{"id":22389,"date":"2001-03-24T12:22:45","date_gmt":"2001-03-24T11:22:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22389"},"modified":"2025-03-24T12:26:56","modified_gmt":"2025-03-24T11:26:56","slug":"eg-81-56-der-fromme-stirbt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-81-56-der-fromme-stirbt\/","title":{"rendered":"EG 81, 5+6: \u201eDer Fromme stirbt\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Judika | 1.4.2001 |\u00a0EG 81, 5+6: \u201eDer Fromme stirbt\u201c |\u00a0Rolf Wischnath |<\/h3>\n<p><em>Verwechselung! &#8211; oder: Aprilscherz in der Passion!<\/em><\/p>\n<p><em>Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt, \/ der B\u00f6se lebt, der wider Gott gehandelt; \/ der Mensch verdient den Tod und ist entgangen, \/ Gott wird gefangen.<\/em><\/p>\n<p>EG 81, Strophe 5 des Liedes \u201eHerzliebster Jesu\u201c von Johann Heermann<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, die Strophe passt zu diesem Passionssonntag, der auf den ersten April f\u00e4llt:<\/p>\n<p>Am ersten April muss man aufpassen, um nicht in den April geschickt zu werden. Der wechselvolle und wetterwendische Monat hat dazu gef\u00fchrt, seinen ersten Tag als Tag der heiteren T\u00e4uschung und Verwechselung zu begehen. F\u00fcr die Kirche wird dadurch die Passionszeit, die Zeit, in der in besonderer Weise des Leidens und des Kreuzes Jesu gedacht wird, in ihrem Ernst unterbrochen. Aber schon in der urspr\u00fcnglichen Geschichte des Kreuzweges Jesu geschieht eine unglaubliche Verwechselung: \u201eDer Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt, der B\u00f6se lebt, der wider Gott gehandelt &#8230;.. \u201c Das ist gleichsam ein grandioser Aprilscherz, allerdings auf den ersten Blick ziemlich makaber. Und er hat einen direkten Anhalt in der Leidensgeschichte Jesu, in der die Lebensgeschichten zweier Menschen sich kreuzen und es zu einer grandiosen Verwechselung kommt &#8211; so, wie sie das Lied von Johann Hermann besingt. Diese Verwechselung ist zum Lachen und doch zugleich bitter ernst:<\/p>\n<p>Vor dem r\u00f6mischen Statthalter Pontius Pilatus, der zum ungerechten, feigen Richter an diesem Tag wird, steht der gefangene Jesus: h\u00f6hnisch mit der Dornenkrone und einem roten Mantel ausstaffiert zur Lachnummer als \u201eK\u00f6nig der Juden\u201c. Pontius Pilatus macht mit und erinnerte sich der Gewohnheit, dem Volk aus Anlass des Aprilfestes einen der j\u00fcdischen Gefangenen loszugeben \u2013 nach Wahl: also den, den sie sich aussuchen. Und da hei\u00dft es in der Bibel beim Evangelisten Matth\u00e4us:\u00a0<em>\u201eSie hatten aber zu der Zeit einen ber\u00fcchtigten Gefangenen, der hie\u00df\u00a0Jesus\u00a0Barrabas. Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben?, Jesus Barrabas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid ausgeliefert hatten\u201c (Matth\u00e4us 27, 15-18).<\/em><\/p>\n<p>Jesus Barrabas und Jesus Christus: zwei Gefangene stehen sich hier gegen\u00fcber. Komischerweise tragen sie denselben j\u00fcdischen Namen: \u201eJesus\u201c. Das hat man in der Geschichte der Kirche oft verschwiegen oder einfach vergessen: Auch Barrabas tr\u00e4gt den Namen Jesus. Zum Verwechseln gleich. Dieser Name wird von Matth\u00e4us im ersten Kapitel des Neuen Testaments im Blick auf den in Bethlehem geborenen Jesus erkl\u00e4rt: \u201eJesus\u201c hei\u00dft, \u201eEr wird sein Volk retten von ihren S\u00fcnden\u201c (Matth\u00e4us 1,21). In dieser Erkl\u00e4rung zitiert der Evangelist den achten Vers des 130. Psalms, wo es von dem Gott Israels hei\u00dft: \u201eJa, ER wird Israel retten von allen seinen S\u00fcnden.\u201c Eine un\u00fcberbietbare Identifikation des Jesus von Nazareth mit dem einen und einzigen Gott des erw\u00e4hlten Volkes wird hier vollzogen. Man muss das vom Anfang bis zum Ende des Evangeliums im Ohr behalten. Auch und gerade in der Passionsgeschichte. Und Johann Heermann bringt es wirklich auf den Punkt: \u201e&#8230;..\u00a0<em>der Mensch verdient den Tod und ist entgangen, \/\u00a0Gott\u00a0wird gefangen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>So wird aber auch klar, was es bedeutet, dass Barrabas denselben Namen tr\u00e4gt: Dieser andere Jesus, der auch Barrabas genannt wird, muss gerettet werden, sonst w\u00e4re er rettungslos verloren. Er ist ber\u00fcchtigt \u2013 das hei\u00dft: seine ruchlosen Taten sind ruchbar geworden. Barrabas war ein politischer Terrorist, der in seinem Fanatismus einen Mord begangen hatte. Er hatte das Schlimmste getan, was ein Mensch in der S\u00fcnde tun kann: einem Mitmenschen sein Leben nehmen, weil dieses Leben den eigenen Interessen im Wege steht. Der erste Jesus, der Christus genannt wird, muss retten, sonst w\u00e4re Barrabas rettungslos verloren. Denn auch der erste Jesus ist ber\u00fcchtigt \u2013 aber in einem anderen Sinne \u2013 n\u00e4mlich so, dass niemand auf die Frage des Pilatus antworten kann: \u201eWas hat er denn B\u00f6ses getan?\u201c<\/p>\n<p>So stehen sie sich gegen\u00fcber: der Ruchlose und sein Retter, beide mit dem Namen \u201eJesus\u201c. In dieser Gegen\u00fcberstellung wird an Beiden etwas deutlich:<\/p>\n<p>An\u00a0<em>Jesus Barrabas<\/em>\u00a0wird das Unfassliche der Leidengeschichte des Jesus, den sie den Christus nennen, fassbar. Der S\u00fcnder wird freigesprochen; er ist frei, ohne zur letzten Verantwortung gezogen zu werden f\u00fcr seine Schuld. Das ist wirklich zum Lachen. &#8211; An Jesus Barrabas sollen wir erkennen: Seit dem Tag seines Freispruchs tr\u00e4gt heimlich jeder Schuldige auch den Namen Jesus. Denn dieser Name ist f\u00fcr alle Schuldigen die einzige Hoffnung, weil Jesus Christus f\u00fcr jeden von ihnen das Urteil auf sich genommen hat, weil er f\u00fcr jeden von uns Schuldigen gestorben ist: weil er allein \u201esein Volk retten kann von seinen S\u00fcnden\u201c.<\/p>\n<p>Und an\u00a0<em>Jesus Christus<\/em>, dem unschuldig Hingerichteten, sollen wir erkennen: Seit dem Tag seiner Verurteilung ans Kreuz gibt es keine hoffnungslosen F\u00e4lle mehr: Kein Mensch ist so sehr mit seinen verfehlten Taten, mit seiner Schuld identisch, dass es f\u00fcr ihn keine Rettung mehr g\u00e4be. Vor Gott gibt es Rettung f\u00fcr den schlimmsten S\u00fcnder. Jesus Christus steht auch f\u00fcr ihn ein; der Gekreuzigte tritt auch an Deine und meine Stelle, so wie er an die Stelle des Jesus Barrabas getreten ist: an den Ort, wo wir verurteilt werden und wo einmal der gro\u00dfe Verurteiler unseres Lebens, der Tod, erscheint. Hier war und ist es Gott so ernst, so bitter ernst, dass er keinen Spa\u00df versteht. Er will den verurteilten, den sich so selber verurteilenden Menschen retten in seiner Liebe. Darum geht Gott in Christus selber im Gericht auf die Seite des Verurteilten. Kein Aprilscherz, keine T\u00e4uschung, sondern Gottes Versprechen und Rettung bekommen wir zu h\u00f6ren mit dem Namen Jesus Christus. Wunderbar \u2013 die Verwechselung des Schuldigen mit dem Unschuldigen! Es ist die einzig wunderbare Verwechselung in der Weltgeschichte. \u201eVerwechselung\u201c oder \u201eAustausch\u201c ist \u00fcbrigens die wortw\u00f6rtliche \u00dcbersetzung des griechischen Begriffs (\u201ekatallag\u00e4\u201c), der im Neuen Testament zu finden ist, und den die die deutschen Bibel\u00fcbersetzungen mit \u201eVers\u00f6hnung\u201c wiedergeben. Und \u201eVers\u00f6hnung\u201c \u2013 das ist Kern und Stern der Theologie des Kreuzes: \u201eVers\u00f6hnung\u201c zwischen Gott und Mensch als \u201eVerwechselung\u201c und \u201eAustausch\u201c, als Existenzstellvertretung. Nirgendwo wird das so deutlich wie an Jesus Barrabas und Jesus Christus. Aber auch unsere Stellvertretung, unsere Vers\u00f6hnung ist am Kreuz geschehen: der Gekreuzigte ist \u201ef\u00fcr die vielen gestorben\u201c \u2013 auch \u201ef\u00fcr uns gestorben\u201c.<\/p>\n<p>Ein f\u00fcr allemal und unter allen Umst\u00e4nden ist das ein hinreichender Grund zur Freude und zum Lachen. Und Sie, liebe Gemeinde, brauchen heute kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn die Kinder zu Aprilscherzen aufgelegt sind. Sie d\u00fcrfen sich davon anstecken lassen &#8211; auch von Johann Heermann mit der n\u00e4chsten Strophe seines Passionsliedes:<\/p>\n<p><em>\u201eO gro\u00dfe Lieb, o Lieb ohn alle Ma\u00dfe, \/ die dich gebracht auf diese Marterstra\u00dfe! \/ Ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden, \/ und du musst leiden.\u201c<\/em>\u00a0Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Generalsuperintendent Dr. Rolf Wischnath<\/strong><\/p>\n<p><strong>Seminarstra\u00dfe 38<\/strong><\/p>\n<p><strong>03044 Cottbus<\/strong><\/p>\n<p><strong>Telefon: 0355 \u2013 23369<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:generalsuperintendent.cottbus@t-online\"><strong>E-Mail: generalsuperintendent.cottbus@t-online .de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Judika | 1.4.2001 |\u00a0EG 81, 5+6: \u201eDer Fromme stirbt\u201c |\u00a0Rolf Wischnath | Verwechselung! &#8211; oder: Aprilscherz in der Passion! 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