{"id":2341,"date":"2020-03-31T17:26:47","date_gmt":"2020-03-31T15:26:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2341"},"modified":"2020-03-31T17:26:47","modified_gmt":"2020-03-31T15:26:47","slug":"es-hoert-auch-wieder-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/es-hoert-auch-wieder-auf\/","title":{"rendered":"Es h\u00f6rt auch wieder auf"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Markus 13,3-9 und Johannes 12,1-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von <span lang=\"DE\">Poul Joachim Stender | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/span><\/h3>\n<p>Wir sind so klug, ach so klug! Wir waren ganz sicher, dass wir uns eine Gesellschaft mit Sicherheit und ein sicheres Leben schaffen k\u00f6nnen. Und dann kommt die Pandemie und stellt das alles in Frage. Es ist ja so sch\u00f6n, dass wir technologisch hoch entwickelt sind. Das kommt uns zugute. Aber man m\u00f6chte wissen, ob es wirklich Klugheit ist, die die Welt braucht. Es ist, als brauchten wir stattdessen mehr Weisheit, wo wir nun erkennen, wie verletzbar wir sind. Die Schriftstellerin Karen Blixen erhielt einmal ein Motto in einer Blechdose von einem ihrer guten Freude. Er sagte zu ihr: \u201eDieses Motto kannst du gebrauchen, wenn du am allerungl\u00fccklichsten bist\u201c. Eines Tages, als Karen Blixen sehr ungl\u00fccklich war, holte sie das Motto hervor. Da stand: \u201eDas h\u00f6rt auch wieder auf\u201c. Weisheit ist zu wissen, dass die Korona-Krise auch wieder aufh\u00f6rt. Es kommen wieder gute Tage. Aber Weisheit ist auch, dass man erkennt, dass die Finsternis uns wieder auf andere Weise treffen kann. Nach der Krise werden wir vielleicht damit beginnen, uns selbst als Menschen zu sehen, f\u00fcr die nicht alles m\u00f6glich ist. Wir m\u00fcssen, wie Generationen vor uns, damit beginnen, dass wir jedes Mal, wenn wir etwas geplant haben, sagen: \u201eWenn Gott will\u201c. Und vielleicht werden wir auch nach der Krise damit beginnen, dass wie damit rechnen, dass sowohl Widrigkeiten als auch Erfolg mit zum Leben geh\u00f6ren. Eine Pandemie ist kein technisches Ungl\u00fcck. Der Tod ist kein technisches Ungl\u00fcck. Das geh\u00f6rt mit zum menschlichen Leben, dass Krankheit und Tod uns treffen k\u00f6nnen. Weisheit hei\u00dft, zu dieser Erkenntnis zu kommen.<\/p>\n<p>Zurzeit weint man in vielen Familien wegen des Korona-Virus. Die Einsamen werden noch einsamer. Die \u00c4ngstlichen noch \u00e4ngstlicher. Die Gef\u00e4hrdeten noch gef\u00e4hrdeter. Die Psychologen erz\u00e4hlen uns, dass Weinen Erleichterung bringt. Es besteht kein Grund, seine Tr\u00e4nen zu verbergen. Weint \u2013 denn es besteht Grund zum Weinen. Wir sollten wieder Klageweiber im Fernsehen einf\u00fchren statt der ernsten Kommentatoren. Klageweiber k\u00f6nnen unser Weinen erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Da sind auch viel Tr\u00e4nen im Text zum heutigen Sonntag Palmarum. Die Erz\u00e4hlung von der Frau, die Jesus salbst mit duftenden Salben, und der Einzug Jesu in Jerusalem. Sie ist voller Tr\u00e4nen. In einem anderen Text von der Salbung begn\u00fcgt sich die Frau nicht nur damit, Jesus mit \u00d6l zu salben. Sie tr\u00e4gt einige Tr\u00e4nen-Kr\u00fcge um den H als, wo sie ihre Tr\u00e4nen gesammelt hat. Sie zerbricht die Gef\u00e4\u00dfe und salbt Jesus mit den Tr\u00e4nen ihrer Schmerzen. Das war zu biblischer Zeit nicht ungew\u00f6hnlich, dass Frauen ihre Tr\u00e4nen in kleinen dekorativen Minikr\u00fcgen sammelten, die sie um den Halt trugen.<\/p>\n<p>Die Ereignisse am Palmensonntag geschehen auf dem \u00d6lberg in Jerusalem. Das ist in vieler Hinsicht ein Berg der Tr\u00e4nen. K\u00f6nig David weinte auf dem Berg, als ihn sein Sohn verlie\u00df. Die Frau, die Jesus salbte, weinte auf dem Berg. Ganze zwei Mal weinte Jesus auf dem Berg. Das erste Mal, als sein guter Freund Lazarus starb. Das zweite Mal am Palmensonntag auf dem Weg nach Jerusalem. In einer Vision sieht er die Zerst\u00f6rung Jerusalems im Jahre 70, er bricht weinend zusammen und st\u00f6hnt: \u201eJerusalem, Jerusalem! Du, der du Propheten t\u00f6test und steinigst, die zu dir gesandt sind. Wie oft habe ich nicht deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre K\u00fcken unter den Fl\u00fcgeln sammelt, aber ihr wolltet nicht\u201c. Der italienische Architekt Antonio Barluzzi hat auf dem \u00d6lberg eine Kirche gebaut, die den Namen tr\u00e4gt: <em>Dominus flevit<\/em>. Der Herr weint. Sie hat die Gestalt einer Tr\u00e4ne. Oben auf dem Dach der Kirche hat er die Tr\u00e4nen-Kr\u00fcge abgebildet, in denen die Frauen in biblischer Zeit ihre Tr\u00e4nen sammelten.<\/p>\n<p>Wir kommen zu Jesus mit unserem Lobpreis. Unsere Kirchen sind ein Lobpreis Jesu in Stein gehauen. Unsere Gottesdienste feiern ihn. Unsere Predigten. Unsere Lieder. Das Kreuz in der d\u00e4nischen Flagge feiert den Sohn Gottes. Die Sozialgesetzgebung der d\u00e4nischen Gesellschaft ist ein Hosianna f\u00fcr Jesus. In allen m\u00f6glichen Weisen feiern wir Jesus so wie die Volksscharen ihn bejubelten, als er am ersten Palmensonntag in Jerusalem einzog. Aber wir m\u00fcssen und sollen in dieser Zeit auch mit unseren Tr\u00e4nen zu Jesus kommen. Die Frau, die Jesus mit duftendem \u00d6l salbte, salbte ihn mit dem Besten und Kostbarsten, was sie f\u00fcr ihn finden konnte. Das kostbarste Nardus\u00f6l, gewonnen aus Pflanzen von den Himalaja-Bergen. Das Parf\u00fcm war eine Huldigung an ihn wie die der Volkscharen, die ihm beim Einzug in Jerusalem huldigten. Zugleich aber gab sie ihm auch all ihren Schmerz und all ihre Tr\u00e4nen. Wir huldigen auch Jesus, indem wir ihm all unseren Schmerz anvertrauen in diesen Tagen. Sanftm\u00fctig, auf einem Esel reitend und dem F\u00fcllen eines Lasttiers kommt er zu uns, w\u00e4hrend wir unser Tr\u00e4nen vor ihm hinwerfen. \u00a0Oder mit einer Zeile aus einem unserer popul\u00e4ren Lieder: \u201eAuf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen Gute Nacht! Lass fahren, was das Herze<br \/>\nbetr\u00fcbt und traurig macht\u201c. Seid gewiss, dass Gott, wenn er seinen Einzug in Jerusalem h\u00e4lt, zu uns dasselbe sagen wird zu unserem Ungl\u00fcck, was in dem Motto f\u00fcr Karen Blixen stand: \u201eDas h\u00f6rt auch wieder auf\u201c. Gott befohlen. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastor Poul Joachim Stender<br \/>\nDK 4060 Kirke S\u00e5by<br \/>\npjs(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Markus 13,3-9 und Johannes 12,1-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Poul Joachim Stender | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Wir sind so klug, ach so klug! 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