{"id":22409,"date":"2001-03-24T15:51:11","date_gmt":"2001-03-24T14:51:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22409"},"modified":"2025-03-24T15:53:21","modified_gmt":"2025-03-24T14:53:21","slug":"eg-87-du-grosser-schmerzensmann-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-87-du-grosser-schmerzensmann-2\/","title":{"rendered":"EG 87 \u201eDu gro\u00dfer Schmerzensmann &#8230; \u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Palmsonntag | 8.4.2001 | EG 87 \u201eDu gro\u00dfer Schmerzensmann &#8230; \u201c | Karl W. Rennstich |<\/h3>\n<p><strong>Der Einzug Jesu. La\u00df mich Dein Esel sein, Christus!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wochenlied: Du gro\u00dfer Schmerzensmann (EG 87)<\/strong><\/p>\n<p><strong>I. Dogmatische und homiletische Entscheidung<\/strong><\/p>\n<p>Unser\u00a0<strong>Lied-Text<\/strong>\u00a0bietet eine F\u00fclle anregender Stichworte, die gleichsam summarisch und kenntnishaft wesentliche Glaubensinhalte zusammenfassen:<\/p>\n<ul>\n<li>Du gro\u00dfer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen. Das erinnert an die Leidensgeschichte Jesu.<\/li>\n<li>Unsere S\u00fcnde und Missetat hat das verschuldet. Das erinnert an die Erbs\u00fcndenlehre.<\/li>\n<li>Dein Kampf ist unser Sieg. Das erinnert an das \u00e4lteste christliche Bekenntnis: Jesus ist Sieger.<\/li>\n<li>O hilf, dass wir &#8230; uns zu Kampf und Leiden wagen. Das erinnert an das Wort Jesu: \u201eWer mir nachfolgen will, der nehme mein Kreuz auf sich.\u201c<\/li>\n<li>La\u00df deine Wunden sein, die Heilung unserer S\u00fcnden. Es erinnert an das biblische Bild vom\u00a0<em>Lamm Gottes<\/em>, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Liebe Gemeinde!<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber den\u00a0<strong>Dichter dieses Liedes<\/strong>\u00a0wissen wir wenig.\u00a0<strong>Adam Thebesius (1596- 1652)<\/strong>\u00a0war evangelischer Theologe\u00a0****und wurde 1596 in Seifersdorf bei Liegnist in Schlesien geboren. Er kam aus einer alten schlesischen Pfarrersippe. und war zu seiner Zeit ein gekr\u00f6nter Dichter. Er arbeitete lange Zeit als Gemeindepfarrer in schlesischen Gemeinden. Kurz nach Ausbruch des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges wurde er 1619 Pfarrer in Mondsch\u00fctz. Im Jahre 1627 wurde er Senior in Wohlau und kam 1639 als Konsistorialassessor nach Liegnitz, wo er 1652 starb. Seine Predigtweise ohne lateinischen Ballast aber mit einem logischen Aufbau fand gro\u00dfen Beifall. Das zeigt auch sein einziges Lied im Gesangbuch, das jedoch in 26 Gesangb\u00fcchern heute zu finden ist. Das Lied\u00a0**ist ein beeindruckendes Zeugnis der Bedr\u00e4ngnis der Evangelischen durch die katholische Gegenreformation und gleichzeitig eine Best\u00e4tigung daf\u00fcr, dass religi\u00f6ser Fundamentalismus in der Verbindung mit autorit\u00e4rer Staatsgewalt schreckliche Folgen hat.<\/p>\n<p><strong>Der erste Vers des Liedes lautet:<\/strong><\/p>\n<p><em>Du gro\u00dfer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank f\u00fcr alle deine Plagen: f\u00fcr deine Seelenangst, f\u00fcr deine Band und Not, f\u00fcr deine Gei\u00dfelung, f\u00fcr deinen bitter Tod.<\/em><\/p>\n<p>Heute ist\u00a0<strong>Palmsonntag<\/strong>. Nach dem \u00fcbereinstimmenden Bericht aller vier Evangelien benutzt Jesus vor seinem Leiden und Sterben beim feierlichen Einzug in Jerusalem als Reittier einen\u00a0<strong>Esel.<\/strong>\u00a0Damit erinnert er an den Propheten Sacharja: &#8222;Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze ! Siehe dein K\u00f6nig kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem F\u00fcllen der Eselin.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Evangelisten ist Jesus der K\u00f6nig des Friedens und der Gerechtigkeit. Der Verzicht auf Macht und Gewalt sind in dieser Geste des Reitens auf einer Eselin bildhaft demonstriert!<\/p>\n<p>Die Menschen begr\u00fc\u00dfen Jesus mit Palmzweigen. Johannes schlie\u00dft den Bericht, dass die J\u00fcnger das nicht sofort begriffen h\u00e4tten. Daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Bezeichnung Palmsonntag kam erst um 600 n. Christus in Spanien und Gallien auf. Im Mittelalter wurde daraus eine feierliche Prozession. Christus wurde als Christusfigur auf einem \u201ePalmesel\u201c mitgef\u00fchrt. Im Volksglauben wird den am Palmsonntag vom Priester gesegneten Zweigen eine besondere Heilkraft zugeschrieben. Sie sch\u00fctzen die H\u00e4user vor Blitz und Hagel.<\/p>\n<p>Bis heute haben wir viele\u00a0<strong>Redewendungen,<\/strong>\u00a0die mit dem Esel zusammenh\u00e4ngen, wie beispielsweise: \u201eIch bin doch kein Esel\u201c oder \u201eChristen sind Esel\u201c. Im Schw\u00e4bischen hei\u00dft es: \u201eJeder hat sein P\u00e4ckle zu tragen\u201c, denn \u201eMenschen m\u00fcssen sich abplagen wie Lasttiere\u201c und manche \u201eMenschen brechen fast zusammen, weil sie \u00fcberlastet sind.\u201c Die Lasten k\u00f6nnen Trauer, Schuld, Hunger oder Einsamkeit sein. Deshalb sagt Jesus: Kommt her zu mir alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid, ich will euch erquicken (Ruhe schenken).&#8220; (Matth. 11, 28.)<\/p>\n<p>Das Pferd war jahrtausendelang Symbol f\u00fcr Kraft, Macht und St\u00e4rke. Noch heute messen wir die Kraft eines Autos an seinen Pferdest\u00e4rken (PS). Sie geben dem Menschen Image!<\/p>\n<p>Jesus wollte mit dem grauen Esel dokumentieren, dass er im Gegensatz zu anderen K\u00f6nigen es sich leisten kann, sich selbst zu erniedrigen. &#8222;Alexamenos betet Gott an&#8220; steht auf einem Spottkruzifix auf einem in Stein geritzten Bild auf dem Aventin, einem der sieben H\u00fcgel, auf die Rom gebaut worden ist. Auf diesem H\u00fcgel lebten seit dem 1. Jhd. die Reichen.\u00a0Auf dem Bild wird ein Mann namens Alexamenos verspottet, weil er Christ ist. Er glaubt an einen Gott, der am Kreuz gestorben ist.<\/p>\n<p>Jesus ist S\u00fcndenbock und Lastesel, denn:<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fchrwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich, unsere Schmerzen.&#8220; Jesus ist das Lamm Gottes, das der Welt S\u00fcnden tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der lateinamerikanische Bischof der Armen, Dom Helder Camara bittet getreu dieser alten Tradition:<\/p>\n<p>\u201eLa\u00df mich dein Esel sein Christus. Herr Jesus Christus, du bist zu uns auf die Erde gekommen- auf einem Esel. Du willst nicht \u00fcber die Menschen herrschen, sondern hat uns allen gedient. Du bist unser S\u00fcndenbock und Lastesel geworden; du hast alles auf dich genommen am Kreuz. Nun sind wir entlastet. Daf\u00fcr danken wir dir. Aber nun wollen wir Lasten tragen von Menschen, die belastet sind. Wir wollen ganz in deiner N\u00e4he sein. La\u00df uns deine Lastesel sein, Christus.\u201c<\/p>\n<p>Es ist nicht so sicher, wer wirklich ein Esel ist: die durch falschen Wissenschaftsglauben sich besonders klug f\u00fchlenden Menschen, die ohne R\u00fccksicht auf k\u00fcnftige Generationen alles an sich rei\u00dfen oder Christen die bewu\u00dft dem auf einem Esel reitenden K\u00f6nig der Demut nachfolgen wollen. Der fr\u00fchere Bundespr\u00e4sident Gustav Heinemann bekannte sich zu diesen \u201eEseln\u201c:<\/p>\n<p>\u201eDie Herren dieser Welt gehen. Unser Herr kommt!\u201c<\/p>\n<p><strong>2. Gefordert ist Weitsichtigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Das zeigt uns die folgende Geschichte:<\/p>\n<p>&#8222;\u00dcber Land ging ein Weiser. Er sah einen Mann, der gerade einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er fragte: \u201eWarum tust du dies? Wei\u00dft du nicht, dass dieser Baum erst in siebzig Jahren Fr\u00fcchte tragen wird? Pflanz lieber einen Baum, der dir noch zu deinen Lebzeiten Fr\u00fcchte bringt.\u201c Der Mann antwortete: \u201eAls ich geboren wurde, a\u00df ich von den Fr\u00fcchten des Johannisbrotbaumes, ohne dass ich ihn gepflanzt hatte. Aber meine Vorfahren hatten es getan. Sollte ich nicht jetzt Johannisbrotb\u00e4umchen pflanzen f\u00fcr meine Enkel und Nachkommen? Wir Menschen k\u00f6nnen nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht.\u201c<\/p>\n<p>Das lehrt uns die j\u00fcdische Weisheit. Auf die Blickrichtung kommt es an. Vornehme nennen das Perspektive.<\/p>\n<p><strong>3. Jesus der Schmerzensmann und gemordete Tiere<\/strong><\/p>\n<p>Die Leidensgeschichte Jesu geht heute weiter. Sie zeigt sich besonders deutlich in unserem Umgang mit den Menschen, Tieren und Pflanzen.<\/p>\n<p>In einer alten Bibelhandschrift, die in der Pariser Universit\u00e4tsbibliothek aufbewahrt wird, hei\u00dft es, dass Jesus einem Mann begegnete, dessen Tier unter seiner schweren Last zusammengebrochen war und dabei von dem Besitzer geschlagen wurde: &#8222;Und Jesus trat zu ihm und sprach: &#8218;Du Mensch, was schl\u00e4gst du dein Tier, siehst du nicht, dass ihm seine Last zu schwer ist, und wei\u00dft du nicht, dass es Schmerzen leidet?&#8216; Der Mann aber antwortete: &#8218;Was geht dich das an? Es ist mein Eigentum und ich habe es gekauft um ein gut St\u00fcck Geld.&#8216; Jesus aber sagte zu seinen J\u00fcngern: &#8218;Seht denn nicht auch ihr, wie es blutet und h\u00f6rt ihr nicht, wie es jammert und schreit?&#8216; Sie aber antworteten: &#8218;Nein, Herr.&#8216; Da ward Jesus traurig und rief: &#8218;Wehe euch, dass ihr nicht h\u00f6rt, wie es schreit und klagt zum himmlischen Vater um Erbarmen.&#8216; Und er trat hinzu und r\u00fchrte es an. Und das Tier stand auf und seine Wunden waren heil. Zu dem Manne aber sprach er: &#8218;Nun treibe weiter und schlage es hinfort nicht wieder, auf dass auch du Erbarmen findest.'&#8220;<\/p>\n<p>Nirgends findet die F\u00fcrsorge Gottes f\u00fcr die Tierwelt so beredten Ausdruck wie in der Geschichte von der Sintflut. Nicht nur Noah mit den Seinen soll die bedrohliche Flut \u00fcberleben, sondern Gott will auch die Tiere retten und ihren Fortbestand sichern. Deshalb soll Noah alle Arten von Tieren in seinen Kasten aufnehmen.<\/p>\n<p>Wenn sich nun Gott der Tiere erbarmt, weil sie seine Gesch\u00f6pfe sind, dann ist auch dem Menschen, dem sie anvertraut sind, geboten, sich ihrer anzunehmen, sie zu sch\u00fctzen, zu pflegen und ihnen nach Kr\u00e4ften beizustehen. Wir finden diese Gesinnung in den Spr\u00fcchen Salomo: &#8222;Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs; aber das Herz des Gottlosen ist unbarmherzig&#8220; (Spr 12\/10). Die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung nach dem Urtext lautet: &#8222;Der Gerechte kennt die Seele seines Viehs.&#8220; Damit ist das Tier nicht als Sache oder Besitz verstanden, \u00fcber den man nach Belieben verf\u00fcgen kann, sondern als beseeltes Gesch\u00f6pf. Das Wissen um die Seele des Tieres aber, das nach dem Willen Gottes leben und bestehen soll wie der Mensch, verpflichtet zu br\u00fcderlichem Mitgef\u00fchl und verstehendem Verhalten.<\/p>\n<p>Aus dem sch\u00f6nen Gleichnis vom guten Hirten und dem verlorenen Schaf ist ein Klang der Liebe und Hinneigung zum Tier zu h\u00f6ren. Das Lamm wurde schlie\u00dflich als Sinnbild wehrloser Preisgabe und Unschuld zum Zeichen f\u00fcr den Opfertod Jesu selbst. So steht das Bild der geopferten Kreatur neben dem des Gottessohnes, und damit ist auf geheimnisvolle Weise auch die Gestalt des Tieres in die N\u00e4he der g\u00f6ttlichen Liebe ger\u00fcckt. &#8222;Und er war bei den Tieren&#8220; berichtet Markus und erinnert damit an eine geheimnisvolle Beziehung zwischen Christus und den Tieren (Mk 1,13).<\/p>\n<p>Der Apostel Paulus wei\u00df von dem &#8222;\u00e4ngstlichen Harren der Kreatur&#8220;, die auf die &#8222;Offenbarung der Kinder Gottes warten&#8220;, und er verhei\u00dft, dass auch sie &#8222;frei werden wird von dem Dienst des verg\u00e4nglichen Wesens&#8220; (R\u00f6m 8,19, 21 f.).<\/p>\n<p>Wie ein roter Faden zieht sich die\u00a0<em>Hinwendung zum Tier durch das fr\u00fche Christentum<\/em>. Von Basilius dem Gro\u00dfen stammt der ber\u00fchmte Vergleich der Auferstehung Christi mit der Verwandlung der Raupe in den Schmetterling. Sein Mitgef\u00fchl zu den Tieren dr\u00fcckt er so aus: &#8222;Ein Reicher ist weniger gl\u00fccklich als jener, der t\u00e4glich eine Katze streichelt.&#8220;<\/p>\n<p>Von gleichem Geist war Gregor von Nazianz beseelt, der sich scharf gegen jede Tierqu\u00e4lerei wandte. In diesem Sinne wirkte auch sein Zeitgenosse Chrysostomos. Beide gaben damit ein Beispiel christlicher Einstellung und Haltung gegen\u00fcber der Tierwelt, worin sie nur wenige Nachfolger hatten. Nur die alte orthodoxe Kirche kannte auch ein Gebet f\u00fcr die Tiere. So bekundeten gerade die Kirchenv\u00e4ter des Ostens erwachsene Liebe zum Tier als einem Gesch\u00f6pf Gottes.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Liebe von Franz von Assisis zu allen Gesch\u00f6pfen hat sich \u00fcber die Jahrhunderte hin im Ged\u00e4chtnis der Menschen festgehalten. Mit seiner Gestalt verbindet sich auch die unausl\u00f6schliche Erinnerung, dass er mit den V\u00f6geln, den Fischen und dem Vieh redete und ihm Gottes Stimme aus Bach und Halm erklang.<\/p>\n<p>Unter dem Stichwort:\u00a0<strong>Ehrfurcht vor dem Leben<\/strong>\u00a0hat Albert Schweitzer diese alte christliche Tradition weitergef\u00fchrt und durch seine Lebenspraxis verstehbar gemacht. Dies erf\u00e4hrt eine sichtbare Realit\u00e4t durch Albert Schweitzers Lebenspraxis. die nur vor diesem theoretischen Hintergrund verst\u00e4ndlich wird. Das Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben vermag in der Tat die konkreten Entscheidungen in sehr verschiedenen Lebensbereichen zu durchformen und erweist sich so als ein wirksames Sollensprinzip in immer neuen Lebenssituationen. Ob Schweitzer nun mit seinem Spital in Lambarene den Gedanken der Entwicklungshilfe vorwegnimmt, ob er im Spital neben Menschen auch Tiere medizinisch behandelt oder ob er angesichts der atomaren Bedrohung zum Weltfrieden aufruft, alle diese Handlungen entspringen dem Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben und werden in dem Bewu\u00dftsein vollzogen, dass die Ehrfurcht weltweit wohl eher als Torheit bel\u00e4chelt, denn als Aufgabe ernst genommen wird.<\/p>\n<p>Angesichts des weit verbreiteten Fehlens eines hinreichenden Mitgef\u00fchls mit der leidenden Kreatur, das wohl nicht zuletzt auf fehlende Gotteserfahrung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, sind bei den uns aufgegebenen Entscheidungen f\u00fcr eine sittlich verantwortliche Tiernutzung ein weitreichendes Umdenken und eine tiefgreifende Umstellung n\u00f6tig, die uns in die Lage versetzen, mit unseren Mitgesch\u00f6pfen wesentlich verantwortlicher umzugehen als bislang. Weil die Christen die mystische Erfahrung, die Meditation und Kontemplation aus den Kirchen verdr\u00e4ngt haben, haben sie den Geist des Nichtverletzens verloren und k\u00f6nnen sie ihren Geschwistern, ihren Kindern und den Tieren gegen\u00fcber nicht gen\u00fcgend sanftm\u00fctig sein. Franz von Assisi, Philipp Neri, Albert Schweitzer und viele andere Christen sowie Nichtchristen k\u00f6nnen ihnen bei der Gewinnung einer grundlegend neuen Einstellung und bei einem weitgehend ver\u00e4nderten Verhalten gegen\u00fcber ihren Mitgesch\u00f6pfen Vorbild sein.&#8220;<\/p>\n<p>Der schw\u00e4bische Pietist, Dichter und Pfarrer Albert Knapp (1798 &#8211; 1864) gr\u00fcndete am 17. Juni 1837 in Stuttgart den ersten Tierschutz Verein Deutschlands. Er entwarf ein im &#8222;Schw\u00e4bischen Merkur&#8220; 1838 beigelegtes Flugblatt, indem er zur Gr\u00fcndung von Ortsvereinen aufrief. Darin beklagte, er dass noch kein Gesetz gegen Tierqu\u00e4lerei vorhanden sei. Ein k\u00f6nigliches Gesetz sei unumg\u00e4nglich. Tierschutz war f\u00fcr Knapp ein theologisch-biblisch-christliches Anliegen. Die seufzende Kreatur aus R\u00f6m 8, 18-23, war Grundlage seiner \u00dcberlegungen. Dem von zeitgen\u00f6ssischen Theologen und Philosophen erhobenen Widerspruch, was denn aus den ganzen Legionen von Fl\u00f6hen und Wanzen, Schaben usw., dem tausendf\u00e4ltigen Geschmei\u00df und Ungeziefer werden solle, begegnete er mit der mit der theologisch sicher nicht haltbaren These, dass diese Tieren nicht zum urspr\u00fcnglichen Sch\u00f6pfungsplan Gottes geh\u00f6rt h\u00e4tten. Grunds\u00e4tzlich meinte er, dass wir Menschen einmal von der befreiten Kreatur, &#8222;tausend Liebesstimmen und Freudenkonzerte zu h\u00f6ren&#8220; bekommen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>4. O hilf, dass wir ( &#8230;) uns zu Kampf und Leiden wagen.<\/strong><\/p>\n<p>Das erinnert an das Wort Jesu: \u201eWer mir nachfolgen will, der nehme mein Kreuz auf sich.\u201c Der Japaner Kitamori betont in gleicher Intensit\u00e4t wie der Schlesier Thebesius die Bedeutung des Schmerzes Gottes. Er erinnert an den christlichen Apologeten Lactantius, der schon im vierten Jahrhundert nach Christus in seinem noch immer lesenswerten,\u00a0<em>De ira Dei<\/em>\u00a0daran erinnerte, dass der christliche Gott im Gegensatz zum philosophischen Gott zum Zorn bewegt werden kann durch das grausame Verhalten der Menschen. Der Gott, an den die Christen glauben, ist nicht apathisch, sondern sympathisch. Er leidet mit den Menschen. Der gerechte Gott wird niemals billigen Kompromissen zustimmen, sondern er wird den guten Menschen zukommen lassen, was ihm geb\u00fchrt und er wird den Betr\u00fcger und B\u00f6sewicht bestrafen. Gott ist nicht k\u00e4uflich. Er ist Garant des absoluten Kampfes gegen jede Form von Korruption. Diese Wort ist das alte Wort f\u00fcr Erbs\u00fcnde (<em>cor- ruptus<\/em>\u00a0est), das Herz des Menschen ist durch die S\u00fcnde zerbrochen, sagt der heilige Augustinus, der es wei\u00df aus bitterer Lebenserfahrung!<\/p>\n<p>Der\u00a0<strong>Japaner Kazo Kitamori<\/strong>\u00a0wei\u00df aus eigener Lebenserfahrung im Zweiten Weltkrieg, dass der Zorn Gottes eine Platz hat in der Liebe Gottes. Den Proze\u00df des Wachsens in der Liebe fa\u00dft 1 Kor 13,9 &#8211; 13 so zusammen:<\/p>\n<p>\u201eDenn unser Wissen ist St\u00fcckwerk und unser Weissagen ist St\u00fcckwerk. Wenn aber kommen wir das Vollkommene so wird das St\u00fcckwerk aufh\u00f6ren. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und hatte kindliche Anschl\u00e4ge: da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich st\u00fcckweise; dann aber werd ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die gr\u00f6\u00dfte unter ihnen\u201c.<\/p>\n<p>Gutes kann man nur tun, wenn man Gutes erfahren hat. Dem Guten vertraut man, weil es sich als\u00a0<strong>verl\u00e4\u00dflich<\/strong>\u00a0erwiesen und sich auch im engen Verfehlen in sein Gegenteil verkehrt hat.<\/p>\n<p><strong>Amen<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Karl W. Rennstich<\/strong><\/p>\n<p><strong>Bei der Kirche 2<\/strong><\/p>\n<p><strong>72574 Bad Urach-Seeburg<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel: +49-(0)7381-3215 Fax: +49-(0)7381-501234<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:kwrennstich@gmx.de\"><strong>E-mail: kwrennstich@gmx.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Palmsonntag | 8.4.2001 | EG 87 \u201eDu gro\u00dfer Schmerzensmann &#8230; \u201c | Karl W. 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