{"id":2442,"date":"2020-04-07T08:31:38","date_gmt":"2020-04-07T06:31:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2442"},"modified":"2020-04-09T11:06:13","modified_gmt":"2020-04-09T09:06:13","slug":"das-nackte-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-nackte-leben\/","title":{"rendered":"Das nackte Leben"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Predigt zu 1. Kor 15 | verfasst von Dr. Sven Keppler |<\/span><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>I.<\/strong> Liebe Leserinnen und H\u00f6rer,<\/p>\n<p>ich w\u00fcnsche Ihnen ein frohes, ein gesegnetes Osterfest! Auch wenn es f\u00fcr Sie vielleicht ein Fest ohne Gottesdienst ist. Ohne Liturgie. Ohne brennende Osterkerze, die in die Kirche getragen wird. Der Grund, warum wir Ostern feiern, bleibt davon unber\u00fchrt: Der Tod ist besiegt! Jesus Christus ist von den Toten auferstanden! Gott hat den Tod \u00fcberwunden und das Leben siegen lassen! Heute feiern wir das Fest des Lebens!<\/p>\n<p>In diesen Tagen beweist die Menschheit, dass das Leben ihr h\u00f6chstes Gut ist. Es \u00fcberw\u00e4ltigt mich, was wir im Moment erleben. Die gesamte Weltbev\u00f6lkerung hat sich verb\u00fcndet f\u00fcr das Leben. Wann ist das jemals geschehen? \u00dcberall auf der Erde haben Menschen ihren Alltag grundlegend ver\u00e4ndert \u2013 f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Die Menschheit hat sich entschieden: Wohlstand ist nicht das h\u00f6chste Gut. Wir sind bereit, die Wirtschaft einzuschr\u00e4nken. Wir nehmen sogar ihr Schrumpfen in Kauf, wenn wir dadurch Leben bewahren k\u00f6nnen. Wer h\u00e4tte das gedacht! Nachdem es lange so schien, als w\u00fcrden wir dem Wachstum und dem Wohlstand alles unterordnen.<\/p>\n<p>Die Menschheit hat sich auch entschieden: Spa\u00df und Unterhaltung sind nicht der Sinn des Lebens. Sportereignisse sind abgesagt. Wir verzichten aufs Shoppen. Das gesamte Kulturleben ist heruntergefahren. Online schaffen wir Ersatz, so weit es geht. Aber wir nehmen Einsamkeit und Langeweile in Kauf \u2013 f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Auch sonst hat sich die Menschheit entschieden, alles dem Schutz des Lebens unterzuordnen. Die Einrichtungen der Bildung sind geschlossen. Orte der Geselligkeit sind verwaist. Der Gottesdienst ist aus der \u00d6ffentlichkeit in virtuelle R\u00e4ume verlegt worden. Auf der ganzen Linie haben Verantwortungstr\u00e4ger und Bev\u00f6lkerung entschieden: Wir wollen dem Einsatz f\u00fcr das Leben alles Andere unterordnen.<\/p>\n<p>Ich finde das bewegend. Es gibt ja gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, der Menschheit eine solche Entschiedenheit nicht zuzutrauen. Denken Sie an das Versagen in der \u00d6kologie: Wirtschaftliche Interessen, Bequemlichkeit und Egoismus verz\u00f6gern seit Langem das notwendige Umsteuern. Denken Sie an die zahllosen Kriege, in denen das Leben geopfert wird f\u00fcr egoistische Interessen und verquere Ideen.<\/p>\n<p>Aber in der Corona-Pandemie zeigt die Menschheit, dass sie tats\u00e4chlich k\u00e4mpft f\u00fcr das Leben als ihr h\u00f6chstes Gut. Selbstverst\u00e4ndlich soll auch die Wirtschaft dem Leben dienen. Auch die Kultur und die Bildung. Aber im Moment zeigt sich: Das Wichtigste ist nicht das verfeinerte Leben. Das gesteigerte und kultivierte Leben. Sondern das nackte Leben selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>II.<\/strong> Das Wichtigste ist das Leben. Das ist auch die Botschaft des Osterfestes. Paulus zeigt das im 15. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Korinth. Das Leben ist der Anfang und die Mitte seines Evangeliums: Jesus, der gestorben und begraben war, ist auferstanden. Wenn Jesus nicht auferstanden w\u00e4re und lebte, dann w\u00e4re unsre Predigt vergeblich. Auch euer Glaube w\u00e4re vergeblich, schreibt Paulus.<\/p>\n<p>Und nicht nur Christus selbst lebt, sondern durch ihn werden alle leben. Die Vernichtung des Todes ist der H\u00f6hepunkt und das Ziel der Heilsgeschichte. Im Sieg des Lebens zeigt sich, dass die ganze Welt Gott untertan ist.<\/p>\n<p>Das Osterfest ist deshalb das Fest des Lebens. Des neuen Lebens. Der Sieg des nackten Lebens. Denn das Leben der Auferstehung kann nicht erwirtschaftet werden. Es kann auch nicht durch Bildung oder Geselligkeit erlangt werden. Es ist auch nicht der Gipfel einer kulturellen Entwicklung. Sondern so nackt, wie Jesus gestorben ist, so geht er auch in das neue Leben der Auferstehung. Niemand kann ein anderes Gut mitnehmen au\u00dfer dem Leben selbst.<\/p>\n<p>Im Osterfest ist die Sehnsucht der Menschheit erf\u00fcllt. Im Moment erleben wir, dass wir alles dem nackten Leben unterordnen. Heute, am Ostermorgen, d\u00fcrfen wir uns sagen lassen: das Leben hat gesiegt! Gott hat gesiegt! Der Gott des Lebens hat den Tod \u00fcberwunden und uns allen das Leben er\u00f6ffnet!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>III.<\/strong> Wie passt das jedoch zu dem Jesuswort, \u00fcber das vor vier Wochen zu predigen war? Am Sonntag Okuli, als in vielen Kirchen vorerst zum letzten Mal Gottesdienst gefeiert wurde. Jesus sagt: <em>Wer sein Leben erhalten will, der wird&#8217;s verlieren.<\/em> Bedeutet das: Wir sollen uns nicht an unser Leben klammern? Wir sollen es nicht so wichtig nehmen?<\/p>\n<p>Ist es f\u00fcr Jesus ein Fehler, das nackte Leben \u00fcber alles zu stellen? Ist der Glaube wichtiger? Und die Bereitschaft, das Leben unterzuordnen? Ich m\u00f6chte das nicht verschweigen: Es gibt durchaus die Stimmen, die die Hochsch\u00e4tzung des Lebens kritisch sehen.<\/p>\n<p>Beim Geburtstag w\u00fcnschen sich Viele: \u201eVor allem Gesundheit!\u201c Und die Kritiker sagen: Gesundheit ist doch nicht alles. Der M\u00e4rtyrer zeichnet sich dadurch aus, dass er den Glauben \u00fcber das Leben stellt. Dass er bereit ist, f\u00fcr den Glauben zu sterben. In Kriegszeiten war es sogar f\u00fcr Viele ver\u00e4chtlich, am Leben zu h\u00e4ngen. Sich f\u00fcr die Gemeinschaft zu opfern galt als wahres Heldentum.<\/p>\n<p>Absch\u00e4tzig karikiert Nietzsches Zarathustra die \u201eletzten Menschen\u201c: \u201eSie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht W\u00e4rme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht W\u00e4rme. Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen s\u00fcndhaft: man geht achtsam einher.\u201c<sup>1<\/sup> Ist es verweichlicht, das Leben \u00fcber alles Andere zu stellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong> Liebe Gemeinde, ich glaube, das ist Heidentum. Falscher Heroismus. Zu Ostern hat Gott ein f\u00fcr allemal gezeigt: Das Wichtigste ist das Leben. Glaube und Leben sind kein Gegensatz. Sondern der Glaube f\u00fchrt ja gerade ins Leben. Das Ziel des Glaubens ist das Leben. Das wahre Leben.<\/p>\n<p>Dieses Leben ist etwas Anderes als die Behaglichkeit der letzten Menschen. Es ist nicht verz\u00e4rtelt und bequem. Es ist das nackte Leben. Das Leben, in das Jesus durch den Tod gegangen ist. Ein hart erworbenes Leben. Aber es ist das Leben! Das Opfer ist nicht der Sinn unserer Existenz. Der Heroismus ist nicht das H\u00f6chste. Sondern das Ziel ist das Leben.<\/p>\n<p>Das Osterfest zeigt, was dieses Leben ausmacht. Auf zwei Dinge m\u00f6chte ich Ihre Aufmerksamkeit richten. Das Eine: Jesus ging es um das Leben der Anderen. Beim Sieg des Lebens siegt nicht der Egoismus. Sondern der Einsatz f\u00fcr das Leben der Anderen.<\/p>\n<p>Als Gottes Sohn h\u00e4tte er nicht sterben m\u00fcssen. Nach Philippi schrieb Paulus in einem anderen Brief: <em>Er, der in g<\/em><em>\u00f6<\/em><em>ttlicher Gestalt war, hielt es nicht f\u00fcr einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern ent\u00e4u\u00dferte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.<\/em><\/p>\n<p>Jesus hat sich nicht an sein Leben geklammert. Aber sein Ziel war nicht das Opfer. Sein Beweggrund nicht die Verachtung des Lebens. Sondern es ging ihm um das Leben der Anderen. Sie, uns hat er durch seinen Tod und seine Auferstehung gerettet.<\/p>\n<p>Ich gebe zu: Als die Corona-Krise begann, habe ich die Vorsichtsma\u00dfnahmen nicht sofort ernst nehmen k\u00f6nnen. Ich wollte anderen weiter die Hand geben. Und wollte auch m\u00f6glichst lange Gottesdienste feiern. \u00dcberzeugt hat mich vor allem ein Argument: Es geht doch gar nicht um mich. Sondern um den Schutz der Anderen. Der Gef\u00e4hrdeten. Der Menschen mit angegriffener Gesundheit. F\u00fcr sie will ich nicht zum \u00dcbertr\u00e4ger werden. Es ist wie bei den Masken: Ich trage sie nicht, um mich, sondern um andere zu sch\u00fctzen. Auch das hat Corona viele Menschen gelehrt: Es geht um das Leben der Anderen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong> Der zweite Gedanke ist der Wichtigste: Ostern ist das Fest des Lebens \u2013 aber nicht blo\u00df des bewahrten leiblichen Lebens. Sondern das \u00f6sterliche Leben ist unendlich viel gr\u00f6\u00dfer. Es ist das Leben, das den Tod \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<p>Nicht nebenbei, nicht im Vor\u00fcbergehen. Sondern Jesus musste durch den Tod hindurchgehen um dieses Leben zu er\u00f6ffnen. Ostern ist das Fest des ewigen Lebens. Ostern ist deshalb der Sieg f\u00fcr alle Menschen. Auch f\u00fcr diejenigen, die den Kampf gegen das Corona-Virus verloren haben. Auch f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, die um einen verstorbenen Menschen trauern. Ostern ist auch der Sieg \u00fcber die Angst.<\/p>\n<p>Daraus darf nicht der falsche Schluss gezogen werden, unser jetziges Leben sei nur zweitrangig. Nein: Gott ist der Gott des Lebens. Auch unseres Lebens hier und jetzt. Aber das Leben, das Gott uns er\u00f6ffnet, ist unendlich viel mehr. Es ist das ewige Leben. Das Leben, in das wir nackt gehen, ohne etwas mitzunehmen. Das vollendete Leben, geborgen in Gottes unendlicher Liebe. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/p>\n<p>Versmold<\/p>\n<p>sven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><sup>1<\/sup>Quelle: Nietzsche, Friedrich, Also sprach Zarathustra. Zarathustra\u2019s Vorrede 5, in: KSA 4, S. 19f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 1. 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