{"id":25305,"date":"2025-07-24T10:20:05","date_gmt":"2025-07-24T08:20:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25305"},"modified":"2025-07-24T10:20:05","modified_gmt":"2025-07-24T08:20:05","slug":"glauben-und-bekennen-in-den-weltreligionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/glauben-und-bekennen-in-den-weltreligionen\/","title":{"rendered":"Glauben und Bekennen in den Weltreligionen?"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Predigt in der Sommer-Predigtreihe zum Thema CREDO in der Marktkirche Goslar (27. Juli 2025)<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201eGlauben und Bekennen in den Weltreligionen?\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die T\u00fcrme der Markkirche<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-25306\" src=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Unbenannt-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Unbenannt-216x300.jpg 216w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Unbenannt.jpg 363w\" sizes=\"auto, (max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(Bild von Renate Schmid, Goslar)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eGlauben und Bekennen in den Weltreligionen?\u201c \u2013 Welche Herausforderung f\u00fcr eine Predigt?! Deshalb auch das Fragezeichen hinter dem Titel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich beginne mit einem Erlebnis. Im Oktober 1980 waren wir zu einer Studienreise in Indien unterwegs, zusammen mit meinem religionsp\u00e4dagogischen Kollegen Hans Grothaus und einer Gruppe von Studierenden aus Flensburg. Als wir in Benares im Morgenlicht eine Bootsfahrt auf dem Ganges gemacht hatten, das rituelle Bad der Pilger gesehen, den Klang der Tempelglocken geh\u00f6rt, den s\u00fc\u00dflichen Rauch der Scheiterhaufen gerochen, den Rhythmus des Lebens und Sterbens am heiligen Wasser wahrgenommen hatten, fragte mich der katholische Inder, der uns f\u00fchrte, mit welchen Zielen wir nach Indien gekommen seien. Ich z\u00e4hlte unsere \u201eLernziele\u201c auf: Kennenlernen des Hinduismus, Begegnung mit Christen in Indien, Besichtigung von Entwicklungsprojekten. Er zog die Augenbrauen hoch: \u201eHaben Sie vor, mit einem Becher einen Ozean auszutrinken?\u201c Das Bild vom Becher und vom Ozean begleitete mich k\u00fcnftig auf den Wegen des Erkundens und des Staunens \u00fcber die Vielfalt und Unendlichkeit der \u00f6stlichen Religiosit\u00e4t, wobei ich manchmal denke, dass auch der Becher wenigstens den Geschmack vom Ozean geben kann. Ich m\u00f6chte Sie heute ein wenig mit mir aus diesem Becher trinken lassen. Dazu greife ich nicht nur auf zentrale \u00dcberzeugungen in den verschiedenen Religionen zur\u00fcck, sondern erz\u00e4hle von Menschen, die diese \u00dcberzeugungen geteilt haben, mit ihnen gelebt haben und verantwortlich nach ihnen gehandelt haben. Ich m\u00f6chte heute nicht entfalten, wie religi\u00f6se Motive ausgenutzt werden k\u00f6nnen, um Abgrenzungen, Verurteilungen und Unterdr\u00fcckungen anderer, ja sogar Kriege zu rechtfertigen. Das k\u00f6nnte ich auch \u2013 mit Blick auf evangelikale Trump-Unterst\u00fctzer, russisch-orthodoxe Putin-Verehrer, die Ideologie von j\u00fcdischen Siedlern mit ihren Angriffen auf die Westbank, das betonharte islamische Regime im Iran, Buddhisten in Myanmar, die Muslime verfolgen, und Hindu-Nationalisten in Indien. Aber es gibt auch das Gegenteil \u2013 viel breiter und viel st\u00e4rker, als den meisten von uns im Bewusstsein ist. Ich suche nach Spuren eines Glaubens, der aus den spirituellen Wurzeln, die in jeder Religion ganz spezifisch sind, Kraft sch\u00f6pft f\u00fcr ein verantwortliches Leben. \u201eRELIGION MACHT FRIEDEN\u201c, so hei\u00dft ein spannendes Buch von Markus Weingardt<a href=\"applewebdata:\/\/E44C6676-62EE-444C-BD34-6F8350B05F9A#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \u00fcber religi\u00f6se und interreligi\u00f6se Friedensstifter. Ich erz\u00e4hle von Pers\u00f6nlichkeiten, die mir begegnet sind, einige in B\u00fcchern, sehr viele pers\u00f6nlich bei unseren N\u00fcrnberger Foren zur Kulturbegegnung, auf Reisen, bei Konferenzen. Menschen, die auf der Aufbruchslinie ihrer Gemeinschaften stehen, die nicht nur die Vision einer heilvollen Zukunft haben, sondern daf\u00fcr leben, sie jetzt schon wirklich werden zu lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich beginne mit dem <strong>Hinduismus<\/strong>, der wohl \u00e4ltesten der Weltreligionen. Sanatana Dharma \u2013 \u201eewige Ordnung\u201c, \u201eewige Religion\u201c ist die Bezeichnung, die Hindus selbst f\u00fcr ihre Religion verwenden. Darauf k\u00f6nnen sich die oft ganz verschiedenen Richtungen des Hinduismus in ihrer unendlichen Vielfalt beziehen: eine Ordnung, die alles Leben bestimmt und an die sich alle halten sollen, unabh\u00e4ngig davon, in welcher Klasse oder Kaste sie sind. Mahatma Gandhi hat von den damit verbundenen Werten her gelebt und gehandelt, besonders im Blick auf Wahrheit, Gewaltlosigkeit und selbstkontrollierten Lebenswandel. 5 Vors\u00e4tze f\u00fcr jeden Tag hat er sich vorgenommen, unver\u00e4ndert herausfordernd bis heute: 1) Ich will bei der Wahrheit bleiben. 2) Ich will mich keiner Ungerechtigkeit beugen. 3) Ich will frei sein von Furcht. 4) Ich will keine Gewalt anwenden. 5) Ich will in jedem zuerst das Gute sehen. Mir steht eine Freundin vor Augen, die ich in Indien habe: Vinu Aram, die als \u00c4rztin den Shanti Ashram leitet, den \u201eFriedens\u201c-Ashram, eine von geistlichen Werten getragene Gemeinschaft, die eine beispielhafte medizinische, Bildungs- und Umweltarbeit leistet in einer der besonders armen Regionen in Indien. Sarvodaya \u2013 \u201eWohlfahrt f\u00fcr alle\u201c \u2013 ist das Prinzip, das sie von Gandhi \u00fcbernommen hat. An der Universit\u00e4t Harvard ausgebildet, ist sie trotz bester Karriere-Aussichten dort in den Ashram zur\u00fcckgekehrt, den ihre Eltern aufgebaut haben und mit dem sie 250.000 Menschen in der Region erreicht, darunter 70.000 Kinder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir weitergehen zum <strong>Buddhismus<\/strong>, der seine Urspr\u00fcnge ja auch in Indien hat, dann k\u00f6nnen wir auf das Bekenntnis der Deutschen Buddhistischen Union zur\u00fcckgreifen, auf das sich die verschiedenen buddhistischen Gruppen in Deutschland geeinigt haben<a href=\"applewebdata:\/\/E44C6676-62EE-444C-BD34-6F8350B05F9A#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>: \u201eICH BEKENNE MICH ZUM\u00a0<a href=\"https:\/\/drikung.de\/glossar\/buddha-2\/\">BUDDHA<\/a>, meinem un\u00fcbertroffenen Lehrer. Er hat die Vollkommenheiten verwirklicht und ist aus eigener Kraft den Weg zur Befreiung und\u00a0<a href=\"https:\/\/drikung.de\/glossar\/erleuchtung-2\/\">Erleuchtung<\/a>\u00a0gegangen. Aus dieser Erfahrung hat er die Lehre dargelegt, damit auch wir endg\u00fcltig frei von Leid werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ICH BEKENNE MICH ZUM\u00a0<a href=\"https:\/\/drikung.de\/glossar\/dharma\/\">DHARMA<\/a>, der\u00a0<a href=\"https:\/\/drikung.de\/glossar\/lehre-des-buddha\/\">Lehre des Buddha<\/a>. Sie ist klar, zeitlos und l\u00e4dt alle ein, sie zu pr\u00fcfen, sie anzuwenden und zu verwirklichen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ICH BEKENNE MICH ZUM\u00a0<a href=\"https:\/\/drikung.de\/glossar\/sangha-2\/\">SANGHA<\/a>, der Gemeinschaft derer, die den Weg des\u00a0<a href=\"https:\/\/drikung.de\/glossar\/buddha-2\/\">Buddha<\/a>\u00a0gehen und die verschiedenen Stufen der inneren Erfahrung und des Erwachens verwirklichen \u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Uns steht sicher der Dalai Lama vor Augen, der am 6. Juli seinen 90. Geburtstag feiern konnte. Die Lehre des Buddha hat ihn zum globalen Friedensboten werden lassen. Aus der Erkenntnis des Buddha, dass alles, was lebt und existiert, verg\u00e4nglich und vom Leiden betroffen ist, hat er das Mitgef\u00fchl f\u00fcr alles Lebende und Leidende entwickelt. Das Freiwerden vom Egoismus, von Gier wie von Hass, ist dazu notwendig. Einmal bin ich ihm pers\u00f6nlich begegnet. Er ging auf mich zu, und da ich mein Kollar-Hemd anhatte, wies er auf mich und sagte: \u201eMonk\u201c = M\u00f6nch. Und wies dann auf sich selbst und sagte: \u201eMonk\u201c. Er meinte: Wir beide sind Geistliche. Zwei seiner Freunde und Mitstreiter habe ich pers\u00f6nlich kennengelernt: A.T. Ariyaratne, den man den Gandhi Sri Lankas nennt. Er hat wie Vinu Aram eine Sarvodaya-Bewegung ins Leben gerufen: Wohlfahrt f\u00fcr alle! Mit ihr ist er in 15.000 D\u00f6rfern der Insel pr\u00e4sent: Achtsamkeit f\u00fcr alles Lebende und Existierende ist sein Motto. Bildungsarbeit, Frauenarbeit, \u00f6kologisches Wirtschaften wird in diesen D\u00f6rfern praktiziert. Der Zweite ist Sulak Sivaraksa, f\u00fchrender Buddhist in Thailand, der die Bewegung des \u201eengaged Buddhism\u201c ins Leben gerufen hat, des \u201eengagierten Buddhismus\u201c. Sivaraksa versteht sie als Gegenbewegung gegen die allgegenw\u00e4rtige Religion des ungebremsten Verbrauchs und der Naturausbeutung. Eine Versammlung der Armen hat er zusammengerufen, ein \u201eParlament der Armen\u201c wird sie genannt. Wegen seiner Regierungskritik ist er mehrfach im Gef\u00e4ngnis gewesen. Aber er hat auch den Alternativen Nobelpreis erhalten. Kraft sch\u00f6pfen Ariyaratne und Sivaraksa aus der Meditation, dem regelm\u00e4\u00dfigen Ein\u00fcben der Selbstlosigkeit und der Achtsamkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich jetzt auf Judentum, Christentum und Islam zu sprechen komme, treten wir gleichsam in eine andere Religionswelt ein: mit dem Glauben an den einen Gott, den Sch\u00f6pfer und Erhalter, den Richter und Retter: den Monotheismus. Und doch gibt es auch viel Verbindendes mit den Werten von Hinduismus und Buddhismus, vor allem, was das Wissen um die Verbundenheit mit allem Lebenden und Existierenden angeht und ebenso um die ethischen Gebote. Das hat vor allem Hans K\u00fcng herausgearbeitet mit seinem Projekt Weltethos.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis des <strong>Judentums<\/strong> gibt es einen zentralen Text, der im 5. Buch Mose, dem Deuteronomium, steht: \u00bbH\u00f6re, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. \u2026Und wenn der HERR, dein Gott, dich in das Land f\u00fchrt, von dem du wei\u00dft: er hat deinen V\u00e4tern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es dir zu geben &#8230;: nimm dich in Acht, dass du nicht den Herrn vergisst, der dich aus \u00c4gypten, dem Sklavenhaus, gef\u00fchrt hat.\u00ab (5 Mose\/Dtn 6,4ff.)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Abschnitt f\u00fchrt in die Mitte des Judentums hinein: in die tiefe Verbundenheit mit Gott, die Liebe zu ihm, die sich auch in vielen Br\u00e4uchen und Riten ausdr\u00fcckt. Die Worte weisen auch auf die Verhei\u00dfung des Landes, die auf Gottes Versprechen an Abraham, Isaak und Jakob zur\u00fcckgef\u00fchrt wird. Und sie erinnern an die Anfangsgeschichte Israels, die als Befreiungsgeschichte aus der Sklaverei erfahren wurde. Sie ist die Grundlage f\u00fcr die 10 Gebote, die f\u00fcr das Christentum und den Islam ebenso gelten. Zusammengefasst sind sie in dem Doppelgebot der Liebe zu Gott und der Liebe zum N\u00e4chsten, wie Jesus es dann auch wiedergibt. Besonders hervorgehoben wird im Judentum die Aufnahme von Fremden im eigenen Land: Fremde sollen im eigenen Land wohnen wie Einheimische. Damit wird daran erinnert, dass Israel ja selbst ein Fremdling in \u00c4gypten gewesen ist. Pers\u00f6nlich denke ich dabei an das Schicksal von Arno Hamburger, der in den 1920-er Jahren als j\u00fcdischer Junge in N\u00fcrnberg aufwuchs, dann mit dem letzten Kindertransport vor dem 2. Weltkrieg nach England kam, nach Pal\u00e4stina auswanderte und Soldat in der britischen Armee wurde. Als er nach Ende des Krieges nach N\u00fcrnberg trampte, fand er seine Eltern \u2013 lebend \u2013 versteckt in der Leichenhalle des j\u00fcdischen Friedhofs! Er wirkte danach als \u00dcbersetzer bei den Prozessen gegen die Nazi-\u00c4rzte, \u00fcbernahm die Firma seines Vaters und baute die Israelitische Kultusgemeinde neu auf. Dazu geh\u00f6rt eine sch\u00f6ne Synagoge, ein Altenheim, das in N\u00fcrnberg als vorbildlich gilt, und seit kurzem eine Kita, die auch nichtj\u00fcdische Kinder aufnimmt.\u00a0 Als Arno Hamburger nach dem dem Terror des 11. September 2001 im Rahmen unserer N\u00fcrnberger Gruppe der Religionen f\u00fcr den Frieden an einer Gebetsstunde teilnahm, die wir in einer Moschee halten konnten, trug er die Worte des Propheten Jesaja von den Schwertern vor, die zu Pflugscharen umgeschmiedet werden sollen. Es war ein bewegendes Zeichen gegen allen religi\u00f6sen Extremismus. Gegenw\u00e4rtig bedr\u00fcckt uns, dass die ultra-religi\u00f6sen Hardliner in der Netanjahu-Regierung so viel Einfluss auf die Expansionsgel\u00fcste der Siedler haben, die die Westbank terrorisieren. Es kommt da zu regelrechten Zerst\u00f6rungen und Vertreibungen. Ich bekomme aber regelm\u00e4\u00dfig die Nachrichten von Rabbis for Human Rights, den Rabbis f\u00fcr Menschenrechte, die auf die Westbank fahren, um den pal\u00e4stinensischen Bauern beim Pflanzen und Ernten zu helfen und sie gegen die Siedler zu sch\u00fctzen. Sie handeln damit in Treue zu dem Grundbekenntnis j\u00fcdischen Glaubens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir uns jetzt dem <strong>christlichen Glauben<\/strong> zuwenden, dann bezieht sich unser Bekenntnis zentral auf den Juden Jesus von Nazareth. Was er f\u00fcr uns bedeutet, haben wir vorhin in dem neuen Glaubensbekenntnis ausgedr\u00fcckt. In Jesus begegnet uns gleichsam das Gesicht Gottes, Gottes Gegenwart unter uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWir glauben an Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Bruder.<br \/>\nEr weist uns den Weg mit seinen Worten und Taten. Er zeigt uns dich als unseren Vater mit deiner Liebe und Barmherzigkeit. Er steht uns bei. Er leidet unser Leid mit, und er stirbt mit uns unseren Tod. Er \u00fcberwindet den Tod und f\u00fchrt uns aus dem Tod ins Leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass Gott in Jesus mit uns unseren Weg als Menschen geht, ist das Besondere, das Spezifische des christlichen Glaubens. Was das f\u00fcr uns, in unserem Leben bedeuten kann, hat Dietrich Bonhoeffer in seinen Gebeten f\u00fcr Mitgefangene zum Ausdruck gebracht. Er redet Jesus direkt an: \u201eHerr Jesus Christus, Du warst arm und elend, gefangen und verlassen wie ich. Du kennst alle Not der Menschen. Du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht. Du vergisst mich nicht und suchst mich. Du willst, dass ich dich erkenne und mich zu Dir kehre. Herr, ich h\u00f6re Deinen Ruf und folge, hilf mir!\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/E44C6676-62EE-444C-BD34-6F8350B05F9A#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich m\u00f6chte dazu von einem katholischen Freund unserer Familie erz\u00e4hlen, der diesen Ruf ernst genommen hat. Guiseppe Frizzi hei\u00dft er, Peppino nennen wir ihn. Er stammt aus einer kinderreichen italienischen Familie. Als junger begabter Priester kam er zu uns nach M\u00fcnster und nahm an unserem Tanzkreis teil, weil er f\u00fcr seine sp\u00e4tere Jugendarbeit gerne Volkst\u00e4nze gestalten wollte. Er schrieb eine Doktorarbeit im Neuen Testament. Danach arbeitete er in einem Armensiedlung in Lissabon \u2013 mit Kindern und Jugendlichen, mit denen er auch Volkst\u00e4nze \u00fcbte und sogar einen Preis beim Stadtwettbewerb gewann. Er lernte gr\u00fcndlich Portugie\u00adsisch, um dann in Mozambique in Afrika Dienst zu tun. Er ging dorthin, obwohl in dem Land B\u00fcrger\u00adkrieg herrschte. Aber Peppino lie\u00df sich nicht beirren und reiste aus nach Mozambique. Er lebte und lebt dort bis heute unter einfachsten Verh\u00e4ltnissen mit den Menschen zusammen, auch in der Zeit des B\u00fcrgerkrieges. L\u00e4ngere Zeit musste er im Hausarrest verbringen, bis sich die Lage wieder besserte. Einmal im Jahr wenigstens ist immer ein Brief zu uns gekommen; und jeder Brief endete mit den Worten &#8222;Amen, Alleluja&#8220;. Er lernte die einheimische Sprache und Kultur intensiv mit den Menschen dort, und er \u00fcbersetzte das Neue Testament in Macau-Xirima, die Sprache der Menschen dort &#8211;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Wirken im Stillen, in viel Tr\u00fcbnis, aber erf\u00fcllt vom Geist Jesu \u2013 nicht zur Ehre vor den Men\u00adschen, sondern als ein Same, der dort Frucht bringt, wo die Liebe Gottes ganz besonders gebraucht wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im <strong>Islam<\/strong> schlie\u00dflich gibt es ein kurzes, klares Bekenntnis. \u201eIch bekenne: Es gibt keinen Gott au\u00dfer Gott. Muhammad ist der Gesandte Gottes.\u201c Wer es \u00f6ffentlich vor Zeugen ausspricht, ist damit Muslim. \u00bbIslam\u00ab hei\u00dft \u00bbHingabe an den Willen Gottes\u00ab, und \u00bbMuslim\u00ab ist der in den Willen Gottes Ergebene. Dem dient das ganze \u00bbtheologische\u00ab Nachdenken im Islam, vor allem aber die Anleitung zu einer frommen und ethisch verantwortlichen Lebenspraxis in der gro\u00dfen, weltweiten muslimischen Gemeinde, der Umma. Die zentrale Quelle hierf\u00fcr ist der Koran, das auf Mohammed herabgesandte, unverf\u00e4lschte Wort Gottes. Es wird g\u00fcltig interpretiert durch das Lebensbeispiel des Propheten Mohammed, aufbewahrt in den Hadithen, den \u00dcberlieferungen \u00fcber sein Reden und Verhalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr das Leben als frommer Muslim, f\u00fcr seinen Glauben wie f\u00fcr sein Verhalten, sind dabei die 5 Hautpflichten, man nennt sie auch die \u201e5 S\u00e4ulen\u201c, ma\u00dfgeblich: 1) das Bekenntnis, 2) das f\u00fcnfmalige t\u00e4gliche Gebet, 3) das Fasten im Monat Ramadan 4) das Almosen: eine Art Armensteuer, bei der wenigstens zweieinhalb Prozent der Eink\u00fcnfte bzw. des Besitzes aller Verm\u00f6genden den Armen zugute kommen sollen, 5) die Wallfahrt nach Mekka, die alle, die Mittel und Zeit dazu aufbringen k\u00f6nnen, wenigstens einmal im Leben unternehmen sollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein besonderes Kennzeichen dieser religi\u00f6sen Pflichten ist, dass es sich jeweils um \u00f6ffentliche, gemeinschaftliche Bekenntnishandlungen handelt. Das Bewusstsein, dass sie f\u00fcr die gesamte weltweite Gemeinschaft der Muslime gelten und \u00fcberall nach den gleichen Grundregeln durchgef\u00fchrt werden, verleiht ein besonderes Gef\u00fchl der Verbundenheit miteinander in der Hinwendung zu Gott, aber auch einer solidarischen und sozialen Zusammengeh\u00f6rigkeit. Ihre Einfachheit und Klarheit wird als Geschenk der Barmherzigkeit Gottes verstanden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da der Islam in seiner Geschichte in vielen L\u00e4ndern die Grundlage des Gesellschaftssystems gewesen ist, ist verst\u00e4ndlich, dass es Muslimen in einer s\u00e4kularen, pluralen Gesellschaft wie bei uns h\u00e4ufig nicht leicht ist, ihren Weg zwischen Tradition, herk\u00f6mmlichen Lebensformen und einer modernen Interpretation des Koran und der Glaubensgrunds\u00e4tze zu finden. Ein Hoffnungszeichen bei uns ist, dass es in Deutschland inzwischen an mehr als 10 Universit\u00e4ten islamische Abteilungen gibt, mit Professorinnen und Professoren, die ich fast alle pers\u00f6nlich kenne und die durchweg ein offenes, dialogisches Verst\u00e4ndnis des Islam vertreten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch hier m\u00f6chte ich von einer Freundin erz\u00e4hlen, die Wegbereiterin eines zeitgem\u00e4\u00dfen Islam und einer islamischen Religionsp\u00e4dagogik gewesen ist. Schon in den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sie erste Lehrplanentw\u00fcrfe f\u00fcr islamischen Religionsunterricht in Deutschland beraten. Beyza Bilgin war Professorin und stellvertretende Dekanin an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Ankara. Sie hat ihre Doktorarbeit \u00fcber das Thema \u201eDie Prinzip der Liebe als Grundlage der Erziehung im Islam\u201c geschrieben. Beyza Bilgin \u2013 sie ist leider im vergangenen Jahr verstorben \u2013 war der \u00dcberzeugung, dass die Liebe notwendig zum Glauben geh\u00f6rt, und dass, wer von der Liebe Gottes wei\u00df, darum auch die anderen Menschen lieben wird. Das betrifft zentral den Umgang mit Kindern: Ihnen zugewandt sein, ihnen zu vermitteln, dass sie angenommen und geliebt sind, ihre Fragen ernst nehmen und mit ihnen Lernende zu sein, das war f\u00fcr sie nicht nur die Leitidee der religi\u00f6sen Erziehung, sondern ge\u00fcbte Praxis. \u00dcber viele Jahre war sie in der T\u00fcrkei eine beliebte Erz\u00e4hlerin im Rundfunk: \u201eBeyza teyzeden hikajeler\u201c hie\u00df die Sendereihe \u2013 \u201eGeschichten von Tante Beyza\u201c! 7 Mal war sie bei unseren N\u00fcrnberger Foren zur Kulturbegegnung. Sie hat f\u00fcr ihre Arbeit als Br\u00fcckenbauerin zwischen Christentum und Islam das Bundesverdienstkreuz erhalten und vom t\u00fcrkischen Journalistenverband einen Preis als die \u201eFrau mit dem mutigen Herzen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit schlie\u00dfe ich meinen kurzen Weg durch die Religionen. Auch wenn es nur der Becher ist, der etwas von dem Ozean der Religionen schmecken l\u00e4sst, werden Sie wie auch ich einen Eindruck davon haben, dass es weltweit eine Gemeinde von Menschen guten Willens gibt, die auf der Basis ihres Glaubens und Bekennens Sonnenstrahlen in eine oft so zerrissene, bedr\u00e4ngende und von Not und \u00c4ngsten umgebene Gegenwart senden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als unser Denken und Verstehen, erf\u00fclle unsere Herzen und Sinne jetzt und zu aller Zeit. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes.laehnemann@\">johannes.laehnemann@<\/a>gmail.com<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied der internationalen Kommission <em>Interreligious Education <\/em>der Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP) und Leiter der Arbeitsgruppe Interreligi\u00f6se Bildung-Friedensp\u00e4dagogik bei <em>Religionen f\u00fcr den Frieden Deutschland.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird in der Marktkirche, der zentralen (gotischen) Kirche in Goslar, gehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen: EG 450: Morgenglanz der Ewigkeit; EG 607: Vertrauen wagen; EG 612: Herr, gib mir Mut zum Br\u00fccken bauen! Kanon EG 172: Sende dein Licht und deine Wahrheit<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/E44C6676-62EE-444C-BD34-6F8350B05F9A#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> M. Weingardt: RELIGION MACHT FRIEDEN: Stuttgart 2007.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/E44C6676-62EE-444C-BD34-6F8350B05F9A#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> buddhismus-deutschland.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/E44C6676-62EE-444C-BD34-6F8350B05F9A#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> D. Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Tb.-Ausgabe. M\u00fcnchen 1964, S. 74<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt in der Sommer-Predigtreihe zum Thema CREDO in der Marktkirche Goslar (27. Juli 2025) \u201eGlauben und Bekennen in den Weltreligionen?\u201c Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus Die T\u00fcrme der Markkirche (Bild von Renate Schmid, Goslar) Liebe Gemeinde! \u201eGlauben und Bekennen in den Weltreligionen?\u201c \u2013 Welche Herausforderung f\u00fcr eine Predigt?! Deshalb auch das Fragezeichen hinter dem Titel. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,157,853,114,225,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-25305","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelle","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-johannes-laehnemann","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25305"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25305\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25307,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25305\/revisions\/25307"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25305"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=25305"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=25305"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=25305"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=25305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}