{"id":22463,"date":"2025-03-25T08:18:27","date_gmt":"2025-03-25T07:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22463"},"modified":"2025-03-25T08:24:49","modified_gmt":"2025-03-25T07:24:49","slug":"roemer-831-39","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-831-39\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8,31-39"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">L\u00e4tare | 30.03.2025 | R\u00f6m 8,31-39 | Peter Skov-Jakobsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigt zum Gedenkgottesdienst an die irrt\u00fcmliche Bombardierung der Jeanne d\u2019Arc-Schule am 21. M\u00e4rz 1945<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201eWas wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott f\u00fcr uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn f\u00fcr uns alle dahingegeben \u2013 wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserw\u00e4hlten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und f\u00fcr uns eintritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Tr\u00fcbsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Bl\u00f6\u00dfe oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: \u00bbUm deinetwillen werden wir get\u00f6tet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.\u00ab Aber in dem allen \u00fcberwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch M\u00e4chte noch Gewalten, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.\u201c <\/em>(R\u00f6mer 8,31-39).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Schweigen ist eine furchtbare Verschlossenheit. Finsternis und Dunkelheit. Das Schweigen ist eine Schlangengrube, wo ein Albtraum nach den anderen den Wachen und den Schlafenden qu\u00e4lt. Das Schweigen kann so manifest sein, dass man nicht wei\u00df, ob man etwas Bestimmtes erlebt hat oder ob es nur ein b\u00f6ser Traum ist, der einen verfolgt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In meinen Vorbereitungen zu diesem Tag war es herzzerrei\u00dfend, von all diesen Kindern und jungen Menschen zu lesen, die mit furchtbaren Ereignissen aufgewachsen sind, die in ihnen rumorten, die aber keine Worte, Handlungen, Ausdr\u00fccke finden konnten. Die Ereignisse brannten in ihnen und lagen oft auf der Zunge; aber wenn man dann versuchte, es in Worte zu fassen, wurde man wieder in das Schweigen eingeschlossen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das war kein b\u00f6ser Wille. Man glaubte es wirklich. Man glaubte, dass Kinder vergessen! Man wusste es nicht besser.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie hatten die Grauen des Krieges aus n\u00e4chster N\u00e4he erlebt. Sie h\u00f6rten Schreien, Jammern, schreckliche Stimmen f\u00fcr den Rest ihrer Tage. Einige mussten nach Worten ringen, denn pl\u00f6tzlich konnten sie nicht reden. H\u00f6rt, was Schwester Emma Martensen viele Jahre sp\u00e4ter schrieb. \u201eIch mochte nicht im f\u00fcnften Stock sein \u2013 auch nicht im Keller oder eingeschlossen sein. Aber so war es nicht immer gewesen. Ich hatte noch immer Angst vor Feuer, aber das lag an dem Bombardement und anderen Erlebnissen aus meinem sp\u00e4teren Leben\u201c.<a href=\"applewebdata:\/\/26CC968C-F8CC-46A0-85E6-C708A66D21C5#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei den meisten aber war es so, dass sie wieder frei atmen konnten, als sie endlich das Schweigen durchbrachen. Als das Schweigen endlich zu einem Lied wurde, war das eine Erleichterung. Als man endlich von dem schlechten Gewissen reden konnte, das viele mit sich herumgeschleppt hatten, dar\u00fcber dass man \u00fcberlebt hatte \u2013 ganz wie die \u00dcberlebenden der Todeslager \u2013 die Finsternis wurde aufgebrochen und Licht fiel ein in das Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schwester Emma schreibt: \u201eWas vor allem in meinem Ged\u00e4chtnis und meinem Herzen haften blieb, ist dies, dass Krieg unter allen Umst\u00e4nden grausam ist, denn der zerst\u00f6rt Leben und trifft blind und richtet gro\u00dfen Schaden an und unheilbares Leid\u201c (S. 97f.).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht war da ein anderer Grund daf\u00fcr, dass es nicht leicht war, \u00fcber die irrt\u00fcmliche Bombardierung der Jeanne d\u2019Arc-Schule zu sprechen. Die Operation Karthago, der Angriff auf das Schell-Haus, in dem die F\u00fchrung der d\u00e4nischen Widerstandsbewegung gefangen gehalten war und wo die Gestapo ihr Archiv \u00fcber die Widerstandsbewegung aufbewahrt hatte, sollte das Hauptziel des Bombardements sein. Es war ein furchtbarer Irrtum, dass eines der Flugzeuge gegen einen Mast flog und hier in Frederiksberg abst\u00fcrzte und dies dazu f\u00fchrte, die die zweite Welle der Bomber glaubte, dass der Rauch der Maschine vom Schellhaus stammte, und deshalb warfen sie ihre Bomben \u00fcber der Schule ab.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Air Vise Marshall Embry, RAF, war sehr im Zweifel gewesen \u00fcber diese Operation. Er bef\u00fcrchtete zivile Opfer in der Stadt und nat\u00fcrlich auch die Fehler, die leicht passieren konnten, wenn man schnelle Entschl\u00fcsse f\u00e4llen musste als Pilot, der sich mit einer Geschwindigkeit von ca. 400 Stundenkilometern dicht \u00fcber der Erde bewegte. Die Freude in London war gro\u00df, als man erfuhr, dass die Bombardierung des Hauptquartiers der Gestapo gelungen war; aber als man wenige Minuten sp\u00e4ter von der furchtbaren Fehlbombardierung der Jeanne d\u2019Arc-Schule erfuhr, war der Raum voll von Trauer und Entsetzen. Das Entsetzliche, das man bef\u00fcrchtete, war in einem Umfang geschehen, der einen verzagen lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Tor zur Freiheit war im Fr\u00fchjahr 1945 kurz vor der \u00d6ffnung, und dann geschah dies, was damals wie heute nach einem Warum schreit. Die Schrecken des Krieges zeigen in solchen Augenblicken ihr h\u00e4ssliches Gesicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201eDenn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch M\u00e4chte noch Gewalten, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn,\u201c <\/em>schrieb Paulus an die R\u00f6mer und die Nachwelt, so als wisse er, dass die Welt voller Dilemmas ist und in einem furchtbaren Widerspruch lebt, wo man z.B. entweder zu den Waffen greifen muss, um die Freiheit \u00a0und Gerechtigkeit zu verteidigen. Paulus verweist auf die Geschichte von Ostern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir haben eben vor dem Gedenkstein an der Frederiksberg Allee gestanden und das Kreuz gesehen, das an der Tracht des Josef-Schwestern h\u00e4ngt. Dieses merkw\u00fcrdige Zeichen, das Tod und Leben bedeutet \u2013 Grab und Ewigkeit \u2013 Finsternis und Licht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt einige christliche Traditionen, die so tun, als sei alles Leiden im Kreuz Jesu enthalten, und die sein Leiden so verabsolutieren, dass alles andere Leid aufgehoben oder relativiert wird. Ich denke, das ist ein furchtbares Missverst\u00e4ndnis. Die norwegische Dichterin Inger Hagerup schreibt in ihrem Gedicht \u201eDer Gekreuzigte sagt\u201c:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u201eNehmt mich ab! Es ist an der Zeit.\/ Glaubte ich, ich mochte das Leiden\/ was Millionen litten?\/Dachau, Buchenwald und Belsen,\/ wo war ich und wo unser Heil? Nehmt mich ab.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Nehmt mich ab, ich war nicht da \/das Entsetzen im Kinderblick,\/das Weinen der Mutter ging an mir vorbei.\/Zerbrich mein Kreuz, das nicht vermochte,\/die zu retten, die zugrunde gingen.\/ Nehmt mich ab. Befreit die Welt.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">An einem Tag wie diesem glaube ich die Verzweiflung Inger Hagerups zu verstehen, und doch kann ich nicht umhin, die Worte des Paulus im Ohr zu haben. Ich kann nicht davon ablassen, in eine Welt hineinzusehen, wo Widerspr\u00fcche vor meinem Augen zusammensto\u00dfen, und ich sehe das Schellhaus auf der einen Seite und die Jeanne d\u2019Arc-Schule auf der anderen Seite, und wenn ich die Zeitung aufschlage, sehe ich das wieder und frage: <em>Warum?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Jesus zu seinen Nachfolgern sagt, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen und ihm folgen sollen, so ist das die Weise, in der er das Schweigen bricht. Gott sitzt nicht auf einem Thron weit weg von der Welt, sondern er ist im Leiden gegenw\u00e4rtig. Gott ist mitten unter uns. Es ist nicht merkw\u00fcrdig in solchen Situationen, dass man fragt: Wo ist Gott? So wie es auch nicht merkw\u00fcrdig ist zu fragen: Wo ist der Mensch? Der Gekreuzigte l\u00e4sst uns nach den Gekreuzigten fragen. \u201eDas Kreuz ist ein radikaler Stein des Ansto\u00dfes, der uns an der Brutalit\u00e4t des Daseins festh\u00e4lt\u201c (Thelle<a href=\"applewebdata:\/\/26CC968C-F8CC-46A0-85E6-C708A66D21C5#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>). Wenn wir vom Kreuz reden, reden wir also wirklich von der Wirklichkeit, und wir sollen auch von der Sehnsucht reden, die das Leiden hervorruft. Unsere Sehnsucht ist die Liebe, die t\u00e4glich Leben auf der Erde schafft, wenn Menschen Hoffnung zum Ausdruck bringen. Paulus formuliert eine Hoffnung, die von der Wirklichkeit ausgeht, dass die Finsternis vom Licht durchbrochen wird, dass Vertrautheit bei Gott ist und N\u00e4he, die bedeuten, dass autorit\u00e4ren Kr\u00e4ften widersprochen wird und dass wir Verantwortung \u00fcbernehmen, uns im Dasein mit Barmherzigkeit geb\u00e4rden; aber vor allem sind wir die, die daran glauben, dass das Geheimnis darin besteht, sich darauf zu verlassen, dass wir dazu berufen sind, Widerstand zu leisten gegen das Absurde und das B\u00f6se und nach besten Kr\u00e4ften die Gnade umsetzen, die uns in einer\u00a0 Gesellschaft widerf\u00e4hrt, wo wir einander nicht mit Schweigen einschlie\u00dfen. Freiheit, Glaube und Vertrauen erfordern zuweilen Stille, die kreativ und heilend ist. Das Schweigen singen wir weg! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bischof Peter Skov-Jakobsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">N\u00f8rregade 11, DK-1165 K\u00f8benhavn K<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: pesj(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/26CC968C-F8CC-46A0-85E6-C708A66D21C5#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> S . 97 in dem Buch Tavsheden blev min sang (Stummheit wurde mein Lied).<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/26CC968C-F8CC-46A0-85E6-C708A66D21C5#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Mikkel Thelle, d\u00e4nischer Autor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4tare | 30.03.2025 | R\u00f6m 8,31-39 | Peter Skov-Jakobsen | Predigt zum Gedenkgottesdienst an die irrt\u00fcmliche Bombardierung der Jeanne d\u2019Arc-Schule am 21. M\u00e4rz 1945 \u201eWas wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott f\u00fcr uns, wer kann wider uns sein? 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