{"id":23572,"date":"2025-04-29T13:57:19","date_gmt":"2025-04-29T11:57:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=23572"},"modified":"2025-04-29T15:04:02","modified_gmt":"2025-04-29T13:04:02","slug":"johannes-1011-16-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1011-16-4\/","title":{"rendered":"Johannes 10,11-16"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Miserikordias Domini | 04.05.25 | Johannes 10,11-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Jan Sievert Asmussen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Der gute Hirte<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201cAus den Augen, aus dem Sinn\u201d \u2013 so spricht die Liebe nicht. Im Gegenteil: Wer liebt, wird nie fertig mit dem Geliebten. Deshalb kann man erleben, dass auch Verwitwete ihre Verstorbenen noch lieben. \u201cBeen there, seen that\u201d: so spricht der Weltenbummler, dem jedes Reiseziel gleich g\u00fcltig ist. Die Liebe sagt jedoch selbst \u00fcber die Bank im bescheidenen Park mit Seeblick: \u201cDies ist mein Ort. Es ist mir nie langweilig hier\u201d. Und geliebte Kinder, die in den Augen fremden, lieblosen Menschen unerzogen und unappetitlich erscheinen: In den Augen der Eltern sind sie einzigartig und wundervoll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der sogennten \u201cHirtenrede\u201d im Evangelium des Johannes geht es um die gegenseitige Bindung zwischen Schafen und Hirte und um die tiefgehende und bedingungslose Liebe. Eigentlich hat der Kirchenvater Augustinus dieses am besten auf den Punkt gebracht: \u201cWenn jemand geliebt wird, w\u00fcnscht man ihn n\u00e4her, obwohl er ganz nah ist. Wenn jemand einen anderen Menschen liebt, w\u00fcnscht er die N\u00e4he dieses Menschen immerfort, was hei\u00dft: Er w\u00fcnscht ihn immer nahe. Ist der Geliebte gefunden, ist die Suche keineswegs beendet. In der Liebe sucht man st\u00e4ndig nach den Geliebten\u201d. Es gibt kaum Worte \u00fcber die Wirklichkeit der Liebe, die r\u00fchrender und treffender sind als diese. Sie bewahrheiten sich in lebenslangen Ehen, wo zwei Menschen ihre gegenseitige Neugier nie verlieren. Sie erinnern uns an die Bank im kleinen Park, wo die Spiegelung von Licht und Wolken jeden Tag jeden Tag verschieden ist und deshalb nie langweilig. Und sie zeigen sich in jenen Kindern, die jeden Tag das gleiche sagen und tun und doch jeden Tag von den Eltern mit Stolz und Verwunderung zu Herzen genommen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So weit, so gut. Wir wissen sehr wohl, dass \u201cdie Liebe die gr\u00f6\u00dfte ist\u201d, wie Paulus sagt. Aber trifft das f\u00fcr Hirten zu? Ich meine: K\u00f6nnen Tiere mit einem Gehirn wie eine halbe Avocado und nur einen Laut, Tiere ohne gro\u00dfe Tr\u00e4ume und mit dem Fluchttrieb als einziger Gem\u00fcts\u00e4u\u00dferung \u2013 k\u00f6nnen solche Tiere wirklich von einem Hirten geliebt werden? Stellt euch einen solchen Hirten vor: Ein junger Mann in bl\u00fchender Jugend, den ganzen Sommer allein auf der Alm mit \u201cm\u00e4\u00e4h\u201d als dem einzigen Gespr\u00e4chsthema?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch bevor wir uns den Hirten vornehmen, m\u00fcssen wir \u00fcberlegen, wie es den Schafen geht. Sie leben in den Tag in v\u00f6lliger Einfalt. Jedes Mal, wenn sie etwas Neues erblicken, die gleiche \u00fcberraschte Neugier. Jedes Mal, wenn die Sonne aufgeht, der gleiche Schock. Jeder Mundvoll Grass die Entdeckung eines neuen Lieblingsgerichts. Schafe kennen kein Gestern oder Morgen, sind immer nur im jetzigen Augenblick. Ich k\u00f6nnte mich an vielen Tagen in einer solchen Existenz gut hineintr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber jetzt zur\u00fcck zum Hirten, zum guten Hirten. Er hat seinen Gegensatz in den Mietlingen, die jeden Tag ihren Job wechseln ohne Liebe und Bindung, ohne die Schafe zu achten. Was n\u00e4mlich macht den guten Hirten gut? Es ist sein unendlich vertieftes Interesse an jedem einzelnen Schaf. Ein Schaf hinkt ein wenig. Ein Schaf hat ein Rinnsal am Auge. Ein Schaf hat eine Verletzung am Horn, ein Schaf kaut rechts herum und ein anderes links herum. Der gute Hirte wei\u00df all das und wird nie fertig, Neues an seinen Tieren zu entdecken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dies ist der Punkt, wo der Realismus aus der Hirtenrede des Johannes verschwindet. Denn welcher Hirte ist wohl so? Wer vermag es, so viel Aufmerksamkeit zu schenken und so wenig zu empfangen? Eigentlich ist es ja so, dass wir meistens aus unserem Engagement eine Gegenleistung erwarten. Der eine Dienst ist einen anderen wert \u2013 oder jedenfalls erwarten man einen Dank f\u00fcr seine M\u00fche. Anerkennung, vielleicht sogar Ehre und Ruhm. Die Schafe jedoch \u2013 sie stehen nur und glotzen. Ihre kleinen Gehirne k\u00f6nnen nicht kapieren, was der Hirte f\u00fcr sie tut. Sie grasen, kauen und wiederk\u00e4uen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was der Hirte jedoch f\u00fcr sie tut, ist jenseits jeglichen Ermessens \u2013 keine Anerkennung kann sich mit seinem Einsatz messen. Der Hirte l\u00e4sst sein Leben f\u00fcr die Schafe. Hier verl\u00e4sst der Evangelist die pastorale Idylle und setzt das Kreuz Christi aufs Feld mitten unter den Schafen. Christus l\u00e4sst sein Leben, geht seinen Weg und wird am Kreuz erh\u00f6ht. Aber so sehr Johannes es hier auf den Opfertod Christi abzielt: Eben das l\u00e4ndliche Hirtenbild hilft uns zu verstehen, was der Tod Christi f\u00fcr uns bedeutet. Er ist n\u00e4mlich in dem Sinne ein guter Hirte, dass er ohne Gegenleistung, ohne unseren Dank, ohne unser Verst\u00e4ndnis, ganz jenseits unseres Schafsverst\u00e4ndnisses und unserer Schafserkenntnis die Last der S\u00fcnde und des Todes auf sich nimmt. Die Schafe werden gerettet, und der Hirte l\u00e4sst sein Leben. Die Schafe kapieren es nicht. Wirksam ist es dennoch. Die Schafe tun nur eines: Sie suchen ihren Hirten, wollen mit ihm unentwegt zusammen sein. Mit dem Hirten, der ohne Unterlass dabeibleibt, sie und uns zu lieben. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Jan Sievert Asmussen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-3520 Farum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: jsas(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miserikordias Domini | 04.05.25 | Johannes 10,11-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Jan Sievert Asmussen | Der gute Hirte \u201cAus den Augen, aus dem Sinn\u201d \u2013 so spricht die Liebe nicht. Im Gegenteil: Wer liebt, wird nie fertig mit dem Geliebten. 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