{"id":2532,"date":"2020-04-10T23:36:22","date_gmt":"2020-04-10T21:36:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2532"},"modified":"2020-04-11T13:19:00","modified_gmt":"2020-04-11T11:19:00","slug":"der-fremde-jesus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-fremde-jesus\/","title":{"rendered":"Der fremde Jesus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Lukas 24,13-35 | verfasst von Rudolf Rengstorf |<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>Ostern braucht Zeit. So sehr es unserer Zeit entspricht, alles gleich und alles auf einmal zu bekommen. Mit Ostern geht das nicht. Gewiss, die Osterbotschaft ist uns l\u00e4ngst bekannt und kann immer ganz schnell vergegenw\u00e4rtigt werden mit dem Ruf: \u201eDer Herr ist auferstanden!\u201c und der bekr\u00e4ftigenden Antwort: \u201eEr ist wahrhaftig auferstanden!\u201c Aber das steht &#8211; mag es auch noch so oft wiederholt werden &#8211; quer zu dem, was wir gewohnt sind und fassen k\u00f6nnen. Wir kennen das Leben nur als die Spanne zwischen Geburt und Tod. Dass das so nicht mehr gelten soll, dass Jesus&nbsp; davon befreit wurde, das hat bei den Frauen damals am Ostermorgen Verwirrung und Erschrecken ausgel\u00f6st. Und immer noch st\u00f6\u00dft die Osterbotschaft auf Unverst\u00e4ndnis und l\u00f6st Verlegenheit aus. Wenn sich das \u00e4ndern soll, wenn aus Verwirrung und Zweifel Osterfreude werden soll, dann muss der Auferstandene schon selbst aktiv werden und seinen verunsicherten Leuten nachgehen. Und daf\u00fcr muss er sich die Zeit nehmen, die sie brauchen, um das auch wahrnehmen und fassen zu k\u00f6nnen, dass weder die Todesgrenze, noch der garstig breite Graben der Geschichte von 2000 Jahren uns von ihm trennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und weil er sich diese Zeit tats\u00e4chlich nimmt, gibt es in den Evangelien eine F\u00fclle von Ostergeschichten. Beim Karfreitag, der Geschichte der Kreuzigung Jesu, ist das anders: &nbsp;Da sind die vier Evangelien so nah und geschlossen beieinander wie sonst nie. In ihren Ostergeschichten aber gehen sie ganz unbek\u00fcmmert eigene Wege. Weil Jesus seinen Leuten auf immer neue Weise nachgeht bis heute.<\/p>\n<p>Das wird sehr sch\u00f6n anschaulich in der Geschichte von den Emmausj\u00fcngern.<\/p>\n<p><em>&nbsp;Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. &nbsp;Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. &nbsp;Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;Er sprach aber zu ihnen: Was sind das f\u00fcr Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht wei\u00df, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, m\u00e4chtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk;&nbsp;wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe \u00fcberantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erl\u00f6sen werde. Und \u00fcber das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. &nbsp;Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind fr\u00fch bei dem Grab gewesen, &nbsp;haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.&nbsp;Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden&#8217;s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu tr\u00e4gen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! &nbsp;Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? &nbsp;Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. &nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. &nbsp;Und sie n\u00f6tigten ihn und sie sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. &nbsp;Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch sa\u00df, nahm er das Brot, dankte, brach&#8217;s und gab&#8217;s ihnen. Da wurden ihre Augen ge\u00f6ffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. &nbsp;Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift \u00f6ffnete? <\/em><\/p>\n<p><em>Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zur\u00fcck nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; &nbsp;die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. &nbsp;Und sie erz\u00e4hlten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.(Lukas 24,13-35)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck an den Anfang:<\/p>\n<p>Die beiden sind auf dem Weg zur\u00fcck. Sie haben Jerusalem hinter sich gelassen. Die Stadt, in die sie voller Erwartung und unter Hosianna-Rufen eingezogen waren, in der Gewissheit: Jetzt wird Jesus das Friedensreich aufrichten, in dem das von den R\u00f6mern blutig unterdr\u00fcckte Volk wieder ganz und heil wird und auch die kleinen Leute zu Ehren kommen. Doch in nur wenigen Tagen hatte sich das alles als Illusion erwiesen. Die R\u00f6mer hatten gezeigt, wer Herr im Hause ist, &nbsp;und mit Jesus hatte man wie mit einem Rebellen kurzen Prozess gemacht. Jetzt also geht es zur\u00fcck auf dem langen Weg nach Galil\u00e4a, zur\u00fcck in das Leben, das sie um Jesu willen aufgegeben hatten. Ein schwerer Weg, denn sie konnten sich ausmalen, wie die Familie und das Dorf daheim sie empfangen w\u00fcrden: \u201eNa, da seid ihr ja wieder. Endlich ist wohl bei euch der Groschen gefallen, dass ihr einem Traumt\u00e4nzer nachgelaufen seid. Wir haben es ja gleich&#8230;\u201c Aber da mussten sie jetzt durch.<\/p>\n<p>Die anderen, vor allem die Frauen, waren noch in Jerusalem geblieben, wollten es noch nicht wahrhaben und versuchten nun, sich mit weiteren Illusionen \u00fcber die trostlose Realit\u00e4t hinwegzuretten. Engelserscheinungen wollten sie am Grab gesehen haben, und als einige der M\u00e4nner nachschauten, hatten sie das Grab tats\u00e4chlich leergefunden. Aber ihn sahen sie nicht. Damit hatte Ostern f\u00fcr die beiden sein Bewenden. All das erz\u00e4hlten sie einem Fremden, der sich auf dem Wege zu ihnen gesellt und sich interessiert gezeigt hatte an dem, was sie besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Einem Fremden waren sie begegnet. Und das passt nun gar nicht zu den Theorien, mit denen die Ostererscheinungen von Psychologen erkl\u00e4rt werden. Denen zufolge geht es bei diesen Geschichten um Visionen, die aus Trauer und Entt\u00e4uschung der J\u00fcnger Jesu entstanden sind. Weil sie sich mit dem Tod ihres Meisters nicht abfinden konnten, h\u00e4tten sie ihn in ihrer Phantasie wieder ins Leben geholt und sich &#8211; im wahrsten Sinn des Wortes &#8211; seine Gegenwart ein-gebildet. Doch diese Erkl\u00e4rung passt auch nicht im entferntesten zu den Ostergeschichten. Nicht wie sie ihn kannten und ihn zur\u00fccksehnten, also gerade nicht in der Gestalt eines wiederbelebten Toten ist Jesus seinen Leuten erschienen. Zun\u00e4chst ist er fremd, wird er eben nicht erkannt. Die Psychologie in Ehren, aber in den Ostergeschichten kommt man mit ihr nicht weiter.<\/p>\n<p>Behutsam und unauff\u00e4llig tritt der Auferstandene in das Leben seiner Leute. Auch in unser Leben, h\u00f6rt zu, wenn wir mit den beiden traurig sind \u00fcber eine Welt, aus der er verschwunden zu sein scheint, h\u00f6rt zu, wenn wir mit ihnen klagen: &#8222;Wir aber hofften, er sei es, der uns erl\u00f6sen w\u00fcrde.&#8220; Aber nun sieh sie dir doch an &#8211; die Welt, die Menschen, die Kirche, die Christen. Da sollen sie von ihren Balkons singen: &#8222;Christ ist erstanden, des solln wir alle froh sein&#8220;, aber gleichzeitig m\u00fcssen wir uns abschirmen und verstecken vor einem \u00fcberall lauernden Kranheit und Tod bringenden Virus. &nbsp;Da triumphiert ein anderes Osterlied: &#8222;O Tod,. wo ist dein Stachel nun?&#8220; Aber die Angst um unser und das unserer Lieben Leben setzt uns von allen Seiten zu.<\/p>\n<p>Und Jesus? Er&nbsp; emp\u00f6rt sich nicht \u00fcber die beiden und \u00fcber uns, die es alles doch viel besser wissen und auch machen m\u00fcssten. Wann h\u00e4tte Jesus seinen Leuten denn einen Rosengarten versprochen, wann und wo h\u00e4tte er gesagt: Wer an mich glaubt, der wird unbeschadet leben? Nein, der nehme sein Kreuz auf sich, hat er gesagt. Und dabei bleibt der Auferstandene. So geduldig, wie er dem Thomas seine N\u00e4gelmale zeigt und deutlich macht, dass er das Kreuz nicht hinter sich sondern an sich hat, ebenso geduldig erkl\u00e4rt er den beiden, dass Erl\u00f6sung nicht an Leiden und Kreuz vorbeigeht und Auferstehung Leiden und Kreuz nicht beseitigt. Dass seine Herrlichkeit darin besteht, die Seinen aufzurichten und zu geleiten. &#8222;Ist auch dir zur Seite still und unerkannt.&#8220; Das gilt nicht nur f\u00fcr das Christkind zu Weihnachten &#8211; das gilt erst recht f\u00fcr den Auferstandenen, der seinen J\u00fcngern geduldig den Kreuzesweg nahebringt auch heute noch.<\/p>\n<p>Er bringt eine auf Leidensfreiheit, Konsum, Spa\u00df und Genuss fixierte Gesellschaft dazu, sich dem &nbsp;Leiden zu stellen, f\u00fcrsorglich&nbsp; miteinander umzugehen und phantasievoll zu werden, wie noch wirksamer geholfen werden kann. Daran zeigt sich, dass Jesus nicht im Grabe geblieben, sondern sehr lebendig unter uns ist. Und das nicht nur spirituell, sondern sehr leibhaftig, die N\u00f6te von Leib und Seele wahrnehmend.<\/p>\n<p>Und dabei bedient er sich nicht des immer schon Bekannten, sondern mutet uns die Begegnung mit Fremdem, Ungewohntem, Neuem zu, das zun\u00e4chst gar nicht nach ihm aussieht und sich dann doch als seine verh\u00fcllte Gegenwart erweist.<\/p>\n<p>Ja, und dann bricht er das Brot mit ihnen, wie er es mit uns bricht &#8211; und bis heute gehen Menschen dabei die Augen auf: danken, teilen, geben: das ist typisch Jesus, hier teilt er sich uns ganz unmittelbar mit, wie er ist. Zwar nicht so, dass wir ihn festhalten, vorzeigen, wissenschaftlich untersuchen lassen k\u00f6nnten &#8211; dazu ist er zu lebendig. Aber so, dass wir etwas mitbekommen von seinem Leben, und so, dass er uns Zeit schenkt, mitzukommen mit ihm. Amen.<\/p>\n<p>Rengstorf, Rudolf<\/p>\n<p>Superintendent i.R.<\/p>\n<p><a href=\"mailto:Rudolf.Rengstorf@online.de\">Rudolf.Rengstorf@online.de<\/a><\/p>\n<p>Insterburger Stra\u00dfe 0 \u2013 31141 Hildesheim<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 24,13-35 | verfasst von Rudolf Rengstorf | &nbsp; Liebe Leserin, lieber Leser! Ostern braucht Zeit. So sehr es unserer Zeit entspricht, alles gleich und alles auf einmal zu bekommen. Mit Ostern geht das nicht. 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