{"id":24781,"date":"2025-07-01T21:36:53","date_gmt":"2025-07-01T19:36:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=24781"},"modified":"2025-07-01T21:38:45","modified_gmt":"2025-07-01T19:38:45","slug":"24781-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/24781-2\/","title":{"rendered":"1. Timotheus 1, 12-17"},"content":{"rendered":"<h3>Einladung in die Paulusschule | 3. So. n. Trinitatis | 06.07.2025 | 1. Tim. 1, 12-17 | verfasst von Rudolf Rengstorf<\/h3>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>Seit Mittwoch ist bei uns in Niedersachsen die Schule aus, die gro\u00dfen Ferien haben begonnen. Und die eine oder der andere von uns hat in der Familie etwas mitbekommen von der Erleichterung eines Schulkindes. F\u00fcr uns aber hei\u00dft es heute morgen: Wieder in die Schule gehen. Der Text, der f\u00fcr die Predigt dieses Sonntags vorgesehen ist, kommt aus einer Schule und ist darauf angelegt, seine Leser und H\u00f6rer in diese Schule einzubeziehen. Es ist die Schule, die sich nach dem Apostel Paulus nennt. Der hat mit seinem Leben und Wirken Sch\u00fcler gefunden. Und diese M\u00e4nner und hier und da auch Frauen haben seine Lehre auch nach seinem Tod weiterverbreitetet. Sie haben die Leitung der von ihm gegr\u00fcndeten Gemeinden \u00fcbernommen. Inmitten einer Welt, die voll war von religi\u00f6sen Str\u00f6mungen aller Art, haben sie daf\u00fcr gesorgt, dass die christlichen Gemeinden auf Kurs blieben. Sie haben den Gemeinden feste Ordnungen gegeben, haben die Amtstr\u00e4ger geschult und Katechismen verfasst, damit auch den nachwachsenden Generationen klar war, was christlich ist und was nicht.<\/p>\n<p>Wie der Apostel selbst haben auch seine Sch\u00fcler Briefe geschrieben. Drei von diesen Briefen sind in Neuen Testament erhalten. Sie sind nicht an Gemeinden gerichtet, sondern an die Leiter der Gemeinden einer ganzen Region, also an fr\u00fche Regionalbisch\u00f6fe. Diese Briefe werden nach den Adressaten Timotheus und Titus benannt. Als Autor dieser Briefe haben die Verfasser den Apostel Paulus selbst benannt, obwohl der, wie die Empf\u00e4nger ja auch wussten, schon l\u00e4ngst nicht mehr am Leben war. Der Stil, in dem diese Briefe verfasst sind, die Worte, die gebraucht werden, die Zeitumst\u00e4nde, die erkennbar werden haben sich gegen\u00fcber den echten Paulusbriefen auch deutlich ver\u00e4ndert. Wenn der Apostel trotzdem als Absender bezeichnet wird, dann ist das \u2013 anders, als man lange Zeit gemeint hat \u2013 keine bewusste F\u00e4lschung. Nein, das entspricht der Art, die auch in anderen philosophischen und religi\u00f6sen Schulen der damaligen Zeit gang und gebe war. Die Verfasser wollten von Anfang an deutlich machen, in wessen Geist sie schrieben, von wem sie ihre Lehre hatten. Vergleichbares kennen wir auch heute. Da wird jeder Brief, den ein Angestellter der Stadtverwaltung schreibt \u2013 ganz gleich aus welcher Abteilung \u2013 immer \u00fcberschrieben mit: \u201eDer Oberb\u00fcrgermeister\u201c. Oder denken wir an unsere Landeskirche. Ganz gleich, wer da Bischof oder Bisch\u00f6fin ist, immer nennt sie sich immer noch \u201elutherisch\u201c. Also nicht mit F\u00e4lschungen haben wir es bei diesen drei nachpaulinischen Briefen zu tun, sondern mit Dokumenten, die sich dem Geist und der Autorit\u00e4t des Heidenapostels unterordnen.<\/p>\n<p>Nach dieser langen Vorrede nun zu dem Text aus der Paulusschule, er steht im ersten Kapitel des ersten Briefes an Timotheus. Sehen Sie mal, worum es in dieser Schule geht:<\/p>\n<p><em>Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und f\u00fcr treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt:\u00a0mich, der ich fr\u00fcher ein L\u00e4sterer und ein Verfolger und ein Frevler war. Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.\u00a0Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. <\/em><\/p>\n<p><em>Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die S\u00fcnder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Aber Gott, dem ewigen K\u00f6nig, dem Unverg\u00e4nglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Nein, Amen kann ich erst sagen, wenn ich entfaltet habe, was typisch ist f\u00fcr diese Schule und was wir hier lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zum ersten f\u00e4llt ja auf, dass die Bekehrung des Apostel Paulus eine zentrale Rolle spielt. Also die spektakul\u00e4re Kehre vom Christen verfolgenden Saulus zum Christusapostel Paulus. Der Verfasser dieses Briefes schl\u00fcpft selbst in diese Rolle und macht den Apostel mit seiner besonderen Geschichte und Bekehrung zum ersten und ma\u00dfgebenden Vorbild f\u00fcr das, was an allen Christen geschieht. Das erscheint uns, die wir in der Regel in den christlichen Glauben hineingewachsen sind, als ganz fremd. Wer von uns k\u00f6nnte schon so ein einmaliges Bekehrungserlebnis vorweisen? Und sind die, die das von sich behaupten, die besseren Christen?<\/p>\n<p>Unter dem Druck an eine besondere Begegnung mit Christus zu denken, vergessen wir zu leicht: Ja doch, die Kehre kennen wir nur allzu gut. Zwar nicht einmalig und spektakul\u00e4r, aber immer wiederkehrend, meist schleichend. Ich meine: Die Zeiten, in denen Gott und der Glaube in weite Ferne r\u00fccken \u2013 bis dahin, dass uns das offene Bekenntnis peinlich ist. Und dann wieder die unvergesslichen Momente, in denen in allen Zweifeln ein inneres Licht aufgeht und wir uns von Herzen gern als Kinder Gottes und Schwestern und Br\u00fcder Jesu Christi annehmen. Also damit, dass wir wie Paulus zwei Welten kennen, die Welt des Unglaubens und die Welt, in der wir von Christus ergriffen sind \u2013 damit passen wir gut in seine Schule.<\/p>\n<p>Das zweite, was an der Paulusschule auff\u00e4llt: Sie ist von Gegens\u00e4tzen gekennzeichnet. Es ist nicht nur der Gegensatz der Kehre vom Verfolger zum Anh\u00e4nger, es ist ebenso der Gegensatz von S\u00fcnde und Seligkeit, von gnadenloser Rechthaberei und Barmherzigkeit, vom gro\u00dfen S\u00fcnder zum gro\u00dfen Vorbild. Und nat\u00fcrlich in allem der Gegensatz von Leben und Tod und alle dem, was das in uns ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>In unseren \u00f6ffentlichen Schulen kommen diese Gegens\u00e4tze so nicht vor. Da baut eines auf dem andern auf. Und alles kommt darauf an, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern zu vermitteln, was sie f\u00fcr ein selbstbestimmtes und aussichtsreiches Leben brauchen. So wichtig das ist, nicht weniger wichtig ist, dass wir lernen, was uns in Krisen, in Versagen, in Lebens- und Todes\u00e4ngsten h\u00e4lt und tr\u00e4gt. Nach oben hin kommt von solchen Krisen und inneren Abgr\u00fcnden nur wenig ans Licht in einer Gesellschaft, in der unaufh\u00f6rlich versichert wird: \u201eAlles gut!\u201c Nein, da hatte unsere fr\u00fchere Landesbisch\u00f6fin recht: Es ist nicht alles gut \u2013 nicht nur im Blick auf Afghanistan damals, auch nicht im Blick auf unser eigenes Leben: Wer von uns hat nicht darunter zu leiden, dass im Leben oft das Gegenteil von dem herauskommt, was wir uns vorgestellt und gew\u00fcnscht haben. Dass Beziehungen, die wichtig waren f\u00fcr uns und f\u00fcr die wir viel getan haben, zerbrochen sind und es keine Aussicht auf Heilung gibt. Dass uns an vielen Stellen ein Nein begegnet, gegen das wir nicht ank\u00f6nnen. Weil gesundheitliche M\u00e4ngel einen Strich durch die Rechnung machen. Weil wir hilflos sind gegen\u00fcber dem, was uns an unheilbaren Krankheiten in unserem unmittelbaren Umfeld begegnet, ganz zu schweigen von dem, was uns im Blick auf die Lage unserer Welt und die Hilflosigkeit unserer Politiker belastet.<\/p>\n<p>Viel st\u00e4rker aber \u2013 so lernen wir in der Paulusschule \u2013 ist Gottes Barmherzigkeit. In einer schon damals von Gewalt und Terror beherrschten Welt beruft er Menschen, die an sich alles andere als Vorbilder sind, dazu, allem Unheil die Liebe Christi entgegenzusetzen und die unb\u00e4ndige Hoffnung darauf, dass nicht S\u00fcnde und Gottesferne das letzte Wort behalten, sondern Seligkeit und Gemeinschaft mit ihm, der allein machen kann, dass alles gut wird. In dieser Schule nehmen wir wahr, dass wir unser Leben von Anfang an der Barmherzigkeit Gottes zu verdanken haben und denen, die sich von seiner Barmherzigkeit haben anstiften lassen, ohne dass sie gro\u00df damit herausgekommen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wie viele Menschen wissen gar nicht, worin sie mir geholfen, mich gepr\u00e4gt und getr\u00f6stet haben! Und was w\u00e4re ich, wenn mir nichts zugetraut worden w\u00e4re, wenn mir nicht Aufgaben anvertraut worden w\u00e4ren, die ich noch gar nicht konnte, die ich erst lernen musste, beziehungsweise durfte. So beruht mein \u2013 unser \u2013 Leben auf Barmherzigkeit. Und wir \u2013 Sie und ich \u2013 sind noch da, weil Gott uns zutraut, von seiner Barmherzigkeit zu lernen! Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einladung in die Paulusschule | 3. So. n. Trinitatis | 06.07.2025 | 1. Tim. 1, 12-17 | verfasst von Rudolf Rengstorf Liebe Leserin, lieber Leser! 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