{"id":2431,"date":"2020-04-08T08:00:18","date_gmt":"2020-04-08T06:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2431"},"modified":"2020-04-11T13:09:14","modified_gmt":"2020-04-11T11:09:14","slug":"die-theorie-ueber-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-theorie-ueber-alles\/","title":{"rendered":"Die Theorie \u00fcber&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Die Theorie \u00fcber alles ist die Liebe |&nbsp;Johannes 20,1-18 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |&nbsp;von Leise Christensen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Zu Ostern haben wir viel geh\u00f6rt \u00fcber Corona. Wir haben f\u00fcr Leute und L\u00e4nder gebetet. Heute geht es nicht um Corona, es geht um alles. Eine Erkl\u00e4rung folgt. Denn es ist nun schon einige Jahre her, dass ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, ich schrieb einen Teil davon an der Universit\u00e4t in Cambridge. Ich hatte einen Leseplatz an einer Bibliothek f\u00fcr Exegeten \u2013 und das war ich als Alttestamentlerin \u2013 und jeden Morgen nahm ich mein Fahrrad und fuhr nach Newham, wo die Bibliothek lag, ganz nahe am Zentrum des unendlich sch\u00f6nen Cambridge. Ich war das geringste ganz kleine Rad in der gro\u00dfen Maschinerie im Dienst an der der Wissenschaft an diesem Ort, zweifellos! Aber manchmal morgens auf meinem Weg nach Newham begegnete ich einem der gro\u00dfen R\u00e4der im Dienst der Wissenschaft, n\u00e4mlich dem Physiker und Mathematiker Stephan Hawking, der aus seinem Haus in Newton in seinem multifunktionellen Rollstuhl angefahren kam. Dieser Professor Hawking ist sicher den meisten bekannt. Vor allem wegen seiner gro\u00dfartigen Entdeckungen in der Physik und der Astrophysik trotz seiner Behinderung, trotz eines ihn behindernden ALS-Syndroms, das ihn seit der Zeit, als er ein 21-j\u00e4hriger vielversprechender Student war, immer mehr von technischen Hilfsmitteln verschiedener Art abh\u00e4ngig werden lie\u00df. Ihm wurden nur ein paar Jahre Lebenszeit prognostiziert, als die Krankheit bei ihm in jungen Jahren entdeckt wurde, aber er wurde 74 Jahr alt, ehe er vor gut zwei Jahren im M\u00e4rz gestorben ist. Er wurde von der sch\u00f6nen alten Kirche aus beerdigt, die dicht am Marktplatz in Cambridge und direkt gegen\u00fcber seinem geliebten College liegt, von dem sein gro\u00dfes Lebenswerk ausging. Hawking war gewiss kein bekennender Christ. Er hat sich in seinem langen Leben unterschiedlich dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert. Schlie\u00dflich gelangte er wohl zu der Auffassung, dass die Physik keinen Platz f\u00fcr Gott lie\u00df. Er wurde dennoch von einer Kirche aus beerdigt, und sein Grab liegt in einer anderen Kirche zwischen den Gr\u00e4bern seiner bekanntesten Vorg\u00e4nger in seiner Professur, n\u00e4mlich Isaak Newton, dem Mann mit der Schwerkraft und dem Apfelbaum, und einem anderen genauso ber\u00fchmten Forscher, n\u00e4mlich Charles Darwin, in der gro\u00dfen Kathedrale von Westminster Abbey in London.<\/p>\n<p>Hawking ist vermutlich in wissenschaftlicher Hinsicht vor allem daf\u00fcr bekannt, dass er die Theorie \u00fcber alles finden wollte (deshalb geht es heute um alles), d.h. er wollte die Relativit\u00e4tstheorie und die Quantenmechanik kombinieren, als des gr\u00f6\u00dfte und das kleinste Existierende, wie ich das verstanden haben. Das gelang ihm nicht, aber so wie ich es verstanden habe, ist er derjenige, der diesem ehrgeizigen Ziel am n\u00e4chsten gekommen ist. Die Theorie \u00fcber alles! Ja das klingt ehrgeizig. Eines ist, was Hawkings in seinem langen Leben als Physiker erreicht hat mit den gro\u00dfen Entdeckungen und seinen vielen Artikeln und B\u00fcchern. Eine andere Sache ist die Frage, was die Theologie oder der Kirchenglaube von der Theorie \u00fcber alles h\u00e4lt. Denn man kann sagen, jedenfalls theologisch gesehen, dass eben der Ostermorgen die Verwirklichung einer Theorie \u00fcber alles ist \u2013 also dort wo alles in dem Muster seinen Platz findet, das dem Menschen von Anfang an zugedacht war.<\/p>\n<p>Maria Magdalene kommt in den Garten der Toten, um an des Mannes zu gedenken, den sie liebhatte. Wie viele andere vor und nach ihr hatte sie das Bed\u00fcrfnis, ihre Gedanken zu sammeln nach den gro\u00dfen Ereignissen der letzten Tage. Sie brauchte Ruhe, eine Denkpause, ein Nachbesinnen, die Trauer. Es besteht ja kein besonders gro\u00dfer Unterschied zwischen einem Menschen vor zweitausend Jahren und heute in dem Sinne, dass man auf den Friedhof geht, um nach einem Verstorbenen zu sehen und etwas \u00fcber dieses und jenes nachzudenken, \u00fcber die Vergangenheit und die Zukunft, die man sehr wohl f\u00fcrchten kann kurz nachdem man allein geblieben ist. Ja da erwartet man wahrlich nichts anderes als dass der Tote tot <em>und <\/em>in seinem Grab bleibt. Das wissen wir, und das wusste Maria Magdalene. Wenn man tot ist, dann ist man tot. Deshalb kann sie sich nichts anderes vorstellen als dass der, dem sie in einem Arbeitshemd begegnet, der G\u00e4rtner sein muss \u2013 was sollte sie sonst glauben? Und tats\u00e4chlich glaube ich, dass dies der Sinn ist. Sie soll glauben, dass der auferstandene Herr, dem sie dort begegnet, ohne es zu wissen, eben G\u00e4rtner ist. Das ist der kurze Augenblick, wo die Vergangenheit, n\u00e4mlich die Sch\u00f6pfung selbst, der Gegenwart begegnet, n\u00e4mlich der neuen Sch\u00f6pfung, wo Jesus auferstanden ist \u2013 wo alles wieder neu geworden ist. Denn es war ja so, als Gott seinerzeit im Garten Eden einherging wie ein G\u00e4rtner. Er lie\u00df alles wachsen, er sorgte daf\u00fcr, dass der Garten tats\u00e4chlich ein Garten war, den er angelegt hatte (kann man sagen). Hier begegnen sich die beiden Sch\u00f6pfungsberichte \u2013 Gott als der auferstandene Jesus und Maria Magdalene als der Mensch, die im Garten einhergehen. Die Sch\u00f6pfung wurde in diesem Augenblick wieder aufgerichtet. Sie wurde wieder gut. Man kann sagen, dies ist die Theorie des christlichen Glaubens \u00fcber alles, die hier zur Sprache kommt. Hier, wo das Gr\u00f6\u00dfte von allem, n\u00e4mlich die Auferstehung eines Menschen von den Toten, dem Kleinsten von allem begegnet, einem gew\u00f6hnlichen und vermutlich verachtetem Menschen, einer Frau vielleicht zweifelhaften Charakters. Ist Christus wirklich von den Toten auferstanden? Ja, das ist er. Ein Kreuz f\u00fcr das Denken, ein Trost f\u00fcr das Gem\u00fct. Das m\u00fcssen wir glauben. Klar, wenn man die Auferstehung Jesu von den Toten mit verschiedenen Gleichungen konfrontiert, ja dann ist sie eine Unm\u00f6glichkeit. Gleichungen, die m\u00f6glicherweise die Theorie \u00fcber alles beweisen k\u00f6nnten, taugen hier nicht. So ist es nicht. Aber wenn man sein Leben und seinen Tod im Lichte von Gleich<em>nissen<\/em> sieht, dann muss es so sein. Dann ist er auferstanden. Die Theorie \u00fcber alles, ja die ist in einem christlichen Sinne die Liebe. Sie ist es, die alles in sich enth\u00e4lt, das Kleinste und das Gr\u00f6\u00dfte. Sie ist der Sinne des Lebens. Das ist eine andere Art von Theorie \u00fcber alles, nach der Hawking suchte, aber dann doch auch nicht. Er sagte n\u00e4mlich infolge seiner drei Kinder, dass \u201ees ein eigenartiges Universum w\u00e4re, wenn es nicht die Heimat der Menschen w\u00e4re, die du liebst\u201c.&nbsp; Dieser Mensch also, der fast alles wusste, auch wenn&nbsp; es nicht alles \u00fcber alles war, aber unglaublich viel wusste von schwarzen L\u00f6chern, Explosionen, Relativit\u00e4t und Quantenmechanik, ja der wusste auch sehr wohl, dass das, was den Sinn der Universums tr\u00e4gt, nicht ein Wissen davon ist, wie alles zusammenh\u00e4ngt, sondern Liebe ist. Das ist es, was das Universum interessant macht. Und gut.<\/p>\n<p>Die Auferstehung Jesu zeugt von dieser Liebe, die dem Leben seinen letzten Sinn verleiht. In diesem Sinne ist die Liebe die Theorie \u00fcber alles, auch wenn sie es nicht im physikalischen Sinne ist. Am Ostermorgen wurde alles neu geschaffen, um uns noch eine Chance zu geben. Das sah Maria Magdalene, und das sollen wir auch sehen. Frohe Ostern. Amen.<\/p>\n<p>Sognepr\u00e6st Leise Christensen<\/p>\n<p>DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p>Email: lec(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Theorie \u00fcber alles ist die Liebe |&nbsp;Johannes 20,1-18 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |&nbsp;von Leise Christensen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Zu Ostern haben wir viel geh\u00f6rt \u00fcber Corona. Wir haben f\u00fcr Leute und L\u00e4nder gebetet. Heute geht es nicht um Corona, es geht um alles. Eine Erkl\u00e4rung folgt. 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