{"id":25486,"date":"2025-10-01T08:04:29","date_gmt":"2025-10-01T06:04:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25486"},"modified":"2025-10-26T14:50:10","modified_gmt":"2025-10-26T13:50:10","slug":"jesaja-581-9a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-581-9a\/","title":{"rendered":"Jesaja 58,1\u20139a"},"content":{"rendered":"<h3>16. So. n. Trinitatis (oder Erntedanktag) | 05.10.2025 | Jes 58,1-9a | Thomas Bautz |<\/h3>\n<p><strong>Prophetische Sozialkritik und die moderne Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Prophetisch ge\u00e4u\u00dferte Fastenkritik bezieht sich, \u00e4hnlich der Kritik an Opfern und Festen, auf die Motivation der Fastenden, etwa auf formale, gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Einhaltung der vorgeschriebenen Riten. Diese \u201esind nur sinnvoll, wenn das Herz mitschwingt\u201c. \u201eNicht das Ritual ist wichtig, sondern die sich im Fasten ausdr\u00fcckende Intention: den Dienst f\u00fcr Gott als Dienst f\u00fcr den Mitmenschen (\u2026).\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \u201eBis heute bildet Jes 58 den Text der Prophetenlesung (Haftar\u00e1) im Morgengottesdienst des Jom Kippur\u201c,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> des Vers\u00f6hnungstages, neben dem Neujahrsfest ein sehr bedeutender Tag:<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>\u201eNach Rosch haSchana, dem Neujahrsfest, folgen zehn Tage, die als \u201aehrfurchtsvolle\u2018 Tage bezeichnet werden. Es sind zehn Tage der \u201aUmkehr\u2018, die ein jeder nutzen soll, um Vergebung zu bitten, um Gott zu zeigen, dass wir bereuen, was wir falsch gemacht haben.\u00a0Am Ende dieser Tage steht Jom Kippur, der Vers\u00f6hnungstag, der Tag des g\u00f6ttlichen Gerichts, der Bu\u00dfe und Umkehr (Lev 23,27\u201332), an dem die Verfehlungen des einzelnen Menschen ges\u00fchnt werden. Jom Kippur ist der Tag, an dem wir uns ausschlie\u00dflich um unsere Seele k\u00fcmmern und Demut zeigen.\u201c \u201eDaher fasten religi\u00f6se Juden an diesem Tag\u201c und bleiben den ganzen Tag in der Synagoge beim Gebet.<\/p>\n<p>In Israel ist die besondere Atmosph\u00e4re von Jom Kippur deutlich zu sp\u00fcren. Alle Gesch\u00e4fte haben geschlossen, alle Caf\u00e9s, Restaurants, Kinos, es gibt kein Radio- und Fernsehprogramm und es fahren keine Autos (nur Krankenwagen, Polizei, Feuerwehr). \u00dcber dem ganzen Land senkt sich eine tiefe Ruhe, wie man sie ansonsten niemals erlebt.\u00a0F\u00fcr Kinder und Jugendliche, die nicht so streng auf die Tradition achten und nicht fasten, ist der Tag au\u00dferdem ein Fahrrad-Fest.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df prophetischer Sozialkritik in der hebr\u00e4ischen Bibel darf sich das Fasten nicht im \u00c4u\u00dferlichen, etwa als Formsache ersch\u00f6pfen. Man hat es richtig erkannt, dass ein Sinneswandel gefordert ist. Der deutlich vernehmbare Prophetenruf (\u201emit lauter Kehle\u201c)<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> ergeht an die Jerusalemer Kultgemeinde, zumal was \u201edie sp\u00e4tere Versklavung der verarmten Volkskreise\u201c (zu Jes 58,6) betrifft. \u201eDie soziale Botschaft hat bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren. Es handelt sich um die seufzenden und\u00a0 herumgesto\u00dfenen Armen, \u201edie kein Heim haben\u201c und herumirren, um sich einen Ort der Ruhe zu suchen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Abgesehen von der Vernachl\u00e4ssigung der Armenf\u00fcrsorge, wird der Tag des Fastens auch \u00a0zur \u201eSchuldeneintreibung\u201c missbraucht:<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> \u201eIhr Fasten gilt (\u2026) dem eigenen Profit, der Bedr\u00fcckung des schw\u00e4cheren, verschuldeten Menschen. Auf einen solchen Fastentag w\u00fcrde man lieber verzichten.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Am Fastentag \u201eversammeln sich n\u00e4mlich viele Leute, \u201aund wenn einer von euch seinen Schuldner erblickt, bedr\u00fcckt er ihn\u2018 (\u2026), fordert er ihn zur unverz\u00fcglichen Bezahlung seiner Schuld auf. So wird der Zweck eines kollektiven Fastentags pervertiert.\u201c Was letztlich der Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen dienen sollte, \u201ef\u00fchrt zu ihrer Verschlechterung\u201c.\u00a0 Wem am Fastentag gelegen ist, aber an der Neuorientierung am Mitmenschen vorbeigeht, \u201esieht an der Aufgabe eines Gemeindefastens v\u00f6llig vorbei.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Die vom Propheten angemahnten sozialen Aspekte des wahren (Gott wohlgef\u00e4lligen) Fastens sind auch nicht aufzuwiegen oder auszugleichen durch rituelle Anstrengungen. Statt Gott die Ehre durch Dienst am Menschen zu geben, meint man, Seine Aufmerksamkeit durch Einhalten des Fastens im Sinne der Fastenvorschriften erzwingen zu k\u00f6nnen. Die teils sehr komplexen Rituale als solche sind nicht verkehrt, aber: Das Fasten, das Gott hingegen gef\u00e4llt, ist rechtes Handeln und F\u00fcrsorge f\u00fcr die Armen, Hungrigen, Nichtsesshaften, Abh\u00e4ngigen, Gefangenen, \u201eGeknickten\u201c:<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>\u201eIst nicht dies ein Fasten, das Ich erw\u00e4hle: \u00d6ffnen die Fesseln des Frevels, \/ L\u00f6sen die Banden eines Jochs, \/ Entlassen die Geknickten als Freie \u2013 \/ und jedes Joch sollt ihr zerschlagen. \/\/ F\u00fcrwahr, brich dem Hungrigen dein Brot, \/ und herumgesto\u00dfene Arme bring ins Haus. \/ Siehst du einen Nackten, so bedecke ihn, \/ vor deinem Fleisch verbirg dich nicht\u201c, d.h. \u201ejeder Mensch mit hineingenommen.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Der Prophet warnt vor einem \u201eSteckenbleiben am \u00e4u\u00dferen Ritual\u201c, kritisiert entsprechendes Denken und Handeln, das in die falsche Richtung geht, n\u00e4mlich am Mitmenschen vorbei. Das echte Fasten bedeutet \u201eKorrektur des Unrechts, begangen an jenen, die auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter stehen.\u201c \u201eWenn daher das Fasten einen Sinn haben soll, dann liegt er in einem Mehr an Mitmenschlichkeit.\u201c \u201eDer Lohn des Fastentags ist die Wohlt\u00e4tigkeit\u201c; \u201eWohltun in umfassendster Weise (\u2026). Die Freiheit des zu Boden Gedr\u00fcckten ist das sch\u00f6nste Ergebnis eines Fastentages\u201c, wobei ihre Freiheit auch als \u201emenschenw\u00fcrdige Existenz\u201c abzusichern ist!<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Die durch den prophetischen Mahnruf vermittelten ethischen Forderungen sind an jeden Einzelnen gerichtet: \u201eOhne die <em>Beteiligung des Einzelnen<\/em> ist es schwierig, die Probleme zu l\u00f6sen, besonders das seelische Problem des vereinsamten, bedr\u00fcckten Menschen. Die \u00f6ffentliche Hilfe reicht nicht aus.\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Wille und M\u00fche zur Behebung der sozialen Probleme gelten aber auch f\u00fcr die Betroffenen. Ist eine Misere behoben, muss der von der bedr\u00fcckenden Last Befreite \u201en\u00e4mlich in sich selbst die (erlittene) Unfreiheit \u00fcberwinden, ehe er die Freiheit wirklich zu nutzen vermag.\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Es scheint, als w\u00fcsste j\u00fcdische (rabbinische) Schriftauslegung auch um die missbr\u00e4uchliche Seite der Sozialgesetzgebung: Arbeitsverweigerer, Sozialschmarotzer u.\u00e4. \u201eMu\u00df man helfen, selbst wenn man den Verdacht der Unehrlichkeit hegt? (Eine Frage, die sich auch in der Gegenwart h\u00e4ufig stellt.)\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte das f\u00fcr Sozialpolitik, f\u00fcr Sozialstaat und Gesellschaft heute bedeuten? Die geschilderte soziale Problematik ist zeitlos: \u201eBehebung sozialen Unrechts\u201c und \u201eentschiedenes Eintreten f\u00fcr die Rechte des Zukurzgekommenen\u201c sind auch in westlichen Gesellschaften virulent. Wir versuchen, durch entsprechende Gesetze auf kommunaler Ebene und zum Teil auch unter Beteiligung des Bundes eine gerechtere Verteilung der Wohlstandsg\u00fcter (Arbeit, Wohnen, Ern\u00e4hrung, Bildung) zu erwirken. Doch die \u201ebesten\u201c sozialen Regelungen funktionieren nicht, wenn Grundstrukturen nicht konsequent ge\u00e4ndert werden und die Bereitwilligkeit mancher Bed\u00fcrftiger zur Mithilfe nicht w\u00e4chst. Dazu geh\u00f6ren Ehrlichkeit und die Bereitschaft, auch f\u00fcr weniger Lohn zu arbeiten. Wir verfolgen die Widerspr\u00fcchlichkeit gerade am hei\u00df diskutierten \u201e<em>B\u00fcrgergeld<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Um soziale Leistungen des Staates beanspruchen zu k\u00f6nnen, muss Hilfsbed\u00fcrftigkeit nachgewiesen\u00a0 und alle Zuwendungen sowie verwertbares Einkommen jeglicher Art belegt werden. Im Falle des relativ neu geschaffenen B\u00fcrgergeldes muss eine Erwerbsf\u00e4higkeit f\u00fcr mindestens drei Stunden pro Tag gegeben sein. Wer\u00a0<strong><em>nicht erwerbsf\u00e4hig<\/em><\/strong> ist, erh\u00e4lt auch B\u00fcrgergeld, \u201ewenn sie oder er mit\u00a0einer erwerbsf\u00e4higen, leistungsberechtigten Person in einer Bedarfsgemeinschaft lebt.\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Grundlegender ist <em>Sozialhilfe<\/em> als Grundsicherung. \u201eSie soll Hilfebed\u00fcrftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen gew\u00e4hren, die f\u00fcr ihre physische Existenz und f\u00fcr ein Mindestma\u00df an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerl\u00e4sslich sind und damit das Grundrecht auf Gew\u00e4hrleistung eines menschenw\u00fcrdigen Existenzminimums.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Eine solide Unterst\u00fctzung f\u00fcr diejenigen, die gern arbeiten wollen, um den Lebensunterhalt teilweise und vor\u00fcbergehend selbst zu bestreiten, ist das <em>Arbeitslosengeld<\/em>. Voraussetzung ist, dass man ohne Besch\u00e4ftigung ist, aber \u201emindestens 15\u00a0Stunden pro Woche einer Besch\u00e4ftigung nachgehen\u201c kann, die versicherungspflichtig ist.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Eine Zusammenarbeit mit der Agentur f\u00fcr Arbeit ist unumg\u00e4nglich. Um die genauen Bedingungen, Voraussetzungen und das Prozedere f\u00fcr die genannten staatlichen Existenzhilfen zu erfassen, scheint eine detaillierte Einf\u00fchrung in das Sozialgesetz oder Sozialrecht vonn\u00f6ten. Es l\u00e4sst sich aber konstatieren, dass notleidende Menschen in L\u00e4ndern wie Deutschland sozial und wesentlich ebenso wirtschaftlich abgesichert sind.<\/p>\n<p>Die Haltung gegen\u00fcber Hilfsbed\u00fcrftigen ist in einer Wohlstandsgesellschaft ambivalent. Vielschichtig sind die Ursachen f\u00fcr soziales Elend: Besteuerung armer Witwen; die Verkn\u00fcpfung von Nachweis des regelm\u00e4\u00dfigen Einkommens und dem Vorweisen eines festen Wohnsitzes; die schier erfolglose Suche nach bezahlbarem Wohnraum, wenn man mehr als die H\u00e4lfte des Einkommens f\u00fcr Miete bezahlen muss; Erwerbsminderung durch gesundheitliche Einschr\u00e4nkungen; psychische Belastungen durch nicht bew\u00e4ltigte Krisen (Scheidung, immense finanzielle Belastung durch Unterhaltszahlungen, Trennung von den Kindern; Arbeitslosigkeit; Wegfall des gewohnten Lebensstandards); Flucht in Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum bis hin zur Abh\u00e4ngigkeit und Sucht.<\/p>\n<p>Es geschieht schon manches auf dem sozialen Sektor, um Armen und Hilfsbed\u00fcrftigen zu helfen; in den St\u00e4dten haben sich in Deutschland immer mehr die Tafeln etabliert: <em>Tafel<\/em> <strong>\u00a0<\/strong>ist die Bezeichnung f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Hilfsorganisationen, die Lebensmittel, die im Wirtschaftskreislauf nicht Verwendung finden, d.h. nicht mehr verwendet werden und ansonsten vernichtet w\u00fcrden, an Bed\u00fcrftige verteilen oder gegen geringes Entgelt abgeben. Die erste Tafel wurde 1993 in Berlin gegr\u00fcndet von Sabine Werth. Im sp\u00e4ter gegr\u00fcndeten Dachverband <em>Tafel Deutschland e.\u00a0V.<\/em> sind heute 975 Tafeln mit 75.000 Helfern organisiert, die j\u00e4hrlich etwa 265.000 Tonnen Lebensmittel an rund 1,5 Millionen Menschen verteilen.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Ich komme aber noch einmal auf eine zutreffende Bemerkung eines Rabbiners zur\u00fcck: \u201eOhne die <em>Beteiligung des Einzelnen<\/em> ist es schwierig, die Probleme zu l\u00f6sen, besonders das seelische Problem des vereinsamten, bedr\u00fcckten Menschen. Die \u00f6ffentliche Hilfe reicht nicht aus.\u201c Dabei vergesse man nicht die andere Seite: \u201eMu\u00df man helfen, selbst wenn man den Verdacht der Unehrlichkeit hegt? (Eine Frage, die sich auch in der Gegenwart h\u00e4ufig stellt.)\u201c<\/p>\n<p>Es gibt derart viele verschiedene Fakten, Ausreden, Verharmlosungen und eigene Beschr\u00e4nkungen, die es erschweren, eine aufrichtige, konsequente Haltung gegen\u00fcber Hilfsbed\u00fcrftigen einzunehmen \u2013 auf einer pers\u00f6nlichen Ebene: von Mitmensch zu Mitmensch, auf Augenh\u00f6he: Meine Gewissensbisse habe ich durch Ausk\u00fcnfte beim Ordnungsamt erleichtern k\u00f6nnen; man versicherte mir, Obdachlose seien versorgt: Sie bek\u00e4men f\u00fcr einen minimalen Betrag etwas zu essen; wenn sie eine Besch\u00e4ftigung nachwiesen, w\u00fcrde man ihnen sogar einen Platz in einer WG zusichern. Doch bereitet es mir weiter Unbehagen: \u201eEs ist leichter, die Augen zu verschlie\u00dfen, als helfend einzuspringen.\u201c<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Nun gibt es aber \u2013 besonders in L\u00e4ndern, wo Wohlstand und Besitz nahezu alles bedeuten \u2013 ebenfalls N\u00f6te ganz anderer, nicht materieller oder monet\u00e4rer Art, die auch gut Betuchte treffen k\u00f6nnen. Auch Reiche geraten in Situationen, in Schwierigkeiten, die sich mit Geld allein nicht l\u00f6sen lassen. Wer sehr viel Geld hat, kann sich doch nicht alles kaufen: weder echte Freundschaft noch Liebe, weder Ehre noch Anstand, weder Ehrlichkeit noch Wahrheit. Aber Worte helfen manchmal \u201enicht weniger als eine materielle Spende: ein Wort des Verst\u00e4ndnisses und des tr\u00f6stenden Zuspruchs.\u201c<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Wiederum ist ein Beistand ohne Worte, eine nonverbale Geste durchaus wirksam, baut eine Br\u00fccke von Mensch zu Mensch. Als Reicher kann man verdammt einsam sein, und das letzte Hemd hat keine Taschen, wie jeder einfache Arbeiter wei\u00df.<\/p>\n<p>Gerade an den Grenzen des Lebens werden Menschen dessen gewahr, wer sie wirklich sind. Masken fallen, die Makulatur br\u00f6ckelt, der ganze Besitz wird als Luftschloss entlarvt, l\u00f6st sich in Rauch auf. Sterbende und todkranke Menschen bed\u00fcrfen wahrlich des Beistands, jemanden, der sie begleitet auf dem letzten Weg, deren Gegenwart vielleicht etwas Erleichterung verschafft. Allerdings gibt es unbestechliche Voraussetzungen; manche nennen es die Wahrheit am Kranken- oder Sterbebett \u2013 besonders f\u00fcr \u00c4rzte oft ein schweres Kapitel, weil sie ausgebildet sind, Leben zu retten, zu erhalten, und dann begegnen sie unaufhaltsam, kompromisslos dem nahenden Tod des Patienten und sp\u00fcren ihre eigene Ohnmacht. Wer denkt schon vorausschauend \u00fcber sein eigenes Ende nach?!<\/p>\n<p>Aber auch f\u00fcr Hinterbliebene, f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen und Freunde ist es eine innere Herausforderung, sich mit dem Ende ihres geliebten oder gesch\u00e4tzten Menschen zu konfrontieren. Die h\u00e4rteste aller Voraussetzungen, dem standhalten zu k\u00f6nnen, ist die Bereitschaft, sich offen und ehrlich in diese Situation hineinzubegeben \u2013 mit den eigenen \u00c4ngsten, mit dem Eingest\u00e4ndnis der Machtlosigkeit. Dabei darf man nat\u00fcrlich auch erleben, dass alle Beteiligten sich mit <em>Gelassenheit<\/em> und Frohsinn von einander verabschieden. Nach meiner Erfahrung geschieht dies leider viel zu selten, weil Menschen in den westlichen L\u00e4ndern, wo Kapital, Profit, Besitz und der gepriesene Wohlstand dominieren, peu \u00e0 peu verlernen, Dinge loszulassen, an die sie ihr Herz h\u00e4ngen, an die sie sich klammern. F\u00fcr Martin Luther waren diese Errungenschaften wie G\u00f6tter: \u201eWoran du dein Herz h\u00e4ngst, das ist dein Gott!\u201c<\/p>\n<p>Die prophetische Sozialkritik erinnert, wie wir geh\u00f6rt haben, daran: Man darf sein Leben auch nicht einseitig nach Ritualen wie dem Fasten ausrichten und meinen, der Fr\u00f6mmigkeit und dem Glauben oder der Existenzbew\u00e4ltigung w\u00e4re damit Gen\u00fcge getan. Viel wichtiger ist es, den Mitmenschen zu dienen, besonders denen, die in Not und Armut leben. Der Prophet inspiriert uns zum Nachdenken \u00fcber unsere Lebensweise (fa\u00e7on vivre); es ist n\u00e4mlich allemal kl\u00fcger, diese zu \u00fcberdenken, <em>bevor<\/em> man in eine (wom\u00f6glich) hoffnungslose Krise ger\u00e4t. Man mag sich allerdings fragen, was leichter ist: Vorsorge treffen (ausnahmsweise <em>nicht materielle<\/em> Prophylaxe), um eine m\u00f6gliche Krise zu bestehen, oder einer unverhofften Krise pl\u00f6tzlich ausgeliefert zu sein und sie dann erst mit allen Mitteln zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Religiosit\u00e4t allein hilft nicht aus dem geschilderten Dilemma; im Gegenteil: \u201eMissbrauch der Religion f\u00fcr zweckentfremdete Interessen\u201c bergen gef\u00e4hrliche Risiken und f\u00fchren am Mitmenschen vorbei.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Man denke nur an die Evangelikalen in den USA, die eine starke Front f\u00fcr Donald Trump bilden! Sie schw\u00e4chen demokratische Strukturen und provozieren au\u00dfenpolitisch riskante Vorgehensweisen. Dabei geben sie sich als fromme, gottgl\u00e4ubige Christen aus!<\/p>\n<p>Wo dem Vertrauen auf menschliche Hilfe und soziale Gerechtigkeit nicht entsprochen wird, vermag sich der Gl\u00e4ubige, der im tiefsten Sinne religi\u00f6se Menschen mit seinem Glauben an den Sch\u00f6pfergott zu tr\u00f6sten (Ps 146,6\u20139):<\/p>\n<p>\u201eJHWH hat Himmel und Erde gemacht, \/ das Meer und alle Gesch\u00f6pfe; \/ er h\u00e4lt ewig die Treue. \/ Recht verschafft er den Unterdr\u00fcckten, \/ den Hungernden gibt er Brot; \/ JHWH befreit die Gefangenen. \/ JHWH \u00f6ffnet den Blinden die Augen, \/ er richtet die Gebeugten auf. \/ JHWH besch\u00fctzt die Fremden \/ und verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht. JHWH liebt die Gerechten, \/ doch die Schritte der Frevler leitet er in die Irre.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfarrer Thomas Bautz<br \/>\n(\u201eim Unruhestand\u201c)<br \/>\nBonn<br \/>\n<a href=\"mailto:bautzprivat@gmx.de\">bautzprivat@gmx.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 184\u2013196: 186.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 292\u2013306: 298;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.hagalil.com\/2019\/10\/jom-kippur-3\/\">https:\/\/www.hagalil.com\/2019\/10\/jom-kippur-3\/<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 294.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 187.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 185; Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 295 u. 302.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 303.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 302.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 292 u. 296.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 190.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 304\u2013305.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 189.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 192.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 190.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.arbeitsagentur.de\/arbeitslos-arbeit-finden\/buergergeld\/finanziell-absichern\/voraussetzungen-einkommen-vermoegen\">https:\/\/www.arbeitsagentur.de\/arbeitslos-arbeit-finden\/buergergeld\/finanziell-absichern\/voraussetzungen-einkommen-vermoegen<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sozialhilfe_(Deutschland)\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sozialhilfe_(Deutschland)<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.arbeitsagentur.de\/arbeitslos-arbeit-finden\/arbeitslosengeld\/finanzielle-hilfen\/arbeitslosengeld-anspruch-hoehe-dauer\">https:\/\/www.arbeitsagentur.de\/arbeitslos-arbeit-finden\/arbeitslosengeld\/finanzielle-hilfen\/arbeitslosengeld-anspruch-hoehe-dauer<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tafel_(Organisation)\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tafel_(Organisation)<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 190.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 1 (1986): \u201eBrich dem Hungrigen dein Brot\u201c (Jes 58,7\u201312), S. 194 u. 196.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 4 (1989): \u201eWarum fasten wir, und Du siehst es nicht? \u2013 (Jes 58,1\u20139a), S. 302.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. So. n. Trinitatis (oder Erntedanktag) | 05.10.2025 | Jes 58,1-9a | Thomas Bautz | Prophetische Sozialkritik und die moderne Gesellschaft Liebe Gemeinde! Prophetisch ge\u00e4u\u00dferte Fastenkritik bezieht sich, \u00e4hnlich der Kritik an Opfern und Festen, auf die Motivation der Fastenden, etwa auf formale, gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Einhaltung der vorgeschriebenen Riten. 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