{"id":22379,"date":"2002-01-24T12:06:20","date_gmt":"2002-01-24T11:06:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22379"},"modified":"2025-03-24T12:09:01","modified_gmt":"2025-03-24T11:09:01","slug":"1-korinther-139-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-139-12\/","title":{"rendered":"1. Korinther 13,9\u201312"},"content":{"rendered":"<h3>Lebens-Geschichten: Skizzenbuch | 1. Korinther 13,9\u201312 | Wolfgang Steck |<\/h3>\n<p>Markuskirche M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Universit\u00e4tsgottesdienste der Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Wintersemester 2001\/2002<\/p>\n<p><strong>Paulus schreibt in seinen Briefen an die Korinther:<\/strong><\/p>\n<p>Unser Wissen ist St\u00fcckwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das St\u00fcckwerk aufh\u00f6ren. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich st\u00fcckweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. (1. Korinther 13,9-12)<\/p>\n<p><strong>1. \u201aWas wir wissen, ist nur St\u00fcckwerk&#8216; &#8211; das h\u00f6rt sich wie der Sto\u00dfseufzer eines Ermittlungbeamten in einem \u201aTatort&#8216;-Krimi an.<\/strong>\u00a0Die Kommissare sitzen mit ihren Pappbechern um den Tisch und legen alles zusammen, was sie in m\u00fchevoller Kleinarbeit gesammelt haben: ein paar verwischte Fu\u00dfspuren, undeutliche Fingerabdr\u00fccke, vage Zeugenaussagen, ein widerspr\u00fcchliches Protokoll. Alles \u201adunkle Bilder&#8216;, die entschl\u00fcsselt werden wollen. Und alles nur Bruchst\u00fccke, aus denen am Ende ein fertiges Puzzle entstehen soll. Aber wie sie es auch drehen und wenden, die Teile passen nicht zusammen. Und so bleibt die Geschichte, die sich in Bremen abgespielt hat, lange im Dunkeln: Was geschah wirklich am Tatort; was geschah in den Tagen davor? Wer war das Opfer, wer der T\u00e4ter? Was war sein Motiv?<\/p>\n<p>Heute abend um viertel vor zehn werden wir es wissen. Da werden die Masken fallen. Der T\u00e4ter wird der Hauptkommissarin Inga L\u00fcrsen gegen\u00fcberstehen, von Angesicht zu Angesicht, und als der erkannt, der er wirklich ist.<\/p>\n<p>Aber wenn es ein Krimi von der neuen Sorte ist, dann bleiben auch am Ende Fragen offen. Fr\u00fcher, als die Farbfilme noch nach dem Schwarz-Wei\u00df-Schema aufgebaut waren, da schien die Welt noch in Ordnung. Es gab Gute und B\u00f6se, Lichtgestalten, die es zu etwas gebracht haben und mit Recht stolz auf sich sein k\u00f6nnen, und Dunkelm\u00e4nner, die anderen das Leben nehmen und damit auch ihr eigenes Leben zerst\u00f6ren. Und dazwischen die Kommissare, die gelernt haben, die Indizien zu deuten, in den Gesichtern der Menschen wie in Spiegeln zu lesen, die F\u00e4den einer verschlungenen Geschichte zu entwirren und Klarheit ins Dunkel zu bringen. Sie trennten die B\u00f6cke von den Schafen, brachten den Schuldigen hinter Gitter und legten den Fall zu den Akten.<\/p>\n<p>Heute geht die Ermittlungsarbeit den Tatortkommissaren nicht mehr so leicht von der Hand. Moderne, psychologisch geschulte Detektive geben sich nicht mit der kriminaltechnischen Feldarbeit zufrieden. Sie verfolgen den T\u00e4ter an ihren Computern bis tief in seine Vergangenheit. Und wenn es dabei sp\u00e4t wird, dann kommen die Lebensforscher ins Gr\u00fcbeln. Je mehr sie sich in das Schicksal des M\u00f6rders vertiefen, desto undeutlicher werden die Rollen. Irgendwie l\u00e4\u00dft sich zwischen T\u00e4tern und Opfern nicht so recht unterscheiden. Das Leben macht sein eigenes Spiel; und manchem T\u00e4ter hat es genauso \u00fcbel mitgespielt wie seinem Opfer.<\/p>\n<p>Es gibt nicht nur die eine Lesart der Geschichte, die glatte, in der sich alles nahtlos ineinanderf\u00fcgt und die Rechnung ohne Rest aufgeht. Will man eine Lebensgeschichte nicht nur oberfl\u00e4chlich protokollieren, sondern in ihrer Tiefensch\u00e4rfe verstehen, dann mu\u00df man sie gegen den Strich b\u00fcrsten. Man mu\u00df die Br\u00fcche in der Lebenslinie entdecken, wo etwas unwiderruflich zu Ende ist; und keiner wei\u00df, wie es weitergehen soll. Und man mu\u00df die Wendepunkte markieren, wo sich das Leben vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe stellt und noch einmal von vorne beginnt, bis es wieder in einer Sackgasse endet.<\/p>\n<p>Keiner hat nur eine Geschichte. Jede hat mehrere Leben: vergangene Gl\u00fcckszeiten, denen sie nachtrauert: \u201aWarum kann ich nicht mehr so sein wie damals, so heiter und beschwingt?&#8216; und k\u00fcnftige Leben, von denen sie tr\u00e4umt; aber das Leben geht so schnell vor\u00fcber. Noch bevor wir richtig damit angefangen haben, neigt es sich schon seinem Ende zu. Und dazwischen die Gegenwart, das unentwirrbare Ineinander von Tatkraft und L\u00e4hmung, himmelhoch jauchzend und zu Tode betr\u00fcbt. Das Leben hat viele Gesichter. Man mu\u00df sie wie in einer Galerie nebeneinander stellen. Sonst wird man das eine dunkle Bild f\u00fcr die ganze Wahrheit halten und am Ende so wenig wissen wie am Anfang.<\/p>\n<p><strong>2. Im wirklichen Leben geht es so zu wie in einem waschechten Krimi.<\/strong>\u00a0Jeder spielt eine Doppelrolle, den T\u00e4ter und das Opfer. Als Kind ger\u00e4t man leicht in die Rolle des Opfers. Da wird einem kr\u00e4ftig in das eigene Leben hineingeredet. Die Erwachsenen f\u00fchren Regie im Lebensspiel. Die Kinder sind die Komparsen. Sie haben zu folgen. Und wenn sie es nicht tun und dabei ertappt werden, dann spielen sich Szenen ab, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen: Verh\u00f6re, Spurensicherungen, Zeugenaussagen und Indizienbeweise. Am Ende droht Hausarrest oder &#8211; noch schlimmer &#8211; das vernichtende Urteil des Familienrats: \u201aso kann es mit dir nicht weitergehen!&#8216;<\/p>\n<p>Aber es ging genauso weiter. Als wir ein paar Jahre \u00e4lter wurden, bekamen wir die Ohnmacht des Jugendschicksals zu sp\u00fcren, die Ohren voller gut gemeinter Lebensweisheiten; auf SMS-Format gestutzte Moralpredigten, die einem den Spa\u00df am Leben verderben k\u00f6nnen. Manchmal warnten einen die Eltern regelrecht vor dem Leben, so als st\u00fcnde man mit seiner Abenteuerlust st\u00e4ndig mit einem Bein im Gef\u00e4ngnis. Aber das legte sich mit den Jahren. Wir drehten den Spie\u00df um und wechselten auf die andere Seite der B\u00fchne. Die Spielr\u00e4ume wurden erweitert, notfalls mit den Ellenbogen. Manches ging dabei in die Br\u00fcche. Aber wer weiterkommen will, der mu\u00df auch Verluste in seine Lebensrechnung einkalkulieren.<\/p>\n<p>Und wenn einer dann mit 40 immer noch nicht wei\u00df, was er aus seinem Leben machen soll, und sich st\u00e4ndig in den Schatten der anderen stellt, dann sollte er einmal Bilanz ziehen, einen Strich unter sein bisheriges Leben machen und seiner Lebenslinie eine andere Richtung geben, vom Opfer zum T\u00e4ter. Wir kennen solche Ratschl\u00e4ge. Wenn sich eine in ihrer Ratlosigkeit einer guten Freundin anvertraut, dann bekommt sie den Ruf zur Umkehr zu h\u00f6ren: \u201aJetzt lamentier nicht st\u00e4ndig \u00fcber das, was andere mit dir machen, tu selbst was f\u00fcr dich! Tritt auf die B\u00fchne deines Lebens und mach dein Spiel!&#8216;<\/p>\n<p>Aber das ist leichter gesagt als getan. Nicht weil die aktiven Rollen l\u00e4ngst vergeben sind. Das Lebensspiel h\u00e4lt f\u00fcr jeden Akteur und f\u00fcr jede Lebensepoche das passende Skript bereit. Und mit den Jahren haben ja auch die meisten gelernt, ihr Leben tatkr\u00e4ftig in die Hand zu nehmen, ihr privates Gl\u00fcck nach ihren W\u00fcnschen zu gestalten und ihre berufliche Karriere auf Erfolg zu trimmen. Aber wer mit der Rolle des T\u00e4ters einige Erfahrung gesammelt hat, der wei\u00df, da\u00df einem auf der Tour d\u00b4vie vieles in die Quere kommt. Und es sind nicht nur die anderen, mit denen sich unsere Wege kreuzen und die uns dabei aus der Bahn werfen k\u00f6nnen. Wir kommen mit uns selbst nicht zurecht.<\/p>\n<p>Einmal merken wir, wie uns etwas in uns treibt und treibt: \u201aAuf zu neuen Ufern!&#8216; Wir folgen der inneren Stimme. Aber wir k\u00f6nnen das Tempo nicht halten. Wir fallen hinter uns selbst zur\u00fcck und m\u00fcssen zusehen, wie unsere andere H\u00e4lfte am Horizont verschwindet, in ein Land, das uns verschlossen bleibt, vielleicht f\u00fcr immer. Wir haben es einfach nicht geschafft.<\/p>\n<p>Das andere Mal geht es uns genau umgekehrt. Wenn wir wieder einmal weit ausholen und zum Sprung nach vorne ansetzen, dann sp\u00fcren wir pl\u00f6tzlich, da\u00df es nicht weiter geht, als h\u00e4tte mir einer Fu\u00dfangeln angelegt. Wie gel\u00e4hmt bleiben wir stehen. Und dann merken wir, warum der Lebenslauf ins Stocken ger\u00e4t. Als spielte ich eine Doppelrolle, so stehe ich mir selbst im Weg. Und wenn ich aus meinem eigenen Schatten heraustreten will, dann zieht der dunkle Doppelg\u00e4nger mit. Wenn ich ihm eine lange Nase mache, dann macht er es auch. Ich bin ich selbst; und ich bin der andere, der Fremde. Er sieht genauso aus wie ich, dieselbe Gestik, dieselbe Mimik. Und doch ist er mir unheimlich. Ich kann ihm nicht \u00fcber den Weg trauen, und ich komme ihm auch niemals auf die Schliche. Es ist der andere in mir, der mir die Pr\u00fcgel zwischen die Beine wirft, in einem St\u00fcck, das ich mit mir selbst spiele.<\/p>\n<p><strong>3. Aber das ist noch nicht alles.<\/strong>\u00a0Bevor wir uns versehen, stehen wir in einer dritten Rolle auf der B\u00fchne unseres Lebens. Erst spielt einer den T\u00e4ter, dann sein eigenes Opfer; und als h\u00e4tte er mit der Doppelrolle nicht schon genug zu tun, nun setzt er sich auch noch als Privatdetektiv auf sich selbst an und spielt den Ermittler in eigener Sache.<\/p>\n<p>Wenn uns die Regie \u00fcber unser Leben entgleitet und das Leben aus dem Ruder l\u00e4uft, dann fangen wir zu recherchieren an. Wie die Spurensicherung, so fahnden wir nach dem geheimen Fremden in uns, nach dem Drahtzieher, der hinter den Kulissen die F\u00e4den in der Hand h\u00e4lt und einen wie eine Marionette zappeln l\u00e4\u00dft. Ich wei\u00df, da\u00df ich den Unruhestifter im eigenen Haus zu suchen habe, in mir selbst. Aber er h\u00e4lt sich gut versteckt, irgendwo im tiefsten Dunkel. Man hat alle H\u00e4nde voll zu tun, um ihm auf die Spur zu kommen, seine Taktik herauszufinden und ihn dingfest zu machen.<\/p>\n<p>Da werden Schubladen mit alten Erinnerungsst\u00fccken aufgezogen; vielleicht findet sich hier ein Hinweis auf den anderen in mir. Da wird der Unrat aus Jahrzehnten ausgegraben; vielleicht l\u00e4\u00dft sich das Durcheinander doch noch auf die Reihe bringen. Da werden die Einbr\u00fcche in den Seelenhaushalt fr\u00fcher Jahre wieder aufgerollt; vielleicht ging damals etwas verloren, was mir mehr bedeutet, als ich mir eingestehe. Und je l\u00e4nger wir nach dem geheimnisvollen Fremden in uns fahnden, desto mehr zweifeln wir daran, da\u00df wir es sind, nach dem wir suchen. Es mu\u00df ein anderer gewesen sein, einer, der ich einmal war, aber l\u00e4ngst nicht mehr bin. Und doch: es gibt ihn noch, den Doppelg\u00e4nger aus vergangenen Zeiten. Wir wollen ihn absch\u00fctteln, hinter die Kulissen schieben, wegschlie\u00dfen. Aber es n\u00fctzt nichts. Das alter ego ist allgegenw\u00e4rtig, am Tag als ungebetener Gast und in der Nacht als bedrohlicher Feind.<\/p>\n<p>Manche warten nicht, bis es soweit kommt. Sie sch\u00e4tzen pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen und setzen auf permanente Selbstkontrolle. Sie f\u00fchren laufend Protokoll \u00fcber ihr Leben, zeichnen wichtige Daten auf, schreiben Geschichten in Tageb\u00fccher und f\u00fcllen Skizzenbl\u00f6cke mit kritischen Anmerkungen und guten Vors\u00e4tzen. Andere, die Kopfrechner, verwalten ihr Leben in Gedankenspielen. Wieder andere kramen gerne in vergilbten Erinnerungen, betrachten Fotoalben aus vergangenen Welten und suchen damit ihre Spuren zu sichern. Etwas typisch Protestantisches soll das sein, der biographische Aufkl\u00e4rungsdrang, das Eintauchen in die eigene Geschichte.<\/p>\n<p>Aber das geschriebene Leben ist nicht anders als das gelebte. Man kann sein Leben so oder auch anders gestalten; es wird nie der gro\u00dfe Wurf, das Leben aus einem Gu\u00df. Das Leben spielt sich auf einer kleinen B\u00fchne ab. Da l\u00e4\u00dft sich nicht alles realisieren, was einem so vorschwebt. Und man kann die Geschichte seines Lebens auf vielerlei Weise schreiben, aus ganz verschiedenen Blickwinkeln: als Erfolgsgeschichte oder als Krisenbilanz, als die Erf\u00fcllung eines gro\u00dfen Kindheitstraums oder als eine Liste vieler offen gebliebener W\u00fcnsche, als ergreifenden Liebesroman oder als ersch\u00fctternde Trag\u00f6die. Aber man sieht nie alles auf einen Blick. Immer wird vieles, das meiste, ausgeblendet. Wie immer wir unser Leben in Szene setzen, es bleibt ein Fragment, nichts Ganzes und nichts Halbes.<\/p>\n<p><strong>4. Gibt es also das eine, das in sich runde Leben gar nicht?<\/strong>\u00a0Nicht im R\u00fcckblick, wenn wir die R\u00e4tsel der Vergangenheit l\u00f6sen wollen; aber die Schl\u00f6sser lassen sich nicht knacken? Nicht im gegenw\u00e4rtigen Augenblick, wo sich das Leben so schillernd ausnimmt, so zwiesp\u00e4ltig, so irritierend und diffus? Nicht in der Zukunft, in der alles besser werden soll; aber dann gehen unsere Tr\u00e4ume in die Br\u00fcche? Und auch nicht, wenn wir versuchen, die verschiedenen Leben miteinander zu verkn\u00fcpfen, das vergangene, das gegenw\u00e4rtige und das zuk\u00fcnftige? Da\u00df sich einer mit den Jahren ver\u00e4ndert, das bringt der Lauf der Dinge so mit sich. Aber da\u00df er heute gar nicht mehr der ist, der er fr\u00fcher einmal war, da\u00df es keinen roten Faden gibt, der sich durch die Wechself\u00e4lle des Lebens hindurchzieht, kann das wirklich so sein?<\/p>\n<p>Man sagt immer: Erst vom Ende her k\u00f6nnen wir das Ganze \u00fcberblicken. Wenn das Buch des Lebens geschlossen wird, dann rundet sich das Leben. Aber da sind wir nicht mehr dabei, nicht mehr am Leben. Da ist unser Tagebuch l\u00e4ngst in fremde H\u00e4nde gefallen. Da bl\u00e4ttert dann ein anderer in unseren Skizzenbl\u00f6cken, sortiert die Bruchst\u00fccke eines unvollendeten Lebensprojekts und macht sich seinen eigenen Reim darauf.<\/p>\n<p>Ein anderer? Oder doch ich selbst? Paulus bringt mit seinen Briefzeilen Bewegung in die Szene. Was wir von uns selbst wissen, ist St\u00fcckwerk, so lange wir leben. Aber das mu\u00df nicht so bleiben. Und es wird auch nicht so bleiben. Wenn das Vollkommene anbricht, dann wird das gest\u00fcckelte Leben aufh\u00f6ren. Dann erkennt jeder die Gestalt seines Lebens.<\/p>\n<p>Man wei\u00df auf den ersten Blick nicht so recht, was damit gemeint sein soll. Aber das kann auch nicht anders sein. Denn unser Wissen ist immer nur St\u00fcckwerk. Da k\u00f6nnen uns auch die gelehrten Theologen nicht weiter helfen, selbst Paulus nicht. Aber wir ahnen, was Paulus im Sinn hatte, als er seine Briefzeilen diktierte. Denn keinem von uns ist der Traum vom vollkommenen Leben fremd, von dem anderen Leben, das wir ewig nennen, himmlisch, wolkenlos und weit. Wenn unser gebrochenes Leben zu Ende geht und die dunklen Bilder in uns verschwinden, dann wird Klarheit herrschen. Dann ist es mit der st\u00fcckweisen Erkenntnis vorbei. Dann werde ich mich so erkennen, wie ich wirklich bin, so wie ich in den Augen Gottes bin, aus der anderen, aus seiner Perspektive.<\/p>\n<p>Aber das ist noch nicht alles, was Paulus in seine S\u00e4tze vom gebrochenen und vom klaren Leben gepackt hat. Wir brauchen gar nicht in den Himmel zu schweben, um zu entdecken, wo das Geheimnis unseres Lebens verborgen ist. Wir k\u00f6nnen das himmlische Leben im irdischen erkennen, wenn wir den richtigen Blick daf\u00fcr entwickeln. Wenn wir mit dem finsteren Blick in den Spiegel unseres Lebens schauen, dann sehen wir nichts als dunkle Bilder: verschwommene Vergangenheiten, von denen wir uns nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen, eine tr\u00fcbe Gegenwart, die sich niemals so recht erschlie\u00dft, und d\u00fcstere Zukunftsaussichten. Alles gebrochen und verzerrt, eben spiegelverkehrt. Keiner von uns hat jemals sein wahres Gesicht sehen k\u00f6nnen, immer nur das Gegenbild, eine verkehrte Ansicht.<\/p>\n<p>Aber wenn wir an den Tag zur\u00fcckdenken, an dem alle Menschen und damit auch wir ins Leben gerufen wurden, dann bekommt der Spiegel des Lebens eine andere Bedeutung. Es war der sechste Sch\u00f6pfungstag, an dem Gott zu sich selbst sprach: Ich will Menschen schaffen, Bilder, die mir gleichen. Am Abend dieses Tages sind sich dann Gott und Mensch zum ersten Mal begegnet, \u201avon Angesicht zu Angesicht&#8216;. Und als sie sich in die Augen blickten, da war es, als w\u00fcrden sie beide in einen Spiegel schauen. Ich bin Gottes Spiegelbild. Und er ist das meine.<\/p>\n<p>Von da an waren Gottes Leben und mein Leben f\u00fcr immer miteinander verbunden. Von da an behielt Gott mich im Auge. Er trauerte um sein Spiegelbild, wenn wieder einmal ein St\u00fcck meines Lebens in die Br\u00fcche ging. Er freute sich mit mir, wenn pl\u00f6tzlich ein Gl\u00fccksmoment im Spiegel aufblitzte. Er behielt mich im Auge, wenn alles um mich herum zu schwanken anfing. Und er wird sein Abbild auch dann nicht vergessen, wenn der Bau meines Lebens einmal endg\u00fcltig in sich zusammenf\u00e4llt. Wenn wir diesen Spiegel nicht h\u00e4tten, w\u00fc\u00dften wir nicht, wer wir sind: Ebenbilder Gottes, Menschen, die sein Antlitz tragen.<\/p>\n<p>Unser Lebenswissen bleibt St\u00fcckwerk, solange wir leben. Aber unser Lebensglaube l\u00e4\u00dft uns das Ewige im Irdischen erkennen, Gottes Leben im Menschenleben, das Vollkommene in jedem einzelnen Bruchst\u00fcck. Wenn wir auf unserem Weg die Spuren Gottes entdecken, dann fangen wir zu leben an.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Steck<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lebens-Geschichten: Skizzenbuch | 1. Korinther 13,9\u201312 | Wolfgang Steck | Markuskirche M\u00fcnchen Universit\u00e4tsgottesdienste der Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Wintersemester 2001\/2002 Paulus schreibt in seinen Briefen an die Korinther: Unser Wissen ist St\u00fcckwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das St\u00fcckwerk aufh\u00f6ren. 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