{"id":2445,"date":"2020-04-06T10:02:28","date_gmt":"2020-04-06T08:02:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2445"},"modified":"2020-04-09T10:57:40","modified_gmt":"2020-04-09T08:57:40","slug":"lasst-euch-versoehnen-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lasst-euch-versoehnen-mit\/","title":{"rendered":"Lasst euch vers\u00f6hnen mit&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott \u2013 und untereinander\u2026 | Predigt zu 2. Korinther 5 | verfasst von <span lang=\"DE\">Dekan Uland Spahlinger |<\/span><\/h3>\n<p>Predigttext: 2. Korinther 5<\/p>\n<p><em>19 Denn Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre S\u00fcnden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Vers\u00f6hnung.<\/em><\/p>\n<p><em>20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott!<\/em><\/p>\n<p><em>21 Denn er hat den, der von keiner S\u00fcnde wusste, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit w\u00fcrden, die vor Gott gilt. <\/em><\/p>\n<p>Liebe H\u00f6rerin, lieber H\u00f6rer,<\/p>\n<p>die Kirche, aus der ich zu Ihnen spreche, ist die Heilig-Geist-Kirche in Dinkelsb\u00fchl. Urspr\u00fcnglich, im Mittelalter, geh\u00f6rte sie zu einem Spital, einem Krankenhaus, in dem auch ansteckend Kranke und Todgeweihte gepflegt und behandelt wurden. Das Spital lag au\u00dferhalb der Stadtmauer, um die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Man wusste nicht, woher die Krankheiten kamen &#8211; aber man wusste: die Kranken muss man isolieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-2447\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/fmd457298-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"600\"><\/p>\n<p>Die \u00e4ltesten Teile der Kirche stammen aus dem sp\u00e4ten 13. Jahrhundert, so der ausgemalte Chorraum. Die Bilder erz\u00e4hlen zum einen vom Ernst der Lage f\u00fcr die Kranken &#8211; seid immer bereit, dem g\u00f6ttlichen Gericht entgegenzutreten, mahnt zum Beispiel die Abbildung der f\u00fcnf klugen und der f\u00fcnf t\u00f6richten Jungfrauen. Aber sie spendeten auch Trost: das Wandgem\u00e4lde des Christophorus etwa. Wer Christophorus sieht, so eine mittelalterliche Legende, der wird an diesem Tag nicht sterben\u2026<\/p>\n<p>Als die Reformation kam, wurde die Spitalkirche die evangelische Stadtkirche. Christus r\u00fcckte anstelle der Heiligen ins Zentrum. Ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der die Rechtfertigung im Glauben schenkt: ihm wurde die fromme Betrachtung gewidmet.<\/p>\n<p>Hier also halte ich diese Predigt f\u00fcr den Karfreitag 2020. Mitten in der Corona-Pandemie. In einer Zeit der Ausgangsbeschr\u00e4nkung, der Quarant\u00e4ne bei Ansteckungsverdacht, der Ernstfall-Vorbereitung in den Krankenh\u00e4usern. Die Angst ist da: vor Ansteckung, vor Infizierung, vor dem Husten des Menschen hinter mir an der Kasse. Oder vor Verlust des Betriebes, der Arbeitsstelle. Langeweile, weil du nicht, wei\u00dft, welches Fenster du als n\u00e4chstes putzen sollst. Aggression, weil die Kinder rumbr\u00fcllen in der engen Wohnung. Einschr\u00e4nkung der b\u00fcrgerlichen Freiheitsrechte, auf die wir zu Recht so stolz sind. \u00dcberforderung, weil nichts mehr so l\u00e4uft, wie du es gewohnt bist.<\/p>\n<p>Karfreitag in Zeiten der Seuche, gegen die es kein Mittel gibt. Und wer ist schuld? Ich m\u00f6chte nicht wissen, in wie vielen K\u00f6pfen diese Frage herumgeistert. Einer muss doch schuld sein, oder nicht?<\/p>\n<p>Ein alter Reflex: wenn etwas nicht funktioniert, suchen wir einen Schuldigen. Einen S\u00fcndenbock, der unsere \u00c4ngste, unseren hilflosen Zorn, unsere Unf\u00e4higkeit, selbst Verantwortung zu \u00fcbernehmen, tragen soll &#8211; weg von uns, weit weg, ab in die W\u00fcste, wie damals im Volk Israel, als tats\u00e4chlich der rituelle S\u00fcndenbock in die W\u00fcste gejagt wurde und seltsame Regeln aufgestellt wurden: wer am Holz stirbt, muss von Gott verflucht sein\u2026&nbsp; Karfreitag &#8211; Jesus stirbt am Kreuz. Ein S\u00fcndenbock? Ein vor Gott Verfluchter? Das Lied &#8222;Holz auf Jesu Schulter\u201c, im Gesangbuch die Nummer 97, erz\u00e4hlt davon. Wir h\u00f6ren zun\u00e4chst die Strophen 1 und 2.<\/p>\n<p>Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,<\/p>\n<p>ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht.<\/p>\n<p>Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn.<\/p>\n<p>Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.<\/p>\n<p>Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt<\/p>\n<p>Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt.<\/p>\n<p>Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn.<\/p>\n<p>Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.<\/p>\n<p>Alle biblischen Berichte erz\u00e4hlen, wie katastrophal seine Zeitgenossen Jesus missverstanden haben: den Prediger des Friedens und der Vergebung, den Heiler und Vers\u00f6hner, den streitbaren Diskutanten um den tiefen Sinn der Weisungen Gottes, den Lehrer des nahen Gottesreiches. Sie hielten ihn f\u00fcr einen L\u00e4sterer, der sich etwas anma\u00dfte, das ihm nicht zuzustehen schien. Darum sollte er sterben. Nein, sie hatten nicht verstanden. Sie waren selbst gefangen: in ihren Traditionen und Normen, in den Lebensr\u00e4umen, in denen sie sich weltlich und geistlich eingerichtet hatten. Ihnen kam ein ferner Gott, ein Richtergott gerade zupass, ein Gott, in dessen Namen sie Ungewissheit verbreiteten und Schuldspr\u00fcche verh\u00e4ngten. Wie wenn Armut oder Krankheit oder der falsche Beruf oder die falsche Herkunft Zeichen g\u00f6ttlicher Strafe w\u00e4ren\u2026<\/p>\n<p>Und wissen Sie? Ich finde: das alles ist nicht \u00fcberwunden. Das alles gibt es bis heute. Streitsucht, Ausbeutung, Ausgrenzung, Fanatismus, Fundamentalismus, Faschismus: alles noch da. Es sind nicht nur die von woanders &#8211; oder besser noch: die von damals. Wir selbst sind verstrickt. Und ich kenne keinen, der sich davon wirklich lossprechen k\u00f6nnte. Wir unter uns und wir mit Gott: das schuldfreie Miteinander haben wir l\u00e4ngst verspielt.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir die dritte und die vierte Strophe unseres Liedes.<\/p>\n<p>Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.<\/p>\n<p>Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht.<\/p>\n<p>Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn.<\/p>\n<p>Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.<\/p>\n<p>Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht.<\/p>\n<p>Streng ist seine G\u00fcte, gn\u00e4dig sein Gericht.<\/p>\n<p>Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn.<\/p>\n<p>Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.<\/p>\n<p>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott!, schreibt Paulus den Korinthern. Eine paradoxe, eine befremdende Aufforderung. Jeder normale Mensch w\u00fcrde doch sagen: Vers\u00f6hnt euch mit Gott.<\/p>\n<p>Paulus dreht das um. Er entzieht uns die aktive Rolle. Glaubt nur nicht, ihr m\u00fcsstet oder k\u00f6nntet gar irgend etwas tun. Euch sind die H\u00e4nde gebunden. Euer ganzes \u00fcbersteigertes Selbstwertgef\u00fchl ist f\u00fcr die Katz. Nicht einmal ich, Paulus, oder meine Reisegenossen, handeln in dieser Sache aus eigenem Antrieb. Die Idee von der Vers\u00f6hnung ist nicht auf unserem Mist gewachsen. Wir haben nur den Auftrag, euch weiterzusagen, worum es geht. <em>20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott!<\/em><\/p>\n<p>Von Christus geht die Vers\u00f6hnungsbitte aus, von Christus, den wir f\u00fcr den gro\u00dfen Gottesl\u00e4sterer gehalten haben, f\u00fcr den abgrundtief Verirrten. Aber die Verirrten waren wir selbst. Das haben wir erkannt. Und deshalb bitten wir euch: Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott! Wir bitten, wir befehlen nicht. Denn Gott zeigt in eurer weltlichen und geistlichen Verirrung, worauf es ihm ankommt: <em>21 Denn er hat den, der von keiner S\u00fcnde wusste, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit w\u00fcrden, die vor Gott gilt.<\/em> Mit anderen Worten: Gott braucht keinen S\u00fcndenbock.<\/p>\n<p>Gott will nichts weiter, als dass wir seine Gerechtigkeit &#8211; wir k\u00f6nnen daf\u00fcr genau so gut Barmherzigkeit oder Liebe sagen &#8211; endlich als das erkennen, was sie ist. Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit f\u00fcr uns. Zu unseren Gunsten. F\u00fcr Zeit und Ewigkeit. Das ist das gro\u00dfe Versprechen Gottes. Dieses gro\u00dfe Versprechen hat seinen Niederschlag gefunden in den Vereinbarungen \u00fcber die W\u00fcrde und die fundamentalen Rechte, die Menschen zuerkannt sind. Egal woher sie kommen, egal was sie glauben, egal welches Geschlecht oder welche Hautfarbe sie haben. Dass wir daf\u00fcr immer noch k\u00e4mpfen und gegen Verletzungen dieser Rechte protestieren m\u00fcssen, spricht eine klare Sprache \u00fcber die Defizite, mit denen wir unterwegs sind.<\/p>\n<p>Und darum heute, am Gedenktag des Foltertodes Jesu: Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott. Verabschiedet die selbstgebastelten Phantasien vom Menschen, der alles, aber auch alles im Griff haben muss. Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott, der einen guten, klaren Rahmen gesteckt hat f\u00fcr seine Sch\u00f6pfung, die er liebt, der gute, einfache Regeln f\u00fcr das Zusammenleben der Menschen aufgestellt hat, der Hoffnung in unsere Herzen gelegt hat. Lasst euch herausrei\u00dfen aus dieser giftige Mischung von Angst, Hass, Sensationslust und Gleichg\u00fcltigkeit. Gott will die Angst nicht. Gott muss nicht vers\u00f6hnt werden. Davon singt der Schluss unseres Liedes.<\/p>\n<p>Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu.<\/p>\n<p>Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du?<\/p>\n<p>Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn.<\/p>\n<p>Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.<\/p>\n<p>Hart auf deiner Schulter, lag das Kreuz, o Herr,<\/p>\n<p>ward zum Baum des Lebens, ist von Fr\u00fcchten schwer.<\/p>\n<p>Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn.<\/p>\n<p>Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.<\/p>\n<p>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott, der dem Tod den vorletzten Platz zuweist und uns den Sieg des Lebens verspricht &#8211; ein Dasein, das unsere Grenzen sprengt, ein Dasein, das keine Zeit mehr kennt. Ewiges Leben. Gutes Leben.<\/p>\n<p>Leben, das in unsere Zeit hineinscheint. Gerade auch in diese kraftzehrenden Tage. Bleiben Sie klug und besonnen; bewahren Sie Ihren Mut. Amen.<\/p>\n<p>Dekan Uland Spahlinger, Dinkelsb\u00fchl &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; uland.spahlinger@elkb.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott \u2013 und untereinander\u2026 | Predigt zu 2. Korinther 5 | verfasst von Dekan Uland Spahlinger | Predigttext: 2. Korinther 5 19 Denn Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre S\u00fcnden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Vers\u00f6hnung. 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