{"id":25379,"date":"2025-08-19T08:34:39","date_gmt":"2025-08-19T06:34:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25379"},"modified":"2025-08-21T13:36:38","modified_gmt":"2025-08-21T11:36:38","slug":"lukas-1941-48-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1941-48-6\/","title":{"rendered":"Lukas 19,41-48"},"content":{"rendered":"<p>10.Sonntag nach Trinitatis | Lukas 19,41-48 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Eva Holmegaard Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Die Tempelreinigung<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">An einem milden und sch\u00f6nen Sp\u00e4tsommertag wirkt es ganz unpassend mit diesem ohnm\u00e4chtigen Zorn, der sich in diesem Evangelium findet. Jesus ist w\u00fctend, aber es ist der verzweifelte Zorn der Tr\u00e4nen \u00fcber all das, was er sieht, und die absurde Weise, wie die Menschheit das Leben verwaltet \u2013 absurd, wenn man bedenkt, in welch eine gro\u00dfe und sch\u00f6ne Welt uns Gott gestellt hat. Auch wenn man in Betracht zieht, welch eine relativ kurze Zeit wir hier sind und wie phantastisch das Leben gelebt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, der zornige Jesus ist eine kalte Dusche an einem sch\u00f6nen Sonntag, wo niemand w\u00fctend sein sollte. Es ist aber nicht sicher, dass es den Leuten im Gazastreifen oder im Sudan oder der Ukraine \u2013 oder an allen Orten, sogar auch im friedlichen D\u00e4nemark genauso geht, \u00fcberall wo man darum k\u00e4mpft, den Glauben und die Hoffnung zu bewahren \u2013 weil das gro\u00dfe sch\u00f6ne Leben zu einem Schlachtfeld geworden ist oder einem Kampf ums \u00dcberleben gegen die Arroganz gieriger und herzloser Menschen. An vielen Orten der Welt wartet man ungeduldig auf den Zorn und den Protest der Kirchen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir n\u00e4mlich genau hinh\u00f6ren, dann redet uns das Evangelium nie nach dem Munde oder schmeichelt uns, wenn wir es satthaben, dazusitzen im Sonnenschein und halbe H\u00e4nchen liefern, wie ein Ober, wenn wir nach ihm rufen, wie das Kaj Munk in einer scharfen Predigt gegen den Nationalsozialismus im zweiten Weltkrieg formulierte.\u00a0 Evangelium ist Widerstand gegen das, was das Leben zerst\u00f6rt. Denn da ist etwas, was richtig ist, und etwas, was falsch ist. Und das Leben ist eine ernste Sache, und deshalb ist Jesus nicht gekommen, um die gute Stimmung zu bewahren, sondern um sie zu st\u00f6ren. Wie ein Stein im Schuh. Oder wie hier auf dem Tempelplatz wie eine Mutter, die heftig nach einem Kind greift, das vor ein Auto rennt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was war es denn, was er an diesem Tage sah? Vielleicht fiel sein Blick auf die vielen emsigen Verk\u00e4ufer, die sich w\u00fcrdelos auf dem Tempelplatz stritten. Er sah, was, was f\u00fcr Menschen aus uns werden, wenn die Gier uns ergreift. Und was mit uns geschieht, wenn da nichts ist, was f\u00fcr uns heilig ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Tempelplatz solle ein Ort sein f\u00fcr Gebet und Andacht, wo sich Menschen begegnen, um mit Gott zusammen zu sein und Frieden zu finden mit sich selbst und den Mitmenschen. Aber hier ist niemand, der auf die Stimme Gottes h\u00f6rt in dem Chaos von emsigen Kaufleuten auf der Jagd nach einem guten Angebot.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal machen wir auch ein gutes Angebot auf dem Markt aus unseren Gottesdiensten, aber wir tun das mit den besten Absichten. Denn wir, die die Aufgabe haben, Menschen zum Gottesdienst zu versammeln, stehen vor den Kr\u00e4ften des Markts und der Wirklichkeit, dass die wenigsten Zeit haben, dem Wort Gottes zu begegnen und dar\u00fcber nachzudenken, was es bedeutete, dass unser Leben ein Tempel ist, in dem Gott wohnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Jesus den Tempelplatz r\u00e4umt von dem Geschrei des Marktes, sollen wir das vielleicht als eine Aufforderung h\u00f6ren, einen Platz f\u00fcr das Heilige freizumachen in unserem Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da sind drei Dinge, die einem auffallen, wenn man diesen Text h\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Das erste ist, dass Jesus sagt, dass wir nicht wissen, was unserem Frieden dient. Das zweite ist, dass er sagt, dass wir nicht unsere Gelegenheit wahrnehmen. Und das dritte sind die ber\u00fchmten Worte, die er, wie ich mir vorstelle, \u00fcber die staunende Menge rief, w\u00e4hrend er umherl\u00e4uft und sie mit gro\u00dfer Energie aus dem Tempelplatz vertreibt. Er sagt: Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus sein. Ihr aber habt es zur R\u00e4uberh\u00f6hle gemacht.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dann ist da auch ein vierter Aspekt zu beobachten, n\u00e4mlich dass Jesus weint. Er ist zornig, und er weint. Er weint \u00fcber Jerusalem, die geliebte Stadt. Er ist verzweifelt \u00fcber sein Volk. Das kann man gut verstehen, was Jerusalem betrifft. Das war damals wie heute ein Chaos und Unfriede. Eine sch\u00f6ne Stadt voller Unvers\u00f6hnlichkeit in einem Land mit Menschen, die nicht zueinander finden oder miteinander leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber wenn Jesus \u00fcber sein Volk weint, weint er \u00fcber das Leben der Menschen \u00fcberhaupt. Wir wissen nicht, was unserem Frieden dient. Diese Worte beziehen sich auf all das, was wir gerade erleben. Noch einmal m\u00fcssen wir uns dar\u00fcber wundern, warum Unfrieden auf der Erde herrscht. Warum lassen wir das zu, immer wieder? Warum ist das nicht zu beherrschen, warum \u00fcberlassen wir noch immer die Macht den schlimmsten Menschen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Selbst in Friedenszeiten ist Unfriede. Wenn nicht am Arbeitsplatz, so in Familien. Wir sind streitbare, konfliktsuchende Tiere, die Feindschaften kultivieren selbst mit engsten Familienmitgliedern jahrelang, vielleicht lebenslang. Gleichzeitig halten wir hartn\u00e4ckig fest an unseren Vorstellungen dar\u00fcber, was n\u00f6tig ist, damit unsere Seele Frieden findet. Mehr Geld, mehr Komfort, mehr Aufmerksamkeit, gute Jobs, ewige Jugend. Es ist fast trivial, wie konstant unsere Ambitionen sind \u00fcber die Zeiten hinweg. Es geht eine gerade Linie von denen, die nach irgendeinem neuen Ding suchen, das man besitzen m\u00fcsste, bis zur Jagd unserer Zeit nach Verbrauchsg\u00fctern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt einem vielleicht Frieden in der Seele f\u00fcr ein paar Stunden, aber dann f\u00e4ngt die Unruhe wieder an. Was aber ist es dann, was unserem Frieden dient? Vom Theologen Augustin, der im vierten Jahrhundert lebte, stammen die oft zitierten Worte: \u201eMeine Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in dir, mein Gott\u201c.\u00a0 Sie stehen in den \u201eBekenntnissen\u201c, seiner Autobiographie, wo er ja beschreibt, wie er als reicher verw\u00f6hnter junger Mann von der einen leeren Befriedigung zur anderen lief. Immer wieder sp\u00fcrte er die Sehnsucht nach etwas anderem, etwas was tiefer war und mehr wirklich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was Augustin suchte, kann man vielleicht eine grundlegende Identit\u00e4t nennen. Ein Ort, wo man hingeh\u00f6rt, wissen, dass man jemand ist, bevor man etwas wird. Wissen, dass wir hier auf Erden wandeln mit einem unsichtbaren Band um uns, so dass wir immer zur\u00fcckfinden \u2013 auch wenn wir noch so weit weg sind und in finstere Tage fallen und die gr\u00f6\u00dfte Leere erleben. Wenn wir krank sind, wenn es uns schlecht geht, wenn alles gegen uns ist. Und wenn wir wieder erleben, dass Krieg in der Welt ist und dass das Spiel um die Macht mit denselben Repliken und Charakteren gespielt wird, die wir verzweifelt oft schon gesehen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und je mehr verzweifelt das ist, desto wichtiger ist es, aus dem Spiel auszutreten und daran zu glauben, dass Gottes Sch\u00f6pfung seiner selbst im Menschen nach seinem eigenen Bild ungeschw\u00e4cht besteht selbst nach all dem, was dann folgte. Die ganze Bewegung weg von der Welt, die Gott urspr\u00fcnglich schaffen wollte. Wir sind geschaffen vom Guten, und deshalb sehnen wir uns stets nach Gott. Sehnen uns nach dem innersten Heiligen, das der Sinn des ganzen ist. Denn von dort kommen wir.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aus dem 5. Buch Mose haben wir heute das j\u00fcdische Glaubensbekenntnis geh\u00f6rt \u2013 Schema \u2013 es lautet: <em>\u00a0H\u00f6re, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und weiter steht da, dass du diese Worte festhalten und deinen Kindern weitergeben sollst, sie wiederholden sollst, wenn du zuhause bist und wenn du unterwegs bist, wenn du zu Bett gehst und wenn du aufstehst. Und du sollst sie auf deine Hand binden als ein Zeichen, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein. Und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore schreiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gebot, Gott mit seinem ganzen Herzen und mit ganzer Seele zu lieben soll man nach j\u00fcdischer Glaubenspraxis nie vergessen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb soll man sich darin \u00fcben und es seine Kinder lehren und kleine Kasten mit dem Schema-Gebet an den T\u00fcrrahmen anbringen und andere kleine Kasten mit dem Gebet an seinen Kopf binden mit einem raffinierten System eines Gebetsriemens \u2013 so dass man buchst\u00e4blich gesprochen in das Glaubensbekenntnis eingewickelt ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn du musst dich darin \u00fcben, den Herrn deinen Gott zu lieben. Nicht alles andere, was wir f\u00fcr das Wichtigste halten und nach dem wir streben. In vielem, was wir begehren, kann unmittelbare Freude und Zufriedenheit liegen, aber kein Friede. Man w\u00fcrde sich wirklich w\u00fcnschen, dass die F\u00fchrer der Welt in einen Gebetsriemen gewickelt w\u00e4ren und immer auf die kleinen Kasten stie\u00dfen, wenn sie durch eine T\u00fcr gehen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Friede des Herzens liegt nicht in hohen Zensuren, Sch\u00f6nheit, guten Jobs und viel Bewunderung. Es ist gut zu streben, etwas zu wollen und ehrgeizig zu sein, denn das braucht die Welt. Aber Frieden schenkt das nicht. Manchmal ist es fast umgekehrt, je besser es geht, desto gr\u00f6\u00dfer werden die Anforderungen und die Unruhe, dennoch durchzufallen und alles zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das heutige Evangelium fordert uns heraus mit der Frage, was Frieden wirklich ist. Wo finden wir Frieden zu leben und zu lieben, auch wenn wir einmal sterben m\u00fcssen und alles unsicher ist, verletzlich und fl\u00fcchtig \u2013 und auch wenn wir all das verlieren k\u00f6nnen, was uns gl\u00fccklich macht und woran unsere Herzen h\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Geht heute nach Hause und \u00fcberlegt, was ihr unter dem Frieden des Glaubens v ersteht. Der Friede der Kirche hier drinnen, wo alles zusammen \u201egeist\u201c, wie es die d\u00e4nische Liederdichterin Iben Krosdal formuliert. Mitten in dem sch\u00f6nen aber auch chaotischen Leben drau\u00dfen gibt es diese Gottesh\u00e4user, die in der Landschaft aufragen. Sie erinnern uns daran, dass wir in unseren Alltag geh\u00f6ren, wir geh\u00f6ren aber auch hierhin: Im Ewigen, im Guten, das unter uns l\u00e4uft wie eine Quelle.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Friede ist, dass man Gott geh\u00f6rt. Friede ist mit dem Glauben zu leben, dass meine Kinder und Enkelkinder, mein Geliebter und meine Lieben, alle die, die meinem Herzen und meinen Sorgen nahestehen, unserem himmlischen Vater geh\u00f6ren, dessen Liebe ewig und unver\u00e4nderlich ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ist emp\u00f6rt dar\u00fcber, dass wir das leicht vergessen k\u00f6nnen. Und er kann es uns ansehen! Was war das, was er an diesem Tag auf dem Tempelplatz sah? Vielleicht der Anblick eines gestressten verdrehten Gesichts. Der Anblick saure Ver\u00e4rgerung oder Verachtung. Unruhige Augen. Traurige Augen. Vielleicht sah er ein Paar, das bitter zankte \u00fcber den Preis eines Teppichs. Kreischende Stimmen, beleidigte Eheleute in bitteren alten Streitigkeiten. Neidische Nachbaren. Der Geruch von Furcht, betrogen zu werden oder das Gesicht zu verlieren oder durchzufallen. Vielleicht sp\u00fcrte er durch den ganzen Tumult die stumme Sehnsucht, die in den Herzen aller Menschen liegt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Gelegenheit wahrnehmen, das bedeutet zu wissen, was unserem Frieden dient. Wo wir im Grunde hingeh\u00f6ren. Jesus wird zornig, weil wir vergessen, wer wir sind, und nicht ein noch aus wissen und deshalb auch nicht wissen, was unserem Frieden dient.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Gottes Friede \u2013 <\/em>das hei\u00dft den Mut zum Leben und die Hoffnung bewahren. Gottes Friede, das hei\u00dft wissen, dass wir nicht allein sind und dass wir nicht zuf\u00e4llig in diese Welt im Universum geworfen sind, um uns so gut wie m\u00f6glich durchzuschlagen und uns abrackern, um das gro\u00dfe Gef\u00fchl der Leere auf Distanz zu halten und die Angst, nichts zu bedeuten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Friede<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0ist Vertrauen auf Gott, sich seiner Liebe und Wahrheit hinzugehen und allem, was das bedeutet an Verantwortung f\u00fcr unsere Mitmenschen und diese Erde, und alles, was das bedeutet an Aufforderung, im Geist Gottes zu leben und zu handeln. \u00a0\u2013 liebevoll, offen und wach. Das Leben nicht zum Leerlauf werden lassen in schlappem Verbrauchsdoping, um die gro\u00dfe Sinnlosigkeit zu bet\u00e4uben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Jesus den Tempelplatz r\u00e4umt, r\u00e4umt er den Raum um uns, so dass Platz wird f\u00fcr das Heilige. Platz f\u00fcr die Pause und die Ruhe, die notwendig sind, damit wir sp\u00fcren k\u00f6nnen, dass das Leben heilig ist und wir der Tempel sind, in dem Gott wohnt. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Eva Holmegaard Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">N\u00f8debovej 24, N\u00f8debo, DK-3480 Fredensborg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: ehl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.Sonntag nach Trinitatis | Lukas 19,41-48 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Eva Holmegaard Larsen Die Tempelreinigung An einem milden und sch\u00f6nen Sp\u00e4tsommertag wirkt es ganz unpassend mit diesem ohnm\u00e4chtigen Zorn, der sich in diesem Evangelium findet. 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