{"id":2437,"date":"2020-04-07T08:30:23","date_gmt":"2020-04-07T06:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2437"},"modified":"2020-04-09T11:05:47","modified_gmt":"2020-04-09T09:05:47","slug":"von-der-realitaet-des","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/von-der-realitaet-des\/","title":{"rendered":"Von der Realit\u00e4t des&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Von der Realit\u00e4t des Todes und des Lebens | <span lang=\"DE\">Predigt \u00fcber 1.Korinther 15,19-28 | Ulrich Wiesjahn |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Ostergemeinde!<\/p>\n<p>Die wichtigste Kirche der Christenheit steht in Jerusalem. Sie \u00fcberw\u00f6lbt mehrere alte St\u00e4tten: zum einen den Totenfelsen Golgatha, auf dem Jesus gekreuzigt wurde, und zum anderen eine Grabanlage zur Bestattung von Toten, unter denen vielleicht Jesus war. Und nun hat mich eine Tatsache zur Verwunderung und zum Nachdenken gebracht: wir Europ\u00e4er und Westler nennen diese Kirche \u201eGrabeskirche\u201c, w\u00e4hrend die Orthodoxen, die Griechen, Russen und andere dieselbe Kirche \u201eAnastasis \u2013 Auferstehungskirche\u201c nennen.<\/p>\n<p>Ja, so nah beieinander und doch so verschieden habe ich bisher nirgends diese Gegens\u00e4tze benannt gefunden: den Tod und das ewige Leben \u2013 an einem Platz. Doch jetzt in der Pandemie, die wie ein Nebel \u00fcber uns liegt und in Angst und Hilflosigkeit versetzt, erleben wir ganz seltsam und aktuell, wie dicht doch Leben und Tod beieinander liegen \u2013 beieinander liegen!<\/p>\n<p>Ehe wir nun heute zum Osterfest \u00fcber Jesu Tod und Auferstehung nachdenken, wollen wir erst einmal in uns selbst gehen und beides in uns nachf\u00fchlen. Ich bin inzwischen in einem Alter, in welchem ich den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil meines Lebens hinter mir habe und das Ende mir vielleicht viel n\u00e4her ist, als ich vermute. Aber auch f\u00fcr viele andere, ja f\u00fcr alle d\u00fcrfte der Vers gelten \u201eWer wei\u00df, wie nahe mir mein Ende, hin geht die Zeit, her kommt der Tod\u201c. Das hat mit Fr\u00f6mmigkeit und Glauben noch gar nichts zu tun, sondern mit der schlichten Realit\u00e4t meines Daseins.<\/p>\n<p>Doch genau diese Realit\u00e4t geh\u00f6rt nun mitten hinein in den christlichen Glauben, der sich ja der menschlichen Realit\u00e4t bewusst widmet. Und da entdecken wir auf einmal, dass die Realit\u00e4t, also das wirkliche Leben, eine einzige Frage ist: Warum sterben wir? Warum haben wir davor Angst? Warum endet das sch\u00f6ne Leben so elend? Selbst unter \u00e4rztlicher und pflegerischer Begleitung ist das Sterben schwer genug; ich habe es k\u00fcrzlich wieder miterlebt.<\/p>\n<p>Und nun begeben wir uns in Gedanken noch einmal nach Jerusalem in die Grabeskirche Jesu, die eben auch Auferstehungskirche hei\u00dft. In ihr ist alles nah beieinander, als geh\u00f6rte alles, was wir erleben, denken und f\u00fchlen, zusammen. Da gibt es \u00fcbereinander zwei Kapellen: oben auf dem Felsen Golgatha befindet sich die Kreuzigungskapelle und direkt darunter in den Felsen gehauen die Adamskapelle. Der Gedanke dieser Anlage ist nun folgender: Adam, der erste Mensch und der Mensch wie jeder Mensch, wie ich und du, Adam ist gestorben. Doch dar\u00fcber ist der andere Mensch, Jesus der Christus, gestorben. Und als dessen Blut in Adams Grab geflossen ist, da hat es den Toten ber\u00fchrt und gerettet. Als Christus auferstanden ist, da hat er alle sterblichen Menschen als Nachfolger mitgenommen in das ewige Leben Gottes.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns sind das vielleicht seltsame Vorstellungen und Gedanken, die nicht ganz leicht zu fassen sind. Und warum? Nun, weil wir nur das eine kennen und erleben: die Sterblichkeit. Wir kennen mehr oder weniger gut das nat\u00fcrliche Leben \u2013 und der Tod am Ende scheint mit dem Leben Schluss zu machen.<\/p>\n<p>Mit all diesen Gedanken und Vorstellungen sind wir jetzt darauf vorbereitet, was Paulus den Korinthern und uns, also wieder mir und dir, \u00fcber die Auferstehung schreibt. Es ist erst einmal keine einfache Botschaft, aber es ist die wichtigste der christlichen Offenbarung. Und wir werden sehen, wo sich uns daf\u00fcr eine T\u00fcr \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lesung 1.Korinther 15,19-28<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Das will ich jetzt nicht im Einzelnen auslegen, weil ich nicht kl\u00fcger als der Apostel bin, sondern auch ein H\u00f6rer mit einem sehns\u00fcchtigen, einem zitternden, einem hoffenden, einem gl\u00e4ubigen Herzen. Aber ich habe auch einen Verstand, der sich das alles umformulieren muss. Und da habe ich bei dem gro\u00dfen kritischen Philosophen Immanuel Kant diese vier Grunds\u00e4tze gefunden, die jeden Nachdenklichen ber\u00fchren: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?<\/p>\n<p>Mit diesen S\u00e4tzen blicke ich nun in den Spiegel und bedenke mein Leben und stelle es in die Botschaft Jesu hinein. Wer bin ich? Und die Antwort lautet: Du bist wie Adam und Eva sterblich. Und was kann ich hoffen? Die Antwort, die aus einer ganz anderen Richtung kommt, lautet: Du bist in der Nachfolge Jesu ein Auferstandener, ein Erl\u00f6ster, ein Fr\u00f6hlicher in Gott. Dein Glaube soll keine Angstfr\u00f6mmigkeit sein, sondern ein Vertrauen in einen ewigen Vater.<\/p>\n<p>Und nun mache ich einen Schritt zur\u00fcck in das ganz irdische Leben, das Jesus vor seinem Tod und seiner Auferstehung gelebt hat. Mitten im Alltag hat er immer wieder die Zeit mit der Ewigkeit verbunden. In seinen Gleichnissen hat er uns hundert Mal erz\u00e4hlt: Sieh hin! Da ist die Saat, da ist der Acker! Da sind deine Talente! Da ist deine Arbeit, da deine Ruhe, deine Sehnsucht! Das ist so allt\u00e4glich, so verg\u00e4nglich, so sterblich \u2013 aber nein, das ist die Anzahlung f\u00fcr das Himmelreich und das ewige Leben. Merkst du nicht, dass im Wort \u201eLeben\u201c immer schon Ewigkeit enthalten ist! Also lebe dein Leben, heile, st\u00e4rke, richte auf, singe und bete! Jede Heilung und jede Erinnerung an die gute Sch\u00f6pfung ist schon eine Auferstehung. Du erlebst in deinem \u00e4u\u00dferen und inneren Leben mehr als du wei\u00dft.<\/p>\n<p>Und so komme ich immer mehr dazu, Ostern als das Fest des erf\u00fcllten Lebens zu verstehen und zu feiern. Ostern ist das Fest gegen die Angst vor dem Tod. Der Hauptsatz in der Bergpredigt Jesu lautet ja: \u201eSorgt euch nicht!\u201c Das ist der Satz des christlichen Glaubens. Aber den m\u00fcssen wir alle immer wieder neu lernen, weil sich unser Verstand nur zu gern mit Sorgen umgibt. Und eine gl\u00e4ubige Sorglosigkeit ist jetzt meine Aufgabe nach meinem 80.Geburtstag. Denn so ein ganz Standhafter bin ich n\u00e4mlich gar nicht. Aber ich will mit Immanuel Kant doch ein richtiger Mensch sein mit Wissen, Tatkraft und Hoffnung. Und dieselben inneren Kr\u00e4fte w\u00fcnsche ich jetzt uns allen in diesen beklemmenden Zeiten der Epidemie, die uns zu einer ungewohnten Gemeinsamkeit zwingt und befreit. Denn Ostern als Fest der Hoffnung ist nicht nur eine christliche Angelegenheit, sondern eine Offenbarung an die Menschheit: am Ende steht das Leben wie am Anfang.<\/p>\n<p>Und so stelle ich an den Schluss meiner Gedanken das letzte sch\u00f6ne Bild, ja das letzte vertrauensvolle Gef\u00fchl, das Paulus in sich tr\u00e4gt und den Korinthern weitersagt: Das Ziel aller offenbaren wie auch dunklen Wege, auch meines und deines Lebens, ist, \u201edass Gott sei alles in allem\u201c.<\/p>\n<p>A m e n.<\/p>\n<p>Pfr.i.R. Ulrich Wiesjahn, Goslar<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:ulrich.wiesjahn@web.de\">ulrich.wiesjahn@web.de<\/a><\/p>\n<p>Autor verschiedener theologischer und sch\u00f6ngeistiger Werke und Verfasser des Blogs \u201ekritischfromm.wordpress.com\u201c (Der christliche Blogger)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Realit\u00e4t des Todes und des Lebens | Predigt \u00fcber 1.Korinther 15,19-28 | Ulrich Wiesjahn | Liebe Ostergemeinde! 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