{"id":25431,"date":"2025-09-10T08:04:37","date_gmt":"2025-09-10T06:04:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25431"},"modified":"2025-09-09T13:47:41","modified_gmt":"2025-09-09T11:47:41","slug":"markus-320-21-31-34","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-320-21-31-34\/","title":{"rendered":"Markus 3,20-21.31-34"},"content":{"rendered":"<h3><strong>13. So. n. Trinitatis | 14.09.2025 | Mk 3,20-21.31-34 |\u00a0 Hansj\u00f6rg Biener |<\/strong><\/h3>\n<p>Manchmal gehen Kinder aus dem Elternhaus und drehen sich nicht mehr um. Der Kontakt rei\u00dft ab, und die Kinder scheinen nichts zu vermissen. Anders die verwaisten Eltern. Ihnen stellen sich qu\u00e4lende Fragen: \u201eWas haben wir falsch gemacht?\u201c \u201eWomit haben wir das verdient?\u201c Als Pfarrer\/Pfarrerin wundert man sich manchmal mit. Trotzdem wird man professionelle Zur\u00fcckhaltung \u00fcben. Man hat nie den letzten Einblick und kennt erst recht nicht Familiengeheimnisse. Es kann gute Gr\u00fcnde geben, sich von der Herkunftsfamilie zu trennen und nicht zur\u00fcckzuschauen. Ich nenne nur ein Stichwort: Missbrauch.<\/p>\n<p>Manchmal kommt auch die Religion dazwischen. Wie im heutigen Predigttext:<\/p>\n<p>Jesus \u201eging in ein Haus. Und da kam [&#8230;] das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten.\u00a0Und als es die Seinen h\u00f6rten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen. [&#8230;]\u00a0Und es kamen seine Mutter und seine Br\u00fcder und standen drau\u00dfen, schickten zu ihm und lie\u00dfen ihn rufen.\u00a0Und das Volk sa\u00df um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe deine Mutter und deine Br\u00fcder und deine Schwestern drau\u00dfen fragen nach dir.\u00a0Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Br\u00fcder?\u00a0Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise sa\u00dfen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Br\u00fcder!\u201c\u00a0(Markus 3,20-21.31-34).<\/p>\n<p>Diese Familiengeschichte wirft kein gutes Licht auf den, in dessen Haus wir zusammen sind. Das macht es wahrscheinlich, dass die Geschichte historische Erinnerungen aufnimmt. Auch an anderen Stellen im Neuen Testament scheint es durch: Jesus und seine Familie hatten es nicht immer leicht miteinander.<\/p>\n<p>Distanz pr\u00e4gt von Anfang an die knappe Darstellung. Mutter und Geschwister Jesu stehen vor einem Haus, in dem Jesus zu Gast ist. Sie wollen Jesus heimholen und ihn so vor sich selbst sch\u00fctzen. \u201eDenn sie sprachen:\u201c Er spinnt. Sie m\u00f6chten zu Jesus, aber kommen nicht herein. Vielleicht wollen sie nicht, weil sie keinen Streit in der \u00d6ffentlichkeit wollen; vielleicht k\u00f6nnen sie nicht, wegen der Menge um Jesus, die ihn h\u00f6ren will. Hier deutet sich schon r\u00e4umlich an, was religi\u00f6s immer wieder eine Rolle spielt: Wer kommt rein oder muss drau\u00dfen bleiben? Wer will rein oder auch wer will drau\u00dfen bleiben? Das hat in Ewigkeitsfragen h\u00f6chste Brisanz.<\/p>\n<p>\u201eMan\u201c richtet Jesus aus: \u201eDeine Leute wollen Dich sprechen.\u201c Aber Jesus reagiert anders, als man erwarten k\u00f6nnte. Kein \u201eIch komme gleich!\u201c. Kein \u201eBitte nur kurz, ich bin besch\u00e4ftigt.\u201c. Vielleicht weil er schon wei\u00df, dass sie ein Problem mit seiner Wanderpredigerei haben. Jesus weist seine Familie in aller \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck. Er schaut in die Runde der Menschen, die ihm gerade zuh\u00f6ren. \u201eDie hier sind meine Familie\u201c, sagt er. Die sind\u2019s, denen ich &#8211; jetzt? &#8211; verpflichtet bin. Hei\u00dft im Umkehrschluss: Die Familie, aus der ich komme, muss &#8211; jetzt? &#8211; zur\u00fcckstehen. Ich setze mal dieses Jetzt mit Fragezeichen dazu, denn es betont den Moment.<\/p>\n<p>Aus heutiger Perspektive k\u00f6nnte man l\u00e4cheln und sagen: Es hat auch mal geknallt in Jesu Familie. Auf der einen Seite die Familie, die wei\u00df, was gut f\u00fcr Jesus ist: Aufh\u00f6ren mit der Predigerei und nach Hause kommen. Auf der anderen Seite Jesus, der patzig antwortet: \u201eIch lasse mich nicht bremsen, wenn ich f\u00fcr Gott unterwegs bin. Auch nicht von Euch.\u201c Welche Eltern und Kinder w\u00fcrden solche Situationen nicht kennen! Auf der einen Seite elterliche Besorgnis. Auf der anderen Seite junger Selbstbestimmungswille \u201eIch wei\u00df schon, was ich tue!\u201c Es gibt Eltern, die da auf etwas mehr Entspannung aus sind. Sie haben sich fest vorgenommen, ihren Kindern bei drei Dingen nicht reinzureden: Religion, Partner- und Berufswahl. Es gibt Kinder, die das im Nachhinein als gut empfinden, und Kinder, die ihren Eltern sp\u00e4ter Vorw\u00fcrfe machen. \u201eDu h\u00e4ttest mich warnen k\u00f6nnen.\u201c Wie man\u2019s macht, kann es falsch sein. Man wei\u00df es nicht. Sinnvollerweise w\u00fcrden die Kinder fragen kommen&#8230; Damit ist auf jeden Fall schon etwas Wichtiges gesagt: Man muss gelernt haben, miteinander zu reden, bevor die Probleme kommen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte den Predigttext heute mit zwei Themen verbinden. Zun\u00e4chst will ich auf die Alternative eingehen, die so oft in diesem Text gefunden wird. Wer ist wichtiger? Die Familie, aus der man kommt, oder die Familie Gottes? Das ist ein schwieriges Feld und kann, wie sich zeigen wird, schmerzhaft werden. Im zweiten Teil der Predigt m\u00f6chte ich darauf eingehen, dass die Gemeinde Jesu trotzdem auch wie eine segensreiche erweiterte oder neue Familie verstanden werden kann. Das ist angesichts so vieler einsamer junger und alter Menschen wichtig. F\u00fcr sie kann die Gemeinde eine Wahlverwandtschaft werden, ohne ein Kontrastprogramm zur Herkunftsfamilie zu sein.<\/p>\n<p><strong>1. Familia Dei oder die nat\u00fcrliche Familie &#8211; eine gef\u00e4hrliche Alternative<\/strong><\/p>\n<p><strong>1.1 \u201eJesu wahre Verwandte\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Man hat den Predigttext oft im Sinn eines \u201eMan muss Gott mehr gehorchen als den Menschen\u201c ausgelegt. In diese Richtung weisen auch die \u00dcberschriften in der Lutherbibel und der katholischen Einheits\u00fcbersetzung. Da lesen wir: \u201eJesu wahre Verwandte\u201c. Die wahren Verwandten, das sind die im Glauben.<\/p>\n<p>Warum h\u00f6rt man so schnell dieses Entweder-Oder? Offenbar, weil Religion konflikttr\u00e4chtig und familiensprengend sein kann. Gelebter Glaube, aber auch religi\u00f6se Gleichg\u00fcltigkeit oder gar Feindschaft gegen Religion sind nie einfach nur Sache eines Einzelnen. Sie betreffen immer auch das Umfeld. F\u00fcr die ersten Christen war das eine allt\u00e4gliche Erfahrung. Viele trennten sich ja mit ihrer Bekehrung zu Jesus vom Judentum oder auch vom Heidentum. Das kann kaum konfliktlos geblieben sein, wenn nicht die ganze Familie christlich wurde. Tats\u00e4chlich hat der Apostel Paulus an dieser Stelle Jesu Scheidungsverbot den Umst\u00e4nden angepasst. \u201eWenn ein Bruder eine ungl\u00e4ubige Frau hat und es gef\u00e4llt ihr, bei ihm zu wohnen, so soll er sie nicht fortschicken. Und wenn eine Frau einen ungl\u00e4ubigen Mann hat und es gef\u00e4llt ihm, bei ihr zu wohnen, so soll sie den Mann nicht fortschicken. [\u2026] Wenn aber der Ungl\u00e4ubige sich scheiden will, so lass ihn sich scheiden. Der Bruder oder die Schwester ist nicht gebunden in solchen F\u00e4llen.\u201c (1. Kor 7,12-15*) Man sollte dann allerdings, so Paulus, ehelos weiterleben, um die zerbrochene Ehe nicht auch selbst noch zu brechen.<\/p>\n<p>Es kann im Christenleben Konflikte geben, wo man wegen des Glaubens Familienbande zur\u00fcckstellen oder sogar aufgeben muss. Trotzdem bin ich mit der Auslegung, dass die Bindung an Jesus vor aller Familienbindung geht, nicht voll zufrieden. Nicht nur weil ich zu religi\u00f6s bedingten Trennungen in der Familie leidvolle Geschichten kenne.<\/p>\n<p>Drei [zwei] Beispiele, wo die Probleme schier un\u00fcberwindlich werden, will ich nennen.<\/p>\n<p><strong>1.2 Problembeispiel 1: Jugendreligionen<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere [mich] zun\u00e4chst an die sogenannten Jugendreligionen. Da haben in fr\u00fcheren Jahrzehnten junge Menschen auf Weisung ihrer geistlichen F\u00fchrer alle Kontakte zu ihren Familien abgebrochen und sich ganz an die neue Gemeinschaft hingegeben. Manche kamen nach Monaten oder Jahren zur\u00fcck. Entt\u00e4uscht. Finanziell und emotional ausgeblutet. Gelegentlich auch k\u00f6rperlich oder seelisch zerst\u00f6rt. Andere schafften den R\u00fcckweg nicht mehr, weil die Gr\u00e4ben zur Vergangenheit zu gro\u00df geworden waren.<\/p>\n<p>Eine der schlimmsten Gruppen waren die 1968 gegr\u00fcndeten Kinder Gottes. Urspr\u00fcnglich eine Hippie-Mission mit christlich-fundamentalistischem Hintergrund. (https:\/\/www.relinfo.ch\/lexikon\/christentum\/neuoffenbarer-gemeinschaften\/die-familie-kinder-gottes-familie-der-liebe\/) Sehr bald hat der Gr\u00fcnder nicht nur die christliche Tradition verraten, sondern auch die 68er Hippie-Ideale von gemeinsamem Leben und freier Liebe. Ab 1974 praktizierte die Gemeinschaft das so genannte Flirty Fishing. Das hei\u00dft: Man versuchte, durch Sex M\u00e4nner in die Sekte zu locken. Wer der Gemeinschaft beitrat, gab zugleich sein Verm\u00f6gen ab. Nach Angaben der Gruppe wurde das Flirty Fishing 1987 wegen AIDS aufgegeben. Trotzdem blieb auch das mit dem gemeinsamen Leben und dem freiwilligen Sex so eine Sache. Das Internet sagt: Die Gruppe hat den Tod ihres Gr\u00fcnders David Berg (1919-1994) erst einmal \u00fcberlebt. In j\u00fcngerer Zeit unter dem Namen &#8211; \u201eFamilie\u201c. 2010 wurde die Organisation offiziell aufgel\u00f6st. Man findet sie aber weiter im Internet. (https:\/\/www.thefamilyinternational.org\/en)<\/p>\n<p>Immer noch gehen Menschen in solche Gruppen, aber die \u00d6ffentlichkeit ist sensibler als fr\u00fcher f\u00fcr die Gefahr.<\/p>\n<p><strong>1.3 Problembeispiel 2: gef\u00e4hrliche \u201eSekte\u201c oder annehmbare \u201eKirche\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal ruft ein besorgtes Elternteil beim Pfarrer an: \u201eMeine Tochter lebt jetzt in x &#8211; und ist da an so eine Gemeinde geraten. Ist das eine Sekte?\u201c In der Regel wird man als Pfarrer\/Pfarrerin nicht sofort antworten; au\u00dfer die Sache ist sonnenklar. Man wird sich zuerst erz\u00e4hlen lassen und danach kundig machen. Oft genug kann man sp\u00e4ter den Unterschied zwischen der evangelischen oder katholischen Kirche und einer Freikirche erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Eine bew\u00e4hrte Unterscheidung findet man in einem Handbuch \u00fcber religi\u00f6se Gemeinschaften und Weltanschauungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche:<\/p>\n<p>(1) Freikirchen sind \u201eKirchen und Gemeinschaften, die aus dem Bem\u00fchen um die Erneuerung urchristlichen Gemeindelebens entstanden sind und zu denen \u00f6kumenische Beziehungen m\u00f6glich sind\u201c.<\/p>\n<p>(2) Sekten sind \u201eGemeinschaften, die mit christlichen \u00dcberlieferungen au\u00dferbiblische Wahrheits- und Offenbarungsquellen verbinden, aus denen sie wesentliche Sonderlehren ableiten. \u00d6kumenische Beziehungen lehnen sie in der Regel ab.\u201c (VELKD (Hg.): Handbuch Religi\u00f6se Gemeinschaften und Weltanschauungen, G\u00fctersloh: G\u00fctersloher Verlagshaus, 6., vollst\u00e4ndig \u00fcberarbeitete und erweiterte Auflage, 2006, S. 25.)<\/p>\n<p>Ich mach\u2019s mal einfacher:<\/p>\n<p>Freikirchen teilen mit uns alle wesentlichen Glaubensinhalte und haben \u00f6kumenische Beziehungen. Der Hauptunterschied ist die Organisationsformen.<\/p>\n<p>Sekten teilen mit uns wesentliche Glaubensinhalte, haben aber noch weitere Glaubensinhalte, die wir nicht haben. Au\u00dferdem gibt es in der Regel keine \u00f6kumenischen Beziehungen, weil diese Gruppen exklusiv sind.<\/p>\n<p>Und dann gibt es gelegentlich auch Gruppen, die sich christlich nennen, aber nichts mehr mit dem Christentum zu tun haben.<\/p>\n<p>Man kann also erst einmal \u00e4u\u00dferlich fragen: Gibt es \u00f6kumenische Beziehungen dieser Gemeinde? Beispielsweise in einer offiziellen Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen vor Ort oder auch in einer evangelischen Allianz, die sich als geschwisterliche Vereinigung im evangelisch-erwecklichen Bereich versteht. Die Frage ist also: Akzeptiert die Gruppe oder Gemeinde, dass es auch au\u00dferhalb Menschen gibt, die im Vollsinn zur Gemeinde Jesu geh\u00f6ren? Gruppen mit \u00fcberzogenen Anspr\u00fcchen auf Jesus m\u00fcssten sagen: Nein. Oder mindestens: Eigentlich nicht. Eine solche Antwort aber weist Jesus selber zur\u00fcck, wenn er die Anspr\u00fcche derjenigen zur\u00fcckweist, die Hand an ihn legen wollen.<\/p>\n<p>Freikirchen zeichnen sich aus Sicht vieler Mitglieder durch eine famili\u00e4rere Atmosph\u00e4re aus; gew\u00fcnscht ist aber auch die h\u00f6here Verbindlichkeit im Gemeindebesuch und in Glaubensdingen. Das kann f\u00fcr normal-katholische oder -evangelische Eltern durchaus bedrohlich wirken. Aber hier muss man in der Regel nichts eskalieren lassen.<\/p>\n<p>[Ich k\u00f6nnte jetzt noch etwas zu religi\u00f6sen Influencern sagen, aber ich lasse das Internet jetzt doch weg.<\/p>\n<p><strong>1.4 Problembeispiel 3: Internet<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher hat man gesagt, dass die Eltern in der Pubert\u00e4t ihre Kinder an die Gleichaltrigen verlieren. Zu gro\u00df der Gruppendruck der Freundeskreise und Mitsch\u00fcler. Die Eltern machten sich Sorgen um das andere Leben ihrer Kinder, und die Jugend antwortete mit dem forschen Spruch: \u201eWir sind die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben.\u201c Heute sind es nicht nur Freundeskreise oder Mitsch\u00fcler, die mehr Einfluss auf die Kinder nehmen als die Eltern. Wir leben in einer Zeit, wo 13-J\u00e4hrige ihr Leben auf WhatsApp teilen und Zehntausende folgen ihnen (https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/netzwelt\/werden-kinder-bei-whatsapp-zu-influencern-und-keiner-merkt-s,Utjz9L5 13. August 2025) oder sich oder andere durch Tiktok-Challenges in Lebensgefahr bringen (Beratung bei https:\/\/www.klicksafe.de\/news\/gefaehrliche-tiktok-challenges-das-muessen-eltern-und-lehrkraefte-jetzt-wissen 24. Mai 2024). Ich lasse das allgemeine Thema Gefahren des Internet, denn mich interessiert das Thema Internet und Religion.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst gibt es auch religi\u00f6se Influencer. Auch hier gilt: Je weniger Ahnung, umso leichter die Manipulation. Dementsprechend nimmt die \u00d6ffentlichkeit religi\u00f6se Influencer eher beim Thema \u201eRadikalisierung im Internet\u201c wahr. (https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/hanna-hansen-islamismus-influencerin-100.html 15. August 2025) Gemeint sind meist Muslime, aber es gibt auch christliche Influencer auf einer heiligen Mission. Was gilt mehr: Was die Eltern sagten oder lebten, oder das, was die Influencer im Namen Gottes sagen? Hier haben muslimische Eltern mein Mitgef\u00fchl, die pl\u00f6tzlich 150prozentige vor oder hinter dem Bildschirm haben. Sie sind meines Erachtens oft so hilflos wie die anderen Eltern auch.]<\/p>\n<p><strong>1.5 Mehr Pragmatismus<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDu geh\u00f6rst doch zu uns.\u201c &#8211; \u201eIch geh\u00f6re zu Gott.\u201c Wenn es so weit kommt, dann ist die Sache kaum noch l\u00f6sbar. Aber vielleicht gibt es vorher mehr pragmatische L\u00f6sungen, als man zun\u00e4chst denkt. Und ich denke, die sollten m\u00f6glich sein, wenn wir uns im christlichen Bereich bewegen.<\/p>\n<p>Es ist hilfreich, zun\u00e4chst einmal nichts f\u00fcr den anderen tun zu wollen. Man muss n\u00e4mlich einiges f\u00fcr sich selbst tun.<\/p>\n<p>(1) Sich informieren. Ezw.de und relinfo.ch sind gute Adressen. EZW.de von Evangelische Zentralstelle f\u00fcr Weltanschauungsfragen, Relinfo von Religionsinformationen.<\/p>\n<p>(2) Den eigenen religi\u00f6sen Standpunkt kl\u00e4ren, damit man nicht dauerhaft verunsichert ist.<\/p>\n<p>(3) Zugewandt bleiben, aber keine Zuwendungen machen. Es ist auch sonst gut, wenn nicht das Geld zwischen Menschen kommt.<\/p>\n<p>(4) Vielleicht auch auf Gott warten, wenn man das als gl\u00e4ubiger Mensch kann.<\/p>\n<p>(5) Vor allem aber: Keine Rettungsphantasien entwickeln. Tats\u00e4chlich haben manche Familien ihre Kinder aus \u201egef\u00e4hrlichen Gruppen\u201c entf\u00fchrt und versucht, sie \u201edeprogrammieren\u201c zu lassen. So etwas ist bei uns nicht erlaubt. In unserem Rechtssystem haben schon Kinder das Recht auf ihre eigene Sicht der Dinge. Je \u00e4lter sie sind, umso mehr. D. h. erst recht, wenn Sohn und Tochter vollj\u00e4hrig sind, haben sie das Recht auf Religion und Fehler in Sachen Religion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Die Familie Gottes<\/strong><\/p>\n<p><strong>2.1 Die Familie Gottes: ein inklusives Modell?<\/strong><\/p>\n<p>Wie gesagt: Unser Predigttext ist oft in die Richtung \u201eGott mehr gehorchen&#8230;\u201c ausgelegt worden. Gl\u00fccklicherweise hat die biblische Geschichte nicht nur eine exklusive Seite. Man kann ihr auch integrative, zusammenf\u00fchrende Seiten abgewinnen.<\/p>\n<p>(1) Man kann die Geschichte auch so lesen, dass Jesus Besitzanspr\u00fcche auf sich zur\u00fcckweist. Selbst wenn sie in guter Absicht ge\u00e4u\u00dfert werden. Auch die Familie Jesus meinte es nur gut. Sie wollte ihn nach Hause holen, um den Wanderprediger vor sich selbst zu sch\u00fctzen. Und zugleich sagen sie: Wir wissen es besser. Das weist Jesus zur\u00fcck &#8211; und das war gut so f\u00fcr uns. Die, die damals gekommen sind, um ihn zu h\u00f6ren, ernennt er zu seiner Familie, Menschen, \u00fcber deren religi\u00f6se und moralische Eigenschaften wir nichts wissen. Das einzige, was wir von ihnen annehmen k\u00f6nnen: Sie haben sich f\u00fcr Jesus interessiert und das, was er von Gott erz\u00e4hlt. Damit w\u00e4chst auch f\u00fcr die heutige Zeit die Familie Jesu um alle, die ihn h\u00f6ren wollen. Und sie beschr\u00e4nkt sich auch nicht auf die christlichen Gruppen, die meinen, Jesus schon ganz besonders gut zugeh\u00f6rt zu haben.<\/p>\n<p>(2) Der zweite Punkt: Jesus beschr\u00e4nkt seine Familie und damit auch seine Verpflichtungen nicht mehr allein auf die Herkunftsfamilie. Er \u00f6ffnet sie: F\u00fcr die, die ihn damals h\u00f6rten, genauso wie f\u00fcr uns. F\u00fcr Jesus geh\u00f6ren nicht nur die zur Familie, die Hand auf ihn legen, sondern alle, auf die Jesus seine Hand legt. Das tut er im Bibeltext durch seine Predigt. Und weil wir gerade hier im Gottesdienst sind, sei es festgestellt. Jeder der hier im Gottesdienst sitzt und auf Jesus h\u00f6ren will, darf wissen: \u201eDu geh\u00f6rst zu mir.\u201c<\/p>\n<p><strong>2.2 Gemeinde als erweiterte und neue Familie<\/strong><\/p>\n<p>Noch kurz etwas zur Gemeinde als neuer Familie Jesu.<\/p>\n<p>(1) Abgesehen vom M\u00f6nchtum &#8211; hat die christliche Gemeinde eigentlich immer von der Familie her gelebt. Die ersten Christen lebten jahrhundertelang als Hausgemeinden bzw. erweiterte Hausgemeinden. Bis heute k\u00f6nnen wir dankbar sein f\u00fcr Familien, die sich ganz in den Dienst einer Gemeinde, landeskirchlichen Gemeinschaft oder eines CVJMs stellen. Sie geben viel und bekommen viel. Church is a lifestyle, sagt dazu eine jugendorientierte freie Gemeinde in meiner Stadt.<\/p>\n<p>(2) Familie ist auch ein Grundmotiv der Gemeindearbeit: in Mutter-Kind-Gruppen und Frauenkreisen, und in anderer Weise bei Kinder-\/ Jugendgruppen oder der Hausaufgabenbetreuung. Und in noch gr\u00f6\u00dferem Rahmen bieten kirchliche Kindertagesst\u00e4tten, Seniorenheime, Diakonie, Werkst\u00e4tten vielf\u00e4ltige Entlastung f\u00fcr Familien. Gemeinde als Familie, das ist hilfreich, wenn Frauengruppen gemeinsam alt werden oder Seniorinnen sich im Alter st\u00fctzen. Man teilt Themen, Schicksale, Geheimnisse und Gewohnheiten. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn das auch f\u00fcr M\u00e4nner gelten k\u00f6nnte und f\u00fcr Singles.<\/p>\n<p>(3) Am Ende noch eine kleine Mahnung. Die Gemeinde ist nicht einfach die Wohlf\u00fchlgemeinschaft derer, die sich m\u00f6gen. Nicht blo\u00df eine Wahlverwandtschaft. Gemeinde ist so lange Familie Jesu, wie sie im Kern auch eine religi\u00f6se Gemeinschaft ist<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-L\u00f6he-Schule in N\u00fcrnberg t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg. F\u00fcr diese Predigt noch gut zu wissen: Dr. Hansj\u00f6rg Biener hat 1990-1994 im Curriculum Apologetik der Evang.-Luth. Kirche in Bayern eine Ausbildung zum nebenamtlichen apologetischen Berater gemacht und als Gemeindepfarrer diese Aufgabe auch ausge\u00fcbt. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturschau<\/strong><\/p>\n<p>Die in meiner Studienzeit ma\u00dfgeblichen Exegeten betrachteten Mk 3,20-21.31-35 als zusammengeh\u00f6rig, divergierten aber besonders in der Beurteilung von V. 35 und in der Beurteilung der Historizit\u00e4t. Aus meiner Perspektive nimmt V. 35 dem V. 34 die Sch\u00e4rfe, \u201eDenn: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.\u201c bietet eine religi\u00f6s akzeptable Begr\u00fcndung f\u00fcr Jesu ungeh\u00f6riges Verhalten.<\/p>\n<p>Dschulnigg, Peter: Das Markusevangelium (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Band 2), Stuttgart: Kohlhammer, 2007, S. 121 \u201eV. 20f entwirft eine nicht n\u00e4her lokalisierte Hausszene und den Aufbruch der Seinen zu Jesus, welcher am Schluss in einem kurzen Negativurteil in direkter Rede begr\u00fcndet wird. Auch wenn die Seitenreferenten diese kurze Szene nicht \u00fcberliefern, ist schwerlich an eine rein redaktionelle Bildung zu denken, vielmehr ist hier traditionelles Wissen um die Ablehnung Jesu durch die Seinen aufbewahrt.\u201c<\/p>\n<p>Meiser, Martin: Das Evangelium nach Markus (Das Neue Testament Deutsch, Band 2), G\u00f6ttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2024, S. 66: \u201eSchon Matth\u00e4us und Lukas lassen den Stoff von Mk 3,20f aus; einige Handschriften zum Markustext lassen ebenfalls erkennen, dass man den Verwandten Jesu das in V. 21 beschriebene Verhalten nicht zutrauen wollte. Mk 3,31-35 l\u00e4sst im Gegenzug auch bei Jesus Distanz erkennen. Ein afamiliales Ethos hat sich auch sonst in der Jesuserinnerung erhalten.\u201c<\/p>\n<p>S\u00f6ding, Thomas: Das Evangelium nach Markus (Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, Band 2), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2022, S. 102: \u201eDie Episode hat eine historische Referenz. Da sich die Familie Jesu &#8211; mit dem Herrenbruder Jakobus an der Spitze &#8211; durch ihr starkes (nach\u00f6sterliches) Engagement in der J\u00fcngerschaft, speziell von Jerusalem, hohes Renommee verschafft hat, w\u00e4re eine Erfindung \u00e4hnlich unwahrscheinlich wie im Fall der Verleugnung Jesu durch Petrus. Durch literarische Gestaltung h\u00e4lt Markus eine historische Erinnerung fest. Keiner aus Jesu Familie geh\u00f6rt zu den Zw\u00f6lf (Mk 3,16-19). Dass der Glaube Familien spalten kann (vgl. Mt 10,43ff. par Lk 12,51ff.), zeigt sich auch in Jesu Familie &#8211; ebenso wie der Umstand, dass der Dissens \u00fcberwunden zu werden vermag (Mk 10,28ff.)\u201c.<\/p>\n<p>Guttenberger, Gudrun: Das Evangelium nach Markus (Z\u00fcrcher Bibelkommentare), Z\u00fcrich: Theologischer Verlag Z\u00fcrich, 2017, S. 91 \u201eDie Frage der Zugeh\u00f6rigkeit wird r\u00e4umlich inszeniert. Diese Unterteilung in eine Gruppe von Menschen, die draussen stehen (und Jesus nicht richtig verstehen) und solchen, die drinnen sind (und von Jesus unterwiesen werden), findet sich bald wieder [&#8230;]. Das neue Kriterium setzt die damals und auch heute als nat\u00fcrlich empfundene Zusammengeh\u00f6rigkeit innerhalb der Familie ausser Kraft und ersetzt sie durch ein Kriterium, das man unabh\u00e4ngig von seiner Herkunft erf\u00fcllen kann. Die Szene erkl\u00e4rt, wieso man sich in den Jesusgemeinden als \u201aSchwester\u2018 und \u201aBruder\u2018 anspricht und Loyalit\u00e4tspflichten sich ver\u00e4ndern. [&#8230;] Im Kontext der Leserschaft werden deren famili\u00e4re Probleme in der Szene gespiegelt (13,12): Wie Jesus erleben sie Konflikte in der Familie, die auf ihren Gehorsam gegen Gottes Willen zur\u00fcckgehen. Sie erfahren auch, dass die Gruppe der Jesusanh\u00e4nger ein Ersatz f\u00fcr die Familie werden kann und soll (vgl. auch 10,30).\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. So. n. Trinitatis | 14.09.2025 | Mk 3,20-21.31-34 |\u00a0 Hansj\u00f6rg Biener | Manchmal gehen Kinder aus dem Elternhaus und drehen sich nicht mehr um. Der Kontakt rei\u00dft ab, und die Kinder scheinen nichts zu vermissen. Anders die verwaisten Eltern. Ihnen stellen sich qu\u00e4lende Fragen: \u201eWas haben wir falsch gemacht?\u201c \u201eWomit haben wir das verdient?\u201c [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":25423,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37,511,1,727,157,853,114,271,749,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-25431","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-markus","category-13-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-hansjoerg-biener","category-kapitel-03-chapter-03-markus","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25431","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25431"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25431\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25432,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25431\/revisions\/25432"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25431"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25431"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25431"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=25431"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=25431"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=25431"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=25431"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}