{"id":22665,"date":"2025-04-14T09:39:09","date_gmt":"2025-04-14T07:39:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22665"},"modified":"2025-04-14T09:39:09","modified_gmt":"2025-04-14T07:39:09","slug":"markus-1520-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1520-30\/","title":{"rendered":"Markus 15,20-30"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Von Gott verlassen? | Karfreitag | 18. April 2025 | Mk 15,20-30 | Lasse Rodsgaard Lauesen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Welt war nie mehr von Gott verlassen als heute, wo Jesus am Kreuz h\u00e4ngt und stirbt mit den herzzerrei\u00dfenden Worten: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Es ist, als verl\u00f6re er die letzte Verbindung zu Gott und f\u00fchlte sich getrennt von dem Vater, dem er sich stets eng verbunden f\u00fchlte. Er hatte sich ja sonst darauf verstanden, Gott vom Himmel auf die Erde herabzurufen. Jesus hatte zu den Herzen der Menschen gepredigt, ihre Krankheiten geheilt und sie wieder hinaus in das Leben gesandt mit dem Glauben daran, dass Gott auch in unserer Welt gegenw\u00e4rtig ist. Aber jetzt, in seinem eigenen tiefsten Leiden, wei\u00df er nicht, wo Gott ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Habt Ihr euch jemals von Gott verlassen gef\u00fchlt? Habt Ihr Augenblicke erlebt, wo Ihr die Gegenwart Gottes nicht sp\u00fcren konntet? Wenn wir dar\u00fcber nachdenken, haben wir vielleicht alle unsere eigenen Karfreitage gehabt, wo wir Gott anriefen, ohne dass wir meinten, eine Antwort zu bekommen. Das muss die tiefste Form von Einsamkeit sein. Wenn Gebete unbrauchbar erscheinen und Gott als eine ferne Gestalt erscheint, die nicht antwortet. Ich glaube, wir alle haben Augenblicke gehabt, wo wir gefragt haben: \u201eWo bist du, Gott?\u201c Die Worte: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c sind deshalb auch deine und meine Worte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit dem Tod Jesu stirbt auch all das, wof\u00fcr er gearbeitet hat, und Gott scheint von der Erde verschwunden zu sein. Gott, der nicht nur Jesus verlassen hat, sondern auch Maria, Maria Magdalena, Johannes und alle, die ihm folgten, weil sie glaubten, dass Gott mit Jesus war und der Bewegung, zu der sie geh\u00f6rten. Das Gef\u00fchl der Gottverlassenheit ist ein Aspekt des Glaubens, und sowohl im Alltag als auch in der Literatur haben Menschen versucht, die Gottverlassenheit zu begreifen. Ich m\u00f6chte euch nun drei Beispiele f\u00fcr Gottverlassenheit bei Mutter Teresa, den Romanfiguren Niels Lyhne und Iwan Karamasow zeigen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als das Tagebuch von Mutter Teresa ver\u00f6ffentlicht wurde, was es ein Schock, dass man entdeckte, dass auch sie sich von Gott verlassen f\u00fchlte. In ihren privaten Briefen offenbarte sie n\u00e4mlich Perioden mit tiefer geistlicher Krise und einem Gef\u00fchl, von Gott verlassen zu sein. Das Gef\u00fchl von geistlicher Leere und Zweifeln, das sie als eine \u201efinstere Nacht\u201c beschrieb, war ein Teil ihres pers\u00f6nlichen Kampfes, auch wenn sie mit ihrer Arbeit fortfuhr. Denn sie konnte den Glauben bewahren trotz der \u201efinsteren Nacht\u201c und des Gef\u00fchls der Verlassenheit. Denn auch wenn Gott sie verlassen hatte, war er noch immer gegenw\u00e4rtig in den Taten der Liebe bei anderen und in ihrem eigenen Dienst. Oft glauben wir, dass es beim Glauben nur um Gewissheit geht, aber vielleicht geschieht es gerade in unserem Zweifel, dass der Glaube erprobt wird, w\u00e4chst und entsteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dem Roman <em>Niels Lyhne <\/em>des d\u00e4nischen Dichters und Nobelpreistr\u00e4gers J.P. Jacobsen finden wir eine andere Perspektive der Gottverlassenheit. Hier ist es der Atheist, der selbst Gott verlassen hat, aber der sich weiter verlassen f\u00fchlt. Denn immer, wenn er jemanden verliert, den er liebt, begegnet ihm das Gef\u00fchl von Abwesenheit, nicht nur die Abwesenheit der Menschen, die er verloren hat, sondern auch die Abwesenheit einer g\u00f6ttlichen Instanz, die Trost oder Sinn vermitteln k\u00f6nnte in seinem Leiden, und er f\u00fchlt sich doppelt verlassen. Er will gerne an eine Welt ohne Gott glauben, aber er f\u00e4llt ihm schwer damit zu leben, dass dann alles zuf\u00e4llig wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dem Roman <em>Die Br\u00fcder Karamasow <\/em>von Dostojewskij k\u00e4mpft Iwan mit dem Gedanken an einen guten und gerechten Gott in einer Welt voller Leiden. Er verwirft nicht notwendigerweise Gott. Aber er kann nicht einen Gott akzeptieren, der das Leiden Unschuldiger zul\u00e4sst. Sein Schmerz liegt nicht nur an der Abwesenheit Gottes, sondern in der Erkenntnis einer Welt, wo Gott zu schweigen scheint. Er erlebt dasselbe Paradox wie Jesus am Kreuz: Kann Gott gegenw\u00e4rtig sein und zugleich weit fort zu sein scheinen? Dazu m\u00fcssen wir hinzuf\u00fcgen, fort ist nicht weg oder verschwunden und gar tot, denn wer fort ist, nach dem kann man rufen. Und der Gl\u00e4ubige hat noch immer jemanden, den man anrufen kann, auch wenn Gott fort zu sein scheint \u2013 wie bei Jesus, der noch immer Gott \u201emeinen Gott\u201c nennt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus war ganz Mensch und konnte sich von Gott verlassen f\u00fchlen, ja, aber er war auch ganz Gott. Deshalb kommt Gott den von Gott Verlassenen entgegen, indem er f\u00fcr uns am Kreuz stirbt, ohne eine Form von Schutz. Wenn wir das Kreuz betrachten, sehen wir deshalb nicht nur Leiden, wir sehen auch einen Gott, der unseren Schmerz teilt und sich in Ohnmacht offenbart. Das zeigt uns eine Wahrheit, die wir oft \u00fcbersehen \u2013 Gott kann gegenw\u00e4rtig sein in einer Weise, die wir nicht immer verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Leiden k\u00f6nnen wir deshalb Trost suchen bei Gott und ihn finden, eben weil er dort vor uns war. Und wir sollen unseren Schmerz nicht verbergen, weil wir glauben, dass Glaube bedeutet, stark zu sein. Am Kreuz sehen wir einen Gott, der nicht etwas verbirgt. Ein Gott, der sich dem\u00fctigen und schwach machen l\u00e4sst, weil er uns dort begegnen will, wo wir sind. Die um uns sind, k\u00f6nnen einen schwachen Gott nicht ertragen, sie reagieren mit Schweigen oder Hohn, denn wer will an einen schwachen Gott glauben? Es geht ihnen erst sp\u00e4t auf, dass er wahrlich Gottes Sohn war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnten uns deshalb passend fragen: K\u00f6nnen wir Gott im Leiden erblicken? Sind wir gut genug vorbereitet f\u00fcr den Tag, wo wir vielleicht unser Leben als von Gott verlassen erleben und schwach werden? Eine Strategie ist immer gewesen, dass man sein Vaterunter kann oder einen Psalm, um die Finsternis auf Distanz zu halten. Jesus zitiert ja den Psalm 22, der mit Gottverlassenheit beginnt, aber mit den Worten schlie\u00dft \u201eDenn er hat\u2019s getan\u201c. Vielleicht zitiert Jesus diesen Psalm, um uns daran zu erinnern, dass Gott eingreifen wird, wie gottverlassen unsere Welt auch zu sein scheint. Und er beh\u00e4lt Recht, aber das wissen wir erst in drei Tagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Karfreitag schlie\u00dft im Dunkel, aber die Finsternis beh\u00e4lt nicht das letzte Wort. Wenn wir Perioden erleben, wo Gott abwesend zu sein scheint \u2013 wenn wir uns verlassen f\u00fchlen \u2013 wie Jesus am Kreuz, dann ist es leicht zu glauben, dass die Finsternis das Ende ist, dass wir allein dastehen. Aber wir sind nicht allein, auch wenn die Finsternis, die wir gesehen haben, eine gemeinsame menschliche Erfahrung ist. Und wir sind auch nicht allein in der Finsternis, Gott ist in der Finsternis. Denn Gott greift ein in unser Leben, auch wenn wir uns am meisten verlassen f\u00fchlen, dies hier ist nicht das Ende. Die Auferstehung steht uns bevor, und mit ihr kommt die Hoffnung auf einen Gott, der stets das letzte Wort hat. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Lasse R\u00f8dsgaard Lauesen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">P\u00e5rup<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-5000 Odense<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: lrl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Gott verlassen? | Karfreitag | 18. 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