{"id":2463,"date":"2020-04-06T13:35:44","date_gmt":"2020-04-06T11:35:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2463"},"modified":"2020-04-14T14:47:02","modified_gmt":"2020-04-14T12:47:02","slug":"auferstanden-aus-den-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/auferstanden-aus-den-toten\/","title":{"rendered":"Auferstanden aus den Toten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu 2. Timotheus 2,8-13,| <\/strong><strong>verfasst von Dr. Rainer Stahl<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus,<\/p>\n<p>die Liebe Gottes<\/p>\n<p>und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes<\/p>\n<p>sei mit Euch allen!\u201c<\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p>In diesem Jahr die Osterbotschaft zu verk\u00fcndigen, wird mir ganz schwer, der ich zusammen mit uns allen Ausgangsbeschr\u00e4nkungen beachten und durchstehen muss. Wie soll ich diese, alle Einschr\u00e4nkungen und Begrenzungen \u00fcberwindende gute Nachricht, in Griechisch: dieses Evangelium, zur Sprache bringen? Wie kann ich die Osterfreude ansteckend weitergeben \u2013 und das angesichts der t\u00e4glich neuen Zahlen von Corona-Infizierten, ja: angesichts der neuen Zahlen der mit einer Corona-Infektion Verstorbenen?<\/p>\n<p>Egal, ob der 2. Brief an Timotheus von Paulus ist, wie der Brieftext sagt, oder von einem sp\u00e4teren Theologen unter seinem Namen verfasst wurde, die ersten S\u00e4tze unseres biblischen Textes geben einen Rahmen, den ich als Aussage \u00fcber mich selbst verstehen kann. Diese Aussage benennt meine eigenen Unsicherheiten und \u00c4ngste, aber auch meinen Auftrag:<\/p>\n<p>\u201eErinnere Jesus Christus, der aus den Toten auferstanden ist [\u2026]<\/p>\n<p>entsprechend meiner guten Nachricht,<\/p>\n<p>um derentwillen ich bis dahin mitleide, dass ich gefesselt bin wie ein Verbrecher \u2013<\/p>\n<p>aber das Wort Gottes ist nicht gefesselt\u201c (Verse 8-9).<\/p>\n<p>Die Erkenntnis vieler Neutestamentlerinnen und Neutestamentler, dass diese Aussagen gar nicht klar mit dem Martyrium des Paulus in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnen, hilft mir richtig: Denn daraus erkenne ich, dass diese Sprachbilder auch genutzt werden k\u00f6nnen, andere und eigene Herausforderungen und Unsicherheiten neu zu verstehen.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber ich gestolpert bin: \u201e<u>Mein<\/u> Evangelium \/ <u>meine<\/u> gute Nachricht, um dessentwillen \/ um derentwillen ich mitleide [\u2026]\u201c. Ich frage mich: Ist das nicht ein Leiden angesichts der Widerspr\u00fcche anderer? Also z.B.: Du, mit Deinem Christus? Was bewirkt Deine Osterbotschaft angesichts der heutigen Sorgen und N\u00f6te? Wie verhilft sie dazu, das eigene Gesch\u00e4ft oder die Firma durch die Krise hindurchzubringen? Wer beh\u00e4lt wegen dieser Botschaft seinen Arbeitsplatz? Wie kann mit dieser Botschaft eigene Einsamkeit gemildert werden? Wie hilft sie denen, die unter der bedr\u00e4ngenden Enge mit den Familienmitgliedern in der eigenen Wohnung Konflikte durchstehen m\u00fcssen? Wem wird durch sie in schwerem Krankheitsverlauf geholfen? Wer wird mit ihr vor dem Tod errettet?<\/p>\n<p>Da erh\u00e4lt diese uralte Osterbotschaft eine ganz erschreckende Aktualit\u00e4t und Bedeutung! Denn wir sollen doch denjenigen in Erinnerung behalten, der <u>aus den Toten<\/u> auferstanden ist! Hier wird keiner verk\u00fcndigt, der davongekommen war, sondern einer, der sich selbst allen Todeswegen ausgesetzt hatte und danach aus diesem Tod herausgerufen worden, aus diesem Tod auferstanden war! Es gibt einen wunderbaren Begriff in unserer fr\u00fchchristlichen Sprache, der dieses Wunder gro\u00dfartig benennt: Christus ist \u201eder Erstgeborene aus den Toten\u201c (Kolosser 1,18). Das ist f\u00fcr mich der wichtigste \u201eLackmustest\u201c daf\u00fcr, der Pr\u00fcftest daf\u00fcr, ob meine Osterbotschaft die richtige Grundlage hat: Diese Osterbotschaft, diese gute Nachricht kommt von allem Leiden her, kommt von jedem Tod her und sagt doch Leben aus!<\/p>\n<p>Deshalb setzt der Briefschreiber diese Botschaft des Lebens den Untiefen unseres Lebens aus und kleidet sie in unvergleichliche Gegens\u00e4tze und Entsprechungen:<\/p>\n<p>(1)\u00a0\u00a0 \u201eWenn wir mit [Christus] sterben,<\/p>\n<p>werden wir auch mitleben.<\/p>\n<p>(2)\u00a0\u00a0\u00a0 Wenn wir dulden,<\/p>\n<p>werden wir auch mitherrschen.<\/p>\n<p>(3)\u00a0\u00a0\u00a0 Wenn wir verleugnen,<\/p>\n<p>wird uns jener auch verleugnen.<\/p>\n<p>(4)\u00a0\u00a0\u00a0 Wenn wir untreu werden,<\/p>\n<p>so bleibt jener treu,<\/p>\n<p>denn er kann sich selbst nicht verleugnen\u201c<\/p>\n<p>(VV. 11-13).<\/p>\n<p>Das \u00fcberraschende Verh\u00e4ltnis der beiden letzten Aussagen zueinander \u2013 von (3) zu (4) \u2013 kann ich nur folgenderma\u00dfen verstehen: \u201eVerleugnen\u201c, sich verweigern, einfach \u201eNein\u201c zu Christus zu sagen \u2013 das ist als ganz umfassende Verweigerung verstanden. Da sagen welche zum Auferstandenen grunds\u00e4tzlich \u201eNein!\u201c: Den gab es doch nicht. Der ist nicht auferstanden. Und wenn doch, dann hat das keinerlei Bedeutung f\u00fcr mein Leben.<\/p>\n<p>\u201eSich selbst nicht verleugnen zu k\u00f6nnen\u201c, sich selbst nicht verweigern zu k\u00f6nnen, nicht \u201eNein\u201c zu sich sagen zu k\u00f6nnen \u2013 das hei\u00dft doch f\u00fcr Christus, dass er seinem Einsatz der Liebe f\u00fcr andere treu bleiben wird. Deshalb auch h\u00e4lt er zu uns selbst in Phasen der Untreue, des Zweifels, des Misstrauens, des Nicht-Glaubens. Auf all das antwortet der Auferstandene mit seiner Treue zu uns!<\/p>\n<p>Ob aber wirklich das letzte Wort \u00fcber diejenigen gesagt ist, die Christus wirklich verleugnet haben, zu ihm wirklich \u201eNein\u201c gesagt haben, m\u00f6chte ich offen lassen. Kann f\u00fcr sie nie Ostern werden?<\/p>\n<p>In diesem Moment f\u00e4llt mir wieder ein Erlebnis ein, das ich schon oft berichtet habe. Auch jetzt muss ich es wieder erz\u00e4hlen: Am Abend des 1. Mai 1973 machten wir einen Spaziergang auf dem \u201eRoten Platz\u201c in Moskau. Unsere Gruppe von etwa sechs Jugendlichen aus der DDR kam mit zwei Altersgenossen ins Gespr\u00e4ch. Nach einigen Minuten sagte einer der beiden ohne jeden Zusammenhang zu unserem Gespr\u00e4ch: \u00ab\u0425\u0440\u0438\u0441\u0442\u043e\u0441 \u0432\u043e\u0441\u043a\u0440\u0435\u0441\u0435!\u00bb \u2013 \u201eChristos woskrese!\u201c \u2013 \u201eChristus ist auferstanden!\u201c Keiner von uns hatte sich darauf vorbereitet, dass in jenem Jahr ja am 29. April das Osterfest nach dem Julianischen Kalender gewesen war. Die anderen in meiner Gruppe schienen gar nichts verstanden zu haben. Ich verstand, was der sowjetische Jugendliche gesagt hatte, wusste aber nicht, was ich in Russisch h\u00e4tte antworten m\u00fcssen und sagte deshalb nur: \u00ab\u0414\u0430! \u0414\u0430!\u00bb \u2013 \u201eDa! Da!\u201c \u2013 \u201eJa! Ja!\u201c Aber, das war nicht genug, und die beiden gingen schnell weg.<\/p>\n<p>Haben aber in dieser Situation die anderen meiner Gruppe den Auferstandenen verleugnet? Zu einem hatte ich noch lange Zeit ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis und ihn und seine Familie im Mai 1990 in Quedlinburg einmal besucht. Er hat nicht verleugnet. Er hat \u2013 wie wir alle \u2013 mit dem Glauben gerungen. Da wird mir der Fehler dieser Briefpassage bewusst:\u00a0 Wir wissen gar nicht, wenn oder wann jemand wirklich verleugnet. Auch der fr\u00fchchristliche Briefschreiber wusste das nicht. Selbst, wenn Paulus dieser Briefschreiber gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte er das \u00fcber andere nicht eindeutig sagen k\u00f6nnen. Wir sollten unsere Mitmenschen immer als solche sehen, die unter Unsicherheiten Treue einmal nicht durchhalten k\u00f6nnen, die zweifeln, die misstrauisch werden, die ihren Unglauben sp\u00fcren. Und dann gilt \u2013 das ist die Osterbotschaft des diesj\u00e4hrigen Osterfestes \u2013: Der Auferstandene bleibt sich treu. Er tr\u00e4gt uns gerade in solchen Phasen der Unsicherheit und der Zweifel.<\/p>\n<p>Damit tritt wieder das Bibelwort dieses Jahres 2020 in unseren Blick \u2013 das Wort des hilfsbed\u00fcrftigen Vaters: \u201eIch glaube, hilf meinem Unglauben\u201c (Markus 9,24). Also auch wir, die wir uns als Glaubende bezeichnen w\u00fcrden, die wir bei einer Volksbefragung Fragen nach Gott und Kirche positiv ankreuzen w\u00fcrden, wissen nicht, ob wir diesen grunds\u00e4tzlich schon vorhandenen Glauben durchhalten w\u00fcrden. Und uns sagt das Osterfest des Jahres 2020 \u2013 f\u00fcr mich 47 Jahre nach jenem 1. Mai in Moskau \u2013, dass der Auferstandene zu uns h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Auch in diesen Wochen der Unsicherheit und Angst, die vielleicht manche richtig wie ein \u201eMitsterben\u201c \u2013 so (1) \u2013, wie ein \u201eDulden\u201c \u2013 so (2) \u2013 empfinden, gilt f\u00fcr uns das Wort, das Jesus in jenem Heilungsgeschehen dem Vater gesagt hatte, woraufhin dieser seinen Schrei \u00fcber seinen gleichzeitigen Glauben und Unglauben ausgesto\u00dfen hatte: Wenn wir wie jener Vater bekennen: \u201eIch glaube, hilf meinem Unglauben\u201c, dann gilt auch f\u00fcr uns das Wort Jesu:<\/p>\n<p>\u201eAlles ist m\u00f6glich den Glaubenden\u201c (Markus 9,23b).<\/p>\n<p>Daran d\u00fcrfen wir uns klammern \u2013 an die Aspekte des Glaubens in unserer Seele. Und Christus, der Auferstandene wird genau diese Aspekte des Glaubens in uns wahrnehmen \u2013 ganz auf diese schauen!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eAlles ist m\u00f6glich den Glaubenden.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>\u201eUnd der Friede Gottes,<\/p>\n<p>der h\u00f6her ist als unsere Vernunft,<\/p>\n<p>bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn!\u201c<\/p>\n<p>Dr. Rainer Stahl<\/p>\n<p>Erlangen<\/p>\n<p><a href=\"mailto:rainer.stahl.1@gmx.de\">rainer.stahl.1@gmx.de<\/a><\/p>\n<p>[1951 geboren, Studium der Theologie in Jena, Assistent im Alten Testament, 1981 ordiniert, Pfarrer der Ev.-Luth. Kirche in Th\u00fcringen, zwei Jahre lang Einsatz beim Lutherischen Weltbund in Genf, dann Pfarrer in Altenburg, Alttestamentler an der Kirchlichen Hochschule in Leipzig, Referent des Th\u00fcringer Landesbischofs in Eisenach, seit 1998 Dienst f\u00fcr den Martin-Luther-Bund (das lutherische Diasporawerk) in Erlangen, seit 2016 im Ruhestand.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 2. Timotheus 2,8-13,| verfasst von Dr. Rainer Stahl \u201eDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!\u201c Liebe Leserin, lieber Leser! Liebe Schwestern und Br\u00fcder! 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