{"id":24663,"date":"2025-06-17T17:33:19","date_gmt":"2025-06-17T15:33:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=24663"},"modified":"2025-06-17T17:33:19","modified_gmt":"2025-06-17T15:33:19","slug":"johannes-539-47-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-539-47-5\/","title":{"rendered":"Johannes 5,39\u201347"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">\u201eSuchst du etwas bestimmtes?\u201c | 1. So. n. Trinitatis | 22.06.2025 | Joh 5,39\u201347 | Felix St\u00fctz |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Suchst du etwas bestimmtes, fragt mich der Ladenbesitzer hinter der Theke. Graue Haare, schmale Statur, kariertes Leinenhemd mit einer Weste dar\u00fcber. Die Augen richten sich auf mich. Er schaut \u00fcber die Brille, sein Blick ist klar. Ich glaube, er hat schon so einiges gesehen. Suchst du etwas bestimmtes, hallt es in mir nach. \u201eNein, nein, ich will nur mal schm\u00f6kern.\u201c Der Blick des \u00e4lteren Herrn ruht noch etwas auf mir; er blickt mich an, sieht durch mich durch, l\u00e4sst mich gew\u00e4hren in seinem Reich der B\u00fccher. Und ich lasse meine Hand \u00fcber die Buchr\u00fccken fahren, lese Titel der Neuver\u00f6ffentlichungen, bl\u00e4ttere hierein und darein, schaue ins Inhaltsverzeichnis und lese in die ersten Seiten. Es f\u00fchlt sich noch so neu und frisch an, wenn man ein Buch in der Hand h\u00e4lt, das noch komplett ungelesen ist. Manche Seiten haben noch eine leichte Verbindung. Man muss sie vorsichtig l\u00f6sen, wenn man umbl\u00e4ttert. Der Duft einer anderen Welt, einer neuen Perspektive dringt in die Nase. Am Ende finde ich etwas. Verlockender Titel, spannende Autorin. Der Mann nickt zustimmend, als ich an der Kasse zahle. Sein Murmeln klingt wie die Empfehlung, dass es sich um eine vielversprechende Lekt\u00fcre handelt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Suchst du etwas? Diese Frage l\u00f6st bei mir immer etwas aus. Irgendetwas ist nicht bei mir, das eigentlich bei mir sein k\u00f6nnte. Mal ist es mein Handy, das U-Heft meines Kindes, das Messer, mit dem ich eben noch die Zucchini geschnibbelt habe, mein angefangenes Buch oder den Zettel mit der Uhrzeit des Arzttermins. Irgendetwas fehlt schon wieder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal irre ich aber auch umher, suche irgendetwas, aber wei\u00df schon gar nicht mehr was. Prospektives Ged\u00e4chtnisversagen. Hochtrabender Begriff f\u00fcr ein ziemlich mieses Gef\u00fchl. Eben wusste ich es doch noch, aber jetzt wei\u00df ich gar nicht mehr, was ich finden will. Also zur\u00fcck zum Ursprungsort, um an den Ort der urspr\u00fcnglichen Suche zu gehen. Immer in der Hoffnung, dass ich es da ja noch wusste. Ich komme mir dann vor, als h\u00e4tte ich mein Suchvorhaben dort vergessen, besser gesagt: liegengelassen. Manchmal f\u00e4llt es mir wieder ein, umso \u00f6fter allerdings auch nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Suchen ist ortsgebunden. Irgendwo liegt es ja, das Ding, das ich suche. Und irgendwo fasse ich das Vorhaben, etwas zu suchen. Studien legen einen sogenannten Doorway Effekt nahe. Sagt man also auf der T\u00fcrschwelle noch, dass man dieses oder jenes tun m\u00f6chte, so wird es h\u00e4ufiger vergessen, da man weder hier noch da ist. Das Ged\u00e4chtnis speichert sich die Dinge aber ortsgebunden ab. Man braucht also Platz, um zu suchen, um sich dessen bewusst zu werden, was man sucht. Den Platz braucht man physisch, wie ihn dieser Doorway Effekt nahelegt, aber auch psychisch und emotional. Der Mann im Buchladen gab mir den Platz zum Schm\u00f6kern, er lie\u00df mich gew\u00e4hren und er\u00f6ffnete mir einen Raum, etwas zu finden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meine Gottessuche braucht auch einen Ort. Welchen Einfluss der Ort hat, das merke ich nicht selten, wenn ich in gro\u00dfen Kathedralen bin und irgendetwas in mir still wird. Ich muss immer erstmal durchatmen und innehalten. Meine Suche braucht einen Ort, an dem sie sich ausbreiten und entfalten kann. Einen Ort, an dem sie sich ausrichten kann. Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir, schreibt der Kirchenvater Augustinus in seinen Bekenntnissen. Vielleicht meint er damit auch, dass Gott ein Ort ist, an dem man in Ruhe finden kann. Bei Gott werde ich mir erst bewusst, was ich suche, was ich brauche und ben\u00f6tige. An diesem Ort wird mir bewusst, was mir fehlt oder was ich vermisse. Gott gibt mir Platz zum Suchen und Finden. Gott er\u00f6ffnet mir einen Raum. Gott schenkt mir Freiheit zum Schm\u00f6kern, Ausatmen, zum gedanklichen Sammeln. Gott l\u00e4sst mich finden und mich wieder bei mir ankommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott ist dieser besondere Ort. Und dieser Ort ist: Hier! Genau hier, so schreien viele. Manche kleiden ihre Worte in religi\u00f6ses Gewand, andere nutzen politische Formulierungen. Sie zeigen auf Orte, wo man angeblich finden kann. Das Seelenheil, die Rettung vor dem politischen Untergang, Erl\u00f6sung, Zusammenhalt, Gemeinschaft, Sinn. All diese Schlagworte donnern mir um die Ohren, wenn ich nur h\u00f6re, was gefunden werden soll. Die Leute meinen, Orte zu kennen, an dem man definitiv dieses oder jenes findet. Damit ist einerseits schon l\u00e4ngst klargestellt, was gesucht werden soll und wo es gefunden werden kann. Es werden Gedankengeb\u00e4ude und ideologische Festungen errichtet, um den Ort der Suche zu bewahren. Eingemauert in klare Vorstellung, soll dann etwas angeblich lebensdienliches gefunden werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ich suche, wird dabei zweitrangig. Es ist ja schon klar, was die Leute brauchen. Es gibt ein Rezept, einen Plan, klare Abfolgen, die mir beim Finden helfen. F\u00fcr alle dasselbe, tu dies und du erh\u00e4ltst das. Du musst die Bibel nur so verstehen, dann verstehst du sie richtig. Du musst nur mal diesen Kurs belegen, der wird dir helfen. Du musst endlich diesen Blog lesen, der wird dir die Augen \u00f6ffnen. Geh mal zu dieser Veranstaltung, da wirst du die richtigen Leute kennenlernen. Probier\u2019 doch mal das aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">An dieser Vorstellung ist einfach alles falsch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott ist der Ort meiner Suche. Keine religi\u00f6se Vorstellung oder ein spezifisches Konzept. Das biblische Zeugnis erz\u00e4hlt die Geschichte von einem Gott, der spricht und die Menschen anredet. Dieses Wort, dieses lebendige Wort, dieses horizonterweiternde Wort verbindet Menschen. Es f\u00fchrt Gott und Mensch zusammen, verwickelt sie. Die Geschichten der Bibel bezeugen einen Gott, der Worte des Lebens spendet und damit einen Raum er\u00f6ffnet. Einen Raum zum Finden. Dieser Raum er\u00f6ffnet sich inmitten der Worte und Texte, die Gott und die Menschen verbinden, die sie zusammenhalten und verkn\u00fcpfen. Der Raum zum Finden entsteht, wenn Gott das eigene Wort spricht. Dann er\u00f6ffnet sich ein Raum der Freiheit. Ich muss nicht folgen, sondern kann antworten, reden und entgegnen. Angesichts Gottes Wort entspinnt sich ein Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieses eigene Wort Gottes ist Jesus Christus, wie wir es miteinander im Glaubensbekenntnis gesprochen haben. Gottes Wort wird Mensch. Gott er\u00f6ffnet nicht allein einen Raum der Suche, er begleitet uns dabei. Gott wandelt mit uns und l\u00e4sst sich befragen. Gott wird Teil unseres Suchens, l\u00e4sst sich einbeziehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal vergesse ich, was ich suche, und manchmal vergesse ich auch mich auf der Suche. Suchen ist echt keine leichte Sache, vorallem wenn es um das ewige Leben geht, wie der Bibeltext schreibt. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich da manchmal gerne eine Anleitung. Aber l\u00e4sst sich das Leben zusammenf\u00fcgen wie Teile einer IKEA-Packung oder Bausteine einer Legosammlung?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr mich ist das Leben ein Abenteuer, ein Suchen, Finden und Gefundenwerden. Gott er\u00f6ffnet mir inmitten seines Wortes einen Raum daf\u00fcr. Einen Raum zum Suchen, Innehalten, Durchatmen. Gott ist der Ort meiner Suche. Dort wird mir bewusst, was ich suche, was ich vermisse. Dort kann ich finden, was mir fehlt oder vorenthalten wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich mal wieder verloren gehe auf der Suche, dann reicht mir Gott in seinem Sohn die Hand. Dieser Sohn ist es, der mir hilft, der mein Suchen begleitet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSuchst du etwas bestimmtes?\u201c Das Leben in F\u00fclle, ewiges Leben.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Felix St\u00fctz<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Halle\/Saale<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:felix.stuetz@theologie.uni-halle.de\">felix.stuetz@theologie.uni-halle.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Felix St\u00fctz ist Doktorand und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Systematische Theologie der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSuchst du etwas bestimmtes?\u201c | 1. So. n. Trinitatis | 22.06.2025 | Joh 5,39\u201347 | Felix St\u00fctz | Suchst du etwas bestimmtes, fragt mich der Ladenbesitzer hinter der Theke. Graue Haare, schmale Statur, kariertes Leinenhemd mit einer Weste dar\u00fcber. Die Augen richten sich auf mich. 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