{"id":25283,"date":"2025-07-16T20:47:57","date_gmt":"2025-07-16T18:47:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25283"},"modified":"2025-07-16T20:47:20","modified_gmt":"2025-07-16T18:47:20","slug":"matthaeus-935-38-101-105-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-935-38-101-105-10\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9,35-38; 10,1; 10,5-10"},"content":{"rendered":"<h3>Kleiner, \u00e4rmer, freier \u2013 Kirche auf dem Weg | 5. Sonntag nach Trinitatis | 20.07.2025 | Mt 9,35-38; 10,1; 10,5-10| Marion Werner |<\/h3>\n<p>Gnade sei mit euch und Frieden, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>die Kirche ver\u00e4ndert sich: weniger Menschen, weniger Geld, weniger Macht, weniger kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ist das der Anfang vom Ende? Oder vielleicht der Anfang von etwas Neuem?<\/p>\n<p>In einem seiner Vortr\u00e4ge zur Kirche hat der in Luzern lebende Theologe Fulbert Steffensky auf die Welt und auch die Kirche gesehen und ehrlich, nicht besch\u00f6nigend, aber sehr hoffnungsvoll Folgendes gesagt: &#8222;Noch ein Verlust, den wir vergn\u00fcgt als Gewinn buchen: Einigen gekr\u00f6nten H\u00e4uptern der Sch\u00f6pfung ist ihre Krone abhandengekommen. Die M\u00e4nner haben sie verloren den Frauen gegen\u00fcber. Die Weissen haben sie verloren den Schwarzen gegen\u00fcber. Die Menschen haben sie verloren den Tieren gegen\u00fcber. Keiner ist mehr Oberhaupt der Sch\u00f6pfung. Ich sage: Sie haben sie verloren, als sei alles schon geschehen. Aber wenigstens sind wir auf dem Weg. Unsere Kirche war noch nie so sch\u00f6n, wie sie heute ist. Die Kirche ist kleiner geworden, \u00e4rmer, machtloser, und sie ist sch\u00f6ner geworden. Noch nie war ihre Aufmerksamkeit auf den Frieden und die gerechte Verteilung der G\u00fcter gr\u00f6sser als heute. Sie hat ihr Ansehen bei den Angesehenen verloren, und sie ist frei geworden. Sie hat nur noch einen Herrn, dem sie dient. Man kann in dem Haus unseres Glaubens nur leben, wenn man sieht, wie sch\u00f6n es schon ist. Leichte \u00dcbertreibungen sind beim Lob dieses Hauses gestattet und erw\u00fcnscht!&#8220;<\/p>\n<p>Die Worte von Fulbert Steffensky sind keine resignierte Klage, sondern eine mutige Umdeutung der Verluste, die die Kirche heute erleidet. Weniger Macht, weniger Einfluss, weniger Geld, weniger Mitarbeiter \u2013 daf\u00fcr mehr Zugewandtheit, mehr Freiheit, mehr Christus. Kirche muss niemandem mehr gefallen, sie muss nicht mehr ihre Macht konsolidieren. Sie ist frei sich um den Menschen zu k\u00fcmmern, frei ihrem Herrn zu dienen. Und genau das macht sie sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>Unser Predigttext f\u00fcr heute aus dem Matth\u00e4usevangelium im 9. und 10. Kapitel spricht Mitten in diese Gegenwart hinein. Ich lese ihn uns vor.<\/p>\n<p>35 Und Jesus zog umher in alle St\u00e4dte und D\u00f6rfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.\u200236\u00a0Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren ersch\u00f6pft und schutzlos wie die Schafe, die keinen Hirten haben.\u200237\u00a0Da sprach er zu seinen J\u00fcngern: Die Ernte ist gro\u00df, aber wenige sind der Arbeiter.\u200238\u00a0Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.<\/p>\n<p>1\u00a0Und er rief seine zw\u00f6lf J\u00fcnger zu sich und gab ihnen Macht \u00fcber die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.<\/p>\n<p>5\u00a0Diese Zw\u00f6lf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,\u20026\u00a0sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.\u20027\u00a0Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.\u20028\u00a0Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Auss\u00e4tzige rein, treibt D\u00e4monen aus. Umsonst habt ihr\u2019s empfangen, umsonst gebt es auch.\u20029\u00a0Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren G\u00fcrteln haben,\u200210\u00a0auch keine Tasche f\u00fcr den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.<\/p>\n<p>Jesus sieht sich die Menschenmenge an. Wie viele genau es gewesen sind, steht im Evangelium nicht, weil die Anzahl Jesus nicht wichtig war. Er sieht die Menschen an. Er sieht die Orientierungslosigkeit, die M\u00fcdigkeit, die Zerstreuung. Und es heisst: \u00abEr hatte Mitleid mit ihnen, denn sie waren ersch\u00f6pft und schutzlos wie die Schafe, die keinen Hirten haben\u00bb.<\/p>\n<p>Jesus bleibt nicht beim Mitleid stehen. Er sagt auch nicht \u00abIch mache das schon\u00bb &#8211; und l\u00f6st allein alle Probleme der Menschen. So handelt Gott nicht. So handelt Jesus nicht. Er bezieht uns Menschen immer in sein Handeln mit ein.<\/p>\n<p>Und so ist der erste Schritt, den Jesus unternimmt: er ruft zum Beten auf. Jeder Schritt, jede Aufgabe beginnt mit einem Gebet. \u00abOra et labora\u00bb &#8211; \u00abBete und arbeite\u00bb \u2013 kennen wir vom Benediktinerorden. Jesus sagt: \u00abDie Ernte ist gro\u00df, aber wenige sind der Arbeiter.\u2002Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.\u00bb. Als erstes also das Gebet um Mitarbeiter in der Kirche. Damals war die Kirche auch klein und brauchte viel Arbeit. Heute ist die Kirche am Schrumpfen, Arbeit gibt es trotzdem genug. Besonders Seelsorge ist gefragt. Deswegen ruft Jesus auf: \u00abBetet, dass Gott neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beruft\u00bb.<\/p>\n<p>Anschliessend beruft Jesus seine J\u00fcnger und sendet sie in die Welt hinaus. Zw\u00f6lf an der Zahl. Nicht perfekte M\u00e4nner. Aber gl\u00e4ubig und bereit. M\u00e4nner mit Lebenserfahrung und einem erlernten Beruf. Besonders aber solche, die bereit waren, im Namen Gottes zu predigen, zu heilen, b\u00f6se Geister zu vertreiben.<\/p>\n<p>Und damit sind wir bei einem sehr aktuellen Problem in den evangelischen Kirchen der Schweiz. Dem sogenannten \u00abPlan P\u00bb. Da viele Pfarrpersonen in Rente gehen und die Zahl der Theologiestudierenden klein bleibt, sind heute schon und werden in den n\u00e4chsten Jahren viele Pfarrstellen unbesetzt bleiben. So entstand der Notfallplan genannt \u00abPlan P\u00bb, der den grossen Engpass \u00fcberbr\u00fccken soll. Vorgesehen ist, dass Akademiker, die das Alter von 55 Jahren erreicht haben, die Vertretung vakanter Pfarrstellen \u00fcbernehme k\u00f6nnen. Als Vorbereitung waren urspr\u00fcnglich 3 Monate vorgesehen. Heute spricht man von einem halben Jahr Studium an der theologischen Fakult\u00e4t und einem halben Jahr Praxis. Nat\u00fcrlich geh\u00f6rt auch ein Assessment dazu, um zu pr\u00fcfen, ob sie geeignet sind.<\/p>\n<p>Dieser \u00abPlan P\u00bb hat f\u00fcr grosses Aufsehen gesorgt. Diskreditiert er das Pfarramt? Denn Pfarrpersonen studieren mindestens 5 Jahre und machen dann noch Vikariat. Oder ist er die L\u00f6sung, ein Neuanfang? Gibt er Gott quasi die M\u00f6glichkeit, Menschen in seinen Dienst zu rufen, wie Jesus es tat? Stand heute: 10 der 19 Kantonalkirchen sind daf\u00fcr. 7 dagegen. 2 haben sich enthalten. Bereits haben sich 55 Akademiker gemeldet, mit viel Lebenserfahrung, guter Ausbildung, zum Teil mit sogar bereits studiertem Theologiesemester, die sehr gerne Pfarrstellen vertreten w\u00fcrden und im Dienst Gottes wirken m\u00f6chten. Es bleibt spannend.<\/p>\n<p>So oft h\u00f6rt man die Aussage \u00abKirche ist in der Krise\u00bb. Das Wort Krise ist sehr negativ behaftet. Es signalisiert: hier l\u00e4uft etwas schief, hier ist etwas gef\u00e4hrlich. Instabilit\u00e4t und Verlust stehen im Vordergrund. Wenn man aber sagt \u00abKirche ist im Umbruch\u00bb tr\u00e4gt das etwas Positives in sich. Umbruch bedeutet auch Unsicherheit, aber er tr\u00e4gt auch den Keim der Chance in sich, des Wandels und der Neuausrichtung.<\/p>\n<p>Fulbert Steffensky formulierte stattdessen: \u00abWir sind auf dem Weg\u00bb. Es ist nicht alles perfekt. Es war nie alles perfekt. Es wird es auch nie sein. \u00abAber wenigstens sind wir auf dem Weg. Unsere Kirche war noch nie so sch\u00f6n, wie sie heute ist. Die Kirche ist kleiner geworden, \u00e4rmer, machtloser, und sie ist sch\u00f6ner geworden. Noch nie war ihre Aufmerksamkeit auf den Frieden und die gerechte Verteilung der G\u00fcter gr\u00f6sser als heute. Sie hat ihr Ansehen bei den Angesehenen verloren, und sie ist frei geworden. Sie hat nur noch einen Herrn, dem sie dient.\u00bb<\/p>\n<p>Kirche ist auf dem Weg. Es gibt weniger Menschen, weniger Mitarbeitende, weniger Geld, weniger Einfluss. Das ist wahr. Aber vielleicht ist gerade das die M\u00f6glichkeit, zu ihrer eigentlichen Gestalt zur\u00fcckzufinden. Zu einer Kirche, die frei ist. Die nicht mehr gefallen muss. Die niemandem was beweisen muss. Die nur noch einen Herrn hat, dem sie dient.<\/p>\n<p>Jesus sagt: \u00abGeht und verk\u00fcndet: das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Auss\u00e4tzige rein, treibt D\u00e4monen aus!\u00bb<\/p>\n<p>Geht! Dient! Heilt! H\u00f6rt den Menschen zu. Habt Mitleid. Und habt Vertrauen zu Gott. Sagt den Menschen: Gott ist euch nahe. Das Reich Gottes beginnt mitten unter euch.<\/p>\n<p>Wenn die Kirche kleiner wird, wird sie nicht bedeutungslos. Wenn sie \u00e4rmer wird, wird sie nicht \u00e4rmlich. Wenn sie ihre Krone verliert, kann sie endlich dienen. Und wenn Laien predigen, kann Gottes Geist neue Wege gehen. Die Erfahrung in unserer lutherischen Gemeinde hier in Z\u00fcrich zeigt \u00fcber die Jahre hinweg, welche wunderbare Erg\u00e4nzung unsere Pr\u00e4dikanten f\u00fcr das Pfarramt sind.<\/p>\n<p>&#8222;Man kann in dem Haus unseres Glaubens nur leben, wenn man sieht, wie sch\u00f6n es schon ist. Leichte \u00dcbertreibungen sind beim Lob dieses Hauses gestattet und erw\u00fcnscht!&#8220; sagte Steffensky.<\/p>\n<p>Ja, unsere Kirche ist sch\u00f6n. Gerade jetzt. Weil sie nicht mehr gro\u00df sein muss. Weil sie frei ist, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Auf Christus. Auf die Menschen. Auf das Evangelium.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Der Gott der Hoffnung aber erf\u00fclle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfarrerin Marion Werner<br \/>\nZ\u00fcrich<br \/>\nEmail: pfarrerin@luther-zuerich.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleiner, \u00e4rmer, freier \u2013 Kirche auf dem Weg | 5. Sonntag nach Trinitatis | 20.07.2025 | Mt 9,35-38; 10,1; 10,5-10| Marion Werner | Gnade sei mit euch und Frieden, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. 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