{"id":25120,"date":"2005-09-06T09:19:57","date_gmt":"2005-09-06T07:19:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25120"},"modified":"2025-07-14T09:22:27","modified_gmt":"2025-07-14T07:22:27","slug":"klagelieder-3-22-26-31-32","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/klagelieder-3-22-26-31-32\/","title":{"rendered":"Klagelieder 3, 22-26.31-32"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">16. Sonntag nach Trinitatis | 11. September 2005 |\u00a0Klagelieder 3, 22-26.31-32 | Helmut Brendel |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>heute gedenken wir des Terroranschlags auf das Welthandelszentrum in New York. F\u00fcr \u00fcber 3000 Menschen war es gar aus, wie unser Predigttext sagt. Wo war da die G\u00fcte des Herrn, wo war da seine Barmherzigkeit. \u00dcber 3000 Familien haben ihre V\u00e4ter, M\u00fctter, Kinder verloren. Erst jetzt wagte man es, die Aufzeichnungen der Funkgespr\u00e4che der Rettungskr\u00e4fte aus dem Inferno zu ver\u00f6ffentlichen. Damit hat man dem Dr\u00e4ngen der Angeh\u00f6rigen nachgegeben, die die letzten Lebenszeichen ihrer Toten haben wollten. Weil von den meisten Opfern nichts \u00fcbrig geblieben ist als die Erinnerung, wollten sie wenigstens ein letztes Lebenszeichen von ihnen haben. Am liebsten wollten sie wissen, wann und wo und wie sie umgekommen sind. Es ist ein ungeheurer Drang danach zu wissen, was kein Mensch wissen, aber auch kein Mensch erfahren kann.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, letztlich steht hinter diesem Wissendrang die Frage, wo sind sie geblieben, die lieben Toten. Es ist eine Frage, die die Menschheit umtreibt, seit wir Spuren von ihr haben. Wo wohnen die Toten, wo sind sie geblieben, was tun sie, was geschieht mit ihnen. Das Totenreich zieht die Lebenden mit ungeheurer Macht und Faszination an. Viel Fantasie und Kreativit\u00e4t haben die Menschen darauf verwandt, dieses Vakuum auszuf\u00fcllen. Es ist wohl eine der Hauptfunktionen der Religion, diese L\u00fccke in uns zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, aber wir gedenken heute nicht nur der Opfer des Terroranschlags von New York. Wir gedenken heute auch der Opfer des Hurrikans in New Orleans. T\u00e4glich wird von neuen Zahlen von Todesopfern berichtet. Aber wir beklagen auch die Menschen, die Hab und Gut verloren haben. Die Frage taucht auf, ob es \u00fcberhaupt sinnvoll und m\u00f6glich ist, diese Stadt, die zum Teil unter dem Meeresspiegel liegt an dieser Stelle wieder aufzubauen. Auch hier ist die Frage, ob da etwas unwiederbringlich dahin ist.<\/p>\n<p>Unser Predigttext aus den Klageliedern des Propheten Jeremias beklagt auch den Verlust einer Stadt, von der man glaubte, sie sei unwiederbringlich dahin. Die Klagelieder des Jeremias beziehen sich auf die Zerst\u00f6rung Jerusalems durch die Babylonier und die Deportation der Bev\u00f6lkerung in die Babylonische Gefangenschaft. 40 Jahre lang w\u00e4hrte sie, so lange wie die W\u00fcstenwanderung des Volkes Israel nach der Befreiung aus \u00c4gypten. Vierzig Jahre, das war der Zeitraum, in dem, bei der damaligen Lebenserwartung, keiner der den Anfang erlebt hatte das Ende erleben konnte. Die Generation der Exulanten durfte die R\u00fcckkehr nicht erleben. Nur die in Babylon Geborenen durften nach Jerusalem zur\u00fcckkehren. Die Frage ist, ob das wirklich so war, oder ob es der Bibel um etwas ganz anderes geht. Vermutlich haben doch einige der Gefangenen auch die Heimkehr erlebt. Theologisch aber sollte das bedeuten, dass mit der R\u00fcckkehr ein v\u00f6lliger Neuanfang gesetzt werden sollte.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, am Anfang steht die Katastrophe der Zerst\u00f6rung Jerusalems mit dem Babylonischen Exil. Es war eine ausweglose Situation, ein Ende ohne Aussicht auf einen Neuanfang. Wenn wir den Predigttext ansehen, dann scheint es, als sei dieses endg\u00fcltige Aus fast verschwunden. Die Hoffnung auf einen Neuanfang steht nun im Vordergrund. Ich m\u00f6chte mit ihnen die Probe auf Exempel machen. Ich m\u00f6chte mit ihnen den Text auf die beiden Seiten hin untersuchen, die Klage \u00fcber das unwiederbringliche Ende und die Hoffnung auf einen Neuanfang.<\/p>\n<p>Der Text beginnt mir dem Satz: \u201eDie G\u00fcte des Herrn ist\u00b4s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und deine Treue ist gro\u00df.\u201c Heute erscheint uns dieser Text als einer der gro\u00dfen Hoffnungstexte des Alten Testaments. Die grausame Erfahrung des Endes, die dahinter steht ist fast ganz verschwunden. Bei der Zerst\u00f6rung Jerusalems wird keiner so gesprochen haben. Jeremia wird vermutlich eher geklagt haben, dass die G\u00fcte Gottes zu Ende war und es mit seinem erw\u00e4hlten Volk gar aus war. Die Barmherzigkeit, die Gott seinem Volk in all den Jahren seiner Untreue und seines Abfalls erwiesen hatte, war zu Ende. Jeden Morgen schaute man neue auf die Tr\u00fcmmer der Stadt oder auf die Mauern Babylons. Weil sein Volk ihm untreu geworden war und sein heiliges Land entheiligt hatte hat er ihm die Treue aufgek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Im folgenden Text geht es um das, was das Volk verloren hatte und sich sehnlich zur\u00fcck w\u00fcnscht. \u201eDer Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.\u201c In Wirklichkeit aber hatte sich der Herr von seinem Volk getrennt. Das Volk sa\u00df in Babylon und hatte alle Hoffnung auf einen Neuanfang verloren. So k\u00f6nnen wir den klagenden Text im Untergrund dieses Hoffnungstextes weiter rekonstruieren.<\/p>\n<p>Der Herr war nicht freundlich, sondern zornig auf es, wegen seiner Untreue mit der es jeden stehenden Stein f\u00fcr einen Gott und jeden Baum f\u00fcr ein Heiligtum hielt. Sie haben sich ungeduldig im Genuss des Reichtums dieses Landes verloren. Milch und Honig, die er ihnen geschenkt hat genossen sie nur, um den Geber dieser Gaben zu vergessen und nicht mehr nach ihm zu fragen. All denen, die im Reichtum und in seinem Genuss sich verloren hatten sagt der Text, dass das k\u00f6stlichste Ding nichts ist, wenn die Menschen den vergessen, der der Geber dieser Gaben ist. Das k\u00f6stlichste Ding ist, geduldig zu sein und auf seine Hilfe zu hoffen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, hier geht es aber nicht mehr nur um den Verlust des Landes. Hier geht es auch darum, in der Gefangenschaft in Babylon, die Erinnerung an den Gott Israels nicht zu verlieren. Das \u201ek\u00f6stlich Ding\u201c ist auf einmal nicht mehr die Gabe des Heiligen Landes. Das k\u00f6stliche Ding ist auf einmal, in der Fremde der eigene Gott. Denn, wenn \u00fcberhaupt noch einer helfen konnte, dann nicht die G\u00f6tter Babylons, sondern der Gott Israels. Wenn die Angst, in der Fremde verloren zu gehen nicht siegen sollte, dann konnte nur die Hoffnung auf den Gott Israels sie retten. Und nun folgt der Vers, in dem das Grundgef\u00fchl des Volkes Israel in der Gefangenschaft noch am deutlichsten sp\u00fcrbar wird. \u201eDenn der Herr verst\u00f6\u00dft nicht ewig, sondern er betr\u00fcbt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner gro\u00dfen G\u00fcte.\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ungeheuer schwer scheint es dem Volk gefallen zu sein, sich einzugestehen, dass Gott sie versto\u00dfen hatte und dass er sie betr\u00fcbt hatte. Als Versto\u00dfene und Betr\u00fcbte aber sa\u00dfen sie an den Wasserfl\u00fcssen Babylons und weinten. Aber mitten im Weinen und Klagen dar\u00fcber, dass sie sich von Gott versto\u00dfen und gedem\u00fctigt f\u00fchlten, tauchte die Hoffnung auf, dass er das nicht auf ewig getan hat. Dem Gericht folgte das Erbarmen Gottes.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, es ist Tatsache, dass Gott uns in unserer Genusssucht und in unserm Freiheitsdrang Grenzen setzt. Wir aber erleben das als Gericht und Strafe. Und doch k\u00f6nnen wir der Begrenztheit unseres Lebens nicht durch noch so gro\u00dfen Gehorsam entrinnen. Auch dann nicht, wenn wir in der Askese Genuss durch Verzicht und Freiheit durch Begrenzung ersetzen. Wir k\u00f6nnen vieles \u00e4ndern in unserm grenzenlosen Lebensdrang. Wir k\u00f6nnen bewusster mit den Ressourcen unseres Lebens umgehen, mit unserer eigenen Gesundheit, mit unseren eigenen Kr\u00e4ften, aber auch mit den Dingen, die wir zu Leben brauchen. Dadurch k\u00f6nnen wir Nachhaltigkeit erreiche, wie man das heute nennt. Das hei\u00dft, dass es nicht nur f\u00fcr uns, sondern auch f\u00fcr die Generationen nach uns noch langt. Solche Grenzen k\u00f6nnen wir unserer Ma\u00dflosigkeit selber setzen. Damit \u00fcbernehmen wir Verantwortung f\u00fcr die Erhaltung der Freiheit, die menschenm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Die Grenze aber, die Gott uns gesetzt hat, k\u00f6nnen wir damit nicht verschieben oder gar aufheben. Wenn wir diese Grenze als Strafe Gottes an uns sehen, dann machen wir den Gott, der uns ein so begrenztes Leben gegeben hat zu einem grausamen Gott. Dieses Vorurteil der Menschen hat Gott aber dadurch widerlegt, dass er selbst ein Mensch wurde und sich selbst der Grenze unterwarf, die er uns gesetzt hat. Wenn wir diese Botschaft recht verstehen, dann k\u00f6nnen wir zu einem neuen Leben auferstehen wie Christus und wie Lazarus, den er, wie es das Evangelium dieses Sonntag erz\u00e4hlt, von den Toten erweckte. Aber wir k\u00f6nnen auch mit denen zu einem neuen Leben auferstehen, die sich in der Babylonischen Gefangenschaft wie lebende Tote f\u00fchlten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen auch mit den Menschen in New York vier Jahren nach dem Terroranschlag, zu einem neuen Leben finden jenseits der Katastrophe beim Wiederaufbau des Welthandelszentrums als Freedom-Tower, als Turm der Freiheit.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen aber auch mit den Menschen in New Orleans zu einem neuen Leben finden jenseits der der Katastrophe, beim Wiederaufbau der Stadt am alten Ort oder dem Bau einer neuen Stadt an neuem Ort.<\/p>\n<p>Wer keine Hoffnung hat, dass er die unausweichliche Begrenztheit und Gef\u00e4hrdetheit dieses Lebens aushalten kann, der wird zu einem lebenden Toten. Wem Gott mit dieser Grenze aber auch die Hoffnung gegeben hat, dass er in ihr neues Leben findet, den hat er teilhaben lassen an der Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus. In ihm d\u00fcrfen wir leben, auch wenn wir sterben. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Helmuit Brendel, Celle<br \/>\n<a href=\"mailto:BrendelDGfP@aol.com\">BrendelDGfP@aol.com<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Sonntag nach Trinitatis | 11. September 2005 |\u00a0Klagelieder 3, 22-26.31-32 | Helmut Brendel | Liebe Gemeinde, heute gedenken wir des Terroranschlags auf das Welthandelszentrum in New York. F\u00fcr \u00fcber 3000 Menschen war es gar aus, wie unser Predigttext sagt. 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