{"id":24549,"date":"2025-05-20T13:41:35","date_gmt":"2025-05-20T11:41:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=24549"},"modified":"2025-05-20T13:41:35","modified_gmt":"2025-05-20T11:41:35","slug":"johannes-1523b-28-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1523b-28-2\/","title":{"rendered":"Johannes 15,23b-28"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Mit noch geschlossenen Augen&#8220; | Rogate | 25. Mai 2025 | Joh 15,23b-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Jan Sievert Asmussen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Sonntag zwei Wochen vor Pfingsten tr\u00e4gt seit Alters her den Namen &#8222;Rogate&#8220;, will heissen: &#8222;Ihr sollt beten&#8220;. Der Name stammt aus dem Evangelium des Johannes. Wir haben es soeben geh\u00f6rt: &#8222;Ihr sollt in meinem Namen beten&#8220;. Im Mittelalter w\u00fcrde dieser Gottesdienst in eine Prozession m\u00fcnden, einen Gang um das Dorf herum, in den Fluren mit gr\u00fcnem oder welkendem Korn, zu den d\u00fcrstenden oder \u00fcberfluteten Feldern: Betet im Namen Jesu f\u00fcr die kommende Ernte! Betet aus der Unsicherheit und Abh\u00e4ngigkeit von Faktoren, die nicht in unserer Gewalt liegen. Deshalb dreht sich dieser Sonntag Rogate um die grundlegende Frage: Was ist ein Gebet?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Psychologen behaupten, alle Kinder entwickeln im Alter von f\u00fcnf bis sechs Jahren ein Gottesverh\u00e4ltnis. Zu dem Zeitpunkt haben sie n\u00e4mlich entdeckt, dass die Freuden des Lebens nicht nur durch die Eltern kommen, sondern aus einer viel tieferen und gr\u00f6\u00dferen Quelle. Und entsprechend: Das schreckliche und be\u00e4ngstigende im Leben ist so gewaltig, dass die Arme der Eltern zu schwach sind, um es sicher auf Abstand zu halten. Nicht nur ich habe das Leben. Das Leben hat mich \u2013 auf Gedeih und Verderb. Und gerade dort beginnt das Gebet, welches die Kinder ganz leicht formulieren k\u00f6nnen. Viele Eltern \u00fcberh\u00f6ren es und erkennen kaum, wie gut Kleinkinder beten k\u00f6nnen. Eine Amsel ist gegen das Fenster geflogen und wird in einem Milchkarton im Garten begraben \u2013 mit einem Gebet. Das Kind baut seinen eigenen Privatraum am Bettrand, wo Stofftiere wie Schutzengel das Kind gegen die n\u00e4chtliche Dunkelheit sch\u00fctzen \u2013 wie ein Gebet. Die spontan zug\u00e4ngliche Sprache des Gebets wird jedoch meistens vom Kind vergessen und schwindet wie Muskel, die nicht gebraucht werden. Das Gebet wird zur intimen Privatsache. So diskret sind die Erwachsenen um das Kind, dass es denken muss, es sei das einzig religi\u00f6se Wesen der Familie. Die Sprache stirbt ab, wenn sie nicht gebraucht wird \u2013 und die meisten von uns m\u00fcssen uns mit traditionellen, vorgegebenen Gebetsformeln begn\u00fcgen: &#8222;Vater Unser im Himmel, geheiligt werde dein Name&#8220;. Das eigentliche <em>Gebet<\/em> im Vaterunser ist jedoch nicht die magische vorgegebene Formel, nicht die Wortfolge an sich. &#8222;Lasst uns alle beten&#8220;, hei\u00dft es mehrmals im diesen Gottesdienst \u2013 es ist ein Appell an das urspr\u00fcngliche und direkte Gebet. Lasst uns nicht blo\u00df rezitieren, sondern wirklich beten. Lasst uns durch die altmodische, knarrende Sprache von Veit-Dietrich aus dem 16. Jahrhunderts erahnen, was Gebet <em>wirklich<\/em> ist. Darum beten wir an diesem Sonntag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Maler Paul Klee zeichnete in 1919 ein Gesicht mit fest verschlossenen Augen, die gleichsam nach innen schauen. Was er macht, ist ganz anders als unser allt\u00e4gliches Streben. Wir suchen Einsicht und schauen nach vorne, halten die Augen offen und blicken ins Weite, damit wir Erfolg haben. Aber dieser Mensch hat geschlossene Augen. Der Maler Paul Klee gab seiner Zeichnung den Titel &#8222;Versunkenheit&#8220;. Wir m\u00f6chten st\u00e4ndig etwas sagen, uns beteiligen und am Ball bleiben, Worte formulieren und alles zwischen Himmel und Erde genau benennen. Doch der Mund dieses Menschen ist auch geschlossen. Paul Klee hat ihm keine Ohren gegeben, denn f\u00fcr solche hat er keinen Bedarf \u2013 nicht in diesem Augenblick. Ein internationaler Forschungsbericht besagt, dass ein Lehrer selber 80% der Fragen beantwortet, die er oder sie in den Klassenraum wirft. F\u00fcr Stille ist keine Zeit. Wir streben danach, anderen Leuten klarzumachen, <em>was<\/em> sie denken sollen \u2013 am liebsten das gleiche wie wir selber. Die Zeichnung Paul Klees sagt uns stattdessen, <em>dass<\/em>wir denken sollen. Und diese Denkform, die nicht nach au\u00dfen gerichtet ist, sondern nach innen in die Versunkenheit \u2013 sie ist, was unter Gebet zu verstehen ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dabei melden sich gleich Fragen. Wie soll es gehen? Wie mache ich weiter? Wo soll ich hin? Was soll ich tun? Fragen, die scheinbar ins Leere gehen. Wir sind wie junge V\u00f6gel, die am Nest-Rand hocken, unter ihnen der Abgrund. Sie schauen misstrauisch auf ihre Fl\u00fcgel: K\u00f6nnen sie zu etwas n\u00fctzlich sein? Ein ber\u00fchmter alter Schauspieler (Fritz Kortner) erz\u00e4hlt in seiner Autobiographie, dass er jeden Morgen mit diesem Gef\u00fchl aufwacht. Er liegt mit geschlossenen Augen, noch in jener Todesn\u00e4he, welche der Schlaf ist. Eine unklare Angst, ein ungewisses Gef\u00fchl, von unbekannten Drohungen umstellt zu sein. Im R\u00fcckblick kann er rekonstruieren, worin diese Drohungen bestehen: Die Angst vor dem strengen Lehrer, die Angst vor der B\u00fchne, die Angst davor, den Text zu vergessen, die Angst vor dem anschwellenden Nazismus (er war Jude), die Angst vor dem Leben im Exil, die Angst davor, nie wieder nach Europa und nie wieder zur Muttersprache zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Die Angst vor einen ungesunden K\u00f6rper, vor dem Alter, vor dem Geh\u00f6rverlust und den herausfallenden Z\u00e4hnen. Die Angst vor ein Leben als Witwer \u2013 und am Ende die Angst vor dem Tod. All dies meldet sich, schreibt er, jeden Morgen im Grenzland zwischen Schlaf und Wachsein. Ein Zustand mit zwei Seiten: Zum einen dem Fluchtimpuls, zum anderen das Gebet. Was kommt noch? Dieser Tagesanfang \u2013 so sieht Versunkenheit aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es macht nur Sinn, so zu liegen, weil jemand dieses Gebet erh\u00f6rt. Die V\u00f6gelchen am Nest-Rand beten zur Kraft ihrer Fl\u00fcgel \u2013 und sie werden fliegen. Jesus sagt den J\u00fcngern in seiner Abschiedsrede: &#8222;Betet, und Ihr werdet empfangen, und eure Freude wird vollkommen werden&#8220;. In der Versunkenheit sind die geschlossenen Augen kein Versuch, die Verzweiflung zu vergessen. Im Gegenteil: Irgendwann, in einen Moment wird er die Augen \u00f6ffnen. &#8222;Wenn Ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er&#8217;s Euch geben&#8220;, sagt Jesus. Wozu hat der Versunkene seine Augen, wenn nicht um zu sehen? Wozu haben die V\u00f6gel ihre Fl\u00fcgel, wenn nicht zum Fliegen? Es ist uns versprochen, dass keines unserer Gebete ungeh\u00f6rt ist bei Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dort liegt er im Bett, der alte Schauspieler, bereit, die Augen zu \u00f6ffnen und die Welt zu sehen, wie sie ist. Fritz Kortner schreibt: In ein Moment meines Erwachens erkenne ich die Gegenwart meiner Frau, erinnere ich mich an die gelungenen gestrigen Minuten auf der B\u00fchne, h\u00f6re ich die Ger\u00e4usche im Haus um mich. Ich denke an meine wundervollen Kinder und mein Verbunden-sein mit meiner zappelnden, kriechenden, kreischenden und rasenden Enkelin, die mir so \u00e4hnlich ist. Die Freude, noch hier in der Welt zu sein \u2013 und genau in dem Moment \u2013 die Aussicht auf Fr\u00fchst\u00fcck. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Dem Prediger wird empfohlen, die Zeichnung Paul Klees &#8222;Versunkenheit&#8220; (1919) zu vervielf\u00e4ltigen und in der Gemeinde zu verteilen.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Jan Sievert Asmussen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-3520 Farum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: jsas(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mit noch geschlossenen Augen&#8220; | Rogate | 25. Mai 2025 | Joh 15,23b-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Jan Sievert Asmussen | Dieser Sonntag zwei Wochen vor Pfingsten tr\u00e4gt seit Alters her den Namen &#8222;Rogate&#8220;, will heissen: &#8222;Ihr sollt beten&#8220;. Der Name stammt aus dem Evangelium des Johannes. Wir haben es soeben geh\u00f6rt: &#8222;Ihr sollt in meinem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":24551,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,727,185,157,853,114,1458,347,349,3,109,361],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-24549","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-archiv","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-jan-sievert-asmussen","category-kapitel-15-chapter-15-johannes","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-rogate"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24549","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24549"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24549\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24552,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24549\/revisions\/24552"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24551"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24549"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24549"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24549"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=24549"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=24549"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=24549"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=24549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}