{"id":25365,"date":"2025-08-12T21:44:39","date_gmt":"2025-08-12T19:44:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25365"},"modified":"2025-08-12T21:44:53","modified_gmt":"2025-08-12T19:44:53","slug":"epheser-3-7-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epheser-3-7-14\/","title":{"rendered":"Epheser 3, 7-14"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Achtung, fertig, los! | 9. Sonntag nach Trinitatis | 17.08.2025 | Eph 3, 7-14 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bereit zum Start. Alles geben. Jetzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Achtung, fertig, los!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gut einteilen. Die trainierten Muskeln arbeiten. Mentale Fitness. Komm schon, weiter. Streck dich. Beweg dich. Noch ein bisschen mehr! Gib alles! Dort wartet der Sieg!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe in meinem Leben viele Wettk\u00e4mpfe bestritten. Nicht im Laufen, das war in meiner Sportart nur Mittel zum Zweck. Und ich kenne diesen Punkt genau:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Was zur\u00fcckliegt, vergesse ich, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt. Ich richte meinen Lauf auf das Ziel aus, um den Siegespreis zu erringen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Moment, wo du begreifst: Der Sieg ist in Reichweite. Und wo du nochmals alle Kr\u00e4fte mobilisierst, alles drangibst, schon fast in freudiger Erwartung, aber noch nicht sicher.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit diesem Moment schliesst Paulus eine bewegende Auseinandersetzung mit seiner christlichen Existenz im Philipperbrief. Auf den ersten Blick erscheint unser heutiger Predigttext etwas gehetzt, ein Gedanke dr\u00e4ngt sich an den anderen, viele Spr\u00fcnge von einem Thema zum anderen pr\u00e4gen ihn. Ich stelle mir die Situation vor: Paulus ist im Gef\u00e4ngnis. Das war er schon mehrmals, aber dieses Mal ist es ernst. Er weiss, dass er sterben wird, zum Tode verurteilt aufgrund seines Glaubens und seiner T\u00e4tigkeit in der Nachfolge Christi. Diese Not l\u00e4sst ihn nicht kalt. Er ringt mit seinen Emotionen, das lesen wir aus der Wortwahl. Was er fr\u00fcher gelebt hat, ist Dreck, wertlos. Das ist keine n\u00fcchterne, abgekl\u00e4rte Lebensbilanz, vielmehr scheinen mir die Worte w\u00fctend ausgespien. Wut, wahrscheinlich auch mit Angst dahinter. Angst um das Leben, Angst vor dem, was auf ihn zukommt, Angst auch um die Erl\u00f6sung. Paulus hat damit gerechnet, dass Christus zu seiner Lebzeit zur\u00fcckkehrt und das Gottesreich einrichtet, dass er also nicht vorher stirbt, dem irdischen Tod entgeht. Nun wird er \u2013 wie wir alle, mit seiner Endlichkeit konfrontiert, mit dem Sterben, mit dem Tod \u2013 und der Angst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal wache ich nachts pl\u00f6tzlich auf und denke, dass ich sterben muss. Nicht gerade jetzt, aber doch zuverl\u00e4ssig. Unser Dorfarzt meinte bei seinem Besuch in unserer Konfklasse zur Einleitung jeweils: Das einzig Sichere im Leben ist der Tod. Ich werde sterben. Alles, was lebt, wird vergehen. Es ist ein Gedanke, den ich tags\u00fcber recht gut aushalte, der mir sogar oft den Weg zum Lebenswerten weist. Nachts kommt die Wut: Ich wehre mich dagegen. Ich will leben! Und dahinter steckt Angst, die nackte, brutale, vereinnahmende Angst. Was geschieht dann mit mir? Gehe ich verloren? Werde ich ausgel\u00f6scht? Was ist mit meinen Liebsten? Bricht die Verbindung, die Liebe? Mitten in der Dunkelheit, mitten in dieser existentiellen Angst kann ich nichts tun ausser zu beten, nur einen Satz: Gott, ich vertrau mich dir an. Immer und immer wieder: Ich vertrau mich dir an. Bis der Atem sich beruhigt, das Herz wieder ruhig und zuverl\u00e4ssig schl\u00e4gt. Bis das Vertrauen ins Leben zur\u00fcck ist. Und auch das Vertrauen auf Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So einen Weg lese ich in den Worten von Paulus auch:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er hat alles recht gemacht, gesetzeskonform gelebt, ohne Fehl und Tadel. In der Bilanz wird ihm nun klar, wie wertlos das war, ein Dreck. Er sieht dort in der Not der Gefangenschaft im Angesicht seines bevorstehenden Todes auch, was er gewonnen hat: eine Heimat in Christus, Gerechtigkeit vor Gott. Es ist eine Gerechtigkeit, die nicht diktiert ist vom Gesetz her, sondern ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und den Menschen. Es geht um Vertrauen. Die Wut, die Angst wandeln sich. Denn was hilft gegen die Angst? Nur Vertrauen. Alles, was z\u00e4hlt, ist: von Christus ergriffen worden zu sein und zu glauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir gefallen diese Umschreibungen f\u00fcr die christliche Existenz: vertrauen, glauben, ergriffen werden. Allerdings ist ihre Passivit\u00e4t eine Herausforderung. Ich m\u00f6chte gern etwas tun, aktiv werden, es in meiner Hand haben. Mich in den Glauben fallenzulassen, mich Gottes F\u00fchrung anzuvertrauen, mich dem Tod und der Auferstehung hinzugeben, f\u00e4llt mir nicht leicht. Ich verstehe alle, die lieber auf die selbst verantwortbare Leistung einer Gesetzesbefolgung z\u00e4hlen wollen, auf das, was ich abhaken, dokumentieren, belegen kann. Das ist sicher. Hier wird Entsicherung gefordert \u2013 Vertrauen. Und doch: Im Moment der existentiellen Angst merke ich: Es gibt nur dieses Vertrauen, dieses Fallenlassen, Loslassen und daran glauben: Ich werde gehalten, aufgefangen, ergriffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus hat viel getan. Noch im Gef\u00e4ngnis denkt er an seine Gemeinden, diktiert Briefe mit Abschiedsworten, mit Ermahnungen, mit vorbildhaften Gedanken. Auch hier. Er gibt Einblick in sein Empfinden, das, was ihm wichtig und wertvoll ist, ja, seinen Glaubensweg. Auch das geh\u00f6rt f\u00fcr mich zur christlichen Existenz: der Austausch in der Gemeinschaft, miteinander, aneinander und f\u00fcreinander \u00fcber das Existentielle zu reden. Nicht im Sinne eines Wettbewerbes, wer besser glaubt, sondern im Sinne von Ermutigung zum Vertrauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus hat viel getan. Er war sehr eifrig \u2013 zuerst als Verfolger der Christen und Christinnen, danach als Verk\u00fcnder und Gemeindegr\u00fcnder im Christentum. Diesen Eifer sp\u00fcre ich auch in der letzten Passage unseres Textes, dem Bild des Wettkampfes. Ganz passiv ist das Vertrauen in der christlichen Existenz doch nicht. Da werden Ausdr\u00fccke gebraucht wie \u00abich jage ihm nach\u00bb, \u00abich strecke mich aus\u00bb, \u00abich richte meinen Lauf auf das Ziel aus\u00bb. Paulus will diesen Sieg erringen \u2013 mit dem gleichen Eifer, den er in all seinen T\u00e4tigkeiten gezeigt hat. Auch wenn der Siegespreis der Auferstehung f\u00fcr ihn wie f\u00fcr alle Verstorbenen erst nach dem Tod erreichbar wird, will er sich darauf ausrichten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir gefallen diese Verben, besonders das Ausstrecken und das Ausrichten. Im Wettkampf entscheidet oft die v\u00f6llige Hingabe, das Mentale \u00fcber den Sieg. Nat\u00fcrlich braucht es hartes Training, die n\u00f6tige k\u00f6rperliche Konstitution und auch eine herausragende Begabung zum Erfolg. Sportliche Wettk\u00e4mpfe haben ihre Faszination aber auch genau in den \u00fcberraschenden Momenten, wo der Sieg ganz anders kommt als gedacht. Und dazu braucht es eben diese innere Bewegung, das Ergriffensein. Was f\u00fcr ein Bild f\u00fcr den Glauben! Ja, auch da braucht es Ein\u00fcbung, es braucht Teilnahme und vielleicht sogar eine Grundkonstitution, um vertrauen zu k\u00f6nnen. Entscheidend sind aber das Ausstrecken und Ausrichten, die Hingabe \u2013 gerade in Momenten der Not, der Angst, der Wut. Daran festhalten, an diesem Vertrauen, an Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus hat viel getan und erl\u00f6st mich mit seinem letzten Bild gleich von allen \u00fcberh\u00f6hten Anspr\u00fcchen: Nicht dass ich es schon erlangt h\u00e4tte oder schon vollkommen w\u00e4re! Er steckt mitten im Wettlauf. Das Ziel erreicht er nicht in diesem Leben und schon gar nicht die Vollkommenheit. So gut wir uns ausrichten, so fest wir vertrauen \u00fcben, vollumf\u00e4nglich erreichen wir das Vertrauen und damit auch die totale Christuszugeh\u00f6rigkeit erst nach dem Tod und der Auferstehung. Vertrauen bleibt Vertrauen, es wird nicht zum Festhalten, zum Auf-Sicher-Haben. Im Gegenteil, es fordert mich immer wieder neu heraus, das Sichere zu verlassen, mich hinzugeben, mich auszustrecken und auszurichten auf das G\u00f6ttliche, die Kraft, die mein Leben wollte und meinen Tod als Teil davon. Und das mir \u2013 uns allen \u2013 auch nach dem Tod eine Zukunft verheissen und in Christus offenbart hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was zur\u00fcckliegt, vergesse ich und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis\/Sihltal<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achtung, fertig, los! | 9. Sonntag nach Trinitatis | 17.08.2025 | Eph 3, 7-14 | Nadja Papis | Bereit zum Start. Alles geben. Jetzt. Achtung, fertig, los! Gut einteilen. Die trainierten Muskeln arbeiten. Mentale Fitness. Komm schon, weiter. Streck dich. Beweg dich. Noch ein bisschen mehr! Gib alles! Dort wartet der Sieg! 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