{"id":2459,"date":"2020-04-06T13:30:44","date_gmt":"2020-04-06T11:30:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2459"},"modified":"2020-04-09T11:02:18","modified_gmt":"2020-04-09T09:02:18","slug":"lege-deine-gewichte-in-die-waagschale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lege-deine-gewichte-in-die-waagschale\/","title":{"rendered":"Lege deine Gewichte in die Waagschale&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lege deine Gewichte in die Waagschale. Herunterdr\u00fccken wird sie ein anderer. | <\/strong><strong>Predigt zu 2. Timotheus&nbsp; 2, 1\u00ad3 + 8-13,| verfasst von Ulrich Kappes<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1 So sei nun stark, mein Sohn, durch die Gnade in Christus Jesus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>2 Und was du von mir geh\u00f6rt hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die t\u00fcchtig sind, auch andere zu lehren.<\/strong><\/p>\n<p><strong>8 Halt im Ged\u00e4chtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium,<\/strong><\/p>\n<p><strong>9 f\u00fcr welches ich auch leide bis dahin, dass ich gebunden bin wie ein \u00dcbelt\u00e4ter; aber Gottes Wort ist nicht gebunden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>10 Darum dulde ich um der Auserw\u00e4hlten willen, damit auch sie die Seligkeit erlangen in Christus Jesus mit ewiger Herrlichkeit.<\/strong><\/p>\n<p><strong>11 Das ist gewisslich war:<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>Der eben verlesene Text beginnt mit den Worten \u201eSo sei nun stark, mein Sohn, durch die Gnade in Christus Jesus.\u201c Das ist die Schlussfolgerung aus der Auferstehung, die ein Apostel aus der Zeit der ersten Christen f\u00fcr alle zieht: \u201eSo \u2026 [oder darum] &nbsp;sei nun stark [\u2026] Erinnere dich an Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSo sei nun stark!\u201c Es gibt unter uns eine sehr unterschiedliche St\u00e4rke gegen\u00fcber der Pandemie \u201eCorona\u201c, eine ziemliche Spannbreite aus realer Furcht bis hin zu einer nur unterschwelligen Sorge. Den Zuspruch, stark zu sein, denke ich, brauchen wir wohl alle.<\/p>\n<p>Wer war Timotheus? Im Telegrammstil will ich antworten.<\/p>\n<p>Timotheus reiste durch die urchristlichen Gemeinden in Kleinasien, unterwies und lehrte, wie das Evangelium von Jesus Christus weiter zu geben ist. Wir k\u00f6nnen ihn uns als Dozenten f\u00fcr Erwachsenenbildung in den damaligen Gemeinden vorstellen.<\/p>\n<p>Ein Apostel, der sich nach dem gro\u00dfen V\u00f6lkerapostel auch \u201ePaulus\u201c nannte, wurde sein geistlicher Vater. An vielen Stellen der Briefe an Timotheus klingt die gro\u00dfe Zuneigung des Lehrers gegen\u00fcber seinem Sch\u00fcler an. W\u00e4hrend der Abfassung der Briefe sitzt Paulus gebunden im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer!<\/p>\n<p>Eine zentrale Aussage der beiden Briefe an Timotheus m\u00f6chte ich hervorheben. Der Apostel, der die Briefe schrieb, war fest davon \u00fcberzeugt, dass Menschen, die Christus \u201eim Geist\u201c nahe sind, daraus \u201eKraft\u201c empfangen. Vielen von uns sind wohl die Worte bekannt, die gleich am Anfang des 2. Briefes an Timotheus stehen: \u201eGott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.\u201c (2. Tim. 1,7)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer Geist der Kraft\u201c\u2026 Auf dieser Linie sind nun auch die Worte zu sehen, die wir h\u00f6rten: \u201eSo sei nun stark, mein Sohn\u201c \u2026 oder \u201eBehalte alle Kraft, dich zu behaupten.\u201c<\/p>\n<p>Was ist mit \u201eSt\u00e4rke\u201c und \u201eKraft\u201c gemeint, die aus der N\u00e4he zu Christus kommt? Wie entsteht sie in uns? Wie kann eine oder einer, die oder der schwach, verletzt und \u00e4ngstlich ist, \u201estark\u201c sein? Christinnen und Christen geben je nach ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu ihrer Kirche oder Freikirche eine jeweils andere Antwort. Sie h\u00f6ren nun die meine.<\/p>\n<p>Bl\u00e4ttere ich ein Kapitel weiter, das unserem Predigttext nachfolgt, lese ich, wie Paulus seinem Timotheus einen gemeinsamen Lebensabschnitt ins Ged\u00e4chtnis ruft: \u201eDu aber bist mir gefolgt [\u2026] in den Verfolgungen, in den Leiden, die mir widerfahren sind in Antiochia, in Ikonion, in Lystra. Welche Verfolgungen ertrug ich da! Und aus allem hat mich der Herr erl\u00f6st.\u201c (2. Tim. 3, 10-13)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wiederhole noch einmal und spitze zu. Paulus erinnert sich, wie er Strapazen an verschiedenen Orten ertragen und \u00fcberstanden hat. Vor seinen inneren Augen sieht er, wie er sich behaupten konnte. Er rekapituliert, wie er sich nicht einsch\u00fcchtern und unterkriegen lie\u00df. Er fand Verhaltensmuster, die ihm das \u00dcberleben erm\u00f6glichten. Die Torturen waren da, er aber stand dar\u00fcber. Das galt es festzuhalten: Ich, Paulus, bin durchgekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine kurze Abschweifung!<\/p>\n<p>Der israelisch-amerikanische Psychologe Aaron Antonofsky stie\u00df bei einer breit angelegten Untersuchung an Frauen auf Holocaust\u2013\u00dcberlebende. Er fand solche und solche. Eine Gruppe der Holocaust-\u00dcberlebenden, insgesamt 29% der Untersuchten, konnte eine hohe psychische Gesundheit attestiert werden. Das Bewusstsein, das Konzentrationslager \u00fcberstanden zu haben, hatte eine starke Auswirkung auf ihren Umgang mit Konflikten und Krisen. Ertragenes Leid machte sie f\u00fcr den nachfolgenden Teil ihres Lebens stark. [1]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meint Paulus dasselbe, wenn er Timotheus an die ertragenen Leiden erinnert? \u201aDas alles habe ich erlitten und \u00fcberstanden. Mag kommen, was will, ich werde nicht untergehen.\u2018<\/p>\n<p>Sicher hat Paulus sich selbst im Blick, aber, sagen wir, nur zur H\u00e4lfte. Weil sein gro\u00dfer Lehrer, der V\u00f6lkerapostel, sich nie ohne Christus sah, soll es dabei bleiben. Die Erinnerung an sich selbst, ist das eine. Das Andere, das Entscheidende, das den Umschlag brachte in allen Strapazen, war, so bekennt er, die Christusn\u00e4he. &nbsp;\u201eUnd aus allem hat mich der Herr erl\u00f6st.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das mag irrational und unvern\u00fcnftig klingen. Es steht der Vorwurf im Raum, dass der Apostel irgendwie Christus in seiner R\u00fcckschau unterbringen wollte und nun so schreiben konnte. Brauchen wir wirklich Christus oder schaffen wir es auch allein und nur auf uns gestellt?<\/p>\n<p>Letzteres ist die Anschauung der \u00fcberwiegenden Zahl der Menschen in unserem Land. Es ist ihr Recht, so zu denken.<\/p>\n<p>Lassen wir uns aber auf das \u201eWort der Schrift \u201c ein, wie es uns beispielsweise heute gegeben ist, so wird uns anheim gegeben, hinter dem, was wir leisten an die verborgene Teilnahme des Herrn zu glauben, ja diese als das Gr\u00f6\u00dfere zu sehen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft:<\/p>\n<p>\u201eSo sei nun stark, mein Sohn!\u201c Sei stark und empfange Kraft aus deinem Selbstvertrauen. Denke aber gleichzeitig dieses Eine mit, dass der Herr es ist, der das Entscheidende beitr\u00e4gt, die Krise zu \u00fcberstehen. Wie das geschieht, ist verborgen.<\/p>\n<p>Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ein Mensch, der mit&nbsp; zwei Wirklichkeiten lebt, den \u201eWeg der Wahrheit\u201c nach der Schrift geht und von Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und Hochmut bewahrt bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will das eben Gesagte zusammenfassen. Es ist, als w\u00fcrde der Apostel zu uns sagen: \u201eLege alle deine Gewichte in die Waagschale, alles, was du hast, das setze ein, um die Krise zu \u00fcberstehen. Wisse und glaube aber gleichzeitig, dass Christus, ohne dass du wei\u00dft, wie das geschieht, sein Gewicht in die Waagschale legen wird. Dieser Glaube an Christus sei deine zweite, aber die entscheidende Quelle von Kraft und St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe mit Worten aus einem Interview, das der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond dem Tagesspiegel gab. [2] Diamond verf\u00fcgt neben seinem umf\u00e4nglichen Wissen \u00fcber die Mechanismen der Evolution auch \u00fcber weitreichende Sprachkenntnisse. &nbsp;Der Inhaber des renommierten Pulitzerpreises sagte:<\/p>\n<p>\u201eDas chinesische Schriftzeichen f\u00fcr das Wort Krise besteht aus zwei Elementen, dem Zeichen f\u00fcr Gefahr und dem Zeichen f\u00fcr Chance.\u201c Und er f\u00fcgte erl\u00e4uternd hinzu: \u201eDas Ende meiner ersten Ehe war f\u00fcrchterlich schmerzhaft, allerdings habe ich auch daran gelernt, was ich falsch gemachte habe. Das gleiche gilt f\u00fcr meine heutige Frau Marie, auch sie hatte schon eine Ehe hinter sich, als wir [\u2026] heirateten. Das Ergebnis ist, dass wir nun [\u2026] sehr gl\u00fccklich miteinander verheiratet sind.\u201c Soweit Jared Diamond.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Krise setzt sich, wir h\u00f6rten es, nach chinesischer Weisheit aus Gefahr und Chance zusammen. Vielleicht wissen wir als einzelne und als Gemeinschaft \u201edanach\u201c, wenn die gro\u00dfe Plage \u00fcberwunden ist, was wir vorher falsch gemacht haben. Es k\u00f6nnte ja sein, dass die Krise schon jetzt ertr\u00e4glicher ist, wenn wir in ihr auch eine Chance sehen. Was ist wirklich wertvoll in unserem Leben? Wer f\u00fcr sich jetzt nach einer Antwort sucht und sich auf den Weg macht, eine zu finden, beginnt, mit anderen Augen auf die bedr\u00fcckende Gegenwart zu sehen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ANMERKUNGEN<\/p>\n<p>[1]Nach Julia Kirmeir: Salutogenese &amp; Euthymes Erleben, in: Gemeindenahe Psychiatrie, Weimar 2008, (21-27), S. 21.<\/p>\n<p>[2] Jared Diamond: \u201eZum ersten Mal gibt es die M\u00f6glichkeit eines-weltweiten Kollapses\u201c, in: Tagesspiegel vom 30.05.2019, digital: <a href=\"https:\/\/www.tagesspeigel.de\/gesellschaft\/evolutionsbiologe-jared-diamond-zum-ersten%20mal-gibt-es-die%20moeglichkeit-eines-weltweiten-kollapses\/24352438.html\">https:\/\/www.tagesspeigel.de\/gesellschaft\/evolutionsbiologe-jared-diamond-zum-ersten mal-gibt-es-die moeglichkeit-eines-weltweiten-kollapses\/24352438.html<\/a>. Abgerufen im Juni 2019.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfr. em. Dr. Ulrich Kappes<\/p>\n<p>14943 Luckenwalde<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:ulrich.kappes@gmx.de\">ulrich.kappes@gmx.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lege deine Gewichte in die Waagschale. Herunterdr\u00fccken wird sie ein anderer. | Predigt zu 2. Timotheus&nbsp; 2, 1\u00ad3 + 8-13,| verfasst von Ulrich Kappes &nbsp; 1 So sei nun stark, mein Sohn, durch die Gnade in Christus Jesus. 2 Und was du von mir geh\u00f6rt hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2461,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[51,1,114,312,3,109,311],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-2459","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-timotheus","category-aktuelle","category-deut","category-kapitel-2-chapter-2-2-timotheus","category-nt","category-predigten","category-ulrich-kappes"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2459"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2459\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2479,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2459\/revisions\/2479"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2461"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2459"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=2459"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=2459"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=2459"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=2459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}