{"id":25435,"date":"2025-09-17T17:45:33","date_gmt":"2025-09-17T15:45:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25435"},"modified":"2025-09-17T16:48:47","modified_gmt":"2025-09-17T14:48:47","slug":"1-mose-2810-19a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-mose-2810-19a\/","title":{"rendered":"1.Mose 28,10-19a"},"content":{"rendered":"<h3>Biblischer Traum \u2013 kein Albtraum! | 14. So. n. Trinitatis | 21.09.2025 | 1.Mose 28,10-19a | Klaus Wollenweber |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Ende Juni dieses Jahres fand hier in Bonn die \u201e10. Bonner Kirchennacht\u201c statt. Gemeinsames Thema f\u00fcr die fast 50 ge\u00f6ffneten Kirchen war: \u201eNacht der Tr\u00e4ume\u201c. Ganz Unterschiedliches wurde in den Kirchen zu diesem Thema angeboten. Ich pers\u00f6nlich war u.a. in der altkatholischen Kirche, in der ein Psychotherapeut mit den anwesenden Zuh\u00f6renden \u00fcber pers\u00f6nliche Tr\u00e4ume diskutierte. Es kamen \u00fcberwiegend Albtr\u00e4ume zur Sprache, die den Schrecken und die Verst\u00f6rtheit der Tr\u00e4umenden offenbarten und mitempfinden lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ebenso wird von dem Erzvater Jakob im 1.Buch Mose von einem Traum erz\u00e4hlt, \u00fcber den er ziemlich erschrak. Es ist die erste Erz\u00e4hlung eines biblischen Traums, dem noch in der hebr\u00e4ischen Bibel und im Neuen Testament viele andere folgten. Ich lese aus dem 1.Buch Mose aus dem 28.Kapitel:<\/p>\n<p><strong>10 Jakob machte sich auf den Weg von Beerscheba nach Haran. Er kam an einen Platz und \u00fcbernachtete dort, weil die Sonne gerade untergegangen war. Hinter seinen Kopf legte er einen der gro\u00dfen Steine, die dort umherlagen. W\u00e4hrend er schlief, sah er im Traum eine breite Treppe, die von der Erde bis zum Himmel reichte. Engel* stiegen auf ihr zum Himmel hinauf, andere kamen zur Erde herunter. Der HERR selbst stand ganz dicht bei Jakob und sagte zu ihm: \u00bbIch bin der HERR, der Gott deiner Vorfahren Abraham und Isaak. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Sie werden so unz\u00e4hlbar sein wie der Staub auf der Erde und sich nach allen Seiten ausbreiten, nach West und Ost, nach Nord und S\u00fcd. Am Verhalten zu dir und deinen Nachkommen wird sich f\u00fcr alle Menschen Gl\u00fcck und Segen entscheiden. Ich werde dir beistehen. Ich besch\u00fctze dich, wo du auch hingehst, und bringe dich wieder in dieses Land zur\u00fcck. Ich lasse dich nicht im Stich und tue alles, was ich dir versprochen habe.\u00ab Jakob erwachte aus dem Schlaf und rief: \u00bbWahrhaftig, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!\u00ab Er war ganz erschrocken und sagte: \u00bbMan muss sich dieser St\u00e4tte in Ehrfurcht n\u00e4hern. Hier ist wirklich das Haus Gottes, die T\u00fcr des Himmels!\u00ab Fr\u00fch am Morgen stand Jakob auf. Den Stein, den er hinter seinen Kopf gelegt hatte, stellte er als Steinmal auf und goss \u00d6l dar\u00fcber, um ihn zu weihen. Er nannte die St\u00e4tte Bet-El (Haus Gottes).<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume haben h\u00e4ufig mit der Zukunft unseres Lebens zu tun. Heute \u2013 in unserer gegenw\u00e4rtigen Zeit und Welt, die von Krisengeschehnisse ersch\u00fcttert wird, fehlen mir vision\u00e4re Tr\u00e4ume, die zu Probleml\u00f6sungen hilfreich sein k\u00f6nnen. Stattdessen wird in harten, festgefahrenen Bl\u00f6cken gedacht und gehandelt. Da gibt es wenig bis gar keine Visionen, die Denkmauern und Machtk\u00e4mpfe ver\u00e4ndern und durchbrechen. In der biblischen Erz\u00e4hlung verh\u00e4lt es sich anders. Jakob hatte seine traumhafte Vision von einer Verbindung Gottes zu ihm. Er sah im Traum eine Treppe (w\u00f6rtlich keine \u201eLeiter\u201c), die vom Bereich Gottes zum Bereich der Erde reichte und auf der Boten Gottes hin- und hergingen; er hatte eine Vision, deren Bilder auch entsprechend von uns Menschen zu Gott f\u00fchrten. Und diese eine bildhafte Vision war mit einem ganz positiven Versprechen des Gottes der Erzv\u00e4ter Abraham und Isaak verbunden: \u201e<em>Siehe, ich werde dir beistehen; ich besch\u00fctze dich, wo du auch hingehst.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir k\u00f6nnen wohl erst nachvollziehen, was f\u00fcr eine Bedeutung diese Zusage Gottes im Traum f\u00fcr Jakob bedeutete, wenn wir uns daran erinnern, dass Jakob auf der Flucht vor seinem Bruder Esau ist. Denn er, Jakob, hatte ja seinem Bruder Esau den Segen des Vaters f\u00fcr den Erstgeborenen mit einer List weggenommen; und Esau ist in seiner Emp\u00f6rung dar\u00fcber entschlossen, seinen Bruder Jakob umzubringen. Jakob ist also auf der Flucht, ohne Dach \u00fcber seinem Kopf, ohne Schutz in der Dunkelheit der Nacht. Eine furchtbare Lebenssituation!<\/p>\n<p>Genauso berichten heute Fl\u00fcchtlinge von den schrecklichen N\u00e4chten mit der Angst vor all dem, was auch immer in solchen kriegerischen Notsituationen passieren kann. Denken wir beispielhaft an die russischen, n\u00e4chtlichen Drohnenangriffe auf zivile Ziele in der Ukraine oder an die verzweifelten Fl\u00fcchtlinge im Gazastreifen, die vor den israelischen Bomben-Angriffen hin- und hergetrieben werden und nie wissen, ob sie nicht doch von den Bomben get\u00f6tet werden. Gottes Zusage an Jakob \u201e<em>ich lasse dich nicht im Stich und tue alles, was ich dir versprochen habe.\u201c <\/em>\u2013 dies ist wahrhaftig eine traumhafte Verhei\u00dfung, wie es sich alle Fl\u00fcchtlinge erhoffen und w\u00fcnschen!<\/p>\n<p>Jakob erwacht vom Traum. Er erschrickt! Da ist noch keine Freude \u00fcber die ihm zugesagte, zuk\u00fcnftige Rettung. Ja, er erschrickt, weil er sp\u00fcrt, dass er an einer besonderen Stelle hier auf der Erde die g\u00f6ttliche Traumvision erlebt hat. Neben der Vision von der Treppe hat er auch das Bild von der himmlischen T\u00fcr vor Augen. Eine T\u00fcr zu Gott! Da wandelt sich der Schrecken in Ehrfurcht! Jakob erkennt einen Zugang zu dem Herrn und Sch\u00f6pfer, der ihn beh\u00fcten will auf allen seinen Wegen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr ist in vielen Religionen ein Sinnbild f\u00fcr den \u00dcbergang von dem menschlichen zum g\u00f6ttlichen Bereich, vom Diesseits zum Jenseits. Sie steht f\u00fcr den Zugang zum Sch\u00f6pfergott und bietet neue M\u00f6glichkeiten der Begegnung. In Tr\u00e4umen werden T\u00fcren auch Symbole f\u00fcr \u00dcberg\u00e4nge von Lebenssituationen und Entscheidungen wie Geburt, Elternschaft und Tod. T\u00fcren stehen f\u00fcr Verbindung und zugleich Trennung, f\u00fcr Hoffnung und Entt\u00e4uschung, Einladung und Ausgrenzung. In unseren Redewendungen spiegeln sich die unterschiedlichen Deutungen: \u201evor der eigenen T\u00fcr kehren\u201c; \u201edie T\u00fcre vor der Nase zuschlagen\u201c; \u201eeinen Fu\u00df in der T\u00fcr haben\u201c; einer Sache \u201eT\u00fcr und Tor \u00f6ffnen\u201c; durch die T\u00fcr eintreten oder besser drau\u00dfen bleiben. Mit \u201eT\u00fcr\u201c und \u201eTor\u201c kann eine sinnbildliche Welt verbunden sein, die zugleich von tiefsten \u00c4ngsten und von gr\u00f6\u00dften Hoffnungen von uns Menschen erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Von dem auferstandenen Christus wird in dem Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea \u00fcbermittelt: \u201e<em>Siehe, ich stehe vor der T\u00fcr und klopfe an. Wenn einer meine Stimme h\u00f6rt und die T\u00fcr \u00f6ffnet, bei dem werde ich eintreten \u2026\u201c (Offbg. 3<\/em>). Wie h\u00f6ren wir dies in den gegenw\u00e4rtigen gro\u00dfen, politischen Auseinandersetzungen? Wir w\u00fcnschen uns doch, dass T\u00fcren in Konfliktl\u00f6sungen ge\u00f6ffnet werden und dass noch vorhandene Zug\u00e4nge offen bleiben f\u00fcr mehr Gerechtigkeit. Erinnern wir uns an den Herbst 1989 in Berlin: die pl\u00f6tzliche \u00d6ffnung der T\u00fcren in einer vorher undurchdringlichen Mauer macht Mut und bringt Hoffnung.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Die Treppe und die himmlische T\u00fcre sind f\u00fcr Jakob so eindrucksvoll, dass er diesen Platz als Ort Gottes bezeichnet, als \u201eHaus Gottes\u201c, als Wohnstatt Gottes, als Beth-El. Dieser Ort \u201eBethel\u201c existiert bis heute in Israel. Einigen von uns ist das Wort \u201eBethel\u201c ein Begriff durch die diakonischen Einrichtungen in Bethel bei Bielefeld, die Wohnungen f\u00fcr behinderte Menschen jeden Alters, f\u00fcr behinderte Werkst\u00e4tten, Krankeneinrichtungen und f\u00fcr die einzigartige Sammelstelle f\u00fcr Briefmarken. Bethel = Haus Gottes mit offenen T\u00fcren. Dieses haben wir im \u00fcbertragenen Sinn heute in vielen gesellschaftlichen Problemfeldern n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Auf der biblischen, traumhaften Treppe mit der himmlischen T\u00fcr stellt sich Gott selbst dem Jakob in den Weg. Dort auf der Flucht \u2013 bei Nacht an einem einsamen Ort -, dort begegnet dem hinterlistigen Betr\u00fcger Jakob der lebendige Gott. In dieser biblischen Erz\u00e4hlung liegt ein enormer Trost f\u00fcr uns heute: Gott kommt uns entgegen, wann und wo er will! Wo immer wir Gott suchen oder wohin wir auch von Gott weg wollen und uns in unwegsame Gedankeng\u00e4nge des Glaubens verstricken, &#8211; Gott ist da und l\u00e4sst uns nicht im Stich! \u201e<em>Wahrhaftig! Der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!\u201c <\/em>Jakob hat die N\u00e4he Gottes erfahren; es gibt eine Verbindung zwischen seinem Fluchtweg und dem Bereich Gottes. Jakob ist nicht allein auf seiner Wanderung des Lebens durch unbekanntes Land.<\/p>\n<p>Das ist ein befreiender Traum, kein Albtraum, liebe Gemeinde. Das kann uns ermutigen; denn das ist in der Bibel eine beispielhafte Erz\u00e4hlung. So gilt uns: Gott begleitet uns auf unserer Lebenswanderschaft auch gegen unsere Angst und Resignation, die uns mit Recht bef\u00e4llt angesichts der Kriege in unserer Zeit mit Millionen Toten, Fl\u00fcchtlingen und Hungernden. Wir k\u00f6nnen gar nicht \u00fcberall helfen, auch wenn wir noch so \u00fcber menschliche Machenschaften entsetzt sind. Unsere eigenen Kr\u00e4fte und M\u00f6glichkeiten sind begrenzt. Dennoch k\u00f6nnen wir auch nicht unsere H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und alles weitere unserem Begleiter Gott \u00fcberlassen. Jakob ist nach seinem Traum nicht liegengeblieben und hat sich \u00fcber die frohe Botschaft seines Lebens gefreut. Nein! Er ist aufgebrochen. Und damit ermutigt er uns, genauso die n\u00e4chsten eigenen Schritte verantwortungsvoll zu tun, Schritte, die uns in unserem Bereich m\u00f6glich sind. Nat\u00fcrlich sieht dies bei jeder und jedem von uns anders aus; es gibt kein allgemeines Rezept f\u00fcr eigenes Engagement. Denn wir leben in der eigenen Lebensgeschichte an unterschiedlichen Erfahrungspunkten.<\/p>\n<p>Aber aller Einsatz geschieht ohne Angst und Hemmungen \u2013 so wie Jakob kein Wort des Strafgerichts f\u00fcr vergangenes Tun h\u00f6rt, kein Wort des Vorwurfs und keine tadelnde Missbilligung seiner vorausgegangenen Schurkerei. Wir k\u00f6nnen nur staunen und aufmerken: Das ist Gottes barmherziges, aktives und hilfreiches Handeln f\u00fcr uns. Er behaftet uns Menschen nicht bei unserer m\u00f6glicherweise dunklen Vergangenheit, sondern \u00f6ffnet uns eine T\u00fcr im Licht der gegenw\u00e4rtigen Lebenssituation. Und auch Jakob antwortet Gott nicht mit einer herausragenden Leistung; er nimmt den Stein, den er zum Schutz seines Kopfes nachts dorthin gelegt hatte, und bestimmt diesen als Denkmal zur Erinnerung an diese Begegnung Gottes mit ihm. Was ihm gleichsam vor den F\u00fc\u00dfen lag, das bekommt eine neue Bedeutung. Unser Lebensalltag bietet uns ebenso gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten, Gott f\u00fcr seine Begleitung, f\u00fcr seine Bewahrung und f\u00fcr sein barmherziges, liebevolles Einschreiten Dank zu sagen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, bei der Berufung der ersten J\u00fcnger im Johannes-Evangelium findet sich ein Ausspruch Jesu, der diese Traumvision des Jakob nach Jahrzehnten wieder aufnimmt. Jesus sagt zu Nathanael: <em>\u201eWahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Boten Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen Sohn.\u201c <\/em>(Joh. 1, 51). So ist Jesus Christus selbst zu dieser Treppe und T\u00fcr, dieser Verbindung zu Gott geworden. Er ist gleichsam die Br\u00fccke zwischen dem himmlischen Bereich Gottes und dem irdischen Bereich von uns Menschen. Gott l\u00e4sst uns nicht verloren gehen: er kommt uns als rettender Begleiter entgegen. Er wird uns nicht verlassen, auch wenn wir es anders sp\u00fcren. Gottes N\u00e4he zu uns ist kein Albtraum, sondern eine befreiende Ermutigung zum allt\u00e4glichen Leben im Miteinander. So bewahre uns auf unserer Lebenswanderschaft der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als all unsere Vernunft; er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen<\/p>\n<p>Lieder:\u00a0 EG Nr. 361: Befiehl du deine Wege \u2026<br \/>\nEG Nr. 171: Bewahre uns, Gott, beh\u00fcte uns, Gott, \u2026<br \/>\nPsalmgebet: Psalm 126<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bischof em. Klaus Wollenweber<br \/>\n53129 Bonn<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:Klaus.Wollenweber@posteo.de\">Klaus.Wollenweber@posteo.de<\/a><\/p>\n<p>Viele Jahre Gemeindepfarrer in der Ev. Keuzkirchengemeinde Bonn; ab 1988 theologischer Oberkirchenrat in der Ev. Kirche der Union (EKU) Berlin (heute: Union Ev. Kirchen (UEK) in Hannover); ab 1995 Bischof der \u201eEv. Kirche der schlesischen Oberlausitz\u201c mit dem Amtssitz in G\u00f6rlitz \/ Nei\u00dfe (heute: \u201eEv. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz\u201c (EKBO); seit 2005 im Ruhestand wohnhaft in Bonn. H\u00e4ufig aktiv in der Vertretung von Pfarrerinnen und Pfarrern in Bonn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biblischer Traum \u2013 kein Albtraum! | 14. So. n. Trinitatis | 21.09.2025 | 1.Mose 28,10-19a | Klaus Wollenweber | Liebe Gemeinde, Ende Juni dieses Jahres fand hier in Bonn die \u201e10. Bonner Kirchennacht\u201c statt. Gemeinsames Thema f\u00fcr die fast 50 ge\u00f6ffneten Kirchen war: \u201eNacht der Tr\u00e4ume\u201c. 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