{"id":2285,"date":"2020-03-25T08:17:52","date_gmt":"2020-03-25T07:17:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2285"},"modified":"2020-03-25T09:35:17","modified_gmt":"2020-03-25T08:35:17","slug":"noch-einmal-es-geht-um","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/noch-einmal-es-geht-um\/","title":{"rendered":"Noch einmal: Es geht&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Noch einmal: Es geht um den Menschen | Predigt zu Lukas 1,45-55 (d\u00e4nische Perikopenordnung, in D\u00e4nemark wird dieser Sonntag als Mariae Verk\u00fcndigung gefeiert) verfasst&nbsp;von Jens Torkild Bak |&nbsp;aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p><em>Er st\u00f6\u00dft die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen f\u00fcllt er mit G\u00fctern und l\u00e4sst die Reichen leer ausgehen<\/em>, singt Maria, nachdem sie sich wenige Tage zuvor dem Erzengel Gabriel gegen\u00fcber bereit erkl\u00e4rt hat, das gehorsame Werkzeug f\u00fcr den Willen Gottes zu sein, seinen Sohn Jesus zu geb\u00e4ren. Und warum sollte sich auch nicht bereit sein, das zu tun, wenn es nun so sein soll. Der Gott Israels ist n\u00e4mlich nicht irgendein Gott, sondern ein Gott, der sich besonders der Schwachen in der Gesellschaft annimmt, er sieht die, welche wie Maria selbst in den Augen der Welt nichts sind, sieht sie und schenkt ihnen Anerkennung und W\u00fcrde. Indem er sie in seinen Dienst nimmt!<\/p>\n<p>Der Gesang der Maria ist ein Lobgesang auf den Gott, der so ist und so handelt. Und ganz konkret greift dieses Loblied einer neuen Wirklichkeit vor, einer neuen gerechten Weltordnung, die Gott in der Gestalt des Jesus von Nazareth verwirklichen will.<\/p>\n<p>In ihrem Buch: <em>The Givenness of Things <\/em>kommentiert die amerikanische Autorin und christliche Philosophin Merilynne Robinson sden Lobgesang der Maria mit dieser Betrachtung: <em>Die Bibel preist selten Gott ohne auch unter seinen Eigenschaften seine konstante und zuweilen epochemachende Umw\u00e4lzung der existierenden Ordnung zu erw\u00e4hnen, insbesondere verdrehtes Recht oder Macht und Reichtum. Wenn die Gesellschaft eine Form von Ordnung in sich birgt, ist das eine ungerechte Ordnung. Und die Gerechtigkeit Gottes st\u00f6rt diese Ordnung. Was all das jedenfalls beweist, ist dies, dass Gott wahrlich einen Blick hat f\u00fcr die Armen, die Dem\u00fctigen, die Namenlosen, die Bedr\u00fcckten und die Beschwerten, und den Blick hatte er in deren ganzen Lebenszeit.<\/em><\/p>\n<p>Darin hat Robinson zweifellos Recht. Aber eben deshalb kommt man nicht umhin zu fragen, wo das alles enden soll. Man kommt nicht umhin, dar\u00fcber nachzudenken, was der Lobgesang der Maria f\u00fcr das christliche Leben und f\u00fcr eine neue Gesellschaftsordnung und eine neue Gerechtigkeit bedeutet, die das Lied verspricht. Oder wie eng das Evangelium, die christliche Botschaft, mit einer bestimmten Auffassung von der Gesellschaft bzw. einer besonderen Sozialpolitik verkn\u00fcpft ist. Und welche Konsequenzen unser Selbstverst\u00e4ndnis als Christen f\u00fcr die konkreten Entscheidungen hat oder haben soll, die wir in Fragen treffen, wo es um die Auffassung vom Menschen geht. Ja es geht \u00fcberhaupt um die Frage, wie wir einander behandeln. Das ist eine Diskussion, die zuweilen sehr aktuell wird und die nie ganz verschwindet. Im Augenblick stellt sich die Diskussion um die Auffassung vom Menschen so dar: Es geht um die Frage: Ist es vern\u00fcnftig, die ganze Weltwirtschaft aufs Spiel zu setzen, um uns gegen die Korona-Epidemie zu sch\u00fctzen, wenn die Sterblichkeit unter den Infizierten wahrscheinlich nicht h\u00f6her ist als 1% und es zudem nur Menschen mit Vorerkrankungen und hierunter besonders \u00e4ltere Menschen betrifft, die dem Risiko ausgesetzt sind, an dieser Krankheit zu sterben.<\/p>\n<p>Es gibt unterschiedliche Varianten der christlichen Auffassung vom Menschen, und ich will \u2013 jetzt einmal ganz abgesehen von der Herausforderung der Korona-Krise \u2013 die Auffassung erw\u00e4hnen, die wohl in D\u00e4nemark im letzten Jahrhundert vorherrschend war. Der 1988 verstorbene d\u00e4nische Kirchenhistoriker P.G. Lindhardt ist wohl noch heute sehr bekannt. Er war einer der einflussreichsten d\u00e4nischen Theologen. Ein gefeierter Kirchenhistoriker, der neue Wege ging, en brillanter Prediger (viele konnten zwar rein akustisch nicht richtig verstehen, was er sagte, aber man hatte die M\u00f6glichkeit, es in den vielen Predigtsammlungen nachzulesen, die regelm\u00e4\u00dfig erschienen). Ein scharfer Diskutant mit viel Witz, was ihm viel Aufmerksamkeit in der \u00d6ffentlichkeit verschaffte. Ein intellektueller Elefant mit breiter Wirkung in der \u00d6ffentlichkeit. Aber auch und nicht zuletzt ein Vertreter der Illusionslosigkeit und des Werteverlusts, um nicht zu sagen des Nihilismus, der die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gepr\u00e4gte hatte. Diese zeittypische Seite des Ph\u00e4nomens P.G. Lindhardt hat der d\u00e4nische Pastor und Theologie Niels Gr\u00f8nkj\u00e6r in seinem Buch \u201eDer neue Mensch\u201c kurz so beschrieben:<\/p>\n<p><em>Das einzige, was man aus der Erfahrung lernen kann, ist dies, dass man nichts aus ihr lernen kann! Diese Worte sind oft von P.G. Lindhardt gesagt worden. In seiner nie endenden Illusionslosigkeit verwarf er die Vorstellung, dass der Mensch in einem Bildungsprozess reifen und seine Pers\u00f6nlichkeit entfalten k\u00f6nne. Denn da wurde nichts besser! Lindhardt verwies unerm\u00fcdlich auf die Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, der die Apelle fr\u00fcherer Zeiten An den guten Willen verstummen lie\u00dfen, weil diese eher an das Tierische im Menschen appellierten, ja an das Unmenschliche, das der einzige Vorzug der Menschen vor den Tieren ist, die vermutlich keinen Willen haben. Unerm\u00fcdlich wiederholte Lindhardt seine These: Man sagt, der liebe Gott sehe auf den Willen. Aber eben das sollten wir uns nicht w\u00fcnschen.<\/em><\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Das Problem des Menschen ist der Mensch selbst, der nicht gut ist, sagt Lindhardt und mit ihm die Verk\u00fcndigung seiner Zeit. Denn der Mensch wird nie besser. Folglich wird die Welt auch nicht besser. Nie. Die Verkehrung der herrschenden Weltordnung, die der Lobgesang der Maria verk\u00fcndet, ist deshalb keine Botschaft von etwas, was geschehen wird, es ist vielmehr eine Botschaft, die als Gericht zu verstehen ist. Ein verstimmendes Gericht \u00fcber all das, was wir Menschen nicht wollen und nicht tun, weil wir v\u00f6llig in unserem Egoismus befangen sind. Das einzige, was den christlichen Menschen tr\u00f6sten kann und was er aus der Bibel entnehmen kann, ist die Botschaft von der bedingungslosen Liebe, mit der Gott den S\u00fcnder gn\u00e4dig aufnimmt, das Evangelium von der Vergebung der S\u00fcnden in Christus. Aber was f\u00fcr einen Trost oder welchen Rat gibt uns das heute, gerade jetzt?<\/p>\n<p>Lindhardt und die Auffassung vom Menschen in seiner theologischen Generation hatte nicht allein einen unverkennbar lutherischen Anstrich, sie war auch dadurch erfrischend, dass sie ein f\u00fcr alle Mal mit jeglicher Neigung aufr\u00e4umte, in einer selbstgerechten christlichen Besserwisserei und mit schw\u00e4rmerischen Vorstellungen von moralischem Wachstum das Reich Gottes auf Erden realisieren zu wollen. Statt zu moralischer Aufr\u00fcstung aufzurufen wurde das Motto des christlichen Lebens: S\u00fcndige tapfer! Aber! Irgendwann wird die Frage auftauchen, wo die Grenze verl\u00e4uft zwischen einer solchen realistischen Auffassung vom Menschen und einer zynischen Sicht auf die Gesellschaft \u2013 und wann das erste bewusst oder unbewusst dazu verwendet wird, das letztere zu legitimieren.<\/p>\n<p>Jeder Weg hat zwei Abwege, in die man geraten kann. In der Regel. Und es kann f\u00fcr uns gute Lutheraner zu billig sein zu sagen: Der Mensch ist ein S\u00fcndensack, da ist kein bisschen Wahrheit oder guter Wille in uns. Wir sind klein und unbedeutend und k\u00f6nnen nichts Gutes tun. Dennoch sollen wir uns um unser Heil keine Sorgen machen, denn wir haben das Evangelium, in dem uns Gott seine Gnade und Liebe in Christus zusagt. Und dann k\u00f6nnen wir den Gang der Welt in Ruhe dem Gesetz der harten Realit\u00e4ten \u00fcberlassen, dem was Paulus in dem Episteltext dieses Sonntags (1. Kor. 1,21-31) polemisch die \u201eWeisheit dieser Welt\u201c nennt.<\/p>\n<p>Die Rede vom Evangelium und der Verk\u00fcndigung des \u201eWortes\u201c kann in ihrer automatischsten Form abstrakt werden, allzu leer und billig. Wo ist da eine Botschaft f\u00fcr die Kinder in Syrien, deren Erwartungen an das Leben sich doch nicht von den Erwartungen unserer eigenen Kinder unterscheiden. Oder f\u00fcr die, die darauf angewiesen sind, auf \u201ePutins M\u00fcllplatz\u201c 21 km von Moskau entfernt zu leben. Oder was ist da zu holen f\u00fcr das Leben, das hinter heruntergerollten Gardinen in den Randgebieten D\u00e4nemarks gelebt wird, ein Leben, das mit eigener oder ohne eigene Schuld von der \u00fcbrigen Gesellschaft abgekoppelt ist, die sich auf eine Hochkonjunktur bewegt hat? Oder wieder: Was ist da zu holen f\u00fcr die Millionen Menschen, die sich in diesen Tagen und Wochen Sorgen um ihre Gesundheit machen? Viel nat\u00fcrlich, aber es fehlt eine Verbindung, eine Br\u00fccke.<\/p>\n<p>Marilynne Robinson, die ich bereits zitiert habe, zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nicht auf die negative Sicht auf den Menschen einl\u00e4sst, die im Protestantismus so verbreitet ist. <em>Die schwerste Frage, die Jesus uns stellt, ist in Wirklichkeit die, ob wir an den Menschen glauben. <\/em>Schreibt sie, und das ist unglaublich scharf gesehen und gut gesagt. Robinson ist nicht naiv, aber sie ist der Auffassung, dass es die vornehmste Pflicht des Christen ist, trotz des Zustandes der Welt den Blick fest und mutig auf den einzelnen Menschen als Gottes wunderbares Gesch\u00f6pf zu richten, das unz\u00e4hlige M\u00f6glichkeiten gemeinschaftlichen Lebens besitzt. Und sie meint, dass wir von der Geschichte Marias lernen sollen anstatt sie als ein naives M\u00e4rchen zu verwerfen. Gott glaubte an Maria und nahm sie in seinen Dienst, in den h\u00f6chsten Dienst sogar, trotz ihres geringen Standes. So sollen wir auch daran denken, uns selbst und einander w\u00fcrdig zu finden im Dienst f\u00fcr alles Gute anstatt in Zynismus und eine um sich greifenden unchristlichen Menschenfurcht zu verfallen. Ich zitiere erneut: <em>Wir wissen ja gut, dass Respekt eine grundlegende Erhebung ist, die wir anbieten k\u00f6nnen und allzu oft zur\u00fcckhalten<\/em>. Aber eben deshalb, aus Respekt vor dem unendlichen Wert eines jeden Menschen, setzen wir f\u00fcr die Rettung jedes Menschen heute so viel ein.<\/p>\n<p>Und in diesem Zusammenhang kann der Lobgesang der Maria ein Echo zum Nachdenken und zur Erbauung sein: <em>Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen \u2026 <\/em>Lasst uns f\u00fcr einander Diener und Dienerin sein, wenn wir gerufen werden! Einen sch\u00f6nen Sonntag! Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dompropst Jens Torkild Bak<\/p>\n<p>DK-6760 Ribe<\/p>\n<p>Email: jtb(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch einmal: Es geht um den Menschen | Predigt zu Lukas 1,45-55 (d\u00e4nische Perikopenordnung, in D\u00e4nemark wird dieser Sonntag als Mariae Verk\u00fcndigung gefeiert) verfasst&nbsp;von Jens Torkild Bak |&nbsp;aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Er st\u00f6\u00dft die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 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