{"id":25417,"date":"2025-09-04T08:54:58","date_gmt":"2025-09-04T06:54:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25417"},"modified":"2025-09-06T13:33:50","modified_gmt":"2025-09-06T11:33:50","slug":"25417-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/25417-2\/","title":{"rendered":"Markus 7,31-37"},"content":{"rendered":"<h3>12.Sonntag nach Trinitatis | 07.09.25 | Markus 7,31-37 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u00d6ffne dich!<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einige Minuten kann man nur in Sekunden beschreiben. Das sind Minuten, die sich in die Reihe von anderen Minuten f\u00fcgen und zusammen unseren Alltag ausmachen. Mit anderen Minuten werden wir nie fertig. Sie f\u00fcllen mehr als das Zifferblatt der Uhr zeigt. Das sind die entscheidenden Minuten in unserem Leben. Die Minute, als das Kind zum ersten Mal Luft holte nach der Geburt. Die Minute, wo der Schmerz nachl\u00e4sst und das Dasein wieder ertr\u00e4glich wird. Die Minute, wo sich eine neue Ecke in uns auftut und dahinter ein gro\u00dfer heller Raum, in dem wir frei atmen k\u00f6nnen. Wir nennen dies selten ein Wunder, denn mit Mirakeln sind wir nicht vertraut. Aber die erf\u00fcllten Minuten kommen nichtsdestoweniger mit ihrer besonderen Bedeutung und neuer Freiheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Markus erz\u00e4hlt von einer dieser erf\u00fcllten Minuten. Ein Finger in einem Ohr, eine herausgestreckte Zunge und Worte, die einmal gesagt werden, die aber wie ein evangelischer Kehrreim klingen. \u00d6ffne dich! Sagt Jesus, und da wird ge\u00f6ffnet f\u00fcr einen Menschen, so dass er sich wieder mitteilen kann. Wer w\u00fcrden wir denn auch sein, wenn wir uns nicht zu erkennen geben k\u00f6nnten. Das w\u00e4re so als existierten wir nicht wirklich. In einer Weise ist das wie eine Sch\u00f6pfung in dieser erf\u00fcllten Minute. Die Worte \u201e\u00d6ffne dich\u201c, rufen einen Menschen zur\u00fcck ins Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Reden ist ansonsten das allernat\u00fcrlichste. Wir reden einfach, denken nicht weiter dar\u00fcber nach. Das gilt auch f\u00fcr die Stummen. Ihre Sprache ist nur eine andre als die mit Lauten. Unbeschwert kommt die Sprache von innen, bis sie es dennoch nicht tut. Was ist es, das uns schweigen l\u00e4sst? Uns verstummen l\u00e4sst? Vielleicht meinen wir nicht richtig, mit etwas beitragen zu k\u00f6nnen? Oder wir denken, dass es andere viel besser machen k\u00f6nnen? Manchmal wird es ja auch nur Gerede, Klischees, die nur oberfl\u00e4chlich sind. Manchmal machen wir ja auch die Dinge nur noch schlimmer. Hartn\u00e4ckig k\u00f6nnen wir uns hinstellen, als l\u00e4sen wir vor aus Steintafeln und urteilten danach. Klischees und Rechthaberei, wenn es sich darauf begrenzt, ist es ja verst\u00e4ndlich, dass wir etwas still werden k\u00f6nnen. Aber ein Mensch, der sich nicht zu erkennen gibt, verschlie\u00dft sich der M\u00f6glichkeit des Gespr\u00e4chs. Ein Mensch, der sich nicht zu erkennen gibt, zieht sich aus der Gemeinschaft zur\u00fcck. Und wenn wir unsere Stimme anderen \u00fcberlassen, vergessen wir, dass jede Stimme ihren eigenen Klang hat, und dieser Klang ist wichtig f\u00fcr das Ganze.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6ffne dich! So hei\u00dft es im Evangelium. Wir k\u00f6nne uns dazu entschlie\u00dfen zu schweigen, wenn wir falschliegen mit dem, was wir sagen, wenn es zu oberfl\u00e4chlich oder zu hart wird \u2013 oder wenn wir nur nicht finden, dass wir das Wort in unserer Macht haben. Aber das ist zu einseitig. Wir haben nicht nur das Wort. Das Wort hat auch uns. Die Worte sind nicht nur unsere eigenen Worte. Die Worte sind auch einige Worte, die uns gegeben werden.\u00a0 Das Evangelium ist lebendschenkendes Wort, das uns geschenkt wird. Worte, die unser Leben gr\u00f6\u00dfer erz\u00e4hlen, als wir es selbst erz\u00e4hlen k\u00f6nnten. Wenn die Sprache unmittelbar von innen kommt, wer wei\u00df, vielleicht ist es das, worum es geht. Dass wir pl\u00f6tzlich die Dinge geradeheraus sagen und das sagen, was gesagt werden muss, weil uns die Worte gegeben werden. Wer wei\u00df, vielleicht liegt tief im Inneren ein geistiger Wortschatz, aus dem wir sch\u00f6pfen d\u00fcrfen und der bewirkt, dass wir bei all dem, was wir so sagen, auch etwas sagen, was Bedeutung hat. Die Worte kommen aus <em>unserem<\/em> Mund, aber sie kommen mit einer Einsicht, die wir uns nicht selbst h\u00e4tten sagen k\u00f6nnen. Es kann gut sein, dass wir meinen, es sei manchmal besser, den Mund zu halten und andere reden zu lassen. Aber das ist eine unertr\u00e4gliche Leichtigkeit, das Gespr\u00e4ch anderen zu \u00fcberlassen. Nat\u00fcrlich kann es besser gesagt werden und sicher auch viel wahrer als die Formulierungen, mit denen wir k\u00e4mpfen. Aber wenn die Worte von innen kommen, wer wei\u00df, vielleicht ist es der Geist, der unsere Stimme als sein Sprachrohr leiht. Ein innerer Ruf, sich zu \u00f6ffnen und in den Dienst des Geistes zu stellen \u2013 die lebenschaf3fenden Worte, die wir empfangen haben, an andere weiterzugeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4hrend einige freiwillig schweigen, gibt es andere, die gerne reden wollen. Aber sie halten sich dennoch damit zur\u00fcck, weil sie sp\u00fcren, dass die Ohnmacht, der sie ausgesetzt sind, andere verst\u00f6rt. Sie wollen gerne von dem erz\u00e4hlen, womit sie gek\u00e4mpft haben und was in ihrem Leben schwer war. Dass die H\u00f6lle keine Phantasie ist, sondern etwas, was sie durchgemacht haben. Aber die Umgebung wird so merkw\u00fcrdig still, und das f\u00e4rbt auf sie ab. Vielleicht sollten sie auch besser vergessen, klingen die wohlgemeinten Ratschl\u00e4ge. Versuchen, das, was wehgetan hat, hinter sich zu lassen und sich stattdessen mit anderen Dingen zu besch\u00e4ftigen. Nicht vom Zusammenbruch im privaten Leben oder dem Zusammenbruch in der Gemeinschaft reden, zu der sie einmal geh\u00f6rten, die sie aber verlassen mussten. Versuche nach vorn zu blicken, lautet die Aufforderung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6ffne dich! So lautet es wieder im Evangelium. \u00d6ffnet euere Ohren. Ein Mensch, der seine Lebensgeschichte nicht teilen kann, wird vorsichtig. Er verliert seine nat\u00fcrlichen Reaktionen. Verliert die F\u00e4higkeit, seine Gef\u00fchle unmittelbar zum Ausdruck zu bringen. Einem Menschen zuh\u00f6ren hei\u00dft. einem Menschen das Dasein erlauben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6ffne dich! Das kann vielleicht wie eine Aufforderung klingen, selbst etwas zu tun. Wie die wohlgemeinten Ratschl\u00e4ge, die es an sich haben, dass sie einander \u00e4hneln, ganz gleich ob es Aufforderungen sind, mit dem Meditieren zu beginnen, zu joggen oder zu stricken. Nicht weil das keine guten Ideen sind mit diesen Ratschl\u00e4gen und das entlasten und helfen kann. Aber wenn die Ratschl\u00e4ge das einzige sind, was wir einander geben, dann kann das so klingen als k\u00f6nnten wir uns selbst mit unserem Handeln von all dem befreien was schwer ist und weh tut in unserem Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6ffne dich! Das ist ein himmlisches Wort, das schafft, was es sagt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6ffne dich! Das ist eine T\u00fcr, die f\u00fcr den ge\u00f6ffnet wird, der sie nicht selbst \u00f6ffnen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00d6ffne dich! Das ist Auferstehungsruf. Ein Ruf, der gegen das aufsteht, das nicht so ist, wie es sein soll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus hat sich in ein Randgebiet begeben, an einen fernen Ort. Das Zentrum der Macht ist weit weg. Das ist die Au\u00dfenwelt. Jesus ist nicht eingeladen. Er ist selbst gekommen. Er erwartet auch nicht erst ein Glaubensbekenntnis von einem Menschen, den es getroffen hat und der stumm ist. Er verlangt auch nicht eine Erkenntnis dessen, was besser gewesen sein k\u00f6nnte. All das, was gesagt und geh\u00f6rt werden sollte aber nicht gesagt und geh\u00f6rt wurde. Drau\u00dfen an einem abgelegenen Ort kommt es zu einer Begegnung. Das ist wie eine Entwicklerfl\u00fcssigkeit. Ein Mensch mit Gesicht, Gestalt, Stimme. Keine Stimme ist unbedeutend, kein Mensch ist sich selbst \u00fcberlassen. Eine evangelisch gef\u00fcllte Minute macht das deutlich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es mag sein, dass es uns fremd ist, von Mirakeln zu reden, denn was wissen wir davon, und was hat dieses eine Mirakel mit uns und unserem Leben zu tun. Und doch gibt es \u00d6ffnungen in unserem Leben. Erf\u00fcllte Minuten, hinter die wir nie kommen und die wir nie durchschauen, weil sie mehr Sinn schenken als wir erfassen und begreifen k\u00f6nnen. Wenn unsere Gespr\u00e4che vertraulich und engagiert werden, so des halb, weil wir mit einander von diesen \u00d6ffnungen reden. Und wenn wir versuchen, diese erf\u00fcllten Minuten in Worte zu fassen, sp\u00fcren wir, dass wir mit Hilfe des geistlichen Wortschatzes am weitesten kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einst an einem fernen Ort und doch in unserer Welt erhielt en Mann das Geh\u00f6r und die Sprache wieder. \u00d6ffne dich! Hie\u00df es, als Echo auf das erste Wort der Sch\u00f6pfung. \u00d6ffne dich! Hei\u00dft es auch in unserer Welt und an unserem Ort. Und Leben schenkende Worte kommen noch immer als eine Gabe. Worte, die in eine gr\u00f6\u00dfere Wirklichkeit vordringen und uns dazu verhelfen, uns mit ihr zu verbinden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ganz gleich wie wir es nennen, da liegt ein Schl\u00fcssel in diesem \u201e\u00d6ffne dich\u201c, dass wir unser Dasein nicht nur als ein klinisches Ph\u00e4nomen sehen. Alles ist hier, selbst der Himmel. Die Lebenskraft der Worte ist nicht zu verkennen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir rufen einander heraus, indem wir zuh\u00f6ren. Und wir werden selbst herausgerufen hinein in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang, wenn wir die Erz\u00e4hlung von Gott und Menschen h\u00f6ren. Ob nun unsere Situation schrecklich, phantastisch ist oder beides. Ob wir in den Minuten leben, wie sie meistens sind, oder ob wir die erf\u00fcllten Minuten sammeln als Sch\u00e4tze in unserem Herzen. Alles wird im Evangelium vereint.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Wir k\u00f6nnen h\u00f6ren. Wir k\u00f6nnen sprechen. Und wir k\u00f6nnen das gebrauchen. Darin liegt ein Keim f\u00fcr die Fortsetzung des Lebens \u2013 dass wir das weitergeben k\u00f6nnen, von dem wir selbst getragen sind. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12.Sonntag nach Trinitatis | 07.09.25 | Markus 7,31-37 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Christiane Gammeltoft-Hansen | \u00d6ffne dich!\u00a0 Einige Minuten kann man nur in Sekunden beschreiben. Das sind Minuten, die sich in die Reihe von anderen Minuten f\u00fcgen und zusammen unseren Alltag ausmachen. Mit anderen Minuten werden wir nie fertig. 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