{"id":22451,"date":"2002-03-20T17:12:36","date_gmt":"2002-03-20T16:12:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22451"},"modified":"2025-03-24T17:12:57","modified_gmt":"2025-03-24T16:12:57","slug":"reflexion-zum-3-artikel-des-glaubensbekenntnisses-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/reflexion-zum-3-artikel-des-glaubensbekenntnisses-2\/","title":{"rendered":"Reflexion zum 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses"},"content":{"rendered":"<p>Reflexion zum 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses: Der Heilige Geist, der das ewige Leben gibt | Jochen Cornelius-Bundschuh |<\/p>\n<p>Es gibt wohl kaum einen Aspekt des &#8218;Glaubens&#8216;, der sich so gro\u00dfer Zustimmung erfreut wie der des ewigen Lebens. Wer Menschen heute nach ihrer Religiosit\u00e4t fragt und mit ihnen dar\u00fcber spricht, wie sie angesichts des Todes leben und was sie f\u00fcr Vorstellungen haben, was &#8218;danach&#8216; kommt, erh\u00e4lt vielf\u00e4ltige Antworten. Ein breiter Grundtenor hebt jedoch zwei Aspekte besonders hervor: \u201eIch bin sicher, es gibt da irgendetwas danach\u201c und \u201eWir werden uns wiedersehen.\u201c Auch Menschen, die sich nur am Rande als Glieder der Kirche f\u00fchlen, ihren eigenen Glauben kaum, wie Luther schreibt, mit Wort und Sakrament verbinden, erhoffen sich &#8218;in ihrem Herzen&#8216; ewiges Leben als personale Kontinuit\u00e4t. Sie wollen &#8217;nicht an den Tod glauben&#8216; (E. Lange).<\/p>\n<p>F\u00fcr theologisches Denken ist es nicht leicht, sich zu dieser Rede vom ewigen Leben in Beziehung zu setzen. Zu schnell scheinen hier religi\u00f6se W\u00fcnsche und die Aussagen des dritten Glaubensartikels in eins gesetzt zu sein. Zu glatt r\u00fcckt der &#8218;volkst\u00fcmliche&#8216; Ansatz eine Kontinuit\u00e4t ins Zentrum, indem er von einer wie auch immer modifizierten Lehre von der Unsterblichkeit der Seele her denkt. Sie wird \u201ebeim Tod vom Leib befreit und &#8230; \u00fcberlebt\u201c (L. Dabney). So \u201ewie ein Schmetterling \u00fcber dem Grab davon flattert, &#8230; so haben sich die Heiden das Leben nach dem Tod vorgestellt\u201c, hat Karl Barth gegen diese Ansicht polemisiert und dagegen den grundlegenden Bruch, den Schrecken des Todes hervorgehoben.<\/p>\n<p>Mit diesem Zugang zum Leben nach dem Tod verbindet sich zudem eine klare Unterscheidung, ja Trennung von Leib und Seele. Allerdings scheint die Sorge fr\u00fcherer Theologengenerationen, dass es dadurch leicht zu einer Geringsch\u00e4tzung des Leibes in der Gegenwart kommen k\u00f6nne, heute nicht mehr bedr\u00e4ngend. Denn die Trennung wird erst virulent, wenn Leiden als Vorboten des Todes in den Blick kommen und der schnelle, selbstbestimmte Tod als Zur\u00fccklassen des Leibes und als \u00dcbergang der Seele in einen neuen Zustand, in dem sich die sozialen Beziehungen sp\u00e4ter wieder aufnehmen lassen, zur Hoffnung wird. Andererseits ist festzuhalten, dass die Rede vom Weiterleben der Seele und von einem m\u00f6glichen Wiedersehen personaler Wesenskerne es vielen Menschen in seelsorglichen Situationen leichter macht, sich auf Verlust und Trauererfahrungen einzustellen.<\/p>\n<p>Wesentlich seltener begegnet heute die Gegenbewegung, die sich &#8218;m\u00fcndig&#8216; und &#8218;grimmig&#8216; auf das Hier und Jetzt konzentriert und das, was danach kommt, radikal von dem unterscheiden will, was bisher war. Der Mensch ist ganz tot, die Auferweckung bedeutet eine Neukonstituierung, die ganz aus dem Heilshandeln Gottes lebt. An dieser Stelle tritt der Aspekt der Kontinuit\u00e4t weitgehend in den Hintergrund. Auf die Frage der Angeh\u00f6rigen: \u201eWas wird aus Emil, wenn er tot ist?\u201c (Bukowski) gibt es keine Antwort, die Wiedererkennbarkeit und Identit\u00e4t umfasst.<\/p>\n<p>An einer Stelle sind sich die beiden Ans\u00e4tze jedoch nah: sie denken anders als das Glaubensbekenntnis die Frage nach der Auferstehung der Toten und dem ewigen Leben von der Anthropologie her. Es ist die Qualit\u00e4t der Seele, die Kontinuit\u00e4t verhei\u00dft; es ist der Charakter des Todes als anthropologisches und soziales Geschehen, der die Betonung der Diskontinuit\u00e4t angemessen erscheinen l\u00e4sst. Das Glaubensbekenntnis aber versteht die eschatologische Dimension vom Wirken des Heiligen Geistes her.<\/p>\n<p>Er ist n\u00e4mlich einerseits die Gabe, die den Christenmenschen in der Taufe zugeeignet wird und die sie in den Christusleib eingliedert, so dass unser Fleisch, unser konkretes Leben schon hier im Himmel ist (Heidelberger Katechismus Frage 49). So wie er bei Christus geblieben ist, als dieser am Kreuz vom Vater verlassen war, so h\u00e4lt er an unserem Leben fest und wird es einstmals vollenden. Andererseits ist der Heilige Geist die Kraft, die eschatologisch Neues schafft: \u201eIrdisches, verg\u00e4ngliches, hinf\u00e4lliges Leben wird durch den Geist und aus dem Geist als Gott gem\u00e4\u00dfes Leben dem Tod entrissen und dem Vergehen entzogen.\u201c (M. Welker)<\/p>\n<p>Im Wirken des Geistes geh\u00f6ren also die Aspekte der Kontinuit\u00e4t und der Diskontinuit\u00e4t untrennbar zusammen. Folgt man den Ausf\u00fchrungen in 1. Korinther 15, so kommt dem &#8218;verweslichen&#8216; Fleisch, dem konkreten Leichnam, eine hohe Bedeutung zu. Er ist durch den Geist dem drohenden Weg zur\u00fcck ins Nichts entzogen; was biologisch konsequent ist, wird durch den Geist in ungeahnter und wissenschaftlich nicht zu plausibilisierender Weise \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Alles, was das Sein in Christus ausmacht, wird im Tod nicht verloren gehen oder zerst\u00f6rt werden; der Heilige Geist vollendet uns mit unserem Leib, mit allem, was sich an Freuden und Leiden in ihn eingepr\u00e4gt hat, was an Erfahrungen in ihm und mit ihm Gestalt gewonnen hat. Ob dies nur f\u00fcr die geliebte und liebende Seite des Menschen gilt, wie dies von W. H\u00e4rle entwickelt wird, scheint mir zumindest fragw\u00fcrdig; vielleicht trennen wir damit zu schnell das Schwere, das M\u00fchselige, den Kreuzweg, den ein Mensch gehen musste und im Geist Gottes gegangen ist, von ihm ab. Und malen ein Bild des ewigen Lebens, das dann doch wesentlich von unseren Bildern von Heil und Unversehrtheit gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Auch in der sozialen Dimension geht es nicht nur um Kontinuit\u00e4t: mag sein, dass die Angeh\u00f6rigen ihre Beziehung zu den Verstorbenen weiter pflegen (W. H\u00e4rle), mag sein, dass die Verstorbenen selbst in einer in unserer Logik nicht nachvollziehbaren Form weiterhin mit unserer Wirklichkeit verbunden sind (H.-M. Gutmann). Die Kraft des Heiligen Geistes, der ewiges Leben gibt, zeigt sich gerade auch darin, dass alles, was einen Menschen ausmacht, sein Leib und sein Denken, sein Tun und sein Lassen, seine Reden und sein Verschweigen, all das durch den Heiligen Geist endg\u00fcltig der Verf\u00fcgung anderer Menschen und M\u00e4chte entzogen und von Gottes Gegenwart durchdrungen wird.<\/p>\n<p>Das, was Menschen unter dem Segen im Angesicht Gottes (Num 6) und im Leib Christi schon jetzt sind, wird im ewigen Leben umfassende, unaufhebbare und unbedr\u00e4ngte Realit\u00e4t. Es kommt zu einer ungeahnten Vertrautheit mit Gott, der alles in allem ist und doch auch Gegen\u00fcber bleibt. Gegen\u00fcber f\u00fcr die von seinem Geist erf\u00fcllten Gesch\u00f6pfe, die nicht in einem \u201eZustand der reinen Passivit\u00e4t\u201c die \u201eh\u00f6chstm\u00f6gliche Teilnahme am g\u00f6ttlichen Leben\u201c (W. H\u00e4rle) gestalten, sondern im gemeinsamen Loben und Preisen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Direktor Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh<\/strong><\/p>\n<p><strong>Predigerseminar der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gesundbrunnen 10<\/strong><\/p>\n<p><strong>34369 Hofgeismar<\/strong><\/p>\n<p><strong>05671-881271<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:cornelius-bundschuh@ekkw.de\"><strong>E-mail: cornelius-bundschuh@ekkw.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reflexion zum 3. Artikel des Glaubensbekenntnisses: Der Heilige Geist, der das ewige Leben gibt | Jochen Cornelius-Bundschuh | Es gibt wohl kaum einen Aspekt des &#8218;Glaubens&#8216;, der sich so gro\u00dfer Zustimmung erfreut wie der des ewigen Lebens. 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