Weg. Die &#8222;zweite Kindheit&#8220; ist die Gelassenheit dessen, der &#8222;durch alle Formen geschritten&#8220; ist, der durch Zweifel, Kritik und Gottesferne hindurch zur\u00fcckfindet zu den fr\u00fchen Bildern, der den Umgang mit dem &#8222;Du&#8220; Gottes neu gewinnt.<\/p>\n<p>Wer seine Kindheitstr\u00e4ume vergi\u00dft, wird nicht weise, sondern nur alt. Mit zunehmendem Alter w\u00e4chst auch unsere Vergangenheit, unsere Zukunft verfl\u00fcchtigt sich. Die &#8222;zweite Kindheit&#8220; rechnet wieder mit der Z u k u n f t, sie streckt sich wieder aus auf das Kommende, sie lebt im Vertrauen auf Gottes gegenw\u00e4rtiges und alles umfassendes &#8222;Du&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn es uns gelingt, den Zugang zu den ersten Bildern zur\u00fcck zu gewinnen, dann k\u00f6nnen wir damit beginnen, unser Leben neu zu verstehen unter dem Zeichen der Z u k u n f t. Die Kinder Gottes k\u00f6nnen hin und her gehen im Haus ihres Lebens, sie k\u00f6nnen den Keller ihrer Vergangenheit mit allen seinen dunklen Aspekten furchtlos betreten. Und sie h a b e n Zukunft. Sie k\u00f6nnen furchtlos die Fenster \u00f6ffnen nach allen Seiten, frische und fremde Luft hereinlassen, k\u00f6nnen im Andern, auch im Fremden das vertrauensvolle &#8222;Du&#8220; suchen, neugierig und erwartungsvoll.<\/p>\n<p>Die Neugier und Erwartung des Glaubens h\u00e4lt den Traum vom Leben selbst angesichts des Todes offen und bewahrt vor Resignation. Es ist die Haltung, in der Luther sein Apfelb\u00e4umchen auch angesichts des Weltendes pflanzen will, weil er in der Erwartung der anbrechenden Gottesherrschaft lebt, die unserem Leben die Richtung nach v o r n gibt, selbst \u00fcber die Grenzen von Verg\u00e4nglichkeit und Tod hinaus.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin oft gefragt worden, wie ich mir das Auferstehen vorstelle&#8220;, erz\u00e4hlt Luise Rinser. &#8222;Ich stelle es mir nicht in theologisch-dogmatisch bestimmten Bildern vor. Aber in T r \u00e4 u m e n erhalte ich Belehrung dar\u00fcber&#8220;. Das sind nicht die ungebrochen-kindlichen M\u00e4rchen-Bilder eines paradiesisches Jenseits, das ist die Hoffnung auf das Kommen dessen, dessen Kinder wir sind, von dem her wir uns empfangen und zu dem wir sprechen: &#8222;Unser Vater, Dein Reich komme!&#8220;<\/p>\n<p>Diese Hoffnung auf Gottes Zukunft \u00f6ffnet das Leben f\u00fcr eine Humanisierung der Lebensverh\u00e4ltnisse in Liebe und Hingabe, sie vermittelt ein Weltverst\u00e4ndnis der Geschwisterlichkeit und der Verbundenheit mit aller Kreatur. Und sie weckt das Bed\u00fcrfnis, gestaltend mitzuwirken an dem, was kommen soll.<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume sind nicht immer nur Sch\u00e4ume. Wir haben die weltgestaltende Kraft sowohl positiver als auch negativer Utopien als Heil oder Unheil erlebt. Es gibt auch Alptr\u00e4ume, Tr\u00e4ume ohne Verhei\u00dfung, wie uns in den Wochen seit dem 11. September mit aller H\u00e4rte bewu\u00dft geworden ist. Gleichwohl ist es eine Gefahr, Kinder in Krisensituationen unverantwortlich in politische Aktionen zu verstricken und damit in die Angst vor einer Zukunft hineinzutreiben, deren reale Chancen und Bedrohungen sie nicht zu durchschauen verm\u00f6gen. Viel mehr sind wir gerade in dieser Situation aufgerufen, uns auf die Bilder einzulassen, die Leben, Frieden und Zukunft provozieren.<\/p>\n<p>Der Glaube k\u00e4mpft gegen das Unrecht mit der Kraft der positiven Utopien, wie sie die alt-testamentlichen Propheten entworfen haben. Der Tr\u00e4umer Joseph hat Geschichte gemacht und seine Br\u00fcder, sein Volk gerettet. Martin Luther Kings Traum ist in die Geschichte eingegangen.<\/p>\n<p>Vielleicht geschieht heute in der Gesellschaft so wenig an Zukunftweisendem, weil niemand mehr den Mut hat zu tr\u00e4umen, weil es keine neuen Utopien gibt. Das Ende der Meta-Erz\u00e4hlungen ist das Ende einer l e b e n d i g e n Geschichte, in der Tr\u00e4ume wahr werden k\u00f6nnen; der Verlust der Prophetie ist Verlust der Zukunft \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Glaube dagegen ist Aufruf zum produktiven Tr\u00e4umen. &#8222;Werden wie die Kinder&#8220;, das hei\u00dft zur\u00fcckkehren zu einem Leben vor Gott, das phantasievoll ist wie ein Spiel, unberechnend wie ein Kunstwerk, zweckfrei wie eine Liturgie. So wird unser Leben zum Gottesdienst als Ausdrucksform der Gemeinschaft mit Gott.<\/p>\n<p>Der Direktor eines Pastoralkollegs berichtete bei einer Tagung davon, da\u00df selbst oder gerade Pfarrer es als wohltuend empfinden, bei Einkehrtagen religi\u00f6se Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse \u00e4u\u00dfern zu d\u00fcrfen ohne die st\u00e4ndige Konfrontation mit der Forderung nach gesellschaftspolitischen und kirchenpolitischen Aktivit\u00e4ten, ohne st\u00e4ndigen Leistungs-Nachweis. Der Hunger nach Nahrung f\u00fcr das &#8222;Kind in uns&#8220;, f\u00fcr das, was wir so gern sein oder wieder werden m\u00f6chten, l\u00e4\u00dft sich auf Dauer nicht verdr\u00e4ngen. Er \u00e4u\u00dfert sich heute als Suche nach einer zeitgem\u00e4\u00dfen Spiritualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Spiritualit\u00e4t &#8211; fr\u00fcher nannte man das schlicht Fr\u00f6mmigkeit oder Fromm-Sein. Wir verstecken unsere religi\u00f6sen Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse schamhaft hinter theologisch oder religionswissenschaftlich distanzierenden Begriffen. Eine Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferung zu wagen, die ein kindliches Gem\u00fct vermuten lassen k\u00f6nnte, widerspricht unserer intellektuellen Eitelkeit.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00e4me es aber gerade dieser unserer gesuchten Spiritualit\u00e4t zugute, wenn wir den Mut aufbr\u00e4chten, schlicht und einfach in das Gebet eines Matthias Claudius einzustimmen: &#8222;Herr, la\u00df uns einf\u00e4ltig werden und vor dir hier auf Erden w i e K i n d e r fromm und fr\u00f6hlich sein!&#8220;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Hans-J\u00fcrgen Fraas<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lebens-Geschichten: Kindheits-Traum |\u00a0Hans-J\u00fcrgen Fraas | Markuskirche M\u00fcnchen Universit\u00e4tsgottesdienste der Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Wintersemester 2001\/2002 &#8222;Einst spielt&#8216; ich mit Szepter, mit Krone und Stern&#8220;, singt der Zar in Lortzings Oper, und er endet: &#8222;Selig, o selig, ein Kind noch zu sein&#8220;. 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