{"id":24655,"date":"2025-06-17T17:27:30","date_gmt":"2025-06-17T15:27:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=24655"},"modified":"2025-06-17T17:27:30","modified_gmt":"2025-06-17T15:27:30","slug":"lukas-1619-31-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1619-31-6\/","title":{"rendered":"Lukas 16,19-31"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">\u201dDas ist ungerecht\u201d | 1. Sonntag nach Trinitatis | Lk 16,19-31 (d\u00e4nische Perikopemordnung) | Lasse R\u00f8dsgaard Lauesen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kennt ihr das Gef\u00fchl? Das Gef\u00fchl, dass man nicht das Leben f\u00fchren kann, das andere leben, nicht den Reichtum erlangen kann, den man in gewissen Vierteln bl\u00fchen sieht, dieses Leben. Die meisten St\u00e4dte haben Viertel, wo die Leute einfach nur das Leben zu genie\u00dfen scheinen, das genie\u00dfen, was die Essenz unseres Lebensstils ist: Gro\u00dfe Autos, klimatisierte Wohnungen, Mahlzeiten zubereitet in Designerg\u00e4rten von G\u00e4rtnern. Im \u00dcberfluss leben. Die G\u00fcter des Lebens genie\u00dfen, solange sie da sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr viele geht es gerade darum: Das Leben genie\u00dfen, solange man es hat. Viele meinen in der Tat, dass das heutige Gleichnis eben f\u00fcr die Reichen erz\u00e4hlt ist, dass sie ihre Gelder in der richtigen Weise gebrauchen, so dass sie allen zugutekommen und alle ihr Leben genie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das f\u00fchrt mich zu dem kleinen Wort <em>genie\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Wort, das wir st\u00e4ndig verwenden \u2013 es bedeutet urspr\u00fcnglich einen Vorteil oder Nutzen von etwas haben. Heute bedeutet es, sich \u00fcber etwas zu freuen, Zufriedenheit und Wohlbehagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Etwas genie\u00dfen ist nicht nur Verbrauch. Es bedeutet einzuhalten und der Freude Raum geben. Es verlangt Gegenwart. Es erfordert Zeit. Es erfordert vielleicht sogar Dankbarkeit. Man kann nicht etwas genie\u00dfen, was man f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nicht falsch, dass man etwas genie\u00dft. Im Gegenteil! Genie\u00dfen hei\u00dft Gottes Gaben empfangen. Das Leben schmecken und Danke sagen. Aber wenn wir vergessen, warum wir genie\u00dfen \u2013 wo wir es herhaben \u2013 dann wird der Genuss hohl. Dann werden wir wie der reiche Mann, der genoss, aber nicht Lazarus und dessen Leiden sah.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier entsteht das Gef\u00fchl, dass es ungerecht ist, dass jemand so viel genie\u00dfen kann und andere so wenig. Eben diesem Gef\u00fchl begegnen wir im heutigen Evangelium.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir h\u00f6ren von einem reichen Mann, gekleidet in Purpur und feinem Leinen in einem Leben im \u00dcberfluss. Und wir h\u00f6ren vom armen Lazarus, der vor seiner T\u00fcr lag, voller Wunden \u2013 und sicher auch den Blicken der Leute ausgesetzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer ist Lazarus? Er ist der, der nicht genie\u00dft. Der nicht dazugeh\u00f6rt. Der drau\u00dfen liegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und was tat der reiche Mann? Nichts.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht einmal ein altes Brot wurde ihm zugeworfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war, als w\u00e4re Lazarus unsichtbar.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann sterben beide. Und hier werden die Dinge v\u00f6llig auf den Kopf gestellt. Der Reiche endet in Qualen und Feuer, w\u00e4hren Lazarus in Abrahams Scho\u00df getragen wird \u2013 ein Bild f\u00fcr Geborgenheit und Trost.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war ungerecht vorher \u2013 und wird es nun wieder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der reiche Mann ruft: \u201eVater Abraham, sende Lazarus, damit er die Spitze ins Wasser tauche und k\u00fchle meine Zunge!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das erste Mal in dieser Geschichte, dass er \u00fcberhaupt Lazarus als Menschen anerkennt, nicht wahr? Pl\u00f6tzlich sieht er ihn deutlich, wenn es brennt \u2013 buchst\u00e4blich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und beachtet: Der reiche Mann hat keinen Namen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es k\u00f6nnte jeder sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lazarus dagegen hat einen Namen \u2013 der bedeutet: <em>Gott hilft.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht ist das gerade die Pointe: Der reiche Mann vertraute auf sich selbst, w\u00e4hrend Lazarus nur Gott hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was wollte Jesus eigentlich mit dieser Geschichte?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sowohl der reiche Mann als auch Lazarus d\u00fcrfen genie\u00dfen \u2013 aber in umgekehrter Reihenfolge. Das ist ein starker und ersch\u00fctternder Text. Nicht weil der reiche Mann etwas B\u00f6ses direkt gegen Lazarus tut. Er schl\u00e4gt ihn nicht. Er verh\u00f6hnt ihn nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er ignoriert ihn nur. Sieht ihn nicht, verschie\u00dft sein Herz und seine Augen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er genie\u00dft \u2013 aber er teilt nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Pointe ist nicht die, dass Reichtum s\u00fcndig ist oder dass man in einem Pappkasten wohnen muss, um in den Himmel zu kommen. Sondern dass Jesus uns herausfordert und sagt: Siehe die Leute um dir. Nicht nur die, die auf Instagram sind, sondern auch die, die nicht gesehen werden. Denn die Rollen k\u00f6nnten genauso gut umgekehrt verteilt sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eigentlich eine gute Regel: Hilf dem, mit dem du nicht tauschen willst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht sollen wir uns selbst fragen: Wer sitzt vor unserer T\u00fcr?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist das ein Obdachloser auf der Stra\u00dfe, ein Nachbar, der einsam ist? Oder ist es jemand, den wir nur ignorieren, weil es bequemer ist?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir sollen den Mut haben, dem Leiden in die Augen zu sehen \u2013 uns nicht abwenden, auch wenn es unseren Genuss st\u00f6rt. Vielleicht k\u00f6nnen wir damit beginnen, die Leute mehr zu sehen, wie Gott sie seiht \u2013 als jemand, der wertvoll ist, auch wenn sie unseren Komfort beeintr\u00e4chtigen und beschwerlich sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mitten in dem heutigen Evangelium sehen wir etwas Gr\u00f6\u00dferes: Christus selbst \u2013 der der wahre Lazarus wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er, der verlassen, verachtet und \u00fcbersehen wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er wurde gequ\u00e4lt, verurteilt und gekreuzigt ohne Mitleid.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber in dem Augenblick als er darnieder lagt, war es Gott, der dort lag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott, der nicht nur die Lazarusse der Welt sieht \u2013 sondern sich an ihre Stelle begibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er geht den Weg, den alle anderen nicht gehen wollen. Nicht nur um uns zu verstehen, sondern um unsere Schuld, unsre Blindheit, unsere verschlossenen Herzen auf sich zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus setzt sich selbst an die Stelle von Lazarus \u2013 um an unsere Stelle zu treten und uns Platz zu geben am Tisch Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das war auch ungerecht \u2013 aber er fand einen neuen Weg, auch weil der reiche Mann \u2013 dessen Namen niemand kennt, aber alle wissen, wer er ist \u2013 und f\u00fcr uns andere \u2013 wieder in den Himmel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ruft uns nicht dazu auf, die Freude und den Genuss zu meiden, sie sind Gottes Gaben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er ruft uns dazu auf, sie zu \u00f6ffnen. Unseren Genuss nutzbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Den Tisch zu teilen mit Lazarus \u2013 nicht nur an ihm vorbeizugehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die zu sehen, die vor unserer T\u00fcr liegen \u2013 ob sie nun arm sind an Geld, Gesundheit, Hoffnung oder Mut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer ist heute unser Lazarus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er liegt vielleicht nicht physisch vor unserer T\u00fcr \u2013 aber er lebt in unserer Welt, in unserem Land, in unserer Stadt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht denkst du schon an jemanden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einen, dem du heute die Hand reichen k\u00f6nntest. Ein Blick. Ein L\u00e4cheln. Ein Telefonanruf. Das sind kleine Schritte \u2013 aber die N\u00e4chstenliebe beginnt hier.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir leben in einer Periode des Kirchenjahres, wo die gro\u00dfen Festtage vorbei sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Weihnachten mit dem Kommen Gottes. Ostern mit dem Opfer Gottes. Das Feuer von Pfingsten mit der Gegenwart des Heiligen Geistes. Und nun \u2013 der Alltag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Zeit, wo wir als Gemeinde nicht nur von den Mysterien des Glaubens h\u00f6ren sollen, sondern sie im Alltag leben sollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es geht darum, die Zeit mit dem Heiligen Geist zu genie\u00dfen und den Alltag zu f\u00fcllen mit dem, was wichtig ist \u2013 was der reiche Mann zu sp\u00e4t lernte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es geht darum, das Leben zu genie\u00dfen als die Aufgebe, die uns gestellt ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir heute das Abendmahl feiern, kommen wir alle als Lazarus, der Gottes Hilfe braucht. Wir sollen nicht daran gemessen werden, wie gut wir es geschafft haben \u2013 sondern daran, wie sehr Gott uns liebt. Und das tut er. Ungerecht sehr. Diese Gnade d\u00fcrfen wir durchaus etwas genie\u00dfen \u2013 auch wenn das ungerecht ist. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lasst uns beten:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott, wir danken dir f\u00fcr deine Gaben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hilf uns, unsere Augen und Herzen zu \u00f6ffnen f\u00fcr die, die \u00fcbersehen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gib uns den Mut, das zu teilen, was wir haben, und unseren N\u00e4chsten zu lieben, wie du uns liebst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir bitten darum, dass wir als Menschen leben d\u00fcrfen, die das Leben mit Gnade genie\u00dfen \u2013 und das weitergeben, was wir empfangen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Lasse R\u00f8dsgaard Lauesen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paarup<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-5000 Odense<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: lrl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201dDas ist ungerecht\u201d | 1. 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