{"id":23213,"date":"2025-04-22T16:45:46","date_gmt":"2025-04-22T14:45:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=23213"},"modified":"2025-04-23T16:23:28","modified_gmt":"2025-04-23T14:23:28","slug":"johannes-2019-31-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-2019-31-4\/","title":{"rendered":"Johannes 20,19-31"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Die Gnadengabe des Zweifels | Quasimodogeniti | 27. 04. 2025 | Johannes 20,19-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn es wackelt, wollen wir gerne feststehen. Das ist nat\u00fcrlich. Wenn du zu fallen drohst, greifst du instinktiv nach etwas, woran du dich halten kannst. Das gilt nicht nur physisch, das gilt auch geistig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser Zeit kann man leicht in Zweifel kommen. Wohin geht der Weg f\u00fcr uns? Ja, das wissen wir ja nie mit Sicherheit, aber die Unsicherheit nimmt zu, wenn die altbekannte Weltordnung ins Wackeln ger\u00e4t. Es kann gut sein, dass das t\u00e4gliche Leben sich selbst mehr oder weniger gleicht in unserem eigenen kleinen Umfeld, aber die Welt hat sich ver\u00e4ndert. Zum Gl\u00fcck gibt es Leute, die eine gemeinsame Besinnung auf den Weg bringen. Es bedarf aber mehr Hilfe in dieser Zeit, denn es ist als spielten zurzeit alle gegen alle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Welt ist nie ein gemeinsamer Ort gewesen, aber mehr als fr\u00fcher sind wir uns der Spaltung bewusst. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute erhalten wir Neuigkeiten dar\u00fcber, wie es drau\u00dfen zugeht. Und jeder kann die eigene kleine Nachrichtenstation sein und von einem Regierungsb\u00fcro, einem Wirtschaftsbetrieb oder seinem Sofa zuhause Nachrichten verschicken. Dann liegt es an uns zu sortieren. Ist das richtig oder falsch? Wahr oder falsch? Tatsache oder Erfindung?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich sind Zweifel angebracht in dieser Zeit \u2013 auch in dieser Zeit. Es kann anstrengend sein und schmerzhaft zu zweifeln, im Unklaren zu leben. Aber Zweifel kann auch eine Gnadengabe sein, die Gnadengabe der Besonnenheit. Einen Finger heben mitten unter \u00fcberzeugten Leuten, und eine Frage, ob dies nun auch der richtige Weg ist, der richtige Entschluss, die beste Bewahrung unserer gemeinsamen Welt. Zweifel kann ein Anlass zu etwas gesunder Selbstkritik sein, eine Aufforderung zu einer gr\u00f6\u00dferen Aufmerksamkeit und eine Erinnerung daran, dass wir einander nicht \u00fcberlegen sind. Wo w\u00fcrden wir hinkommen, wenn da niemand w\u00e4re, der zweifelt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Thomas zweifelt, aber er hat daf\u00fcr in der Geschichte der Kirche kein Lob bekommen. Er ist nicht dargestellt worden als ein Held des Zweifels und Personifizierung der Gnadengabe des Zweifels. Er ist viel mehr das Bild f\u00fcr die verfehlte Reaktion des Ungl\u00e4ubigen. Und dennoch, Thomas verh\u00e4lt sich im Grunde nur abwartend. Er hat einen Finger erhoben mitten in der Schar von \u00dcberzeugten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist leicht, Thomas zu kritisieren, denn Glaube kommt nicht aus wissenschaftlichen Beweisen. Und bittet Thomas nicht darum, um Tatsachen, auf die er seinen Glauben bauen kann? Ein Finger, nicht in die Luft gestreckt, sondern an die Seite Jesu. Aber in der Tat, man k\u00f6nnte auch darauf verweisen, dass er etwas z\u00f6gert, indem er danach fragt, wo Gott f\u00fcr ihn ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eGlaubst du an Gott?\u201c Thomas antwortet nicht direkt, und wird daf\u00fcr getadelt. Wie w\u00fcrden wir selbst antworten in einer unsicheren Zeit? Antworten wir instinktiv mit einer Ablehnung oder einer Zusage, oder muss es uns gleichsam aus dem Munde gezogen werden? Freuen wir uns dar\u00fcber, gefragt zu werden oder ist uns das unangenehm? Ein Unbehagen an einer Pr\u00e4misse, die hinter der Forderung nach so einem Bekenntnis steht? Denn setzt die Frage: \u201eGlaubst du an Gott?\u201c nicht voraus, dass die Welt in Gl\u00e4ubige und Ungl\u00e4ubige aufgeteilt werden kann? Ist das aber m\u00f6glich? Gibt es den ungl\u00e4ubigen Menschen \u00fcberhaupt? Selbst der ungl\u00e4ubige Thomas stand auf an einem Sonntagmorgen, eine Woche nachdem die Frauen das Grab leer gefunden hatten. Wie kam er aus seinem Bett, wenn nicht etwas war, was ihn gerufen hatte hinein in den Tag, und das obwohl der Tod Jesu so pr\u00e4sent war? H\u00e4tte er sich angezogen, die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und sich auf den Weg gemacht, wenn da nicht irgendein Zutrauen darauf gewesen w\u00e4re, dass da noch immer ein Leben war, das gelebt werden soll? Und h\u00e4tte er das nicht einfach verneint, als sie sagten, dass Jesus lebt, wenn der Glaube ganz abwesend gewesen w\u00e4re? Stattdessen aber \u00f6ffnet sich Thomas ein wenig daf\u00fcr, dass dies tats\u00e4chlich wahr ist. \u201eWenn\u201c, sagt Thomas. \u201eWenn ich die Hand in die Seite des Auferstandenen stecke\u201c. \u201eWenn\u201c, das ist der Konjunktiv des Zweifels.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nicht m\u00f6glich, ohne Glauben zu existieren. Wir glauben an den Zahnarzt, sonst w\u00fcrden wir den Mund nicht \u00f6ffnen. Wir glauben an den Arzt, sonst w\u00fcrden wir die Medizin nicht einnehmen. Wir glauben an den Zimmermann, sonst w\u00fcrden wir ihn nicht das reparieren lassen, was kaputt gegangen ist. Wir glauben an den Elektriker, sonst w\u00fcrden wir vor jedem Stecker Angst haben. Wir glauben an die historische \u00dcberlieferung \u2013 denn selbst waren wir ja nicht Zeugen dessen, was fr\u00fcher geschah. Und selbst das, dessen Zeugen wir sind, erfordert Glauben. Dass gemeint ist, was gesagt wird. Glaube daran, dass unsere Augen richtig sehen und dass unsere Ohren h\u00f6ren, was wirklich gesagt wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie w\u00fcrden wir selbst reagiert haben, wenn wir Jesus erlebt h\u00e4tten? Vielleicht wie Thomas, ja h\u00f6chst wahrscheinlich wie Thomas. Es ist schwer, sich auf der Stelle zu entscheiden. Unser Gl\u00fcck und unsere Gnadengabe bestehen darin, dass da in all den Jahren verst\u00e4ndige, geistvolle Menschen gewesen sind, die das Christentum ausgelegt, erz\u00e4hlt und gedeutet haben, so dass es f\u00fcr uns lebendig wurde. Paulus, die Evangelisten und die Kirchenv\u00e4ter haben erz\u00e4hlt und ausgelegt, so dass die Bedeutung dasteht wie ein geschliffener Diamant. Einer dieser Kirchenv\u00e4ter, Augustin, lehnte es gerade ab, zwischen Gl\u00e4ubigen und Ungl\u00e4ubigen zu unterscheiden. Alle sind gl\u00e4ubig, sagte er.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Thomas nach seinem Glauben gefragt wird, fragt er stattdessen nach Christus. Er spricht nicht vom Glauben im Singular und beginnt bei sich selbst, er weist weg von sich selbst. Damit verweist er auf etwas Grundlegendes im Christentum. Das Gebot der N\u00e4chstenliebe und die Auffassung von der Gemeinde setzen immer mindestens zwei, oft mehrere voraus, in Gespr\u00e4chen wie in Theorien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir wackeln, suchen wir das, was fest ist. Krisenzeiten sind Zeiten der Bekenntnisse. Das Suchende wird ersetzt durch klare Aussagen. Es muss Ordnung in das Chaos kommen. Das gilt auch, wenn es um Gott geht. Aber die Aussagen des Glaubens k\u00f6nnen zu eindeutig werden. Als w\u00e4re da nichts mehr zu diskutieren, als w\u00e4re alles gekl\u00e4rt und als ginge es nur darum zuzustimmen. Das kann zu einem Entweder\/Oder werden, entweder bist du daf\u00fcr oder dagegen, entweder stimmst du zu, oder du bist au\u00dfen vor.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Thomas ist im Laufe der Zeit zu einer zweifelhaften Person geworden wegen seines Zweifels. Und es sieht denn auch fast komisch aus in Abbildungen, wenn er seine Finger tief in die Wunde steckt. Aber das ist etwas Menschliches an Thomas, dass er sich dazu bekennt, dass wir im Vorl\u00e4ufigen leben, wo wir uns zuweilen abwartend verhalten, manchmal um etwas Besinnung bitten m\u00fcssen, manchmal einen fragenden Finger heben m\u00fcssen mitten in der Schar der \u00dcberzeugten. Vor allem aber ist Thomas ein Bild daf\u00fcr, dass Glaube etwas ist, was dazwischen liegt. Glaube ist nicht etwas, was wir f\u00fcr uns selbst haben. Glaube ist keine Leistung, deren h\u00f6rbarer Ausdruck darin besteht, dass wir ein lautes und bedingungsloses \u201eJa\u201c sagen. Glaube ist, dass ein anderer den Finger greift, den wir erhoben haben, und uns zeigt, dass wir in Wirklichkeit auf den gemeinsamen Himmel zeigen. Glaube ist jemand, der uns entgegenkommt und sagt: Du bist nicht allein mit deinem Zweifel in einer unsicheren Welt. Glaube ist ein Friedensgru\u00df. \u201eFriede sei mit euch\u201c, sagt Jesus zu der Schar, die sich hinter geschlossenen T\u00fcren befindet, und zu einer Welt, die versucht, eine neue Form vor Ordnung zu finden. \u201eFriede sei mit euch\u201c, das ist Gottes Gnadengabe in einer unruhigen Zeit. \u201eFriede sei mit euch\u201c, das ist die Hoffnung als Vorzeichen f\u00fcr unser Leben. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gnadengabe des Zweifels | Quasimodogeniti | 27. 04. 2025 | Johannes 20,19-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Christiane Gammeltoft-Hansen | Wenn es wackelt, wollen wir gerne feststehen. Das ist nat\u00fcrlich. Wenn du zu fallen drohst, greifst du instinktiv nach etwas, woran du dich halten kannst. Das gilt nicht nur physisch, das gilt auch geistig. 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