{"id":2367,"date":"2020-04-05T09:18:01","date_gmt":"2020-04-05T07:18:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2367"},"modified":"2020-04-09T10:54:01","modified_gmt":"2020-04-09T08:54:01","slug":"der-waschraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-waschraum\/","title":{"rendered":"Der Waschraum"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Johannes 13,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |&nbsp;von Pastorin Christiane Gammeltoft Hansen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Menschen treffen sich im Waschraum. Vor wenigen Tagen war der Waschraum ein Waschraum in einem Konzentrationslager. Nun ist es ein Waschraum in einer anderen Welt, auch wenn es derselbe Waschraum ist und er an derselben Stelle liegt.<\/p>\n<p>Es sind die Tage direkt nach dem Ende des Krieges. Die Soldaten des deutschen Vernichtungslagers sind durch Soldaten des Besatzungsheeres ersetzt worden. F\u00fcr die beiden, die sich begegnen, hat das eine Ver\u00e4nderung mit sich gebracht. Vorher war einer von ihnen einer der W\u00e4chter des Vernichtungslagers. Nun ist er Gefangener. Und der andere: Er war einer der vielen j\u00fcdischen Internierten. Nun ist er frei.<\/p>\n<p>Der Krieg hat in ihnen tiefe Spuren hinterlassen, bei einem von ihnen auch physisch. Der fr\u00fchere j\u00fcdische Internierte ist krank und liegt in einer der Hospitals-Baracken des Lagers. Zwei Tage nach der Befreiung k\u00e4mpft er sich aus seinem Krankenbett \u2013 er will sich waschen. Und dabei begegnen sie sich. Der Kranke erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>\u201eAls ich die T\u00fcr zum Waschraum ge\u00f6ffnet hatte und weiter zum Waschbecken gehen wollte oder vielleicht erst zum Pissoir, hielt ich an und blieb stehen \u2013 und mir f\u00e4llt kein treffenderer Ausdruck ein als diese verschlissene Wendung, denn das war es, was geschah \u2013 ich war wie vom Blitz getroffen. Denn am Waschbecken stand ein deutscher Soldat, der seinen Kopf langsam mir zuwandte, als ich hereinkam; und gerade ehe ich umfiel, ohnm\u00e4chtig wurde, in die Hosen pinkelte vor Schreck, oder wer wei\u00df, was ich sonst getan h\u00e4tte, wurde ich jenseits der grauschwarzen Nebel meines Entsetzens aufmerksam auf eine Bewegung. Die Handbewegung des deutschen Soldaten, so als winkte er mich heran an das Waschbecken, und in der Hand, die die Bewegung ausf\u00fchrte, hatte er einen Lappen, und er l\u00e4chelte. Es wurde mir langsam klar, dass der deutsche Soldat nur das Waschbecken scheuerte und dass sein L\u00e4cheln Ausdruck der Dienstbarkeit war, dass er das Waschbecken f\u00fcr mich sauber machte.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/BDE66DA6-CCC7-4261-8BDF-6309CA8D8EC1#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Ist es m\u00f6glich, den Staub von den Stiefeln und die Asche vom Gesicht zu waschen? Ist es m\u00f6glich, nicht nur zu \u00fcberleben, sondern mit dem zu leben, was geschehen ist und was getan worden ist? Das ist nicht m\u00f6glich in dem Sinne, dass die Angst davor, dass es wieder geschieht, nicht mehr da ist. Auch nicht in dem Sinne, dass man die Vergangenheit vergessen oder verdr\u00e4ngen kann. Der ehemalige j\u00fcdische Gefangene wei\u00df denn auch sowohl in Bezug auf sich selbst als auch in Bezug auf das Menschsein \u00fcberhaupt, dass es schwer ist das Misstrauen zu \u00fcberwinden. Wie eine Fanfare erklang der Freiheitsruf durch das Vernichtungslager. Das Misstrauen, das ist damit nicht gleich weggeblasen.<\/p>\n<p>Aber in der Sekunde, ehe der Kranke \u2013 vielleicht oder vielleicht auch nicht \u2013 ohnm\u00e4chtig wird, sieht er eine ausgestreckte Hand und einen Menschen, der bereit ist zu dienen. In einem Augenblick sieht er, dass eine andere Weltordnung eingetreten ist, wo ein Waschraum nicht mehr dazu dient, jemanden f\u00fcr den Tod vorzubereiten, sondern daf\u00fcr, Menschen f\u00fcr das Leben zu st\u00e4rken. Und er erf\u00e4hrt, dass etwas Mitmenschliches selbst da entstehen kann, wo der Abstand ansonsten un\u00fcberwindlich erscheint.<\/p>\n<p>Heute ist Gr\u00fcndonnerstag, auf D\u00e4nisch der \u201ehelle\u201c Donnerstag. Ein Tag wie eine Insel des Augenblicks. Da war Verrat vorher, und da wird Verrat kommen. Da war Verleugnung vorher, und Verleugnung wird es wieder geben. Das gilt f\u00fcr die Geschichte des einzelnen Menschen. Das gilt f\u00fcr die gro\u00dfe Weltgeschichte. Und das ist deshalb auch ein Teil der Erz\u00e4hlung in den Evangelien. Aber jetzt sind wir hier, auf der Insel des Augenblicks. Gr\u00fcndonnerstag, der helle Donnerstag. Und Jesus nimmt sich die Waschsch\u00fcssel. Darin liegt seine ganze Umkehr. Er, der Herr ist, kniet nieder, um dem Menschen zu dienen, den Staub und die Asche abzuwaschen. Und am selben Abend nimmt Jesus auch das Brot und den Wein. Er dankt und teilt es aus, gleichsam als fasse er die Bedeutung seines Lebens zusammen und reiche sie ihnen ihn konzentrierter Form.<\/p>\n<p>Es ist leicht, die dreckigen und schmutzigen Seiten des Menschen in der Welt aufzuzeigen. Sie sind so offenbar, dass es keiner detektivischen F\u00e4higkeiten bedarf, sie zu finden. Aber sich von Mensch zu Mensch begegnen und sich zu einer Gemeinschaft bekennen, sich vertrauensvoll begegnen trotz Verrat und Schuld, das bedarf einer gro\u00dfen Anstrengung und mehr als das.<\/p>\n<p>Gr\u00fcndonnerstag vollf\u00fchrt Jesus die Beinarbeit der Liebe. Er nimmt den Lappen und w\u00e4scht, bis etwas Urspr\u00fcngliches zum Vorschein kommt. Er offenbart das, wof\u00fcr wir geschaffen sind und zu dem wir bestimmt sind, und er setzt uns wieder ein in die Gemeinschaft mit ihm und miteinander.<\/p>\n<p>Auf diese Weise vermittelt Gr\u00fcndonnerstag auch etwas Klarsicht. Es geht nicht nur darum, dass wir selbst unseren eigenen Hunger und Durst stillen. Es geht darum, dass wir trotz der Distanz, die wir zueinander haben k\u00f6nnen, dennoch eins sind. Deshalb kann ein Gefangenenw\u00e4chter, der mehr auf dem Gewissen hat, als er tragen und ertragen kann, dennoch einen Waschlappen nehmen und dem dienen, der vorher sein Opfer war. Wer wei\u00df, vielleicht macht dieser waschende Dienst auch ihn selbst etwas reiner, aber gleichwie \u2013 es ist m\u00f6glich, etwas f\u00fcr den anderen zu tun, ganz gleichwie wieviel B\u00f6ses man selbst verschuldet hat. Das ist die Befreiung des fr\u00fcheren Gefangenenw\u00e4chters. Und das ist die Befreiung des Abendmahls, die Befreiung der Vergebung.<\/p>\n<p>Die Vision des Abendmahls ist Einheit. Die \u00e4lteste Abendmahls-Form und Abendmahlsliturgie ist die des Paulus. Und bei Paulus geht es um das gemeinsame Leben. Wenn wir uns einander zuwenden, mitlebend, mitleidend, dienstwillig \u2013 dann ist das die Wirkung des Abendmahls.<\/p>\n<p>Auf diese Weise kann es auch Abendmahl werden au\u00dferhalb des Kirchenraums. Das ist gut zu wissen in einer Zeit, wo unsere Kirchen geschlossen sind wegen der weltumspannenden Epidemie. Wir k\u00f6nnen das Abendmahl an diesem Tage nicht in der Kirche feiern, aber das bedeutet nicht, dass das Abendmahl f\u00fcr uns nicht eine Realit\u00e4t ist. Diese Wirklichkeit wurde ins Leben gerufen, als Jesus am Gr\u00fcndonnerstag das Brot brach und den Kelch reichte und in Zeichen und Worten zum Ausdruck brachte, dass wir an seinem Leben teilhaben.<\/p>\n<p>In einem Waschraum wird eine Hand gereicht, und auch wenn das nicht die Angst und den Schmerz wegwischt, kann es dennoch das Gef\u00fchl wecken, dass die Welt nicht nur ein Ort des Schreckens ist.<\/p>\n<p>In einer Zeit, wo wir Abstand halten m\u00fcssen und viele in ihren Wohnung eingeschlossen sind, ist es dennoch m\u00f6glich, einen Nachklang der Worte zu h\u00f6ren: Dies ist der Leib Jesu Christi, f\u00fcr dich gegeben, dies ist das Blut Jesu Christi, f\u00fcr dich vergossen. Der Nachklang klingt vielleicht mit in der Stimme, die tr\u00f6stend den erreicht, der Angst hat oder krank ist. Oder der Nachklang kann in dem Blick deutlich werden, der einen direkt ansieht und sich zur Gemeinschaft bekennt. Oder in dem Blick, der etwas W\u00e4rme gibt in einer Zeit, wo wir einander nicht mit den H\u00e4nden erreichen.<\/p>\n<p>Es ist Gr\u00fcndonnerstag, und wir leben nicht f\u00fcr uns selbst. Auch auf Abstand sind wir vereint in der Liebe Gottes. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p>DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p>E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/BDE66DA6-CCC7-4261-8BDF-6309CA8D8EC1#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Kaddisch f\u00fcr ein nicht geborenes Kind, 1990, dt. 1992.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Johannes 13,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |&nbsp;von Pastorin Christiane Gammeltoft Hansen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | &nbsp; Zwei Menschen treffen sich im Waschraum. Vor wenigen Tagen war der Waschraum ein Waschraum in einem Konzentrationslager. 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