{"id":22393,"date":"2001-03-24T12:29:29","date_gmt":"2001-03-24T11:29:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22393"},"modified":"2025-03-24T15:32:04","modified_gmt":"2025-03-24T14:32:04","slug":"eg-83-ein-laemmlein-geht-und-traegt-die-schuld-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-83-ein-laemmlein-geht-und-traegt-die-schuld-2\/","title":{"rendered":"EG 83 \u201eEin L\u00e4mmlein geht und tr\u00e4gt die Schuld\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Judika | 1.4.2001 | EG 83 \u201eEin L\u00e4mmlein geht und tr\u00e4gt die Schuld\u201c | Hans\u2013Gottlieb Wesenick |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Zu den eindrucksvollsten Passionsliedern unseres Gesangbuches geh\u00f6rt jenes, das Paul Gerhardt 1647, ein Jahr vor dem Ende des drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, gedichtet hat:\u00a0<em>\u201eEin L\u00e4mmlein geht und tr\u00e4gt die Schuld der Welt und ihrer Kinder; es geht und b\u00fc\u00dfet in Geduld die S\u00fcnden aller S\u00fcnder.\u201c<\/em>\u00a0Gleich am Anfang reiht er bedeutungsschwere Worte aneinander, und die malen sogleich d\u00fcstere Bilder vor unsere Augen:\u00a0<em>Schuld, b\u00fc\u00dfen, S\u00fcnden aller S\u00fcnder<\/em>\u00a0\u2013 alle aufgelastet dem L\u00e4mmlein, das sie in Geduld tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Seit Kindertagen vor 60 Jahren ist mir dieses Lied vertraut. In der Passionszeit geh\u00f6rte es ebenso selbstverst\u00e4ndlich zur h\u00e4uslichen Andacht wie zu den Sonntagsgottesdiensten und den Passionsandachten in der Kirche. Es pr\u00e4gte geradezu unausweichlich die d\u00fcster\u2013traurige Stimmung jener letzten beiden Passionswochen vom Sonntag Judica bis zum Karfreitag. Fast immer damals wurden alle zehn Strophen gesungen. Inzwischen stehen nur noch sieben von ihnen im Gesangbuch.<\/p>\n<p>Schon als sechs- oder siebenj\u00e4hriger Pastorensohn mu\u00dfte ich das Lied auswendig lernen. Meine Mutter erkl\u00e4rte, was ich nicht verstand, sprach mir unerm\u00fcdlich die Zeilen vor und lie\u00df sie mich so lange nachsprechen, bis ich eine Strophe auswendig hersagen konnte. Am folgenden Tag kam die n\u00e4chste dran.<\/p>\n<p>Ja, ich hatte meine M\u00fche mit dem Lied. Diese langen Strophen, diese mir schwer verst\u00e4ndlichen, zum Teil grausamen Bilder und Ausdr\u00fccke:\u00a0<em>\u201e&#8230; ergibt sich auf die W\u00fcrgebank&#8230;\u201c; \u201eO Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst, was nie kein Mensch gedacht, Gott seinen Sohn abzwingen\u201c; \u201eDu marterst ihn am Kreuzesstamm mit N\u00e4geln und mit Spie\u00dfen, du schlachtest ihn als wie ein Lamm, machst Herz und Adern flie\u00dfen\u201c; \u201eIch will mich dir &#8230; hiemit zu deinem Eigentum best\u00e4ndiglich verschreiben\u201c;<\/em>\u00a0<em>\u201eMein Bach des Lebens soll sich dir und deinem Namen f\u00fcr und f\u00fcr in Dankbarkeit ergie\u00dfen &#8230;\u201c<\/em>!\u00a0**Sprache, Bilder, Gedanken \u2013 sie sind nicht mehr von dieser Welt. Man mu\u00df heute schon genau hinh\u00f6ren und hinschauen, um sie zu verstehen.<\/p>\n<p>Sogar das Singen des Liedes war m\u00fchevoll. Die Melodie beginnt in hoher Lage, f\u00e4llt, steigt erneut, pendelt um die hohen T\u00f6ne herum, f\u00e4llt wieder und erreicht bei \u201eKreuz und Tod\u201c sogar die Ba\u00dflage. Am Ende war ich immer heiser, vor allem in der Konfirmandenzeit und danach und eigentlich bis heute, auch wenn die Melodie im Evangelischen Gesangbuch inzwischen einen Ton tiefer gelegt wurde (Es\u2013Dur statt fr\u00fcher F\u2013Dur). Nun l\u00e4\u00dft sie sich zwar leichter singen, klingt aber nicht mehr so gut.<\/p>\n<p>Ach ja, dieses Passionslied kann einem zur Passion werden! Und doch liebe ich es. Denn seine zun\u00e4chst so eigenartigen Bilder und Ausdr\u00fccke haben es doch irgendwie in sich.<\/p>\n<p>Das beginnt schon mit dem \u201eL\u00e4mmlein\u201c am Anfang. Schafe und ihre L\u00e4mmer geh\u00f6rten n\u00e4mlich zu meinem Kinderleben und waren mir von klein auf v\u00f6llig vertraut, weil bei uns immer wenigstens zwei oder drei Muttertiere im Stall standen. Von der Geburt der L\u00e4mmer im zeitigen Fr\u00fchjahr \u00fcber die Schafschur im Juni bis zum Herbst, wenn ein Tier geschlachtet wurde, erlebten wir Kinder alles mit und lebten geradezu mit diesen von uns sehr geliebten Tieren. Ihre Wolle, daheim versponnen und sp\u00e4ter verstrickt und verwebt, lieferte uns w\u00e4rmende Kleidung, in der wir die kalten Kriegswinter problemlos \u00fcberstanden: Str\u00fcmpfe, die zuerst arg kratzten, Hosen, Jacken, M\u00fctzen, Schals und Handschuhe und w\u00e4rmende Decken. Ihr gegerbtes Fell schlie\u00dflich leistete uns noch jahrelang als Bettvorleger und nat\u00fcrlich als Hirtenmantel beim Krippenspiel gute Dienste, w\u00e4hrend ihr Mist unentbehrlich war als D\u00fcnger bei der herbstlichen Bestellung des Gem\u00fcsegartens. Unseren Schafen verdanken wir viel Gutes. Bis heute bin ich ihnen dankbar.<\/p>\n<p>So wird auch Paul Gerhardt, der Dichter unseres Liedes, die Schafe erlebt haben. Zu seiner Zeit galten ja noch in weit umfassenderen Ma\u00dfe als heute die kreislaufartigen Regeln der Haus- und Landwirtschaft und waren zur Eigenversorgung schlicht lebensnotwendig. Macht man sich das klar, dann verlieren die Bilder seines Passionsliedes schon einmal einen Teil ihrer Fremdheit. Und einen weiteren Teil verlieren sie, wenn wir erkennen, wie stark diese Bilder ihrerseits in der Bibel verwurzelt sind und dort im Grunde genauso eng mit den Lebens- und Wirtschaftsbedingungen der Menschen im alten Pal\u00e4stina zusammenh\u00e4ngen. Was gemeint war, verstand damals jeder.<\/p>\n<p>Wir wissen es oft nicht mehr, und deshalb bedarf es hier wohl einiger erkl\u00e4render Hinweise. In der Bibel(1) geh\u00f6rt ein Lamm in die Schilderung der Nacht vor dem Auszug der Kinder Israel aus \u00c4gypten. Jeder Hausvater soll ein Lamm schlachten und mit dessen Blut die beiden Pfosten und die obere Schwelle seiner Haust\u00fcr bestreichen: das Erkennungszeichen f\u00fcr den W\u00fcrgeengel, der in jener Nacht alle Erstgeburt der \u00c4gypter t\u00f6ten wird. Sodann sollen alle Hausbewohner das gebratene Fleisch mit unges\u00e4uertem Brot und Bitterkr\u00e4utern als Beilage essen. Auf diese Anweisung geht das j\u00fcdische Passafest zur\u00fcck, das bis heute in Israel und in j\u00fcdischen Familien als Gedenktag und Fest der Befreiung aus der \u00e4gyptischen Knechtschaft gefeiert wird. Aus den Evangelien wissen wir ja, da\u00df Jesus sich am Abend vor seiner Gefangennahme mit seinen J\u00fcngern zusammensetzte, um das Passalamm zu essen und somit ganz selbstverst\u00e4ndlich diesem uralten Brauch zu folgen.<\/p>\n<p>Noch in anderer Hinsicht ist das Lamm von Bedeutung. Es ist das bevorzugte Opfertier, wird also Gott als Gabe dargebracht, um S\u00fchne und Reinigung eines Einzelnen wie einer gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft oder eines ganzen Volkes von S\u00fcnden zu erwirken. Man war sich dessen im alten Israel bewu\u00dft: die Welt unterliegt einer Ordnung, deren Verletzung \u00fcbermenschliche M\u00e4chte nicht ungestraft lassen. Nur S\u00fchne kann daher die sonst unweigerlich drohende Kette von Schuld und Unheil unterbrechen. Darum gibt es Opfer- und S\u00fchnerituale, die im Alten Testament als gn\u00e4dige Einrichtungen Gottes verstanden werden, durch die er selbst den Zusammenhang zwischen S\u00fcnde und Unheil durchbricht. Eines dieser Rituale ist besonders eindr\u00fccklich und anschaulich: am Vers\u00f6hnungstag, dem Jom Kippur, noch heute in Israel als Bu\u00dftag begangen, brachte, so lange der Tempel in Jerusalem bestand, der Hohepriester Opferblut in das Allerheiligste des Tempels, das er nur an diesem Tage betrat, und der \u201eS\u00fcndenbock\u201c wurde, beladen mit den S\u00fcnden der ganzen Gemeinde, in die W\u00fcste getrieben.(2)<\/p>\n<p>Von hier aus ist zu verstehen, da\u00df das Bild des leidenden Gottesknechtes, das vom Propheten Deuterojesaja gezeichnet wird, einzigartige Bedeutung gewonnen hat f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Todes Jesu. Der Gottesknecht stirbt, weil er gehorsam diente:\u00a0<em>\u201eF\u00fcrwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. &#8230; Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer S\u00fcnde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf da\u00df wir Frieden h\u00e4tten &#8230; und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank gef\u00fchrt wird.\u201c(3)<\/em>\u00a0Der Gottesknecht leidet und stirbt stellvertretend f\u00fcr alle, weil Gott diesen Ausgang so wollte.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung von der stellvertretenden S\u00fchne pr\u00e4gt nun auch alle sonstigen neutestamentlichen Aussagen \u00fcber Jesu Tod am Kreuz f\u00fcr uns. So kann Johannes der T\u00e4ufer, als er Jesus zum ersten Mal begegnet, ihn bezeichnen als das\u00a0<em>\u201eLamm Gottes, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt\u201c(4)<\/em>. So kann Paulus im R\u00f6merbrief von der Erl\u00f6sung sprechen,\u00a0<em>\u201edie durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott f\u00fcr den Glauben hingestellt als S\u00fchne in seinem Blut.\u201c(5)<\/em>\u00a0Im s\u00fchnenden Sterben Jesu f\u00fcr die Gottlosen, S\u00fcnder und Feinde Gottes ereignet sich die Rechtfertigung des Gottlosen, die Vergebung der S\u00fcnden und die Vers\u00f6hnung mit Gott. Das ganze Neue Testament betont: im Weg und Werk Jesu hat sich ein f\u00fcr allemal etwas unerh\u00f6rt Neues ereignet, was es so bisher noch nie gegeben hat. F\u00fcr den s\u00fcndigen Menschen gibt es einzig und allein aufgrund des Todes und der Auferstehung Jesu einen Zugang zu dem heiligen Gott und zur Gemeinschaft mit ihm:\u00a0<em>\u201eallein durch Christus\u201c<\/em>\u00a0gibt es das Heil. In ihm ist Gott selbst f\u00fcr den s\u00fcndigen Menschen eingetreten, um ihn in seiner sch\u00f6pferischen Allmacht von der S\u00fcnde zu befreien und so zu einer neuen Kreatur zu machen.(6)<\/p>\n<p>Diese Zusammenh\u00e4nge nimmt Paul Gerhardt mit seinem Passionslied in den Blick. Er beschreibt also mit aus der Bibel und aus seiner Umwelt vertrauten Bildern, was er sieht. Er sieht den gefangenen Jesus, der sein Kreuz auf dem R\u00fccken tr\u00e4gt, in Jerusalem durch die Gassen der via dolorosa gehend, den Schmerzensweg entlang. Er sieht ihn nicht als einen Menschen, den ein besonders hartes Schicksal getroffen hat, sondern als das Lamm Gottes, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt. Der Dichter scheut sich nicht, seiner innigen, geradezu kindlichen Liebe zu diesem Lamm in dem Kosenamen \u201eL\u00e4mmlein\u201c Ausdruck zu geben, wie das schon andere Liederdichter vor ihm getan hatten.<\/p>\n<p>Der Dichter will mit seinem Liede von der ersten bis zur letzten Strophe die abgrundtiefe Liebe besingen und preisen, die er in dem Lamm Gottes verk\u00f6rpert sieht. Das ganze Lied ist ein Lobgesang auf die Liebe, wie er in dieser Form in kaum einem anderen Passionslied begegnet. Droben im Himmel die geheimnisvollen Tiefen Gottes, drunten auf Erden die Menschenherzen \u2013 alles ist erf\u00fcllt von der ewigen Liebe.(7)<\/p>\n<p>Und so stellt der Dichter nun Vater und Sohn im Gespr\u00e4ch miteinander dar, wie das schon Martin Luther in seinem bekannten Liede\u00a0<em>\u201eNun freut euch, lieben Christen g\u2018mein\u201c<\/em>\u00a0getan hat. Der Vater selbst gibt den ersten Ansto\u00df zum Erl\u00f6sungswerk, und es klingt fast so, als bewegten Gott nicht\u00a0<em>Strafe<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Zorn<\/em>, die wie ein furchtbares Verh\u00e4ngnis gewitterschwer \u00fcber der Menschheit st\u00fcnden, sondern nur die eine Sorge, n\u00e4mlich wie er die Menschen aus diesem Verh\u00e4ngnis herausretten k\u00f6nnte:\u00a0<em>\u201eDie Straf&#8216; ist schwer, der Zorn ist gro\u00df, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.\u201c<\/em>\u00a0Dabei macht Gott keinen Unterschied zwischen den Menschen, bestimmt nicht etwa einige wenige zur Seligkeit und alle anderen zur Verdammnis. Nein, die ganze Menschheit soll und kann erl\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Der Sohn z\u00f6gert nicht einen Augenblick:\u00a0<em>\u201eJa, Vater, ja von Herzensgrund leg auf, ich will dir\u2019s tragen; mein Wollen h\u00e4ngt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.\u201c<\/em>\u00a0Staunend f\u00fcgt der Dichter hinzu:\u00a0<em>\u201eO Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst, was nie kein Mensch gedacht, Gott seinen Sohn abzwingen. O Liebe, Liebe, du bist stark. du streckest den in Grab und Sarg, vor dem die Felsen springen.\u201c<\/em>\u00a0Hier leuchtet schon der Ostermorgen auf, an dem die Gr\u00e4ber sich \u00f6ffnen werden.(8)<\/p>\n<p>Der Dichter f\u00e4hrt fort, sein Staunen \u00fcber die Liebestat Gottes auszubreiten, indem er die grausame Kreuzigung schildert (urspr. Str. 4) und fragt:\u00a0<em>\u201eO s\u00fc\u00dfes Lamm, was soll ich dir erweisen daf\u00fcr, da\u00df du mir erweisest so viel Gutes?\u201c<\/em>\u00a0Darauf verspricht er:\u00a0<em>\u201eMein Lebetage will ich dich aus meinem Sinn nicht lassen, dich will ich stets, gleich wie du mich, mit Liebesarmen fassen.\u201c<\/em>\u00a0Ja, er will es geschrieben festhalten:\u00a0<em>\u201eIch will mich dir, mein h\u00f6chster Ruhm, hiemit zu deinem Eigentum best\u00e4ndiglich verschreiben.\u201c<\/em>\u00a0Mit diesem Gedanken kn\u00fcpft er an eine Stelle beim Propheten Jesaja(9) an, wo es hei\u00dft:\u00a0<em>\u201eUnd wieder ein anderer wird in seine Hand schreiben \u201adem Herrn eigen.\u2018\u201c<\/em>\u00a0Damit wird auf die damals verbreitete Sitte angespielt, auf der rechten oder linken Hand eines Sklaven den Namen seines Herrn einzut\u00e4towieren. Paul Gerhardt versteht das bildlich als st\u00e4rksten Ausdruck daf\u00fcr, da\u00df er sich der Liebe Gottes, der der eigene Sohn nicht zu schade ist, gleichsam mit Haut und Haaren lebenslang verpflichtet wei\u00df. Das wird in der folgenden Strophe noch verst\u00e4rkt:\u00a0<em>\u201eIch will von deiner Lieblichkeit bei Nacht und Tage singen, mich selbst auch dir zu aller Zeit zum Freudenopfer bringen. &#8230; und was du mir zugut getan, das will ich stets, so tief ich kann, in mein Ged\u00e4chtnis schlie\u00dfen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Paul Gerhardts Passionslied ist also eine Betrachtung der Passion Jesu, ein Loblied auf die Liebe Gottes und seine gn\u00e4dige Zuwendung zu jedem Menschen, der sich diese Liebestat im Glauben gefallen l\u00e4\u00dft und sie als f\u00fcr sich ganz pers\u00f6nlich geschehen annimmt. Es ist der Versuch, das Evangelium von der Passion Jesu in der Sprache und Vorstellungswelt seiner Zeit zu verk\u00fcndigen und auszulegen. Dichtung und Lied eignen sich besonders dazu, sich dies Geschehen zu vergegenw\u00e4rtigen und anzueignen, und zwar sowohl allein als auch in der Gemeinschaft des Gottesdienstes.<\/p>\n<p>Wir haben heute unsere M\u00fche mit diesem Lied und m\u00fcssen erst Erkl\u00e4rungen suchen. Sie erschlie\u00dfen uns den Zugang, gewi\u00df, aber wenn man erst ausf\u00fchrliche Erkl\u00e4rungen ben\u00f6tigt, um diese Botschaft wirklich zu verstehen, dann bleibt sie schwer zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Andererseits gibt es viele Zusammenh\u00e4nge mit unserer Zeit und ihren aktuellen N\u00f6ten. Einer von ihnen dr\u00e4ngt sich zur Zeit f\u00f6rmlich auf und markiert einen Wendepunkt in unseren Lebens- und Verbrauchsgewohnheiten. Um die Ausbreitung von BSE und MKS zu stoppen, werden gegenw\u00e4rtig Schafe, Rinder, Schweine in England zu Tausenden verbrannt, in anderen L\u00e4ndern Europas ebenfalls massenhaft get\u00f6tet. Erschreckend machen diese Vorg\u00e4nge deutlich, in welch starkem Ma\u00dfe wir uns vom nat\u00fcrlichen Wachsen und Gebrauch unserer Nahrungsmittel entfernt haben. Industrielle Landwirtschaft, Nahrungsmittelindustrie, Globalisierung, Wettbewerb um die g\u00fcnstigsten Preise auf allen M\u00e4rkten und dennoch gesicherte und gesunde Ern\u00e4hrung von Millionen Menschen \u2013 diese Stichworte zeigen die Problematik.<\/p>\n<p>Es soll und darf hier nicht um Schuldzuweisung an einzelne gehen. Wohl aber mu\u00df von Schuld die Rede sein, die wir als Gesellschaft alle miteinander auf uns geladen haben, als Gesellschaft, in der der bisherige Weg eingeschlagen worden ist, der sich nun als verh\u00e4ngnisvoll herausgestellt hat und von dem wohl gilt, was auch bei Jesaja(10) zu lesen ist:\u00a0<em>\u201eWir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg<\/em>.<em>\u201c<\/em>\u00a0Als Einzelne k\u00f6nnen wir nicht dem ganzen System entrinnen. Wir k\u00f6nnen zwar hier und da \u201eNein!\u201c sagen und auf Alternativen ausweichen, aber damit sind diese wirklich au\u00dferordentlich schwierigen Probleme noch lange nicht gel\u00f6st. Umdenken hei\u00dft es jetzt, Neuorientierung. Ja, die sind sicherlich auf allen Ebenen n\u00f6tig, und daran wird ja auch bereits gearbeitet. Aber an ihrem Anfang mu\u00df doch wohl auch die Besinnung darauf stehen, da\u00df der Mensch nicht ungestraft nat\u00fcrliche Zusammenh\u00e4nge des Lebens, der Natur und ihres verantwortlichen Gebrauchs durch den Menschen mi\u00dfachten darf. Der Mensch hat sich angew\u00f6hnt und angema\u00dft, alles zu machen, was machbar ist, und sich allm\u00e4chtig zu d\u00fcnken. Er wollte und will sein wie Gott. Das ist gleichsam die Urs\u00fcnde des Menschen. Hier ist also Schuld vor dem Sch\u00f6pfer zu bekennen. Und dabei kann vielleicht auch jenes Lied von Paul Gerhardt Anleitung geben, selbst wenn wir unsere M\u00fche damit haben:\u00a0<em>\u201eEin L\u00e4mmlein geht und tr\u00e4gt die Schuld der Welt und ihrer Kinder.\u201c<\/em>\u00a0Amen.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle, die den Liedtext nur in der gek\u00fcrzten Fassung des EKG (8 Strophen) oder EG (7 Strophen) zur Verf\u00fcgung haben, folgen hier die Texte der beiden ausgelassenen Strophen:<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Du marterst ihn am Kreuzesstamm \/ mit N\u00e4geln und mit Spie\u00dfen, du schlachtest ihn als wie ein Lamm, \/ machst Herz und Adern flie\u00dfen, das Herze mit der Seufzer Kraft, \/ die Adern mit dem edlen Saft \/ des purpurroten Blutes. O s\u00fc\u00dfes Lamm, was soll ich dir \/ erweisen daf\u00fcr, da\u00df du mir \/ erweisest so viel Gutes?<\/li>\n<li>Was schadet mir des Todes Gift? \/ Dein Blut, das ist mein Leben. Wenn mich der Sonne Hitze trifft, \/ so kann mir\u2019s Schatten geben; setzt mir der Schmerz der Wehmut zu, \/ so find\u2018 ich bei dir meine Ruh\u2018 \/ wie auf dem Bett ein Kranker; und wenn das Kreuzes Ungest\u00fcm \/ mein Schifflein treibet um und um, \/ so bist du dann mein Anker.<\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p>(1) Siehe Ex. 12<\/p>\n<p>(2) Siehe Lev. 16<\/p>\n<p>(3) Jes. 52, 13\u201353, 12<\/p>\n<p>(4) Joh. 1, 29. 36<\/p>\n<p>(5) R\u00f6m. 3, 24 f bzw. 3, 22\u201326<\/p>\n<p>(6) O. Hofius in TRE XXXII, S. 342 ff, bes. S. 347 f.<\/p>\n<p>(7) J. Kulp in \u201eDie Lieder unserer Kirche\u201c, Handbuch zum EKG, Sonderband, S. 114<\/p>\n<p>(8) Matth. 27, 52<\/p>\n<p>(9) Jes. 44, 5<\/p>\n<p>(10) Jes. 53, 6<\/p>\n<p><strong>Hans\u2013Gottlieb Wesenick, Pastor i. R.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Stauffenbergring 33, 37075 G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel. 05 51 \/ 2 09 97 05, Fax 05 51 \/ 2 09 97 08<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:H.-G.Wesenick@t-online.de\"><strong>e\u2013Mail: H.-G.Wesenick@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Judika | 1.4.2001 | EG 83 \u201eEin L\u00e4mmlein geht und tr\u00e4gt die Schuld\u201c | Hans\u2013Gottlieb Wesenick | Liebe Gemeinde! 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