{"id":22397,"date":"2001-03-24T15:35:41","date_gmt":"2001-03-24T14:35:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22397"},"modified":"2025-03-24T15:37:47","modified_gmt":"2025-03-24T14:37:47","slug":"eg-88-1-6-jesu-deine-passion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-88-1-6-jesu-deine-passion\/","title":{"rendered":"EG 88, 1-6 \u201eJesu, deine Passion\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Invokavit | 4.3.2001 | EG 88, 1-6 \u201eJesu, deine Passion\u201c | Klaus Raschzok |<\/h3>\n<p>Der N\u00fcrnberger Barockdichter Sigmund von Birken verfa\u00dft 1663 eine in kunstvoll-schlichter Sprache gestaltete Anleitung, Jesu Leidensweg pers\u00f6nlich zu betrachten und mit dem gottesdienstlichen Erleben zu verbinden. Die erste Strophe von \u201eJesu, deine Passion\u201c beschreibt die Voraussetzungen dieses Meditationsweges. Mit dem bewu\u00dften Gebrauch der Worte \u201eich\u201c und \u201ejetzt\u201c gelingt es Sigmund von Birken, die singende Gemeinde unmittelbar in die beschriebene Erfahrung mit hineinzunehmen:<\/p>\n<p>\u201eJesu, deine Passion will ich jetzt bedenken; wollest mir vom Himmelsthron Geist und Andacht schenken. In dem Bilde jetzt erschein, Jesu, meinem Herren, wie du, unser Heil zu sein, littest alle Schmerzen.\u201c (EG 88,1)<\/p>\n<p>Die Meditation des Leidens Jesu beginnt mit der pers\u00f6nlichen Anrede: \u201eJesu, deine Passion\u201c. Ein vertrautes Verh\u00e4ltnis wird so geschaffen. Passionsbetrachtung \u00fcberwindet die Distanz. \u201eJetzt\u201c wird Jesu Leiden betrachtet. Aber zugleich mit der vergegenw\u00e4rtigten Erinnerung an Jesu Weg zwischen Palmsonntag und Karfreitag spielt noch eine weitere Zeitebene eine Rolle: \u201ewollest mir vom Himmelsthron Geist und Andacht schenken.\u201c<\/p>\n<p>Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als die drei Zeitformen sind in der Passionsbetrachtung miteinander verbunden. Die Betrachtung des Leidens und Sterbens Jesu gilt keinem nur ausschlie\u00dflich historischen Geschehen. Sie erfolgt in Verbindung mit dem auferstandenen Christus, der, wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis hei\u00dft, zur Rechten des Vaters sitzt und von dort \u201ekommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten.\u201c Indem Sigmund von Birken bereits mit der ersten Strophe auf diese Weise die Zeiten verbindet, f\u00fchrt er in der Passionsbetrachtung zur grundlegenden Erfahrung jedes Gottesdienstes: da\u00df wie f\u00fcr einen Augenblick die Zeit aufgehoben scheint, und gegenw\u00e4rtige, vergangene und zuk\u00fcnftige himmlische Gemeinde im Lob und in der Anbetung verbunden sind.<\/p>\n<p>\u201eIn dem Bilde jetzt erschein, Jesu, meinem Herzen\u201c: Der leidende Herr nimmt Gestalt ein. In meinem Inneren formt sich ein Bild aus ganz unterschiedlichen Elementen: Bildeindr\u00fccke aus der Kunst, biblische Szenen, Wortfetzen aus Liedern oder Gebeten. Auf diese Weise entsteht mein ganz pers\u00f6nliches Bild des leidenden Herrn. K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler tun nichts anderes, nur da\u00df sie diesen Vorgang nach au\u00dfen kehren und sichtbar f\u00fcr andere machen.<\/p>\n<p>Das im Inneren ganz pers\u00f6nlich geformte Bild des leidenden Herrn wird durch Sigmund von Birken noch n\u00e4her bestimmt: \u201e&#8230; wie du, unser Heil zu sein, littest alle Schmerzen.\u201c Der Leidende und Gekreuzigte leidet alle Schmerzen. Alle lasten auf ihm, bis an das Ende der Zeit. Erst dann wird Jesu Leidensweg endg\u00fcltig zum Abschlu\u00df gekommen sein. Und er tr\u00e4gt alle Schmerzen als \u201eunser Heil\u201c. F\u00fcr uns, uns zugute. Sigmund von Birkens Worte f\u00fchren uns als singende Gemeinde hinein in die Spannung zwischen dem leidenden Herrn, der die S\u00fcnde der Welt tr\u00e4gt, und dem Auferstandenen, der seiner Gemeinde in Brot und Wein gegenw\u00e4rtig ist.<\/p>\n<p>Die Strophen 3 bis 5 des Liedes beschreiben diesen Betrachtungsvorgang noch n\u00e4her. Sie benennen, wie meine eigene Schuld und die von Jesus getragenen Schmerzen in tiefer Weise zusammenh\u00e4ngen. Sie leiten dar\u00fcber zur Reue und Bu\u00dfe an und beschreiben Christus als den Heilsmittler, der vor Gott f\u00fcr mich eintritt. Die sechste Strophe nimmt das bis in unsere Alltagssprache hinein noch sp\u00fcrbare Wort vom Nachtragen des Kreuzes auf:<\/p>\n<p>\u201eGib auch, Jesu, da\u00df ich gern dir das Kreuz nachtrage, da\u00df ich Demut von dir lern und Geduld in Plage, da\u00df ich dir geb Lieb um Lieb. Indes la\u00df dies Lallen \u2013 bessern Dank ich dorten geb \u2013, Jesu, dir gefallen.\u201c (EG 88,6)<\/p>\n<p>Das \u201eTragen des Kreuzes\u201c vollzieht sich bei Sigmund von Birken in einer bewu\u00dft schlichten Weise \u2013 im Erlernen der Demut und der Geduld, dort, wo dieses Verhalten unumg\u00e4nglich ist.Joachim Scharfenberg, der verstorbene Kieler Pastoralpsychologe, hat in seiner Arbeit als Seelsorger immer Wert auf eine wichtige Unterscheidung gelegt. Es gehe darum, im Seelsorgegespr\u00e4ch mit dem Gespr\u00e4chspartner danach zu fragen, ob es sich um vermeidbares oder um unvermeidbares Leid handle. Gegen vermeidbares Leid sei mit aller Macht anzuk\u00e4mpfen. Unvermeidbares Leid jedoch m\u00fcsse im Sinne der Kreuzesnachfolge in \u201eDemut\u201c und \u201eGeduld\u201c getragen werden. Str\u00e4flich sei es aber, auf die Unterscheidung zwischen vermeidbarem und unvermeidbarem Leid zu verzichten!<\/p>\n<p>Das Nachtragen des Kreuzes wird bei Sigmund von Birken als k\u00f6rperbezogener Vorgang beschrieben. In der Begleitung Schwerstkranker und Sterbender erweist es sich als hilfreich, dem Kranken ein kleines Kreuz aus Holz oder Metall in die Hand zu geben, um im Ber\u00fchren und Sp\u00fcren \u00fcber die H\u00e4nde und ihre hohe Sensibilit\u00e4t dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn nahe zu sein.<\/p>\n<p>Doch alle diese Versuche werden bei Sigmund von Birken aus tiefer Einsicht heraus selbstkritisch als \u201eLallen\u201c bezeichnet. Sie sind Christus gegen\u00fcber wie erste Versuche eines kleinen Kindes, Worte zu formen und zu bilden. Aber, so bittet die sechste Liedstrophe: Jesus m\u00f6ge sich dieses \u201eLallen\u201c gefallen lassen, als einen ersten Dank. \u201e&#8230; bessern Dank ich dorten geb\u201c, hei\u00dft es dann weiter. Auf diese Weise kommt es \u00fcber dem Einstimmen in das Lied wie in der ersten Strophe zur Erfahrung der aufgehobenen Zeit. Erst die Vollendung erm\u00f6glicht das, was wir Christus an Dank schuldig sind.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Singen vollzieht sich mit diesen Worten jedoch zugleich ein \u00dcbergang. Der Blick \u00fcber die Zeit hinaus wird erm\u00f6glicht, als Ein\u00fcbung in die Perspektive g\u00f6ttlicher Vollendung. Die singende Gemeinde ist schon dort, wei\u00df ihren Ort. Und so schlie\u00dft Sigmund von Birkens Passionslied mit der in der Eingangsstrophe bereits angeklungenen Erfahrung jedes Gottesdienstes. Erinnerung, Gegenwart und Zukunft fallen f\u00fcr einen Augenblick ineinander vor Gott. Gegenw\u00e4rtige, vergangene und zuk\u00fcnftige himmlische Gemeinde vereinen sich in der Feier des Heiligen Abendmahls im Lobgesang der Engel: \u201eHeilig, heilig, heilig, ist der Herre Zebaoth. Alle Land sind seiner Ehre voll. Hosianna in der H\u00f6he.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Professor Dr. Klaus Raschzok<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lehrstuhl f\u00fcr Praktische Theologie<\/strong><\/p>\n<p><strong>Theologische Fakult\u00e4t der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena<\/strong><\/p>\n<p><strong>F\u00fcrstengraben 1<\/strong><\/p>\n<p><strong>07743 Jena<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Invokavit | 4.3.2001 | EG 88, 1-6 \u201eJesu, deine Passion\u201c | Klaus Raschzok | Der N\u00fcrnberger Barockdichter Sigmund von Birken verfa\u00dft 1663 eine in kunstvoll-schlichter Sprache gestaltete Anleitung, Jesu Leidensweg pers\u00f6nlich zu betrachten und mit dem gottesdienstlichen Erleben zu verbinden. Die erste Strophe von \u201eJesu, deine Passion\u201c beschreibt die Voraussetzungen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7585,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[727,157,114,680,349,1554,909,109,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22397","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-invokavit","category-kasus","category-klaus-raschzok","category-passion-im-lied","category-predigten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22397"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22398,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22397\/revisions\/22398"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7585"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22397"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22397"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22397"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22397"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}