{"id":2304,"date":"2020-03-25T09:47:37","date_gmt":"2020-03-25T08:47:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2304"},"modified":"2020-03-25T09:47:37","modified_gmt":"2020-03-25T08:47:37","slug":"nicht-drinnen-sondern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/nicht-drinnen-sondern\/","title":{"rendered":"Nicht drinnen, sondern&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3><b><span lang=\"DE\">Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen sein | Predigt zu Hebr\u00e4er 13,12-14 von Udo Schmitt |<\/span><\/b><\/h3>\n<ol>\n<li>Zwei Berge<\/li>\n<\/ol>\n<p>War Jesus ein Selbstm\u00f6rder? Hier im Hebr\u00e4erbrief ist davon die Rede, dass er sich selbst als ein Opfer dargebracht habe (Heb 9,14), um die S\u00fcnden vieler wegzunehmen (Heb 9,28). Hat er sich also selbst get\u00f6tet oder es zumindest zugelassen?\u00a0 Oder ist das alles nur eine nachtr\u00e4gliche Interpretation seines gewaltsamen Todes? Kommen wir darauf gleich zur\u00fcck. Folgen wir zun\u00e4chst einmal den Gedanken jenes unbekannten Autors aus der zweiten Generation, der 50-60 Jahre nach den Ereignissen seine Denkschrift verfasste.<\/p>\n<p>\u201eWir haben einen Altar\u201c hei\u00dft es unmittelbar vor Beginn des Predigttextes. Dieser Altar ist nicht im Tempel, steht auch nicht auf dem Tempelberg in Jerusalem. Unser Altar steht drau\u00dfen vor der Stadt, bei den Auss\u00e4tzigen, den Unreinen und Versto\u00dfenen. Bei den Hingerichteten. Unser Altar ist Golgatha. Der Berg au\u00dferhalb von Jerusalem auf dem Jesus den Tod fand, gestorben ist. Zwei Berge. Der eine in Jerusalem. Glanzvoll. Pr\u00e4chtig, weithin leuchtend mit goldener Kuppel bis heute. Hier, so dachte man es sich damals, wird der Messias herrschen, wenn er kommt. Als K\u00f6nig wie einst David, nur noch m\u00e4chtiger &#8211; als Herrscher, wie einst Salomo, nur noch pr\u00e4chtiger. Doch dies war nicht der Berg. Er war dunkler, furchteinfl\u00f6\u00dfender, erbarmungsloser: Golgatha, Sch\u00e4delst\u00e4tte.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>S\u00fcndenbock und Hohepriester<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Hebr\u00e4erbrief versucht das, was da geschehen ist zu deuten. Und er findet daf\u00fcr einen ganz eigenen Vergleich. Er erinnert daran, wie der Hohepriester am Jom Kippur, dem Vers\u00f6hnungstag, ein besonderes Opfer darbrachte: \u00dcber zwei B\u00f6cke wurde das Los geworfen. Der eine wurde geopfert zu Reinigung des Tempels, der andere als \u201eS\u00fcndenbock\u201c mit den S\u00fcnden des Volkes beladen, in die W\u00fcste gejagt, in die Wildnis entlassen. Der Jom Kippur war (und ist) der h\u00f6chste Feiertag Israels. Nur an diesem Tag durfte der Hohepriester das Allerheiligste, also den innersten Raum im Tempel betreten, um ihn rituell zu reinigen. Mit einem Opfer.<\/p>\n<p>Das tut Jesus auch, sagt nun der Hebr\u00e4erbrief. Er schafft S\u00fchne, bezahlt f\u00fcr die S\u00fcnden. Er schafft Vers\u00f6hnung, zwischen Gott und Menschen. Nur tut er es nicht im Tempel. Sein Altar ist Golgatha. Und er t\u00f6tet auch kein Tier daf\u00fcr. Er bringt sich selber dar. Jesus ist S\u00fcndenbock, Opferlamm und Hohepriester in einem. Jesus wiederholt also nicht die Opfer des Alten Bundes, er \u00fcberbietet sie. Universal: Einer f\u00fcr alle. Und endg\u00fcltig: Ein f\u00fcr alle Mal. Es braucht keine weiteren Opfer mehr. Gott hat sich in Jesus mit uns Menschen vers\u00f6hnt. Unser Verh\u00e4ltnis ist wieder entst\u00f6rt. Dies ist es, was der Hebr\u00e4erbrief sagen will, mag uns der Vergleich auch k\u00fchn erscheinen und die Bildersprache fremd. Wir tun uns schwer mit Begriffen wie S\u00fcnde, Opfer und Blut. Auch als Pfarrer. Dabei kann man diesen Text, so fremd er klingt, sehr wohl auf unsere Zeit beziehen: Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen geschieht es. Nicht im Tempel, sondern in der Welt. Nicht im Heiligtum, sondern bei den Unreinen.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Hirtenprunk und Schafsgestank<\/li>\n<\/ol>\n<p>Immer wieder steht die Kirche in der Gefahr, dies zu vergessen. Baut ihre H\u00fctte auf dem Palasth\u00fcgel, in der Schlo\u00dfstra\u00dfe, im Villenviertel und nicht bei den Favelas der Armen. Geriert sich wie ein Kirchenf\u00fcrst, prangt in prachtvollen Gew\u00e4ndern, mit goldenem Hirtenstab ein Hochamt zelebrierend. Eine Veranstaltung anr\u00fchrend altmodisch, nicht mehr ganz von dieser Welt, prunkliebend, pathetisch und peinlich weltfremd zugleich. Immer wieder braucht es den Impuls von au\u00dfen, die Ermahnung, sich nicht selbst zu gen\u00fcgen, sondern in die Welt hinauszugehen, auch dorthin wo es schmutzig ist und streng riecht, um ebenda den Geruch der Schafe anzunehmen. Nicht Hirtenprunk, sondern Schafsgestank.\u00a0 Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen sein. Denn dort geschieht es.<\/p>\n<p>Als Christliche Gemeinde m\u00fcssen wir uns fragen lassen: Wo seid ihr drau\u00dfen? und: Wo bleibt ihr drinnen? Wo sind wir zu sehr mit uns selbst besch\u00e4ftigt? Mit unseren eigenen Fragen, Theorien, Strukturen, Finanzen und Verwaltungsreformen? Und wo sollten wir hinausgehen zu den Menschen, die vielleicht seltsam riechen, &#8211; aber f\u00fcr eben die ist er gestorben. Jesus Christus, unser Herr. Wir haben einen Altar, aber der steht drau\u00dfen vor der Stadt, bei den Armen, den Alten, den Ausl\u00e4ndern, den Auss\u00e4tzigen. Zu ihnen sollen wir gehen. Nach drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Nach drau\u00dfen\u2026 Der Aufruf der Bibel hat einen seltsamen Klang in den Zeiten der Ausgangssperren. Unser urchristlichster Impuls, der uns zum N\u00e4chsten dr\u00e4ngt, um Gemeinschaft zu gestalten, zum Schw\u00e4chsten ruft, um helfend und tr\u00f6stend zu handeln, er ist verboten in diesen Zeiten der Seuche. Vern\u00fcnftigerweise. Sie sagen uns: Ihr helft nicht nur euch selbst sondern auch und gerade den Schw\u00e4chsten, indem ihr euch fern von ihnen haltet. Aber wie kann das gehen? Wie k\u00f6nnen wir rausgehen, den N\u00e4chsten kontaktieren und doch zugleich uns fern von ihm halten?<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Neu anfangen und sozial bleiben<\/li>\n<\/ol>\n<p>Nach drau\u00dfen gehen, auf dem Weg sein, das hei\u00dft immer wieder neu anfangen. \u201eWir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zuk\u00fcnftige suchen wir.\u201c Das klingt nach Kalenderblatt und Jahreslosung. Aber die \u00dcbersetzung in den Alltag schmeckt weniger: Nichts bleibt. Alles vergeht. Nicht alle Traditionen, die sich im Laufe der Zeit gebildet haben, werden wir bewahren k\u00f6nnen. Nicht alle Geb\u00e4ude, die unsere Vorfahren im Laufe der Jahrhunderte gebaut haben, werden wir erhalten k\u00f6nnen. Sie sind eindrucksvoll, liebgewonnen und teuer, aber eben nur ein St\u00fcck des Weges, verg\u00e4nglich, St\u00fcckwerk, vor\u00fcbergehend, Etappen eben, aber noch nicht das Ziel.<\/p>\n<p>Wir werden neue Wege suchen m\u00fcssen. Zum N\u00e4chsten, zum Schw\u00e4chsten. \u00dcberlegt einmal mit: Wie k\u00f6nnen wir einander helfen, durch diese Zeit hindurch? Wie k\u00f6nnen wir die Distanz einhalten, physisch, aber die N\u00e4he suchen und bewahren. Sozial bleiben. N\u00e4chstenliebe erfahren und weitergeben?<\/p>\n<p>\u201eSocial distancing\u201c ist jetzt das Gebot der Stunde. Aber dieses soziale Kontakt-Vermeiden ist eigentlich nur ein physisches Kontaktvermeiden. Und nur das sollten wir tun. Aber nicht asozial werden. Denn die sozialen Netze brauchen wir gerade jetzt, wir m\u00fcssen sie pflegen oder neu aufbauen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns neue Wege \u00fcberlegen, wie wir verbunden bleiben, auch wenn wir getrennt sind. Fr\u00fcher hat man sich Briefe geschrieben. Lange Telefonate gef\u00fchrt.\u00a0 Vielleicht m\u00fcssen wir dahin zur\u00fcckkehren, uns wieder darin \u00fcben. Oder Neues erlernen, Videokonferenzen mit Freunden und Enkeln. Und uns so Aufmerksamkeit schenken. Uns gegenseitig dadurch tr\u00f6sten. Hast du ein Notizbuch mit Telefonnummern drin? Oder eine Kontakte-Liste auf dem Handy. Wen k\u00f6nntest Du anrufen? Wen m\u00f6chtest du tr\u00f6sten? Wem Mut zusprechen?<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Helfer und Hamster<\/li>\n<\/ol>\n<p>Mit unseren Worten und mit unseren Taten sollen wir Gott loben und den Menschen nahe sein: \u201eGutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott\u201c, mahnt uns der Hebr\u00e4erbrief (Heb 13,16). Die Sache ist klar. Nicht nur reden, sondern auch machen.\u00a0 Aber schon wieder spricht er von Opfern. Wir k\u00f6nnen heute damit wirklich nicht mehr viel anfangen. Es widerstrebt uns zu glauben, dass unser Gott das braucht. All die Opfer. Geht das nicht auch ohne?<\/p>\n<p>Tja. Die Bereitschaft, etwas zu opfern f\u00fcr andere &#8211; sich selbst aufzuopfern, ist nicht gerade in Mode. Um es vorsichtig zu sagen. Schon in guten Zeiten wollen die Menschen Spa\u00df haben, suchen ihren Vorteil, den schnellen Erfolg, den Genuss. Sie sind aber eher weniger bereit, daf\u00fcr auch etwas zu investieren. L\u00e4ngerfristig. Mit Leidensbereitschaft, Frustrationstoleranz. Doch genau das hat Jesus getan. Er war nicht lebensm\u00fcde und wollte auch nicht sterben. Aber er war bereit, f\u00fcr seine Sache bis zum \u00c4u\u00dfersten zu gehen &#8211; und seine Sache war der Mensch: Die Liebe Gottes zu allen Menschen zu bringen. Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen sein. Denn dort geschieht es.<\/p>\n<p>Und er erfuhr das, was man auch heute noch erfahren kann: Helfer sind nicht \u201ein\u201c &#8211; sondern \u201eout\u201c. Sie werden schlecht bezahlt, bei ihrer Arbeit auch noch behindert, bep\u00f6belt und bespuckt. So liest man \u2013 je und dann. Doch dann\u2026 kommt die Krise, die Seuche, erfasst erst die einen, dann alle L\u00e4nder. Und auf einmal sieht alles anders aus. Die Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger mutieren zu Hamsterk\u00e4ufern. Doch sie sind es nicht auf die es jetzt ankommt. Sie machen alles nur noch schlimmer. Sondern die, die sich einsetzen f\u00fcr andere, Dienste \u00fcbernehmen, im Krankenhaus, im Altenheim, in der Nachbarschaftshilfe, die sich aufopfern dabei, sind auf einmal die, auf die es ankommt.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen sein<\/li>\n<\/ol>\n<p>Eine Krise, wie die gegenw\u00e4rtige, kommt \u2013 und geht auch wieder. Sie bringt das Schlimmste aus dem Menschen hervor, aber auch das Beste. Aus hilflosen Helfern, die man sonst \u201eOpfer\u201c schimpft, werden auf einmal die Heldinnen und Helden der Stunde. Das sollten wir uns merken. Und dabei bleiben als Christinnen und Christen: Andern helfen ist cool! Und sollte auch angemessen entlohnt werden. Nicht nur von Gott, sondern auch von uns Nutznie\u00dfern.<\/p>\n<p>Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen sein. Auch wenn man daf\u00fcr dann nachher wieder bel\u00e4chelt und besp\u00f6ttelt wird: Anderen helfen, f\u00fcr andere da sein, sich krumm machen, aufreiben. Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen sein. Nicht \u201ein\u201c, sondern \u201eout\u201c sein, auch das kann hei\u00dfen, Jesus folgen. Ihm auf der Spur bleiben. Den richtigen Weg gehen. Der uns nach drau\u00dfen f\u00fchrt. Und der uns eben darum zugleich auch Gott n\u00e4herbringt. Und dem himmlischen Jerusalem. Nach Hause. Heim.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p>EG 396 Jesu meine Freude<\/p>\n<p>EG 398 In dir ist Freude<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht drinnen, sondern drau\u00dfen sein | Predigt zu Hebr\u00e4er 13,12-14 von Udo Schmitt | Zwei Berge War Jesus ein Selbstm\u00f6rder? Hier im Hebr\u00e4erbrief ist davon die Rede, dass er sich selbst als ein Opfer dargebracht habe (Heb 9,14), um die S\u00fcnden vieler wegzunehmen (Heb 9,28). 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