{"id":22435,"date":"2003-03-24T16:48:53","date_gmt":"2003-03-24T15:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22435"},"modified":"2025-03-24T16:50:26","modified_gmt":"2025-03-24T15:50:26","slug":"psalm-9010-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-9010-12\/","title":{"rendered":"Psalm 90,10-12"},"content":{"rendered":"<p>Abschied vom Abschied | Psalm 90,10-12 | Rainer M\u00fcller-Brandes |<\/p>\n<p>Andachten (2003)<\/p>\n<p>Neulich war ich bei einer Beerdigung, ganz kleiner Kreis, ein Trauerredner war bestellt, ohne Organist, gesungen wurde nicht, nur ein Kassettenrecorder spielte etwas Musik.<\/p>\n<p>Kurz, diese Trauerfeier war wirklich nicht sch\u00f6n, das war ein derma\u00dfen misslungener Abschied, dass ich heute ein kleines Pl\u00e4doyer halten m\u00f6chte &#8211; und zwar ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Bedeutung des Abschieds.<\/p>\n<p>Ich hab\u00b4 den Eindruck, dass gute, gelungene Abschiede immer seltener werden, ja mehr noch, damit sie gut werden, m\u00fcssen wir sie regelrecht wieder ein\u00fcben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bittet der Psalmbeter Gott nicht umsonst darum:<\/p>\n<p>Herr,\u00a0<strong>lehre<\/strong>\u00a0uns bedenken, auf das \u201clehren\u201d lege ich den Akzent, lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.<\/p>\n<p>Ich glaube, klug w\u00e4re es, das Abschiednehmen wirklich wieder einzu\u00fcben, denn im Moment l\u00e4uft es nicht gut.<\/p>\n<p>Ich habe vielmehr den Eindruck, dass wir langsam Abschied vom Abschied nehmen.<\/p>\n<p>Drei Beispiele:<\/p>\n<p>Erstes Beispiel:<\/p>\n<p>Der klassische Ort des Abschiednehmens ist ja der Bahnhof. Dort war ich letzten Samstag, um den Leuten, die da ankamen, den Weg zur Preussag Arena zum Tag des Ehrenamtes zu weisen. Und bei dieser Gelegenheit konnte ich nat\u00fcrlich auch zusehen, wie sich andere Reisende von den Zur\u00fcckbleibenden verabschiedeten. Und als ich mir das am Bahnhof so ansah, dachte ich nur, dass es ja auch wirklich objektiv schwieriger geworden ist:<\/p>\n<p>Tr\u00e4nenreiche Abschiede mag\u2019s ja noch geben, aber das H\u00e4ndchenhalten durch ge\u00f6ffnete Abteilfenster- das gibt\u00b4s ja kaum noch. Stattdessen hat eine neue Sachlichkeit Einzug gehalten.<\/p>\n<p>T\u00fcren schlie\u00dfen selbstt\u00e4tig, die Fenster lassen sich gar nicht mehr \u00f6ffnen, und falls doch, klemmen sie.<\/p>\n<p>Beim ICE, Sie wissen das, sind sie auch noch get\u00f6nt, so dass man sich die wei\u00dfen Taschent\u00fccher auch gleich schenken kann.<\/p>\n<p>Und man wei\u00df gar nicht mehr so genau, wem man eigentlich zuwinkt, da man sich ja doch nicht mehr so richtig sieht.<\/p>\n<p>Und statt \u201cTsch\u00fcss\u201d sagt man heute -\u201cIch ruf gleich mal an\u201d.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich haben diese Beobachtungen schon ein bisschen Symbolcharakter.<\/p>\n<p>Abschiede werden immer bedeutungsloser, Trennung wird kaum noch einge\u00fcbt, und die Trenungs-Energien, die man ja eigentlich daf\u00fcr br\u00e4uchte, reichen gerade eben noch &#8211; \u00fcberspitzt formuliert &#8211; f\u00fcr die M\u00fcllsortierung.<\/p>\n<p>Und so wird das Abschiednehmen langsam verlernt &#8211; und statt sich den Trennungsschmerz zuzumuten, st\u00fcrzt man sich lieber ins n\u00e4chste Event, wo Ablenkung gewiss ist.<\/p>\n<p>Nur:<\/p>\n<p>Was macht man, wenn man einen Abschied mal nicht \u00fcbert\u00fcnchen kann?<\/p>\n<p>Deshalb der Psalm:<\/p>\n<p>Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, lehre uns bedenken, dass wir Abschied nehmen m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.<\/p>\n<p>Zweites Beispiel &#8211; der K\u00f6rper und der Kult darum<\/p>\n<p>Ich denke, eine Ahnung von Abschied &#8211; letztlich haben wir die alle. Sp\u00e4testens bei der Entdeckung der ersten grauen Haare. Und wir erleben es doch, wie der K\u00f6rper nicht mehr so mitmacht wie fr\u00fcher. Erste Arthrosen oder R\u00fcckenprobleme stellen sich ein. Und auch die Falten geh\u00f6ren irgendwann dazu<\/p>\n<p>Das sind doch in Ans\u00e4tzen schon lauter kleiner Tode, lauter kleine Abschiede.<\/p>\n<p>Es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen. Aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf, stehen junge \u00c4rzte Schlange, um die immerhin sechsj\u00e4hrige Facharztausbildung zum Sch\u00f6nheitschirurgen machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Jungsein ist zum Programm geworden.<\/p>\n<p>Deshalb der Psalm:<\/p>\n<p>Herr, lehre uns bedenken, dass wir Abschied nehmen m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.<\/p>\n<p>Und damit bin ich beim dritten und letzten Beispiel, &#8211; beim Tod.<\/p>\n<p>Auch wenn die Rechnung bei all den kleinen Toden des Alltags dank funktionierender Verdr\u00e4ngungsmechanismen noch aufgehen mag, wird\u00b4s beim gro\u00dfen Abschied doch ungleich schwieriger.<\/p>\n<p>Aber auch da greift es ja um sich: Die Trauergesellschaften werden immer kleiner,<\/p>\n<p>von Beilandskundgebungen am Grab wird abgesehen,<\/p>\n<p>das Trauerjahr ist l\u00e4ngst Vergangenheit geworden<\/p>\n<p>und wenn jemand mal nicht im Krankenhaus stirbt, sehen wir im Allgemeinen zu, dass der Bestatter schnell kommt, um den Toten schnell aus dem Haus zu holen. Und nicht selten folgt die anonyme Bestattung.<\/p>\n<p>Und da frage ich mich schon: was ist das f\u00fcr ein Abschied? Der findet doch kaum noch statt, einge\u00fcbt ist er nicht und am Ende stehen viele stehen hilflos und allein da.<\/p>\n<p>Und das ist dann nat\u00fcrlich die gro\u00dfe Stunde auch der kommerziellen Berater. Der Abschied ist zu einem Gesch\u00e4ft geworden, das Bl\u00fcten treibt:<\/p>\n<p>Da mu\u00dfte ich doch lesen, dass Scheidungsmediatoren f\u00fcr teures Geld eine Abschiedsfeier zwischen ehemaligen Eheleuten mit mehrg\u00e4ngigem Men\u00fc aus Lieblingsgerichten gemeinsamer Jahre inszenieren, oder dass Volkshochschulen Kurse f\u00fcr Pension\u00e4re anbieten, und zwar um deren Depressionen nach dem Ausstieg aus dem Full-time-job zu verarbeiten. Fingerfarben werden gestellt.<\/p>\n<p>Also ich finde, da m\u00fcssen wir doch etwas tun:<\/p>\n<p>Und immerhin, es gibt sie ja, die sinnvollen Angebote, die gegen dieses Vakuum angehen, das der Abschied vom Abschied hinterl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Da ist der Hospizdienst, um nur ein Beispiel zu nennen, der sich kaum retten kann vor Interessierten, die mitarbeiten m\u00f6chten, oft motiviert durch eigenes, z.T. unverarbeitetes Erleben von Tod und Abschied.<\/p>\n<p>Deshalb ein letztes Mal: Herr, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.<\/p>\n<p>Und ich denke, das ist der erste Schritt. Das Nachdenken dar\u00fcber, dass ich sterben werde.<\/p>\n<p>Und ich danke Gott, dass ich dabei nicht stehen bleiben muss.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen daran glauben, dass jedem Abschied ein Neubeginn innewohnt.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen daran glauben, dass es mit uns bei Gott nie zu Ende ist<\/p>\n<p>wir k\u00f6nnen daran glauben, dass er mit uns trotz aller Abschiede immer noch etwas vorhat.<\/p>\n<p>Und das nur nebenbei -in der Hospizarbeit wird etwas von diesem Wissen vermittelt. Vielleicht ist sie deshalb so begehrt.<\/p>\n<p>Deshalb: Klug ist, wer im Glauben seine pers\u00f6nliche Antwort auf den Abschied sucht.<\/p>\n<p>Einen gelungenen Abschied w\u00fcnsche ich uns, wann auch immer.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>EG 380, 1-3 und 7<\/p>\n<p>Gebet:<\/p>\n<p>Herr, unser Gott, unser Leben besteht aus Abschieden,<\/p>\n<p>gro\u00dfen und kleinen. Hilf uns,<\/p>\n<p>Abschiede zu akzeptieren.<\/p>\n<p>Lass uns nicht ausweichen vor Abschieden,<\/p>\n<p>sondern lass sie uns aushalten.<\/p>\n<p>Hilf uns, auch in Abschieden nach dir Ausschau zu halten.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Rainer M\u00fcller-Brandes, Hannover<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:rainer.mueller-brandes@evlka.de\"><strong>rainer.mueller-brandes@evlka.de<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschied vom Abschied | Psalm 90,10-12 | Rainer M\u00fcller-Brandes | Andachten (2003) Neulich war ich bei einer Beerdigung, ganz kleiner Kreis, ein Trauerredner war bestellt, ohne Organist, gesungen wurde nicht, nur ein Kassettenrecorder spielte etwas Musik. 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