{"id":2525,"date":"2020-04-10T23:03:35","date_gmt":"2020-04-10T21:03:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2525"},"modified":"2020-04-11T13:20:25","modified_gmt":"2020-04-11T11:20:25","slug":"unser-zeitgenosse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/unser-zeitgenosse\/","title":{"rendered":"Unser Zeitgenosse"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Lukas 24,36-45| Verfasst von Eberhard Busch<\/strong><\/p>\n<p>H\u00f6ren wir am Anfang dieser Predigt den grandiosen Spruch aus dem Hebr\u00e4erbrief (Kap. 13 Vers 8): \u201eJesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.\u201c Vielleicht kennen wir diesen Vers schon. Aber h\u00f6ren wir ihn jetzt aufs Neue: \u201eJesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.\u201c Nicht wahr, das ist doch schier unglaublich! Wer kann das von sich sagen? Von <em>Jesus<\/em> <em>Christus<\/em> wird uns das gesagt! Was dieses Wundersame bedeutet, das erl\u00e4utert uns der eben verlesene Bibeltext zum heutigen Ostermontag.<\/p>\n<p>Da hei\u00dft es: \u201eEr selbst, Jesus, trat mitten unter sie.\u201c Er, der dahingegangen ist, ist nicht fortgegangen. Und er trat nicht nur <em>einst<\/em> unter seine Nachfolger. Er <em>tritt<\/em> noch heute mitten unter sie, unter uns. Er ist nicht Vergangenheit geworden, er steht uns gegenw\u00e4rtig gegen\u00fcber. Er ist nicht in seinem Grab verschwunden. Er ist unser Zeitgenosse. So wie er damals war, so ist er jetzt da und gr\u00fc\u00dft uns: Schalom! \u201eFriede sei mit euch!&#8220; \u2013 euch allen, die ihr jetzt nicht wisst, wie es weitergehen soll: Schalom! Ob man es glaubt oder nicht, und auch wenn man es nicht glaubt, es ist doch wahr und ist g\u00fcltig: \u201e<em>Er ist da<\/em>, der da hilft und errettet,\u201c wie es in einem Lied hei\u00dft, oder in einem anderen Lied: \u201eChrist, der Retter <em>ist<\/em> <em>da<\/em>!&#8217;\u201c Er, der Heiland der Bedrohten, er, der Trost der Verzagten, er, der Wegweiser, wenn Stillstand angesagt ist: Er ist nicht \u00fcberholt vom Lauf der Zeiten. \u201eAll morgen ist ganz frisch und neu, des Herren gro\u00dfe Gnad und Treu.\u201c<\/p>\n<p>Am heutigen Tag ist also nicht nur das da, was in der Tageszeitung steht oder was das Fernsehen uns als Nachrichten vorsetzt. Bei weitem nicht! Der da war, der ist auch noch da. Und der ist sicherer da als all das, was uns gerade vor Augen steht, was uns hoffen l\u00e4sst oder was uns bek\u00fcmmert. Und der <em>bleibt<\/em> da. Der wird auch morgen wieder da sein, und \u00fcbermorgen auch, unter und neben all dem Andern, was jeweils der Brennpunkt ist \u201eUnd derselbe auch in Ewigkeit&#8220;. Er bleibt, w\u00e4hrend alles andre einmal zur\u00fcckgeht und schwindet.<\/p>\n<p>Er versinkt auch dann nicht in Vergessenheit, wenn wir ihn vergessen. Er lebte nicht nur, er lebt. \u201eJesus Christus gestern <em>und<\/em> heute.&#8220; Er selbst sorgt daf\u00fcr, dass er zur Geltung kommt und dass das in Geltung bleibt, was er sagt und tut. Er bleibt nicht au\u00dfen vor. Was von ihm berichtet ist, ist an jedem neuen Morgen aufs Neue <em>wahr<\/em>, l\u00e4ngst bevor wir es wahr-<em>nehmen<\/em>. Und er redet oder er schweigt auch zu dem, was uns jeweils bewegt und aufregt. Ist er immer schon da, bevor wir es merken, dann m\u00fcssen nicht <em>wir<\/em> ihn aus der Vergangenheit in die Gegenwart \u00fcbertragen. So als m\u00fcssten <em>wir <\/em>ihm Leben einhauchen oder Worte in den Mund legen, weil er ansonsten begraben und vergessen w\u00e4re!<\/p>\n<p>Ostern hei\u00dft: er lebt nicht blo\u00df von unserem Gedenken, so, wie Hinterbliebene es beim Hingang eines Geliebten zu h\u00f6ren bekommen: sie m\u00f6gen sich tr\u00f6sten, der Verstorbene lebe in unseren Erinnerungen weiter. Mit Verlaub, mit unseren Erinnerungen ist das so eine Sache. Eine Erkl\u00e4rung dieses Begriffs lautet so: \u201eErinnerung&nbsp; ist das, was man von vergangener Zeit im Bewusstsein hat.\u201c Doch gerade so ist unsere Erinnerung ein schwankender Halm im Wind. Man \u00fcbert\u00fcncht das Gewesene mit Gold oder man schw\u00e4rzt es, man verschweigt vieles oder verdr\u00e4ngt es und man vergisst es im Lauf der Zeit. Der Bielefelder Gelehrte Niklas Luhmann hat geradezu gesagt: \u201eEine Hauptfunktion des Gehirns liegt im Vergessen.\u201c Hei\u00dft das, dass unsere Erinnerungen wie Spuren im Sand sind, die allm\u00e4hlich vom Winde verweht werden?<\/p>\n<p>Aber Halt! hier geht es gar nicht darum, dass <em>wir<\/em> uns erinnern, wir mit unserem mehr oder weniger sonderbaren Erinnerungsverm\u00f6gen. Hier geht es darum,&nbsp; dass <em>er<\/em>, der damals war, er selbst von sich aus heute sich bei uns einfindet. Hier geht es darum, dass er sich selbst bei uns in Erinnerung bringt. Wie es in dem schlichten Liedvers hei\u00dft: \u201eEr kommt auch noch heute \/ und lehret die Leute &#8230; , wie sie von Irrtum und Torheit \/ treten zu der Wahrheit.\u201c<\/p>\n<p>Gewiss, er erscheint als <em>derselbe<\/em> unter uns. Es ist exakt der und kein Anderer: der, der im Stall von Bethlehem zur Welt kam, der in Galil\u00e4a predigte und Kranke heilte, der Toten das Leben gab und der selbst am Kreuz in Jerusalem starb. Er kommt wohl <em>anders<\/em> zu uns als damals. Manchmal auf leisen Sohlen, manchmal in sausendem Schritt, zuweilen im Widerspruch zu dem, was wir uns w\u00fcnschen, zuweilen im Einklang mit dem, was uns unverhoffte Gestalten kundtun. \u201eEr wei\u00df viel tausend Weisen\u201c, zu uns zu kommen. Aber es ist jedes Mal derselbe, der bei uns zum Rechten schaut. So ist er bei uns im Leben und im Sterben. Auch wenn es einmal mit uns zu Ende ist, sind wir in seiner Hut.<\/p>\n<p>Doch wie manche sehen und verstehen das nicht! Und wie manches Mal geh\u00f6ren wir auch zu diesen Leuten! Da sieht man nicht, was augenscheinlich ist. Man hat da wie ein Brett vor dem Kopf und ist richtig begriffsstutzig. So, wie es sogar von den J\u00fcngern Jesu berichtet wird. Er gibt sich ihnen zu erkennen, aber sie erkennen ihn nicht. Er steht vor ihnen, gr\u00fc\u00dft sie, so wie zuvor: Schalom! Friede! Aber was machen sie? Sie schlottern vor Angst und meinen, es mit einem Gespenst zu tun zu haben. Dann zeigt er seine durchbohrten H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, dann legt er ihnen wie zuvor etwas zum Essen vor. Aber nein, es geht ihnen noch immer kein Licht auf. In gewisser Hinsicht haben sie zwar recht: einem Phantom soll und darf man um Himmels willen nicht nachlaufen, wie das sonst gar nicht so selten vorkommt. Gott bewahre uns vor Illusionen und Hirngespinsten!<\/p>\n<p>Und der Gott, der uns in Jesus Christus entgegentritt, der <em>kann<\/em> das. Und der <em>tut<\/em>, was er kann. Er sorgt f\u00fcr Aufkl\u00e4rung. Er schenkt seinen Kindern, dass ihnen ein Licht aufgeht. Er schafft die Unterscheidung zwischen Trug und Wahrheit. Der ist n\u00e4mlich nicht nur heute da, der <em>war<\/em> auch zuvor schon da, auch damals. Er vergisst das Damals nicht, geschweige dass er es verdr\u00e4ngt. Nein, keine Rede davon! \u201eJesus Christus <em>gestern<\/em> und heute &#8230;\u201c Er war schon damals da, so, wie es uns die Heilige Schrift bezeugt. Wohlgemerkt: In dem Verwirrenden, das wir heute von verschiedenen Seiten h\u00f6ren, ist es unerl\u00e4sslich n\u00f6tig, dass wir genau auf diese Heilige Schrift achten, Bibel Alten und Neuen Testaments. Sie sagt Vieles und in ihr redet nur Einer. Jesus selbst weist darauf hin: auf \u201edie Reden, die ich euch sagte, <em>als ich unter euch<\/em> <em>war&#8220;.<\/em> Und so \u201e\u00f6ffnete er ihnen das Verst\u00e4ndnis, dass sie die <em>Schrift<\/em> verstanden&#8220;. Wir haben Grund, darum zu bitten: Gib offene Ohren, dass wir seine Stimme nicht \u00fcberh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Man muss zwar bei weitem nicht alles in der Bibel verstehen. Aber es ist eine sch\u00f6ne Erfahrung, dass zu verschiedenen Zeiten jeweils <em>ein<\/em> Satz in ihr zu leuchten anf\u00e4ngt, heller als zuvor bemerkt: ein wegweisender Satz, in dem jener Eine so redet wie damals, als er unter seinen Nachfolgern redete, <em>ein<\/em> Satz, der seiner Gemeinde zum Leitwort wird f\u00fcr das, wie sie auf ihn h\u00f6ren und ihm folgen muss. Es ist schon so, dass dann jeweils solch ein Leitwort in der Bibel zum Schl\u00fcssel wird, der unserm vernagelten Denken eine verschlossene T\u00fcre \u00f6ffnet, und zum Kompass, der unser unsicheres Handeln und Wandeln in die richtige Richtung weist.<\/p>\n<p>Im Jahr 1941 wurde ein wenig beachtetes Bibelwort in den Schweizer Kirchen zum Motto, damals, als dort die Grenzen f\u00fcr Judenfl\u00fcchtlinge geschlossen wurden \u2013 Johannes 4,22: &#8222;Das Heil kommt von den Juden&#8220;, das hei\u00dft: es kommt Unheil \u00fcber uns, wenn wir sie abweisen. Da wussten die Christen, wof\u00fcr sie einzustehen hatten. &#8230; Im Jahr 1986 haben Christen in S\u00fcdafrika angesichts der rassischen Unterdr\u00fcckung der Farbigen durch die wei\u00dfe Minderheit sich zur Botschaft von der befreienden Vers\u00f6hnung in Christus bekannt \u2013 laut 2. Korinther 5,19: \u201eGott hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Vers\u00f6hnung.\u201c Sie haben damit den Weg gebahnt f\u00fcr die \u00dcberwindung der Apartheid in ihrem Land und sonstwo.<\/p>\n<p>Und heute? Es hat k\u00fcrzlich die Parole in Europa die Runde gemacht: \u201eWir haben alles zu tun, um unsre Grenzen zu sch\u00fctzen.\u201c Gemeint war damit bekanntlich: wir h\u00e4tten um alles in der Welt daf\u00fcr zu sorgen, dass die Fremdlinge von weither dort bleiben sollen, wo sie uns nichts mehr angehen: dort, wo sie, die Klimafl\u00fcchtlinge, uns aus den Augen, aus dem Sinn sind. Aber w\u00e4hrend man den Eifer darein setzte, unsere Grenzen zu sch\u00fctzen, kam statt dessen ein Anderes \u00fcber unsere Grenzen, heimt\u00fcckisch, unaufhaltsam: ein lebensbedrohliches Virus. Ist es jetzt nicht an der Zeit, mit <em>all<\/em> den Bed\u00fcrftigen und f\u00fcr <em>all<\/em> die Bedrohten zu beten, so wie einst die J\u00fcnger Jesu zu ihrem Meister: \u201eHERR, hilf uns, wir verderben\u201c (Matth 8,25)?! Amen<\/p>\n<p>Eberhard Busch, Friedland<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 24,36-45| Verfasst von Eberhard Busch H\u00f6ren wir am Anfang dieser Predigt den grandiosen Spruch aus dem Hebr\u00e4erbrief (Kap. 13 Vers 8): \u201eJesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.\u201c Vielleicht kennen wir diesen Vers schon. Aber h\u00f6ren wir ihn jetzt aufs Neue: \u201eJesus Christus gestern und heute und derselbe auch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2508,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,1,157,114,322,319,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-2525","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-eberhard-busch","category-kapitel-24-chapter-24","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2525","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2525"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2525\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2545,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2525\/revisions\/2545"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2508"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2525"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=2525"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=2525"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=2525"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=2525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}