{"id":22505,"date":"2025-04-01T21:11:49","date_gmt":"2025-04-01T19:11:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22505"},"modified":"2025-04-01T21:11:49","modified_gmt":"2025-04-01T19:11:49","slug":"johannes-1833-38","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1833-38\/","title":{"rendered":"Johannes 18,33-38"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Judika | 06.04.2025 | Predigt zu Johannes 18,33-38 | verfasst von Dr. Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigttext<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">33 Pilatus [&#8230;] lie\u00df Jesus rufen und fragte ihn:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbBist du der K\u00f6nig der Juden?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">34 Jesus antwortete: \u00bbFragst du das von dir aus<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">oder haben andere dir das \u00fcber mich gesagt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">35 Pilatus erwiderte: \u00bbBin ich etwa ein Jude?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dein Volk und die f\u00fchrenden Priester<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">haben dich zu mir gebracht. Was hast du getan?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">36 Jesus antwortete:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbDas Reich, dessen K\u00f6nig ich bin,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">stammt nicht von dieser Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn mein Reich von dieser Welt w\u00e4re,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">h\u00e4tten meine Leute f\u00fcr mich gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann w\u00e4re ich jetzt nicht<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">in den H\u00e4nden der j\u00fcdischen Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber mein Reich stammt eben nicht von dieser Welt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">37 Pilatus fragte weiter: \u00bbAlso bist du doch ein K\u00f6nig?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus antwortete: \u00bbDu sagst es: Ich bin ein K\u00f6nig!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist der Grund, warum ich geboren wurde<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und in die Welt gekommen bin:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich soll als Zeuge f\u00fcr die Wahrheit eintreten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jeder, der selbst von der Wahrheit ergriffen ist,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">h\u00f6rt auf das, was ich sage.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">38 Da fragte Pilatus ihn:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbWahrheit \u2013 was ist das?\u00ab (Joh. 18,33-37 Basis-Bibel)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zwei M\u00e4nner unterhalten sich und am Ende wird\u2019s philosophisch. Wenn die Umst\u00e4nde nicht so bitter w\u00e4ren, &#8211; man k\u00f6nnte es beim Spotten belassen. Aber es ist eben kein Gespr\u00e4ch im Wirtshaus nach einem, zwei, drei, vielen Glas Bier. Es ist ein Gespr\u00e4ch zwischen zwei M\u00e4nnern, die Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses geworden sind. \u201eUnd an Jesus Christus [&#8230;], unsern Herrn [&#8230;], gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Geschichte ist ein erster Grund, auf den Predigttext zu h\u00f6ren. Er f\u00fchrt uns zu den Anf\u00e4ngen des Christentums. Der Evangelist Johannes war allerdings kein Augenzeuge. Das ist nicht v\u00f6llig unwichtig. Andererseits k\u00f6nnen wir durch das Johannes-Evangelium feststellen, was und wie Johannes geglaubt hat. Da ist er dann doch n\u00e4her an der Urchristenheit als jemand aus dem 20. oder 21. Jahrhundert. Doch gibt es nicht nur historische Gr\u00fcnde, sich mit dem Predigttext zu besch\u00e4ftigen. Ich sagte schon: Zwei M\u00e4nner unterhalten sich, aber sie verstehen sich nicht, und das stellt sich dauerhaft zwischen sie. Weil sich das seit Jahrhunderten in religi\u00f6sen Fragen wiederholt, ist es f\u00fcr uns wichtig, zu fragen, warum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einige Fernseh-Dokus haben einen besonderen Stil: Sie verbinden in Filmchen historisch Sicheres, historisch Wahrscheinliches und kreative Erg\u00e4nzungen mit Experteninterviews. Leider kann ich Ihnen keine Filmchen bieten und keine Professoren oder gar Pilatus und Jesus interviewen. Aber ich kann mich ein bisschen an den Doku-Stil anlehnen. Wenn wir den Predigttext verstehen wollen, sind wir nicht ganz verloren. Wir haben wir historisch Sicheres in Gestalt von Dokumenten, wir haben historisch Wahrscheinliches und wir brauchen Erg\u00e4nzungen, die ich nach bestem Wissen und Gewissen selbst verantworte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Die Wahrheit des Pilatus: herausfinden, ob Jesus gef\u00e4hrlich ist<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kommen wir zun\u00e4chst zu Pilatus. Was ist das f\u00fcr einer? Wie denkt, wie \u201etickt\u201c er? Gleich zweimal fragt er Jesus: \u201eBist du der K\u00f6nig der Juden?\u201c (Joh. 18,33.37) Das wirft die Frage auf, warum das f\u00fcr ihn so wichtig ist. Und ab sofort gehe ich in den Doku-Modus \u00fcber. Mein Experte ist Josephus, ein j\u00fcdischer Geschichtsschreiber aus dem ersten Jahrhundert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Moderation: Josephus, wir freuen uns, Sie als Experten da zu haben. Sie haben zwei gro\u00dfe Werke \u00fcber die Geschichte Israels geschrieben. \u201eJ\u00fcdische Altert\u00fcmer\u201c und \u201eDer j\u00fcdische Krieg\u201c. Sie k\u00f6nnen uns gewiss erkl\u00e4ren, warum \u201eK\u00f6nig\u201c f\u00fcr Pontius Pilatus so ein Reizwort ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Josephus: Lassen Sie mich dazu zuerst aus unserer Heiligen Schrift zitieren: Gott, \u201eder Herr [,] herrscht \u00fcber uns, der Herr gibt uns Gesetze, der Herr ist unser K\u00f6nig. Er ist es, der uns hilft.\u201c Jesaja 33,22.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Warum ist das wichtig?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Weil irdische K\u00f6nige f\u00fcr uns Juden nicht die letzte Autorit\u00e4t sind, sondern Gott. Im Vorwort meiner Altert\u00fcmer betone ich, dass denjenigen, die Gottes Willen befolgen und seine wohlgemeinten Gesetze nicht \u00fcbertreten, alles zum Besten gedeiht. Auch in Widrigkeiten. Ich selbst bin mir ein Beispiel daf\u00fcr. Darum ermahne ich alle, die meine B\u00fccher lesen, ihren Sinn auf Gott zu richten. (Altert\u00fcmer, 1. Buch, Vorwort) Israel hat lange ohne K\u00f6nige bestanden und tats\u00e4chlich mit eigenen und fremden K\u00f6nigen schlechte Erfahrungen gemacht. Das k\u00f6nnen Sie alles in der Bibel nachlesen und in meinen Altert\u00fcmern auch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Immerhin hat Ihnen K\u00f6nig Herodes kurz vor der Lebenszeit Jesu in Jerusalem den sch\u00f6nen Tempel hingestellt. Ich zitiere mal aus dem Ged\u00e4chtnis: \u201eWer den Tempel des Herodes nicht gesehen hat, der hat seiner Lebtage keinen sch\u00f6nen Bau gesehen.\u201c (Babylonischer Talmud, Bawa batra 4 a)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Ja, ich erw\u00e4hne den Bau in meinen Altert\u00fcmern, &#8211; und auch, dass die Leute erst einmal nicht begeistert waren. Sie hatten Angst, dass Herodes nach dem Abriss des alten Tempels keine Mittel mehr f\u00fcr einen Neubau haben w\u00fcrde. (Altert\u00fcmer, 15. Buch, 11. Kapitel)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Das kommt bekannt vor. Auch wir kennen Bauprojekte, die ohne Ende Geld gekostet und fast kein Ende gefunden haben [z. B. in Hamburg die Elbphilharmonie]. Mancher will eine Sehensw\u00fcrdigkeit bauen und baut ein Millionengrab [z. B. in Hamburg der Elbtower]. Aber das ist eine andere Geschichte. Zur\u00fcck zum Thema, warum Pilatus so sehr nach dem K\u00f6nigtum von Jesus fragt. K\u00f6nig Herodes war vorerst der letzte K\u00f6nig Israels. Andererseits ist die Zeit nach Herodes Tod den R\u00f6mern in schlechter Erinnerung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: In der Tat. Die Zeit nach dem Tod von K\u00f6nig Herodes war eine unruhige Zeit. Da waren zun\u00e4chst seine S\u00f6hne. Jedenfalls die drei, die er am Leben gelassen hat. Alle drei wollten K\u00f6nig werden. Der r\u00f6mische Oberkommandeur Varus hat sie erst mal nach Rom geschickt. Kaiser Augustus sollte das entscheiden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Varus ist uns ein Begriff. Das war doch der Varus, der sp\u00e4ter in Germanien mit seinen Legionen untergegangen ist!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Das mag sein, das hat aber mit meiner Geschichte nichts zu tun. Also: Varus hat die S\u00f6hne des Herodes nach Rom geschickt. Kaiser Augustus sollte entscheiden, wer K\u00f6nig wird. Gleichzeitig schickte auch die F\u00fchrung des j\u00fcdischen Volkes Gesandte nach Rom. Ihr Anliegen: Man will keinen der S\u00f6hne des Herodes als Herrscher, sondern jemanden aus dem Priesteradel. Am Ende bekamen alle Herodes-S\u00f6hne etwas zum Regieren, aber keiner war K\u00f6nig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Und in der k\u00f6nigslosen Zeit herrschte Chaos.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: In der Tat. Die Lage ist geradezu explodiert. Zumal der stellvertretende r\u00f6mische Statthalter Sabinus in Jerusalem schwere Fehler im Umgang mit der Bev\u00f6lkerung machte. Bei einem unserer Wallfahrtsfeste kam es dann zum Aufstand. Aber auch unabh\u00e4ngig davon: An vielen Orten sammelten sich mehr oder weniger kampferprobte Leute unter mehr oder weniger erfahrenen F\u00fchrern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Und hier spielt das Wort \u201eK\u00f6nig\u201c wieder eine Rolle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: So ist es. In den Altert\u00fcmern schreibe ich: Wo immer sich eine Schar von Aufr\u00fchrern zusammentat, w\u00e4hlten sie K\u00f6nige, die dem Staate sehr verderblich wurden. Denn w\u00e4hrend sie den R\u00f6mern nur unbedeutenden Schaden zuf\u00fcgten, w\u00fcteten sie gegen ihre Landsleute weit und breit mit Mord und Totschlag. (Altert\u00fcmer, 17. Buch, 8. Kapitel) In meinen Altert\u00fcmern nenne ich namentlich einen Judas in Sepphoris, einen Simon bei Jericho, einen Athronges im Raum Jerusalem. (Altert\u00fcmer, 17. Buch, 7. Kapitel)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Ich sehe schon. Das ist quer durchs Land. Jericho liegt am Jordan fast am Toten Meer, Jerusalem im Zentrum des ganzen Landes, Sepphoris im Norden gleich bei Nazareth. Ein selbst ernannter K\u00f6nig k\u00f6nnte also von \u00fcberall herkommen. Auch aus Nazareth, wie Jesus!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Wenn Sie meinen! Sie kennen vielleicht das Sprichwort aus meinem Volk. \u201eWas kann aus Nazareth schon Gutes kommen.\u201c (Joh. 1,46) Aber egal. Varus brauchte ein halbes Jahr, um die Unruhen mit seinen Legionen niederzuschlagen. Als Strafe und Abschreckung wurden schlie\u00dflich 2000 Juden ans Kreuz geschlagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Das erinnert mich an Jesus, egal ob seine Kreuzigung aus r\u00f6mischer Sicht nun Strafe oder Abschreckung war. Kommen wir zuerst zu Pontius Pilatus. Er ist r\u00f6mischer Milit\u00e4rkommandant in Jerusalem. Er wei\u00df aus eigener Erfahrung, dass die Stadt ein gef\u00e4hrliches Pflaster ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Ja. In meinen Altert\u00fcmern nenne ich zwei Beispiele, wie er mit dem Volkszorn zusammengesto\u00dfen ist. Nr. 1: Pilatus hatte r\u00f6mische Feldzeichen nach Jerusalem gebracht, obwohl doch Gottes Gesetz alle Bilder verbietet. Fr\u00fchere Statthalter hatten das respektiert. Nr. 2: Pilatus wollte Geld aus dem Tempelschatz f\u00fcr eine Wasserleitung nach Jerusalem. In beiden F\u00e4llen w\u00fctende Proteste. In Fall 1 musste er den R\u00fcckzug antreten; in Fall 2 hat er den Aufruhr niederkn\u00fcppeln lassen. (Altert\u00fcmer, 18. Buch, 3. Kapitel) Pilatus kann also nicht einfach machen, was er will. Er muss immer auch mit der Macht der Stra\u00dfe rechnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Immerhin ist Pilatus ein \u00dcberlebensk\u00fcnstler. Er h\u00e4lt sich zehn Jahre [26\u201336 n. Chr.] an der Macht. Mitten in die Amtszeit f\u00e4llt \u201edie Akte Jesus\u201c. Den hat Pilatus tats\u00e4chlich als \u201eK\u00f6nig der Juden\u201c kreuzigen lassen, und das auch zu einer Festzeit. Mutig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Da kann ich nicht viel zu sagen. Die R\u00f6mer waren nicht zimperlich, wenn es um den Machterhalt ging. Wenn ich \u00fcberhaupt etwas einsch\u00e4tzen kann, dann das: Die j\u00fcdische Religion oder innere Angelegenheiten im j\u00fcdischen Volk interessierten den Statthalter nur m\u00e4\u00dfig. Wenn, dann ging es f\u00fcr ihn darum, wie gef\u00e4hrlich Jesus ist und ob er was unternehmen muss. Wenn Jesus sich als \u201eK\u00f6nig\u201c bekennt, ist die Sache klar: Rebellion, also Kreuzigung. Lokalpolitisch sieht das anders aus: Wenn Jesus schon viele Anh\u00e4nger hat, ist das mit der Kreuzigung nicht so einfach. Aber Sie sagen ja: Jesus wurde gekreuzigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich bedanke mich bei Josephus und kehre aus dem Stil der Fernseh-Dokus zur\u00fcck: Pontius Pilatus &#8211; der Name klingt f\u00fcr uns m\u00e4chtiger, als der Mann war. Pontius Pilatus kommandiert die r\u00f6mischen Truppen in Jerusalem, ist aber nur ein Machtfaktor von mehreren. Ein weiterer Machtfaktor ist der j\u00fcdische Priesteradel, der in unserem Predigttext auch erw\u00e4hnt wird. Und ein dritter sind die Leute auf der Stra\u00dfe, gerade wenn Jerusalem voller Menschen ist, wie damals zu einer Festzeit. Pilatus muss also einerseits vor allem auf der Hut sein und andererseits bei allem vorsichtig vorgehen. Das erkl\u00e4rt auch ein bisschen, dass Jesus zwischen verschiedenen Obrigkeiten hin- und hergeschickt wurde. Das ist ja sprichw\u00f6rtlich geworden. \u201eVon Pontius zu Pilatus rennen\u201c ist eine Redewendung f\u00fcr ein nutzloses Hin und Her.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Die Wahrheit Jesu: Gott leben<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pilatus w\u00e4gt seine Worte ab. Aber auch Jesus muss seine Worte sorgf\u00e4ltig w\u00e4hlen. \u201eK\u00f6nig\u201c \u2013 das Wort h\u00e4ngt ihm der j\u00fcdische Priesteradel an, um ihn zu beseitigen. Und doch ber\u00fchrt es f\u00fcr den Evangelisten Johannes etwas vom Selbstbewusstsein Jesu und trifft etwas Richtiges. Damit m\u00f6chte ich mich dem zweiten Experten zuwenden, dem Evangelisten Johannes. Ab jetzt wieder Doku-Stil:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Johannes, ich frage Sie als Experten f\u00fcr das Leben Jesu: Warum hat Pontius Pilatus Jesus nicht verstanden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Zuallererst war es wohl die Frage. Pilatus wollte nur wissen: Ist Jesus harmlos? Oder ist er ein K\u00f6nigsanw\u00e4rter, den man beseitigen muss? F\u00fcr mehr hat Pilatus sich nicht interessiert. Er hat darum \u00fcbersehen, wer vor ihm steht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Und wer stand vor ihm?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Ein Zeuge f\u00fcr \u201edie Wahrheit Gottes\u201c, also Gottes Da-Sein und Gottes Wesen. In meinem Evangelium schreibe ich: Jesus \u201ewar ganz erf\u00fcllt von Gottes Gnade und Wahrheit\u201c (Joh. 1,14).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Klingt das nicht etwas \u00fcbertrieben?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Sie k\u00f6nnen es nennen, wie Sie wollen. F\u00fcr uns Christen ist das eine praktische, lebensnahe Botschaft. Viele Menschen fragen: Wo ist Gott? Wir antworten: Da ist Gott! In dem, was Jesus tut. In dem, was Jesus sagt. In dem, was er ist. Ich zitiere wieder aus meinem Evangelium, wo Jesus sagt: \u201eIch bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es gibt keinen anderen Weg zum Vater als mich. Wenn ihr mich erkannt habt, dann werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen\u201c (Joh. 14,6-7), weil Ihr eben mich seht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: So viele Leute haben dann aber Jesus doch nicht erkannt und schon gar nicht Gott in ihm gesehen. Ich glaube, ich zitiere Ihr Vorwort richtig: \u201eEr kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.\u201c (Joh. 1,11) Aber Sie haben ihn aufgenommen!?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Ich kann das auch nicht \u201eerkl\u00e4ren\u201c. Wenn jemand etwas \u00fcber Gott versteht, dann sehen wir darin Gottes eigenes Wirken. \u201eDer Geist der Wahrheit wird euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen.\u201c (Joh. 16,13) Andererseits: Man muss schon etwas von Gott wissen wollen. Wer nichts von Gott wissen will, der hat seine Entscheidung schon getroffen und wird von Gott nichts verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Das klingt aber sehr nach einem Innen und Au\u00dfen. Die einen haben Jesus verstanden, also Sie. Die anderen nicht. Sie haben die Verbindung zu Gott. Die anderen nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Wir haben immer damit gek\u00e4mpft, warum die Menschen das f\u00fcr uns Offenbare nicht angenommen haben. Beginnend bei den Mitjuden, wo es leider bitter wurde. Das sieht man auch an manchen Stellen in meinem Evangelium. Wenn ich gewusst h\u00e4tte, was echte Judenfeinde daraus machen&#8230; Vielleicht h\u00e4tte ich manches auch anders geschrieben. Andererseits: Auch f\u00fcr uns war es nicht leicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M: Tats\u00e4chlich ist das einigerma\u00dfen unverst\u00e4ndlich. Wenn Gott mit Jesus war, warum hat er ihm nicht geholfen und warum auch nicht Ihnen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">J: Wir haben es als Pr\u00fcfung auf unsere Wahrheit genommen, also, wie es mit uns und unserem Glauben wirklich steht. Sie finden in meinem Evangelium ein Gebet im Geist Jesu:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch bitte dich nicht, sie aus dieser Welt wegzunehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber ich bitte dich, sie vor dem B\u00f6sen zu bewahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie geh\u00f6ren nicht zu dieser Welt, so wie auch ich nicht zu ihr geh\u00f6re.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mach sie durch die Wahrheit zu Menschen, die heilig sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dein Wort ist die Wahrheit.\u201c (Joh. 17,15-17)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott zu suchen, ihn zu lieben und seinen Wegen nachzugehen, das ist f\u00fcr uns wahres Leben. Gott suchen, ihn lieben, ihm wahrhaftig nachfolgen, durch Gott etwas Besonderes werden, das k\u00f6nnen wir aber nur in diesem Leben \u00fcben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich bedanke mich bei Johannes und kehre aus dem Stil der Fernseh-Dokus zur\u00fcck. Sie haben sicher gesp\u00fcrt, was man im ganzen Johannes-Evangelium sp\u00fcren kann. Hier geht es nicht um \u201eFakten, Fakten, Fakten\u201c, egal ob nun wirkliche oder \u201ealternative\u201c, wie sie einem heute oft aufgetischt werden. Johannes geht es um die Begegnung mit Jesus, an der sich etwas entscheidet. Oder in seiner Sprache: In der Begegnung mit der \u201eWahrheit Gottes\u201c entscheidet sich auch \u201eunsere Wahrheit\u201c, wer wir \u201esind\u201c. Und so ziehe ich das Thema abschlie\u00dfend in die Gegenwart.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Was ist die Wahrheit, um die es geht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Politiker und ein Prediger unterhalten sich \u2013 kann da etwas herauskommen? Pilatus sucht Fakten, nach denen er entscheiden kann; Jesus sucht Gott, an dem sich \u201ealles\u201c entscheidet. Der eine muss politisch Stellung und Gesicht wahren. Der andere soll Gottes Gesicht sein. Am Ende haben sie sich nicht verstanden, weil sie verschieden denken und deshalb verschiedene \u201eWahrheiten\u201c leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Politiker und Prediger, die sich nicht verstehen, &#8211; so fern ist uns das nicht. Politiker und Bisch\u00f6fe &#8211; zum Thema Migration und Menschlichkeit beispielsweise. Die einen fragen: Was sind meine Fakten? Was ist zu tun, um meinen W\u00e4hlern und W\u00e4hlerinnen zu gefallen? Die anderen sagen: Es geht doch um Menschen. Was ist zu tun, um Gott und dem Gewissen zu gefallen? Aber schon stockt mir die Rede. Hier f\u00e4llt das Wort \u201eWahrheit\u201c vom Himmel auf die Kirchenleitungen. Wir alle wissen, dass Bisch\u00f6fe und andere Kirchenleitungen bei manchen Themen Gott sicher nicht gefallen. Wer hohe Ma\u00dfst\u00e4be ansetzt, wird mit hohen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen, wenn die Wahrheit zum Beispiel \u00fcber sexuellen Missbrauch ans Licht kommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber es gibt nicht nur offizielle Prediger, sondern auch Stra\u00dfenprediger &#8211; Klimakleber, Tieraktivisten und andere, die im Namen einer h\u00f6heren Wahrheit mit vollem K\u00f6rpereinsatz Partei ergreifen. Kein Hin-und-her-Lavieren wegen des eigenen Machterhalts oder den Interessen von Parteifreunden, Lobbyvertretern und anderen Amigos, wie man in Bayern sagen w\u00fcrde. Andererseits: Gibt \u201eh\u00f6here Wahrheit h\u00f6heres Recht\u201c? Auch hier f\u00e4llt die Wahrheit vom Himmel. Sie erinnern sich vielleicht an den Aufschrei, als 2023 zwei Klima-Kleber einen Gerichtstermin verpassten, weil sie in den Urlaub nach Thailand geflogen waren. Bei der Google-Nachrecherche habe ich dann sogar gefunden, dass einer einige Monate sp\u00e4ter sich in Frankfurt auf die Startbahn klebte und anderen den Start in den Urlaub vermasselte. (Google Suche: \u201eBali Flieger\u201c) Vielleicht erinnern Sie sich an den Aufschrei auch in seri\u00f6sen Medien. Wer hohe Ma\u00dfst\u00e4be ansetzt, wird mit hohen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen, wenn \u201eWahrheit\u201c ans Licht kommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es wird Zeit f\u00fcr den Schlussgedanken. Ein Politiker und ein Prediger haben sich unterhalten und sind aneinander gescheitert. Pilatus fragte nach Fakten und kam deshalb mit dem mutma\u00dflichen K\u00f6nig Jesus nicht weiter. Man k\u00f6nnte es sich leicht machen. Rausfinden, wie es ist und aburteilen, wie Pilatus, das ist halt falsche Denk(weis)e. Aber umgekehrt k\u00f6nnen auch wir erleben, was Pilatus an Jesus erlebte. Manche Anspr\u00fcche sind so massiv, dass man sich instinktiv wehren will, wehren muss. Jesus \u201ewar ganz erf\u00fcllt von Gottes Gnade und Wahrheit\u201c, f\u00fcr das Johannes-Evangelium war das klar. F\u00fcr viele Menschen bis hinein in die Kirchen ist das nicht so klar. Nach meiner \u00dcberzeugung hat das viel mit den Wahrheiten \u00fcber uns zu tun: Wer wir \u201einsgesamt sind\u201c. Also auch mit den dunklen Seiten, dem Opportunismus eines Pilatus und m\u00f6glicherweise auch Doppelleben-Aspekten. Das k\u00f6nnten bittere Wahrheiten werden, den Menschen nicht begegnen wollen. An dieser Stelle m\u00f6chte ich auf Johannes zur\u00fcckkommen. Bei Jesus ging es f\u00fcr ihn um \u201eGottes Gnade und Wahrheit\u201c (Joh. 1,14). Das Wort Gnade muss man also bei aller Verk\u00fcndigung mitdenken. Gott geht es nicht um kalte Wahrheiten, die Menschen die Maske vom Gesicht rei\u00dft und ihr Doppelleben gnadenlos aufdeckt. Gottes warme Wahrheit \u00fcber sich und \u00fcber Dich will Ansichten und Lebensweisen nicht verurteilen, sondern ver\u00e4ndern. Im sogenannten Hohepriesterlichen Gebet bittet Jesus alle, die ihm folgen: \u201eMach sie durch die Wahrheit zu Menschen, die heilig sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-L\u00f6he-Schule in N\u00fcrnberg t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Literaturhinweise<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Clementz, Heinrich (Hrsg.): Des Flavius Josephus J\u00fcdische Altert\u00fcmer, Wiesbaden: Fourier, Nachdruck, o. J., Seiten \u00fcber die angegebenen B\u00fccher und Kapitel zu finden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schnelle, Udo: Das Evangelium nach Johannes (Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament; Band 4), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 5. Auflage (umfassende Neubearbeitung) 2016, S. 349-355 Das erste Verh\u00f6r vor Pilatus 18,28-38a.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lichtenberger, Hermann: Messianische Erwartungen und messianische Gestalten in der Zeit des Zweiten Tempels, in: Stegemann, Ekkehard (Hrsg.): Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen, Stuttgart: Kohlhammer, 1993, S. 9-20.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mayer, Reinhold (Hrsg.): Der Babylonische Talmud, M\u00fcnchen: Goldmann, 4. (\u00fcberarbeitete) Auflage, o. J., S. 174-175 Die Sch\u00f6nheit des Herodianischen Tempels.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judika | 06.04.2025 | Predigt zu Johannes 18,33-38 | verfasst von Dr. Hansj\u00f6rg Biener | Predigttext 33 Pilatus [&#8230;] lie\u00df Jesus rufen und fragte ihn: \u00bbBist du der K\u00f6nig der Juden?\u00ab 34 Jesus antwortete: \u00bbFragst du das von dir aus oder haben andere dir das \u00fcber mich gesagt?\u00ab 35 Pilatus erwiderte: \u00bbBin ich etwa ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":22487,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,157,853,114,271,695,706,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22505","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-hansjoerg-biener","category-judika","category-kapitel-18-chapter-18-johannes","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22505","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22505"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22505\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22506,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22505\/revisions\/22506"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/22487"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22505"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22505"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22505"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22505"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}