{"id":22401,"date":"2001-03-24T15:40:40","date_gmt":"2001-03-24T14:40:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22401"},"modified":"2025-03-24T15:43:08","modified_gmt":"2025-03-24T14:43:08","slug":"eg-82-wenn-meine-suend-mich-kraenken-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-82-wenn-meine-suend-mich-kraenken-2\/","title":{"rendered":"EG 82 \u201eWenn meine S\u00fcnd mich kr\u00e4nken &#8230; \u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Okuli | 18.3.2001 | EG 82 \u201eWenn meine S\u00fcnd mich kr\u00e4nken &#8230; \u201c | Harald Welge |<\/h3>\n<p>Wer zur\u00fcckschaut, hat hier heute nichts zu suchen; &#8211; will ich konsequent sein, d\u00fcrfte die Geschichte keine Rolle in meinem Leben spielen, folge ich dem Wochenspruch \u201eWer seine Hand an den Pflug legt und sieht zur\u00fcck, der ist nicht geschickt f\u00fcr das Reich Gottes\u201c (LK 9,62). Aber mitten in der Passionszeit die Geschichte aus der Hand legen? \u2013 wo doch gerade in diesen Tagen d i e Geschichte des Mannes aus Nazareth im Mittelpunkt unseres Denkens und Gedenkens stehen sollte. Ach wie oft erlebe ich, wie Kirche und Museum in eins gesehen werden: \u201ewie sch\u00f6n die geschwungenen Pfeiler; wie interessant jene Erz\u00e4hlungen aus l\u00e4ngst vergangenen Zeiten\u201c.<\/p>\n<p>Ganz anders das Wochenlied dieser Woche; Passionsgeschichte: nicht das Leiden der Vergangenheit, sondern m e i n Leiden; m e i n Schmerz in diesem Leben, das ich zu f\u00fchren, zu tragen, zu erdulden und ab und zu zu genie\u00dfen habe; ein Lied, geschrieben zwei Jahre vor Ende des drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges; von einem Mann, der Theologie studierte bei einem Professor , der wohl mit als einer der ersten \u00d6kumeniker zu verstehen ist. Also stelle ich mit vor, da\u00df Justus Gesenius , der Autor dieses Liedes, die frische Trennung der westlichen Kirche in Altgl\u00e4ubige (Katholiken) und Protestanten nicht nur als gegebenes Schicksal verstand, sondern auch suchte nach einer Glaubensform, die \u00fcber die Vergangenheit hinaus den Christus erblickt, der die Zukunft des Lebens, der Welt \u2013 ja auch die Zukunft der Kirche zeichnet.<\/p>\n<p>Wenn mich nun aber die Vergangenheit aus ihrem Bann entlassen soll, und ich die Zukunft nicht als reines Luftgespinst im unrealen Tagtraum phantasieren will, brauche ich einen Standort in der Gegenwart, an dem ich mich vergewissern kann, wo ich stehe, wer ich bin, wohin ich heute m\u00f6chte.<\/p>\n<p>EG 82 Strophe 1 Wenn meine S\u00fcnd mich kr\u00e4nken, o mein Herr Jesu Christ,<\/p>\n<p>so la\u00df mich wohl bedenken, wie du gestorben bist<\/p>\n<p>und alle meine Schuldenlast am Stamm des heiligen Kreuzes<\/p>\n<p>auf dich genommen hast.<\/p>\n<p>Krank sein. L\u00e4ngst habe ich kein Verh\u00e4ltnis mehr zur S\u00fcnde als Ursache einer Krankheit; schon die Freunde Hiobs hatten sich in solchen Grundlagenforschungen auf den Irrweg begeben. Doch die Psychosomatik hat uns eingeholt. Nicht da\u00df nun eine kausales Prinzip von Moral und Erkrankung neu konstruiert werden sollte, aber da\u00df mich etwas kr\u00e4nkt, da\u00df mich eine psychische Belastung krank macht, das sprechen wir allt\u00e4glich aus: wenn mir etwas auf dem Magen schl\u00e4gt, wenn mir die Galle \u00fcbergeht, wenn mein Herz bricht: \u201edas macht mich krank.\u201c \u2013 wie sehr leide ich unter Schuld; wie sehr schmerzt es mich, wenn ich mit einem anderen Menschen in Unfrieden leben \u2013 und vielleicht gerade mit dem, der mir besonders nahe steht, geradezu ans Herz gewachsen ist.<\/p>\n<p>\u201eS\u00fcnd mich kr\u00e4nken\u201c \u2013 ich sch\u00e4tze das Wort \u201eVerfehlung\u201c als Synonym f\u00fcr \u201eS\u00fcnde\u201c; es entspricht dem griechischen Wort f\u00fcr S\u00fcnde, das bedeutet, sein Ziel verfehlen. Ein Mensch, der s\u00fcndigt, verfehlt sein Leben, trifft nicht sein Ziel \u2013 heute sprechen wir dann von der Identit\u00e4t, die der Mensch sucht und sucht &#8230; Der zerrissene Mensch. Das ist der Mensch der Passionsgeschichte. Der Mensch, der allerdings auf dem Weg ist, sich einzugestehen, da\u00df er das Ziel verfehlt hat, am Leben vorbei l\u00e4uft, Ziele ersp\u00e4ht, die letztlich gar nicht seine Ziele sind. Der Mensch in der Passionsgeschichte ist ein mutiger Mensch, weil er bei seinem Lauf um die selbstgesteckten Ziele auf einmal stehen bleibt; und blickt auf das Kreuz.<\/p>\n<p>Es ist nicht der Blick auf den Gekreuzigten, der ihm das Halten \u2013 oder doch den Halt? \u2013 bietet, sondern der Blick &#8211; und das Ohr \u2013 f\u00fcr den dort Sterbenden: la\u00df mich wohl \u2013 warum nicht \u201ezum Wohle\u201c? \u2013 bedenken, w i e du gestorben bist.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re die Schreie, ich h\u00f6re das Rufen des Christus Jesus: es sind die gesammelten Schreie der Welt, die hier zusammenklingen in einem undurchdringbaren Gewirr lauter Stimmen; das vorweggenommene Pfingstgeschehen doch nun als das \u00c4chzen und Br\u00fcllen, Klagen und Heulen der Gepeinigten, derer, die mit dem Tod ringen \u2013 und die, mit sich verzweifelt, zusammenbrechen. Und in dieser disharmonischen Polyphonie des Weltgeschreis ganz leise dazwischen auch mein Wimmern: \u201eund alle meine Schuldenlast am Stamm des heiligen Kreuzes auf dich genommen hast\u201c.<\/p>\n<p>Wer in die Zukunft gelangen will, der mu\u00df \u00fcber Golgatha gehen; er mu\u00df sich seines Ortes auf der Welt vergewissern.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte Jesu als Eingang zu meiner eigenen Lebensgeschichte: das ist eine erste \u201eWohl-tat\u201c der Befreiung.<\/p>\n<p>Strophe 2 O Wunder ohne Ma\u00dfen, wenn man\u00b4s betrachtet recht:<\/p>\n<p>es hat sich martern lassen, der Herr f\u00fcr seinen Knecht;<\/p>\n<p>es hat sich selbst der wahre Gott f\u00fcr mich verlornen Menschen<\/p>\n<p>gegeben in den Tod.<\/p>\n<p>Wunder orten wir zumeist woanders: die Heilung des Blinden; die Auferweckung des J\u00fcnglings; die Stillung des Sturms; &#8211; und nun doch der masochistische Zug des Christentums: das Wunder der Marterung? \u2013 der ewige Minderwertigkeitskomplex der Kreuzesreligion? Oder ist es als Wunder zu beschreiben, da\u00df der Mensch sich erkennt als ein sterbliches Wesen, als einer, der eines Tages verloren gehen wird \u2013 wie wir es dann mit Gewi\u00dfheit behaupten in den Traueranzeigen \u201eWir haben&#8230; einen Menschen &#8230; verloren\u201c.<\/p>\n<p>Nicht die Fakten, die Ereignisse als solche sind Wunder, sondern erst meine Reaktion ,die Art und Weise, wie ich etwas erleben, es verstehe macht ein Ereignis zu einem Wunder \u2013\u00a0<strong>so<\/strong>\u00a0erblicken Wunder das Licht der Welt: durch meine Sicht; dadurch, da\u00df sie aus dem Durchschnitt der Statistik herausfallen, werden Geschehnisse zu Wunder.<\/p>\n<p>\u201eDer wahre Gott\u201c gibt sich f\u00fcr mich verlorenen Menschen in den Tod.<\/p>\n<p>Es bleibt unbegreiflich, da\u00df ein Gott, der nach allgemeinem Verst\u00e4ndnis auf der Siegerseite zu stehen hat, sich auf die Seite der Verlierer begibt \u2013 und dann noch den Titel \u201ewahrer\u201c Gott erhalten soll \u2013 das widerspricht all unseren g\u00f6ttlichen Vorgegebenheiten;<\/p>\n<p>Kurz: Die Passionsgeschichte erl\u00f6st uns von dem Minderwertigkeitskomplex, gedem\u00fctigte Sklave Gottes zu sein; wenn Gott sich t\u00f6ten l\u00e4\u00dft, k\u00f6nnen wir den Mut haben, uns selbst als zum Tode verlorene zu verstehen; das ist das Wunder.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte Gottes als Selbstverst\u00e4ndnis meines Lebens, verloren zu sein; das Wunder der Selbsterkenntnis und Verbundenheit mit Gott: die zweite \u201eWohl-tat\u201c der Befreiung.<\/p>\n<p>Strophe 3 Was kann mir denn nun schaden der S\u00fcnden gro\u00dfe Zahl?<\/p>\n<p>Ich bin bei Gott in Gnaden, die Schuld ist allzumal bezahlt<\/p>\n<p>durch Christi teures Blut, da\u00df ich nicht mehr darf f\u00fcrchten<\/p>\n<p>der H\u00f6lle Qual und Glut.<\/p>\n<p>Der Freifahrtschein zur Will-k\u00fcr? Die alte Legende, erst der Abla\u00dfbrief zum geplanten Mord \u2013 und dann die bereits bezahlte Tat? So billig ist Vergebung nicht zu haben. Der S\u00fcnde gro\u00dfe Zahl! Kenne ich mich, wei\u00df ich, da\u00df ich nicht in den Pantheon der schuldlosen tugendhaften Lebensreinen aufgenommen werde; es bleibt dabei, da\u00df ich in meinem Leben schuldig werde, mein Leben verfehle, an manchen \u2013 und mir selbst \u2013 zu verzweifeln drohe &#8211; und noch manches Mal von Gott und seinem Sohn soviel wissen will wie Petrus, als der Hahn kr\u00e4hte: auf diesem Felsen ist die Kirche gegr\u00fcndet!<\/p>\n<p>Hat Christus am Kreuz die Schuld, meine Schuld mit hinausgeschrien aus dem Dumpf der Verschwiegenheiten, so ist es nun \u00f6ffentlich geworden, was f\u00fcr einer ich bin \u2013 aber ich brauch mich davor nicht mehr zu verstecken; ich mu\u00df mich selbst nicht mehr vor mir verstecken \u2013 ich mu\u00df nicht mehr die Angst haben, entdeckt zu werden: denn ich bin es bereits \u2013 und dennoch akzeptiert: mein Leiden hat schon eine Geschichte in seiner Geschichte bekommen, ist sagbar geworden und macht mich nicht mehr sprachlos, stumm.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte Christi als Offenbarung meiner Schuld; auf seine Kosten wird meine Geschichte mit seinen Worten erz\u00e4hlt: die Sprachlosigkeit der Furcht verliert ihre Bedeutung: die dritte \u201eWohl-tat\u201c der Befreiung.<\/p>\n<p>Strophe 4 Drum sag ich dir von Herzen jetzt und mein Leben lang<\/p>\n<p>f\u00fcr deine Pein und Schmerzen o Jesu, Lob und Dank,<\/p>\n<p>f\u00fcr deine Not und Angstgeschrei, f\u00fcr dein unschuldig Sterben,<\/p>\n<p>f\u00fcr deine Lieb und Treu.<\/p>\n<p>Ich hasse die schaurigen Beerdigungsvorspiele in den sonnt\u00e4glichen Gottesdiensten der Passionszeit, wenn sie nur so triefen von Finsternis und Trauergebrumme. Das Loblied in den Angstgeschrei! \u2013 so wie das Passionslied in das Weihnachtsoratorium. Ist das nicht ein Grund des Frohwerdens, da\u00df in tiefster Not der Gott des Kreuzes bei mir ist; die Sympathie Gottes mich dort erfa\u00dft, wo ich selbst fassungslos geworden bin.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an Beerdigungen, ich erinnere mich an Sterbende,: und es ruhte eine Atmosph\u00e4re um uns, erf\u00fcllt von W\u00fcrde und Ehrfurcht genauso wie von Gelassenheit, Vertrauen-Gewi\u00dfheit &#8230;und Liebe. Not und \u201aAngstgeschreien hatten ihre Zeit gehabt, waren vergangen und nun eingekehrt \u2013 Dank.- Ist das nicht der vierte Schritt, die vierte \u201eWohl-tat\u201c der Passionsgeschichte der Freiheit: \u201eEs ist vollbracht\u201c.<\/p>\n<p>Strophe 5 Herr, la\u00df dein heilig Leiden mich reizen f\u00fcr und f\u00fcr,<\/p>\n<p>mit allem Ernst zu meiden die s\u00fcndliche Begier,<\/p>\n<p>da\u00df mir nie komme aus der Sinn, wie viel es dich gekostet,<\/p>\n<p>da\u00df ich erl\u00f6set bin.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte ist eine reizende Geschichte. Sie reizt zum Proze\u00df mit meinem Bild von Gott \u2013 ach ja, warum hat Luther das zweite Gebot aus dem Katechismus genommen \u2013 ; sie reizt zum Proze\u00df mit dem eigenen Bild, das ich mir von mir selbst \u2013 und von dieser Welt mache; sie reizt aber genauso zu einer Freundlichkeit, die meint, mit billiger Gnade sich die Erl\u00f6sung zur Freiheit kaufen zu k\u00f6nnen; sie reizt, die Leidensgeschichte zu einer Episode zu verharmlosen, die auch vor\u00fcbergeht-vergangen ist: wenn ich mich nicht selbst mit hineinnnehme, mich verstehe als Angesprochener, als einer derer, die auch auf Golgatha \u2013 h\u00e4ngen. H\u00e4ngen an meinen Bestrebungen, ein gl\u00fccklicher Mensch zu werden, wie er\u00b4s sich verdient: um gut anzukommen in Schule, Gesellschaft, und wo man so ankommen will \u2013 verloren unterwegs die Selbsterkenntnis, die sich mir widerspiegelt aus dem Gesicht dessen, der schrie und rief, und \u2013 doch im letzten Schrei alles hinter sich gelassen hat \u2013 um eines Tages neu anfangen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte Gottes als Entlarvung meiner g\u00f6ttlichen Allmachtsphantasie: der Reiz der Passion zur \u00dcberholung meiner Selbst- und Gotteserkenntnis: die f\u00fcnfte \u201eWohl-tat\u201c der Befreiung.<\/p>\n<p>Strophe 6 Mein Kreuz und meine Plagen sollt\u00b4s auch sein Schmach und Spott,<\/p>\n<p>hilf mir geduldig tragen; gib, o mein Herr und Gott,<\/p>\n<p>da\u00df ich verleugne diese Welt und folge dem Exempel,<\/p>\n<p>das du mir vorgestellt.<\/p>\n<p>Die weltabgewandte Seite christlichen Glaubens? \u2013 kann es nicht geben. Die Welt verleugnen, m\u00fc\u00dfte hei\u00dfen, Gottes Lebenswillen der Sch\u00f6pfung nicht Ernst zu nehmen, nicht zu w\u00fcrdigen. \u201eWelt\u201c mu\u00df also etwas anderes bedeuten: die menschengemachte, von den Menschen konstruierte Welt-Wirklichkeit, in der kein Platz ist f\u00fcr Passionsgeschichten, f\u00fcr Leidende, f\u00fcr Krankheit, f\u00fcr Tod; eine Welt, die sich als lebenszugewandt versteht und doch so leblos und k\u00fcnstlich ist. \u201ePositiv denken\u201c? solch ein Slogan verlangt nur nichts Negatives aufkommen zu lassen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte mal, da\u00df die anglikanische Kirche eine Werbekampagne startete, in der das Kreuz nicht vorkommen sollte: das ist welt-fremd.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen wir die Flut der grauenhaften Nachrichten, die jeden Tag \u00fcber die Medien auf uns einst\u00fcrzen, nicht mehr ertragen und fl\u00fcchten in die positive Welt, die nur noch aus Fun und Lust bestehen soll; aber damit verlassen wir die Menschlichkeit; wir laufen mal wieder am Ziel vorbei; meinen, das Leben zu treffen \u2013 und verfehlen es.<\/p>\n<p>Eine Welt, die die Geschichte des Leidens verleugnet; das ist die Welt, von der ich mich abwenden m\u00f6chte; denn in ihr haben die, die leiden, keinen Ort zum Leben.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte des Menschen aus Nazareth als Exempel des Lebens holt die Welt aus der Enge des erfolgreichen Lebens; die F\u00fclle des Lebens in der weltzugewandten Perspektive gibt Raum den Leidenden zum Leben: die sechste \u201eWohl-tat\u201c der Befreiung.<\/p>\n<p>Strophe 7 La\u00df mich an andern \u00fcben, was du an mir getan;<\/p>\n<p>und meinen N\u00e4chsten lieben, gern dienen jedermann<\/p>\n<p>ohn Eigennutz und Heuchelschein und wie du mir erwiesen,<\/p>\n<p>aus reiner Lieb allein.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte l\u00e4\u00dft mich nicht allein. Sie gibt mir Ansto\u00df, mich selbst zu erkennen nicht nur in der eigenen Verwundbarkeit und Fehlhaftigkeit, sondern im Zusammenhang mit den anderen Menschen \u2013 ja zusammenh\u00e4ngend sind wir! \u2013 mein Leben zu verstehen: den Sinn zu erfahren, statt zu verfehlen.<\/p>\n<p>\u201eLa\u00df mich an anderen \u00fcben\u201c : nobody is perfect; es wird nie ein \u201eperfekter\u201c Mensch aus mir werden, am allerwenigsten im Umgang mit anderen; auch die Liebe zum anderen Menschen bleibt unvollst\u00e4ndig, ist durchzogen von Schuld und Wunden, die ich anderen zuf\u00fcge.<\/p>\n<p>Aber befreit von der Last, mich je neu zu produzieren, immer ein St\u00fcckchen \u201ebesser\u201ezu werden, bin ich frei mir selbst, meinem Tun und dem anderen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Dienen \u2013 ohne Eigennutz, und das im Zeitalter des Sponsorings? \u2013 Die Passionsgeschichte als ethischer Entwurf? \u2013 Weil die Leidensgeschichte nicht in der historischen Dimension des einzelnen Menschen Jesus von Nazareth aufgehen will, sondern meine Geschichte mit hineinnimmt, zieht sie hinaus in die Welt , nimmt mich mit in die Welt des Zusammenlebens mit den anderen: dort erfahre ich meine Schuld; dort erfahre ich meine Erl\u00f6sung: dort bin ich aufgerufen meine Freiheit zu leben.<\/p>\n<p>Die Passionsgeschichte Christi ist Gottes Passion mit der Welt; in dem Offenbarwerden des Menschen \u00f6ffnet sich auch seine M\u00f6glichkeit, mit dem anderen Menschen gemeinsam zu leben; die Passion Gottes f\u00fcr mich wird zu meiner Passion f\u00fcr den N\u00e4chsten: in Vertrauen; in Liebe ohne Heuchelei \u2013 und doch je als \u00dcbung \u2013 ohne erdr\u00fcckender Perfektion: Gottes Leidenschaft f\u00fcr den Menschen: die siebente Wohltat der Befreiung.<\/p>\n<p>Strophe 8 La\u00df endlich deine Wunden, mich tr\u00f6sten kr\u00e4ftiglich<\/p>\n<p>in meiner letzten Stunden und des versichern mich:<\/p>\n<p>weil ich auf dein Verdienst nur trau, du werdest mich annehmen,<\/p>\n<p>da\u00df ich dich ewig schau.<\/p>\n<p>Die Perspektive des Letzten \u2013 richtet sich auf die Zukunft jenseits aller Geschichtlichkeit. Aber die Betonung liegt auf der Annahme \u2013 des verlorenen Menschen; die Annahme des verfluchten Menschen; die Annahme des sich selbst verfehlten Menschen: all das geschieht in der Passionsgeschichte, indem sie davon erz\u00e4hlt. Das Sterben ist der Ernstfall des Lebens, wiewohl schon l\u00e4ngst vor dem Tod beginnend. Hier vergeht jeder menschliche Verdienst; hier zerf\u00e4llt das Denkmal, das der Mensch sich selbst hat setzen wollen. Es ist schlie\u00dflich doch immer wieder Golgatha, der Ort, auf dem wir unseren Weg durch das Leben beenden; wo immer Golgatha auch liegen mag. Finde ich mich dort ein, sehe ich die Wunden \u2013 und sind sie mir vertraut, geschieht nichts, was mir nun \u00e4ngstigend neu w\u00e4re. Und doch m\u00f6gen sich Angst oder Schwachheit dort verbreiten, wie sonst w\u00fcrd ich bitten, getr\u00f6stet zu werden; nun denn: ich mu\u00df ja Abschied nehmen \u2013 und die Geschichte, sie liegt dann hinter mir: mit all den Verfehlungen, mit all dem Gegl\u00fcckten: vor mir nun allein die Zukunft, das Land der Freiheit.<\/p>\n<p>\u201eWer seine Hand an den Pflug legt und sieht zur\u00fcck, der ist nicht geschickt f\u00fcr das Reich Gottes&#8220;\u201c- wie wahr, wer sich in die Passionsgeschichte begibt, bleibt nicht stehen in der Historie Jesu, sondern er wird mitgenommen nach vorn \u2013 in die Zukunft hinein, die in der Gegenwart schon lebendig sein will. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong>:<\/p>\n<p>Zur Biographie von Justus Gesenius: geboren am 6.7.1601 in Esbeck bei Elze als Sohn des dortigen Pastors. Studierte bei Calixt in Helmstedt Theologie, promovierte in Jena zum Magister. Er war von 1629 bis 1636 Pfarrer an St. Magni in Braunschweig, sp\u00e4ter in Hildesheim und schlie\u00dflich in Hannover t\u00e4tig als Konsistorialrat, erster Hofprediger und Generalsuperintendent.<\/p>\n<p>1646 hielt Gesenius eine Generalvisitation und f\u00fchrte dabei die allgemeine Schulpflicht ein; er gab mit David Denicke ein Gesangbuch f\u00fcr den Gottesdienst heraus.<\/p>\n<p><strong>Harald Welge<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kirchstra\u00dfe 12<\/strong><\/p>\n<p><strong>38120 Braunschweig<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fax: 0531\/ 842205<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Okuli | 18.3.2001 | EG 82 \u201eWenn meine S\u00fcnd mich kr\u00e4nken &#8230; \u201c | Harald Welge | Wer zur\u00fcckschaut, hat hier heute nichts zu suchen; &#8211; will ich konsequent sein, d\u00fcrfte die Geschichte keine Rolle in meinem Leben spielen, folge ich dem Wochenspruch \u201eWer seine Hand an den Pflug legt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2909,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[727,157,114,1636,349,688,909,109,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22401","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-harald-welge","category-kasus","category-okuli","category-passion-im-lied","category-predigten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22401"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22402,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22401\/revisions\/22402"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2909"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22401"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22401"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22401"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22401"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}