{"id":22415,"date":"2001-03-24T15:59:47","date_gmt":"2001-03-24T14:59:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22415"},"modified":"2025-03-24T16:02:41","modified_gmt":"2025-03-24T15:02:41","slug":"eg-85-o-haupt-voll-blut-und-wunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-85-o-haupt-voll-blut-und-wunden\/","title":{"rendered":"EG 85: &#8222;O Haupt voll Blut und Wunden&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Karfreitag | 13. April 2001 | EG 85: &#8222;O Haupt voll Blut und Wunden&#8220; | Ernst Arfken |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir tun, um diesen Karfreitag recht zu begehen und des Sterbens von Jesus Christus zu gedenken? Wir sind es gewohnt, im Gottesdienst eine Predigt \u00fcber einen Bibeltext zu h\u00f6ren. Heute l\u00e4dt der Dichter Paul Gerhardt uns ein zu einer Betrachtung seines bekanntesten Passionsliedes, \u201eO Haupt voll Blut und Wunden\u201c. Der Karfreitag ist im Lauf des Jahres zweifellos ein besonderer Tag. Da ist es sinnvoll, auch etwas Besonderes, nicht Allt\u00e4gliches zu tun. Lassen wir uns also einmal auf die Betrachtung dieses Liedes ein, das wiederum auch eine Betrachtung ist.<\/p>\n<p>Die \u00dcberschrift des Liedes wirkt auf uns heute sehr eigenartig, vielleicht sogar absto\u00dfend. Denn diese Dichtung steht nicht f\u00fcr sich allein, sondern ist eine von \u201eSieben Hymnen auf die Gliedma\u00dfe Jesu Christi&#8220;, wie es in dem urspr\u00fcnglichen Titel hei\u00dft. Dieses Lied besingt, wie schon die erste Zeile erkennen l\u00e4sst, das Haupt des Gekreuzigten; ein anderes seine F\u00fc\u00dfe, eins die H\u00e4nde, eins die Seite usw. Davon haben sich in den Gesangb\u00fcchern bis heute nur das Lied \u00fcber das Haupt und das \u00fcber die F\u00fc\u00dfe erhalten. Wie fremdartig dem Menschen unserer Zeit diese Betrachtungsweise ist, zeigt sich am deutlichsten daran, dass den Herausgebern des Badischen Gesangbuches, das noch bis 195O gebr\u00e4uchlich war, die Zeile \u201eDiese F\u00fc\u00dfe will ich halten auf das Best\u2019 ich immer kann\u201c zu unappetitlich war. Sie schrieben stattdessen \u201eDich, dich will ich ewig halten\u201c, wodurch allerdings die eigentliche Absicht des Liedes verloren ging.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst waren diese Lieder in lateinischer Sprache abgefasst. Lange Zeit galt der franz\u00f6sische Bischof Bernhard von Clairveaux als ihr Verfasser. Neuere Forschungen haben aber ergeben, dass sie auf den belgischen Bischof Arnulf von L\u00f6wen zur\u00fcckgehen, der um 12OO n.Chr. geboren wurde.<\/p>\n<p>Wenn es uns auch sehr merkw\u00fcrdig erscheint, die einzelnen K\u00f6rperteile des Gekreuzigten zu besingen, so bedeutet doch Paul Gerhardts Lied einen H\u00f6hepunkt in der Passionsdichtung und lohnt sehr, dass wir uns n\u00e4her mit ihm besch\u00e4ftigen. &#8211; Die Melodie stammt \u00fcbrigens von einem weltlichen Liede: \u201eMein Gem\u00fct ist mir verwirret von einer Jungfrau zart.\u201c Wer aber bedenkt, wie kunstvoll z. B. Johann Sebastian Bach dieses Lied mit Paul Gerhardts Texten in seine gro\u00dfen Passionsmusiken einbezogen hat, vergisst dabei das urspr\u00fcngliche Liebeslied.<\/p>\n<p>O Haupt voll Blut und Wunden,<\/p>\n<p>voll Schmerz und voller Hohn,<\/p>\n<p>o Haupt, zum Spott gebunden<\/p>\n<p>mit einer Dornenkron,<\/p>\n<p>o Haupt, sonst sch\u00f6n gezieret<\/p>\n<p>mit h\u00f6chster Ehr und Zier,<\/p>\n<p>jetzt aber hoch schimpfieret:<\/p>\n<p>Gegr\u00fc\u00dfet seist du mir! (Str. 1)<\/p>\n<p>Es entspricht der lateinischen Briefsitte, mit einer Anrede zu beginnen und die Anrede durch ein \u201eO\u201c zu kennzeichnen. (32 Lieder unseres Gesangbuches beginnen mit solchem \u201eO\u201c.)<\/p>\n<p>Dreimal wird hier das Haupt des Gekreuzigten angesprochen. Dann folgt der Gru\u00df, der gewisserma\u00dfen einen doppelten Boden hat: \u201eGegr\u00fc\u00dfet seist du mir!\u201c Mit den Worten \u201eGegr\u00fc\u00dfet seist du, lieber Judenk\u00f6nig!\u201c hatten die Soldaten Jesus verspottet. Paul Gerhardt nimmt ihre Worte auf und wendet sie ins Positive, als wollte er jenen Spott wieder gut machen: \u201eGegr\u00fc\u00dfet seist du mir!\u201c Dann wendet er sich von dem dornengekr\u00f6nten Haupt zum Gesicht:<\/p>\n<p>Du edles Angesichte,<\/p>\n<p>davor sonst schrickt und scheut<\/p>\n<p>das gro\u00dfe Weltgewichte,<\/p>\n<p>wie bist du so bespeit,<\/p>\n<p>wie bist du so erbleichet!<\/p>\n<p>Wer hat dein Augenlicht,<\/p>\n<p>dem sonst kein Licht nicht gleichet,<\/p>\n<p>so sch\u00e4ndlich zugericht?<\/p>\n<p>Die Farbe deiner Wangen,<\/p>\n<p>der roten Lippen Pracht<\/p>\n<p>ist hin und ganz vergangen;<\/p>\n<p>des blassen Todesmach<\/p>\n<p>hat alles hingenommen,<\/p>\n<p>hat alles hingerafft,<\/p>\n<p>und daher bist du kommen<\/p>\n<p>von deines Leibes Kraft. (Str. 2 u.3)<\/p>\n<p>Wie mag das Gesicht von Jesus ausgesehen haben? Eine Frage, die sich haupts\u00e4chlich die Maler stellen. Marc Chagall hat danach in der Form eines Gedichtes gefragt. Darin hei\u00dft es:<\/p>\n<p>Du hast meine H\u00e4nde erf\u00fcllt<\/p>\n<p>mit Farben und Pinseln.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie ich dich malen soll.<\/p>\n<p>Gilt es, die Erde zu malen,<\/p>\n<p>den Himmel, mein Herz?<\/p>\n<p>Die St\u00e4dte im Feuer?<\/p>\n<p>Die fliehenden Menschen?<\/p>\n<p>Meine Augen in Tr\u00e4nen?<\/p>\n<p>Wohin fliehen? Wohin fliehen?<\/p>\n<p>Der hier unten das Leben gibt,<\/p>\n<p>der den Tod aussendet,<\/p>\n<p>vielleicht wird er es f\u00fcgen,<\/p>\n<p>dass mein Bild leuchtet.<\/p>\n<p>Liest man, was in den Evangelien von Jesus erz\u00e4hlt wird, so ahnt man, dass eine gewisse Hoheit von seinem Gesicht ausging. Viele Menschen fassten sofort Vertrauen zu ihm. Die Soldaten, die ihn verhaften sollten und mit Spie\u00dfen, Stangen und Stricken kamen um einen Verbrecher zu fangen, waren \u00fcber seinen Anblick so erschrocken, dass sie zu Boden fielen.<\/p>\n<p>Das Gesicht ist eigentlich der weitaus sch\u00f6nste und ausdrucksvollste Teil des K\u00f6rpers. Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, was Menschen alles erfinden, um andere Menschen zu qu\u00e4len und zu verunstalten, wie es Paul Gerhardt hier beschreibt. Die Gei\u00dfel, die dazu dient, die Haut blutig zu schlagen, ist wohl aus der Mode gekommen. Statt dessen h\u00f6rt man immer wieder von Berichten, dass bei Folterungen brennende Zigaretten auf der Haut der Opfer ausgedr\u00fcckt wurden. Nicht weniger erfinderisch ist der Mensch, wenn es darum geht, andere Menschen zu t\u00f6ten oder gar in Massen zu vernichten.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Strophe beginnt mit einer Feststellung, die uns heute ganz \u00fcberraschend und kaum glaubhaft erscheint:<\/p>\n<p>Nun, was du, Herr, erduldet,<\/p>\n<p>ist alles meine Last;<\/p>\n<p>ich hab es selbst verschuldet,<\/p>\n<p>was du getragen hast.<\/p>\n<p>Schau her, hier steh ich Armer,<\/p>\n<p>der Zorn verdienet hat.<\/p>\n<p>Gib mir, o mein Erbarmer,<\/p>\n<p>den Anblick deiner Gnad. (Str. 4)<\/p>\n<p>\u201eIch hab es selbst verschuldet\u201c, was andere vor fast zweitausend Jahren Verbrecherisches getan haben? Wie kommt das zustande? Millionen von Christen haben durch die Jahrhunderte geglaubt, dass Jesus Christus, wie es hei\u00dft, \u201ef\u00fcr unsere S\u00fcnden gestorben ist\u201c. Aber wer glaubt das heute noch? Nur \u2013 was tun wir, wenn wir von vornherein erkl\u00e4ren, \u201ewir sind nicht schuld\u201c? Wir folgen damit der allgemeinen menschlichen Neigung, jede Schuld von sich abzuw\u00e4lzen. Schon auf den ersten Bl\u00e4ttern der Bibel wird das beschrieben: Adam sagt zu Gott: \u201eDie Frau, die du mir gegeben hast, hat mich verleitet.\u201c Dabei sollte er seine Frau doch eigentlich lieben, statt sie zu \u201everpetzen\u201c! Und Eva sagt: \u201eDie Schlange betrog mich.\u201c Treffender und anschaulicher kann es kaum beschrieben werden. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs haben Menschen millionenfache Schuld auf sich geh\u00e4uft in einem Ausma\u00df, das alles Denken \u00fcbersteigt. Ein Sprichwort sagt: \u201eHinterher will es keiner gewesen sein.\u201c Und so war es denn auch. Da tauchte das Wort von der \u201eKollektivschuld\u201c auf, weil doch nicht nur von Vereinzelten, sondern auch massenweise B\u00f6ses getan wurde. Doch dieses Wort wurde bald wieder vom Tisch gewischt. Auff\u00e4llig ist aber, dass es bis heute immer wieder einmal auftaucht, als wollte es uns verfolgen. Die Frage, wieweit wir schuldig oder unschuldig sind, ist ungew\u00f6hnlich schwierig und verwickelt. Wenn wir so schnell und selbstbewusst uns f\u00fcr unschuldig erkl\u00e4ren, setzen wir uns selbst zum obersten Richter, der genau wei\u00df, was gut und b\u00f6se ist. Aber sind wir wirklich so klug? Ein Wort aus den Psalmen lautet: \u201eWer kann merken, wie oft er Fehler macht? Verzeihe mir, Herr, die verborgenen Fehler.\u201c Ein ungew\u00f6hnlich heilsames und befreiendes Gebet! Denn wer es nachsprechen kann, der wird frei von dem h\u00e4sslichen Zwang, sich dauernd rechtfertigen zu m\u00fcssen und Beweise f\u00fcr seine Unschuld zu suchen. Der kann es auch ertragen, wenn Paul Gerhardt schreibt: \u201eIch hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.\u201c<\/p>\n<p>Von der Betrachtung des Gekreuzigten wendet sich das Lied nun mehr und mehr zu den Gedanken an das eigene Sterben. Diese erreichen ihren H\u00f6hepunkt in den beiden letzten Strophen. Unendlich vielen Menschen sind sie zur Hilfe in ihrer Sterbestunde geworden. Wer in hohem Alter stirbt, w\u00fcnscht sich wohl, dann die Last des Lebens abwerfen zu k\u00f6nnen. Wer sein Leben gar zu fr\u00fch beschlie\u00dfen muss und gern noch geblieben w\u00e4re, hat es leichter, wenn ihm einer Beistand leistet und seine Hand h\u00e4lt. Doch das ist nicht jedem verg\u00f6nnt. Mancher stirbt einsam oder gar von vielen medizinischen Apparaten umgeben. Paul Gerhardts Worte k\u00f6nnen allen Sterbenden Trost geben. Wo kein Mensch mehr mit uns gehen kann, da l\u00e4sst er uns darum bitten, dass Jesus Christus uns begleitet und in das ewige Leben f\u00fchrt. \u201cWer so stirbt, der stirbt wohl.\u201c<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Wenn ich einmal soll scheiden,<\/p>\n<p>so scheide nicht von mir;<\/p>\n<p>wenn ich den Tod soll leiden,<\/p>\n<p>so tritt du dann herf\u00fcr;<\/p>\n<p>wenn mir am allerb\u00e4ngsten<\/p>\n<p>wird um das Herze sein,<\/p>\n<p>so rei\u00df mich aus den \u00c4ngsten<\/p>\n<p>kraft deiner Angst und Pein.<\/p>\n<p>Erscheine mir zum Schilde,<\/p>\n<p>zum Trost in meinem Tod,<\/p>\n<p>und lass mich sehn dein Bilde<\/p>\n<p>in deiner Kreuzesnot.<\/p>\n<p>Da will ich nach dir blicken,<\/p>\n<p>da will ich glaubensvoll<\/p>\n<p>dich an mein Herz dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Wer so stirbt, der stirbt wohl. (Str. 9 u.1O)<\/p>\n<p>( Anm.: Es empfiehlt sich, die Liedstrophen von einer<\/p>\n<p>zweiten Person lesen oder von der Gemeinde<\/p>\n<p>singen zu lassen.)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ernst Arfken<\/strong><\/p>\n<p><strong>18556 Altenkirchen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.: 038391-12326<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe &#8222;Passion im Lied&#8220; | Karfreitag | 13. April 2001 | EG 85: &#8222;O Haupt voll Blut und Wunden&#8220; | Ernst Arfken | Liebe Gemeinde! Was k\u00f6nnen wir tun, um diesen Karfreitag recht zu begehen und des Sterbens von Jesus Christus zu gedenken? 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