{"id":25397,"date":"2025-08-28T08:03:20","date_gmt":"2025-08-28T06:03:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25397"},"modified":"2025-08-27T16:28:41","modified_gmt":"2025-08-27T14:28:41","slug":"25397-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/25397-2\/","title":{"rendered":"Lukas 18, 9-14"},"content":{"rendered":"<h3>11. Sonntag nach Trinitatis | 31.08.2025 | Lukas 18,9-14 | Von Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p><strong>Ein gl\u00fcckbringendes Schiff, gef\u00fcllt mit Bach<\/strong><\/p>\n<p>\u201dIch stand an Deck und h\u00f6rte den Regen und Bach, und manchmal war es, als sei die Musik gr\u00f6\u00dfer als der Regen\u201c. Es ist der Junge in dem isl\u00e4ndischen Buch mit dem Titel \u201eDas Herz des Menschen\u201c, der so spricht, als er von einer ganz besonderen Schiffsreise erz\u00e4hlt. Manchmal war die Musik gr\u00f6\u00dfer als der Regen. Zusammen mit dem lokalen Musiker war der Junge mit dem Schiff auf Fahrt nach S\u00fcden in einem fernen Fischereihafen, um eine Orgel f\u00fcr das Hotel des Ortes zu holen. Sie hatten das Gl\u00fcck, dass sie mit dem Fischereischiff \u201eH\u00e5bet\u201c (Hoffnung) zur\u00fcck zum Ort fahren k\u00f6nnen. Die Orgel wird sorgf\u00e4ltig unten in der Last zwischen den Fischen festgespannt, und auf der ganzen langen Reise, w\u00e4hrend das Schiff \u201eHoffnung\u201c von einem isl\u00e4ndischen Fjord zum n\u00e4chsten f\u00e4hrt, sitzt der Musiker unten in der Last und spielt, \u201ef\u00fcllt das gl\u00fcckbringende Schiff mit Bach\u201c, wie dort steht. Der Junge steht an Deck und h\u00f6rt den Regen und die Musik, die durch das Deck str\u00f6mt, die Fischer sitzen oder liegen in den feuchten Kojen und sehen vor sich hin; die Musik \u201el\u00e4sst sie erinnern, sie f\u00fcllt sie mit einer Sehnsucht, die sie nicht verstehen, macht sie gl\u00fccklich und zugleich ungl\u00fccklich\u201c, schreibt der Dichter. \u201eSie kann das Gewissen wecken und Tr\u00e4ume aufwirbeln von einem sch\u00f6neren Leben\u201c.<\/p>\n<p>So kann uns die Begegnung mit etwas, was gr\u00f6\u00dfer ist als wir selbst, dem\u00fctig werden lassen. Denn das werden sie, der Junge auf dem Deck und die M\u00e4nner in den feuchten Kojen, dem\u00fctig im Sinne von weich, empf\u00e4nglich f\u00fcr etwas anderes als das, was sie selbst k\u00f6nnen und zu bieten haben. Die Musik \u00f6ffnet ihren Sinn f\u00fcr die Erinnerung, f\u00fcr die Sehnsucht und den Traum von etwas Sch\u00f6nerem. Das d\u00e4nische Wort f\u00fcr Demut, \u201eymyghed\u201c, hat etwas zu tun mit dem Wort \u201emyg\u201c, weich. Wenn man das von einem M\u00e4dchen sagt, meint man, dass es weich ist nicht nur in den Wangen, sondern auch in seinem Wesen. Empf\u00e4nglich. Leicht zu bewegen. Ich glaube, es ist gut, diese Bedeutung mit in das heutige Evangelium einzubeziehen. Dann bedeutet Demut also nicht, dass man seine eigene Ungen\u00fcgsamkeit zu einer Tugend macht. Dem\u00fctig sein bedeutet weich sein im Herzen, empf\u00e4nglich im Sinn, so weich, dass man merkt, was von au\u00dfen auf einen zukommt, von einem anderen oder etwas anderem als man selbst. Und so weich, dass man merkt, wo man nicht selbst zurechtkommt. Das ist es, was die M\u00e4nner an Bord des gl\u00fcckbringenden Fischkutters voll von Bach erfahren.<\/p>\n<p>Und das ist es, was der Pharis\u00e4er im heutigen Evangelium nicht entdeckt hat. Nicht weil er ein schlechter Mensch ist. Er ist zweifellos ein Mensch, mit dem man rechnen kann, der stets seine Pflicht tut. Aber er ist nicht dem\u00fctig im Sinne von weich, empf\u00e4nglich f\u00fcr etwas anderes als sich selbst. <em>Ich<\/em> danke dir, weil <em>ich<\/em> nicht bin wie die anderen, <em>ich<\/em> faste, <em>ich<\/em> gebe den Zehnten. Ich, ich, ich. Es mag wohl sein, rein sprachlich wendet sich der Pharis\u00e4er an den guten Gott, aber in seinem Gebet hat er nur Blick f\u00fcr sich selbst und seine eigene Vortrefflichkeit, die umso mehr in die Augen f\u00e4llt, wenn er sich mit anderen Menschen vergleicht, die nicht denselben hohen moralischen Standard aufweisen wie er selbst. Es mag auch sehr wohl sein, dass das Gebet rein sprachlich die Form eines Dankes hat, aber es enth\u00e4lt keine Einsicht darin, was der Pharis\u00e4er empfangen hat, was er sich nicht selbst verdankt. Und es enth\u00e4lt keine Bitte. Der Pharis\u00e4er braucht nicht etwas oder jemanden. Er hat in Wirklichkeit an sich selbst genug.<\/p>\n<p>Ihm steht der Z\u00f6llner gegen\u00fcber. Er ist das Gegenst\u00fcck zum Pharis\u00e4er, nicht weil er gut ist, so wenig wie der Pharis\u00e4er b\u00f6se ist. Nichts deutet darauf hin, dass der Z\u00f6llner ein Herz aus Gold hat. Aber er ist das Gegenst\u00fcck zum Pharis\u00e4er, weil er sich ganz klar dar\u00fcber ist, dass er selbst keinen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgt, im Gegenteil. Er ist v\u00f6llig offen, sehnsuchtsvoll, empf\u00e4nglich f\u00fcr etwas anderes, was gr\u00f6\u00dfer ist als er selbst &#8211; und in dem Sinne dem\u00fctig. Im selben Atemzug steht er zu seiner eigenen S\u00fcnde und bittet um die Gnade und Vergebung, derer er bedarf \u2013 und die er im selben Atemzug empf\u00e4ngt!\u00a0 Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft selbst heute: Dass der Z\u00f6llner gerechtfertigt davongeht. Dass Jesus nicht allein das Gleichnis von den beiden M\u00e4nnern im Tempel als eine Ermahnung erz\u00e4hlt, sondern so gesehen selbst in das Gleichnis eintritt, als ein Richter, der in seinem guten Recht ist, \u00fcber die beiden ein Urteil zu f\u00e4llen. Und welch ein Urteil! \u201eIch sage euch, es war der Z\u00f6llner, der gerechtfertigt in sein Haus ging!\u201c Mit diesen Worten schenkt Jesus dem Z\u00f6llner die Gnade, um die er bittet. V\u00f6llig ohne Bedingungen, ohne danach zu fragen, an welche S\u00fcnden der Z\u00f6llner denkt, ohne sich zu versichern, dass er sich nun auch bessert, ohne jeglichen Vorbehalt. Ohne weiteres gie\u00dft er einfach Gottes Gnade aus \u00fcber den Mann und schickt ihn als gerechtfertigt nach Hause.<\/p>\n<p>Das ist das Evangelium. Sobald wir um die Gnade Gottes bitten, empfangen wir sie. Ohne Vorbehalt. Sie ist f\u00fcr alle da. Oder: Er ist f\u00fcr uns alle da, f\u00fcr Z\u00f6llner und Pharis\u00e4er, in dem Mann, der das Gleichnis erz\u00e4hlt. Er ist in unser Leben eingetreten mit der unbedingten Gnade Gottes. Der einzige Grund, warum der Pharis\u00e4er nicht auch gerechtfertigt nach Hause ging, war der, dass die Gnade ihn nicht erreichen konnte, weil er selbst das ganze Bild f\u00fcllte. Und damit einher h\u00e4lt das Evangelium neben der frohen Botschaft von der Gnade Gottes eine klare Ermahnung an uns, uns nicht selbst zu erh\u00f6hen wie der Pharis\u00e4er, so dass die Gnade ihr Ziel nicht erreicht, sondern uns selbst dem\u00fctigen wie der Z\u00f6llner, der sogleich die Gnade empfing. Diese Ermahnung enth\u00e4lt freilich eine eingebaute Gefahr. Denn was hei\u00dft es, sich selbst zu dem\u00fctigen? Seine eigenen M\u00e4ngel ausbreiten? Sich in all das vertiefen, was man nicht vermag? Den Blick nach innen wenden und sich auf das eigene Elend konzentrieren? Diese Form von Demut kann schnell in ihr Gegenteil umschlagen. Denn sobald man sich bewusst macht, wie dem\u00fctig man ist, ist man es ja nicht mehr. Schon in dem Augenblick, wo man bewusst daran zu arbeiten beginnt, hat man so gesehen die Demut aufgegeben.<\/p>\n<p>Deshalb denke ich nunmehr, dass Demut nicht in erster Linie etwas ist, um das man sich bem\u00fchen kann. Sie ist vielmehr etwas, das einem widerf\u00e4hrt, wenn man den Blick nach au\u00dfen wendet und Augen und Ohren hat f\u00fcr etwas Anderes und Gr\u00f6\u00dferes als man selbst. F\u00fcr die Liebe und ihre feinen Fr\u00fcchte. F\u00fcr die goldenen Felder und die roten \u00c4pfel auf den B\u00e4umen gerade jetzt. F\u00fcr die Kunst. F\u00fcr die Musik. Wie die M\u00e4nner an Bord des Fischkutters, die dem\u00fctig wurden, als sie die T\u00f6ne unten im Lastenraum h\u00f6rten. So weich, dass Platz war in ihrem Sinn f\u00fcr Erinnerung und Sehnsucht, f\u00fcr die Fragen des Gewissens und daf\u00fcr, dass etwas Gr\u00f6\u00dferes als ihre Tatkraft zur Geltung kommt. Gottesdienst halten wir, um uns selbst den Worten auszusetzen, die gr\u00f6\u00dfer sind als unsere eigenen &#8211; und der Musik, die gr\u00f6\u00dfer ist als wir selbst. In Wort und T\u00f6nen tritt die schwindelnde Gnade Gottes in unser Dasein, auch heute. Vielleicht <em>werden<\/em> wir dem\u00fctig, so empf\u00e4nglich, dass die Gnade uns erreicht. So weich, dass wir sehen k\u00f6nnen, wie gro\u00df das ist, was wir empfangen haben und was wir empfangen, und schlichtweg gen\u00f6tigt sind, dem guten Gott in Worten und T\u00f6nen zu danken. Und dann kann es geschehen, dass auch unsere Kirche ein gl\u00fcckbringendes Schiff wird, gef\u00fcllt mit Bach. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p>DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p>mfl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 31.08.2025 | Lukas 18,9-14 | Von Marianne Frank Larsen | Ein gl\u00fcckbringendes Schiff, gef\u00fcllt mit Bach \u201dIch stand an Deck und h\u00f6rte den Regen und Bach, und manchmal war es, als sei die Musik gr\u00f6\u00dfer als der Regen\u201c. 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