{"id":22405,"date":"2001-03-24T15:46:24","date_gmt":"2001-03-24T14:46:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22405"},"modified":"2025-03-24T15:48:27","modified_gmt":"2025-03-24T14:48:27","slug":"eg-98-korn-das-in-die-erde-in-den-tod-versinkt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-98-korn-das-in-die-erde-in-den-tod-versinkt-2\/","title":{"rendered":"EG 98 &#8222;Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Laetare | 25.3.2001 | EG 98 &#8222;Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt&#8220; | Wolfgang Petrak |<\/h3>\n<p><em><strong>Die Orgel spielt zun\u00e4chst zum Einh\u00f6ren eine Strophe vor<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>ein neues Lied zur Passionszeit. Wir haben diese Melodie geh\u00f6rt. Sie kommt mir vertraut vor und fremd zugleich: wie sich von einem Ton zum anderen die Stimmung verschiebt, wie aus dem traurigen Moll mit einem Mal Dur-Kl\u00e4nge erwachsen, verhalten zwar, doch irgendwie fr\u00f6hlich und hoffnungsvoll. Leicht kommt die Melodie daher, kurz und pr\u00e4gnant; kaum hat sie angefangen, ist sie schon zu Ende, um sich dann aber aufs neue fortzusetzen, sicher und gewiss. Dieses Lied zur Passion ist wie die Lebenszeit selbst, mit ihren H\u00f6hen, mit ihren Tiefen und mit ihrer Schnelligkeit, die schlagartig Gewesenes vor Augen stellt und mich zugleich fragen l\u00e4sst, wie es weiter geht. Woher komme ich, wo gehe ich hin?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch, wie das war, 1953. Der strenge Winter war vor\u00fcber. Schlagartig einsetzendes Tauwetter hatte Schnee und Eis ein Ende gesetzt. In der Schule hatten wir\u201cIm M\u00e4rzen der Bauer\u201c bei ge\u00f6ffnetem Fenster gesungen. Am liebsten h\u00e4tte ich kurze Hosen angezogen, was aber vor Ostern nicht erlaubt war, h\u00e4tte so gern die dunkle, an den Knien geflickte \u201aSchi-Hose\u2018 ( so schrieb man es damals) mit nur schwach erkennbaren B\u00fcgelfalten gegen die Lederhose eingetauscht, egal, denn: \u201eKomm\u201c, sagte der Vater, \u201ewir machen einen Spaziergang\u201c. Wir machten das h\u00e4ufiger damals. Meistens durch die Herrenh\u00e4user G\u00e4rten in Hannover, dieses Mal aber fuhren wir mit der Stra\u00dfenbahn nach Empelde. Ich durfte vorn beim Fahrer auf der Plattform stehen, sah zu, wie er die Kurbel bet\u00e4tigte; einige Male mu\u00dfte er auch aussteigen, um mittels einer Stange per Hand die Weichen zu stellen. Dann ging es quietschend weiter. Bei der Endstation (vielleicht w\u00fcrde ich bei der R\u00fcckkehr hier eine Sinalco bekommen?) stiegen wir aus und gingen in Richtung Benther Berg, schweigend. War es, weil Vater, der Polsterer war, noch immer keine Auftr\u00e4ge hatte? War es, weil der Gro\u00dfvater, der bei uns zu Haus lebte, krank war? Denn der hatte entgegen seinen Gewohnheiten am Ofen gesessen und der Arzt war gekommen: Ich traute mich nicht, dem Vater Fragen zu stellen. Schweigend gingen wir an einem Bauernhof vorbei, die Miste dampfte, ich roch das ganz gern, blieb auch stehen, um dem Bauern zuzusehen, wie der seinen Lanz-Bulldog mit H\u00e4nger r\u00fcckw\u00e4rts rangierte. \u201eSo ein Bauer hat es gut\u201c, sagte der Vater, \u201ewenn der die Saat drinnen hat, braucht er nicht mehr viel zu tun. Hier siehst du\u201c, Vater wies auf die frisch gepfl\u00fcgten Furche mit der fetten Calenberger Erde hin, \u201eman muss den Boden pflegen, d\u00fcngen, auss\u00e4en: tief in den Boden hinein, wegen des Nachtfrostes. Oder wegen der V\u00f6gel. Na klar, dass muss gemacht werden. Aber dann w\u00e4chst es von selbst\u201c.<\/p>\n<p>Heute verstehe ich, was Loslassen bedeutet. Man muss weggeben, ohne etwas dagegen tun zu k\u00f6nnen. Ich kann nur darauf vertrauen, dass nichts und niemandverloren ist. Und: dass Neues aus der Tiefe werden wird.<\/p>\n<p><em><strong>Wir singen das. \u201eKorn, das in die Erde&#8230;\u201c (EG 98,1)<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich weiss noch, wie das war. 1967. Die Zeit der 68ziger hatte l\u00e4ngst begonnen, nicht nur, weil wir Studenten unsere Haare und B\u00e4rte wachsen liessen; nicht nur, weil wir gegen die Bildung der Gro\u00dfen Koalition vor der Aula auf dem Wilhelmsplatz , gegen den Abriss des Reitstallgeb\u00e4udes auf der Weender, gegen den Vietnam-Krieg auf dem 82iger-Platz in G\u00f6ttingen demonstriert hatten. Sondern weil alles, wof\u00fcr die Generation der Eltern, der Lehrer, auch der Pastoren gestanden hatte, kritisch hinterfragt wurde: \u201eKampf den Autorit\u00e4ten!\u201c. \u00dcberhaupt: Das Hinterfragen war das Schl\u00fcsselwort. Und so zogen wir nach dem Philosophieseminar (Existenzialismus, bei Prof. Ed. Meyer) noch ins linke Audi-Min am Papendieck oder gingen gleich, weil dort l\u00e4nger auf und das Bier billiger war, in den Kleinen Ratskeller und redeten dort an blanken Tischen \u00fcber Gott und die Welt, hinterfragten also und diskutierten. Meistens lief es dann so, wenn man sein Gegen\u00fcber nicht kannte, da\u00df man ihn (sie weniger) zun\u00e4chst fragte: \u201eWas studierst\u2018e denn so\u201c? Und wenn dann die Antwort kam: \u201eTheologie\u201c, dann gab es auch mal Grinsen oder Gel\u00e4chter, \u00c4u\u00dferungen wie: \u201eFalsches gesellschaftliches Bewusstsein; Opium des Volkes; dogmatisches Denken, das nicht zu hinterfragen wagt&#8230;\u201c. \u201eNe, ne\u201c, sagte Klaus, der Freund, der bereits im 8. Semester war und sich deshalb auskannte, \u201e das ist nicht so, auch wir Theologen sind kritisch, radikal kritisch\u201c. Und dann holte er aus und erkl\u00e4rte, w\u00e4hrend vom verstimmten Klavier \u201aYesterday\u2018 her\u00fcber wimmerte, wie es sich mit dem historischen Jesu verhielte: dass ein gro\u00dfer Teil der Evangelien Gemeindebildung sei, \u00fcberlieferter Ausdruck des Selbstbewu\u00dftseins anf\u00e4nglich der urchristlichen, sp\u00e4ter dann der hellenistischen Gemeinden; und dass hingegen alles, was keine Entsprechung in der j\u00fcdischen und griechischen Umwelt habe, auf den historischen Jesus zur\u00fcckzuf\u00fchren sei. \u201eWas bleibt dann noch\u201c? fragte unser Gegen\u00fcber. \u201eWie sich Jesus verhalten hat\u201c, wu\u00dfte ich, \u201edie radikale Praxis\u201c. \u201eUnd das Kreuz\u201c erg\u00e4nzte Klaus. \u201e Und wisst ihr, was Nietzsche gesagt hat?\u201c, sagte unser Gegen\u00fcber. \u201eGott ist tot. Franz, noch ein Bier\u201c. \u201e Was ihr saget\u201c, mischte sich ein anderer im breitesten Schw\u00e4bisch ein, \u201eischt Gebafel (Unfug). Kritische Vernunft: etwas f\u00fcr Philosophen. Oder Naturwissenschaftler. Mr t\u00e4tet was anders brauche. Mr muesset Hoffnung habe\u201c.<\/p>\n<p>Heute glaube ich zu verstehen, was dieser Unbekannte meinte: Dass dieses kalte Auseinandernehmen der biblischen Botschaft in die Sackgasse f\u00fchren kann. Auf der Suche nach Entsprechungen und Analogien bleibe ich im Netz der eigenen Anschauung gefangen. Wer Steine sucht, findet nur Steine. So wie die Frauen, die damals zu seinem Grab gegangen waren und ihn nicht gefunden h\u00e4tten, wenn nicht ein anderer das Richtige gesagt h\u00e4tte. Einer ist f\u00fcr uns dahin gegeben, damit wir das wahre Leben finden. Es ist die Hoffnung, die den Lebendigen finden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p><em><strong>Wir singen das. \u201e\u00dcber Gottes Liebe brach die Welt den Stab&#8230;\u201c(98,2)<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch, wie das war. Zwei Jahre nach der Wende. Wir waren von unserem Partnerkirchenkreis ins Erzgebirge eingeladen worden. Die Akademie dort heizte noch mit Braunkohle; auf dem Parkplatz standen zumeist Trabis, und das Zimmer mit Waschbecken war mit f\u00fcnf anderen Amtsbr\u00fcdern zu teilen: \u201eDas ist hier eben so\u201c, hatte der Tagungsleiter gesagt. Auf dem Tagungsprogramm standen \u201aErfahrungen nach der Wende\u2018 an. Die Pastoren aus Sachsen berichteten von ihren Entt\u00e4uschungen, hatte doch die Kirche eine tragende Rolle in der Zeit davor eingenommen. Sie hatten nach jener letzten Wahl den friedlichen Protest gegen den Wahlbetrug formiert; sie hatten durch die jungen Gemeinden den \u00d6ko- und Friedensgruppen Raum , d.h. ein sch\u00fctzendes Dach gegeben; sie hatten sich aktiv an den \u201aRunden Tischen\u2018 beteiligt und Verantwortung gezeigt: Die Kirchen h\u00e4tten sich f\u00fcr die Aufgaben der Gesellschaft ge\u00f6ffnet und nun, zwei Jahre danach, w\u00e4ren die Kirchen wieder leer. Wir sollten von unseren Erfahrungen berichten. \u201eKirche im Kapitalismus\u201c bemerkte einer zu meinem Referat. Denn ich erz\u00e4hlte von der Bedeutung der Medien; wie sozusagen der Bildschirm ein dazu zwinge, sich selbst die Welt zu deuten; wies auf die zu erwartende Vernetzung der Rechner hin und dass wir neue Formen der Verst\u00e4ndigung lernen m\u00fcssten, auch in den Kirchen, liess dabei auch die Bedeutung der Wirtschaft f\u00fcr effektive kirchliche Arbeit in Betracht kommen, sodass Stichworte wie \u201aManagement\u2018 und \u201aMotivation\u2018 und \u201acooperate identity\u2018 so nebenbei einflossen..Da sagte einer, der am Morgen die Andacht mit gregorianischen Melodien und mit Worten der Kirchenv\u00e4ter gehalten hatte, der also sagte: \u201e Das mag ja ganz sch\u00f6n sein oder auch nicht. Wir brauchen aber keine Rezepte, sondern etwas ganz anderes. Das Wort Gottes ist n\u00e4mlich so, wie wenn ein Landmann Samen aufs Land wirft, und der eine Teil f\u00e4llt auf felsigen Boden und verdorrt, der andere unter die Dornen und wird erstickt; und anderes f\u00e4llt auf gutes Land und geht auf, drei\u00dfigf\u00e4ltig, sechzigf\u00e4ltig, hundertf\u00e4ltig.\u201c<\/p>\n<p>Heute verstehe ich das so: Wir m\u00fcssen uns nicht um uns selbst sorgen, sondern ganz einf\u00e4ltig offen sein f\u00fcr den, der uns sein Wort gibt.<\/p>\n<p><em><strong>Wir singen das: Im Gestein verloren (98,3). Und sagen dann:Amen.<\/strong><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P.Wolfgang Petrak<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlagenweg 8a<\/strong><\/p>\n<p><strong>37077 G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.:31838<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fax:0551\/31627<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:petri.weende@t-online.de\"><strong>E-Mail: petri.weende@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Laetare | 25.3.2001 | EG 98 &#8222;Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt&#8220; | Wolfgang Petrak | Die Orgel spielt zun\u00e4chst zum Einh\u00f6ren eine Strophe vor Liebe Gemeinde, ein neues Lied zur Passionszeit. Wir haben diese Melodie geh\u00f6rt. 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