{"id":25488,"date":"2025-10-01T08:03:20","date_gmt":"2025-10-01T06:03:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=25488"},"modified":"2025-09-30T16:33:13","modified_gmt":"2025-09-30T14:33:13","slug":"jesaja-587-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-587-12-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 58,7-12"},"content":{"rendered":"<h3>16. So. n. Trinitatis (oder Erntedanktag) | 05.10.2025 | Jes 58,7-12 | <strong>Nadja Papis<\/strong> |<\/h3>\n<p>Kennen Sie das? Diese Wut im Bauch, wenn ich Hunger habe? Gereizt bin ich dann, ungeniessbar. Da bricht aus mir heraus, was nicht wirklich beziehungstauglich ist.<\/p>\n<p>Ja, Hunger macht w\u00fctend \u2013 jedenfalls wenn der Hunger noch so viel Energie zul\u00e4sst f\u00fcr die Wut. Wenn nicht ist es schon lebensbedrohlich.<\/p>\n<p>Der Grad der Wut h\u00e4ngt wohl am Grad des Hungers. Wenn ich einfach vergessen habe zu fr\u00fchst\u00fccken und meine Gereiztheit mit jeder Stunde zunimmt, dann ist das noch handhabbar, vor allem weil ich das Privileg habe, meinen Hunger jederzeit zu stillen. Nahrung ist vorhanden, die Mittel zur Nahrungsbeschaffung auch. Anders verh\u00e4lt es sich bei denen, die dauernd hungern, ohne Aussicht auf einen gef\u00fcllten Bauch. Das geht ans \u00abLebige\u00bb, ans Lebensnotwendige. Ich kann es mir, wohlgen\u00e4hrt, kaum vorstellen. Was f\u00fcr eine Wut muss das sein, wenn du deine Kinder nicht satt bringst, wenn du Tag ein Tag aus mit diesem nagenden Gef\u00fchl im Bauch arbeiten musst, wenn du zuschauen musst, wie rund um dich niemand genug hat und andere auf dieser Welt viel zu viel. Diese Wut bewegt, l\u00e4sst Menschen Unm\u00f6gliches auf sich nehmen, nur um dem zu entfliehen. Und mir scheint, wir Wohlgen\u00e4hrten urteilen, verurteilen viel zu schnell.<\/p>\n<p>Heute feiern wir Erntedankgottesdienst. Und dann dieser Predigtanfang. Ja nein, heute ist Danken angesagt, Feiern, Teilen. Die Bilder zum Erntedank zeigen es: eine \u00dcberf\u00fclle an Fr\u00fcchten und Gem\u00fcsen, an Korn und N\u00fcssen. Diese \u00dcberf\u00fclle feiern wir und danken daf\u00fcr. Denn selbstverst\u00e4ndlich ist sie nicht. Wir wissen, dass viel Arbeit dahintersteckt, und auch das Geschenk der Sch\u00f6pfung mit Jahreszeiten, einer Vielfalt von Pflanzenarten, den wechselnden Wetterlagen. Die Ernte weist uns auf das Geschenk unserer Lebensgrundlage hin. Heute will niemand an den Hunger erinnert werden! Gefeiert wird und die Freude geteilt an all den feinen Dingen, welche mit dem Erntegeschenk gekocht, gebacken und hergestellt wurde. Ihr seht es hier vorne: das frische Brot, die appetitlichen Kuchen, die Platten mit K\u00e4se und Fleisch und all die wunderbaren Fr\u00fcchte. Ein festlicher Schmaus steht uns bevor und mir l\u00e4uft das Wasser im Mund zusammen.<\/p>\n<p>In unserem Predigttext gibt es auch so wundervolle Bilder f\u00fcr die F\u00fclle des Lebens: das eigene Licht, das hervorbricht wie das Morgenrot, die Heilung, die Befreiung vom Joch, die starken Knochen, die S\u00e4ttigung in der D\u00fcrre, ein bew\u00e4sserter Garten, der Wiederaufbau uralter Tr\u00fcmmerst\u00e4dte, der Pfad, der wiederhergestellt wird.<\/p>\n<p>Wow! Diese Verheissung l\u00e4sst sich h\u00f6ren! Da wird Zukunft m\u00f6glich, nicht nur Leben, sondern Aufbauen, Sich-Entwickeln, einen Weg-Bereiten.<\/p>\n<p>Es ist keine Frage, ob ich das will. Diese Bilder lassen mich nicht mehr los und wecken eine Sehnsucht. Ich will leuchten, ja, nat\u00fcrlich, ich will befreit und heil werden, ich will ges\u00e4ttigt sein. Und in diesem bew\u00e4sserten Garten das Leben geniessen. Die ganze F\u00fclle des Lebens, ja, die ist uns verheissen. Diese F\u00fclle, die auch in unserer reichen und vielf\u00e4ltigen Erntedanktafel sichtbar ist.<\/p>\n<p>In einem ist unser Predigttext aber klar: Das gibt\u00b4s nicht umsonst. Diese Verheissung ist verkn\u00fcpft mit Bedingungen. So wie ja auch die Ernte an Bedingungen gekn\u00fcpft ist. Mir ist es am Erntedank in unseren Breitengraden immer wichtig, darauf hinzuweisen: Ohne das richtige Wetter und ohne die harte Arbeit der B\u00e4uerinnen und Bauern g\u00e4be es keine Ernte, auch bei uns nicht, trotz allen Maschinen, Bew\u00e4sserungsanlagen und anderen Hilfsmitteln. Es gibt Bedingungen, die erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, damit es zu einer Ernte kommt. Sie ist nicht gratis und sicher nicht selbstverst\u00e4ndlich. Manchmal w\u00fcnschte ich mir, dass wir dem n\u00e4her w\u00e4ren. Wenn in unserem Land die Kartoffelernte wetterbedingt schlecht ausf\u00e4llt, sorgt unser Staat daf\u00fcr, dass wir gen\u00fcgend Kartoffeln importieren k\u00f6nnen, um unseren Bedarf zu decken. Als Konsumentin merke ich praktisch nichts davon. Genauso wenig wie ich den Ernteausfall wegen einem sp\u00e4ten Frost zur Kirschbl\u00fctenzeit bemerke. Oder den Sch\u00e4dlingsbefall im Bienenstock. Oder die lange Krankheit des Bauern. Das Bewusstsein f\u00fcr die Bedingungen dieser F\u00fclle an Ernte, die wir hier vorne sehen, geh\u00f6rt f\u00fcr mich elementar zum Erntedank dazu.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Predigttext und den Verheissungen, die ebenfalls nicht selbstverst\u00e4ndlich und umsonst sind. Daf\u00fcr n\u00e4mlich braucht es das wahre Fasten.<\/p>\n<p>Am Erntedank vom Fasten zu sprechen, ist auch nicht gerade passend, aber lasst mir einen Moment, wir kommen schon noch dorthin, wo wir hinwollen.<\/p>\n<p>Im alten Israel war das Fasten ein religi\u00f6ser und kultischer Brauch. Zeitlich begrenzt wurde auf Essen oder Trinken verzichtet, um eine schlechte Tat zu s\u00fchnen, Trauer beim Verlust eines nahestehenden Menschen auszudr\u00fccken oder sich auf eine besondere Zeit vorzubereiten. Manche Fastenzeiten waren gesetzlich vorgeschrieben und betrafen alle, andere waren individuell. Wir kennen das Fasten noch heute, in unserer reformierten Kirche als freiwillige Zeit der Einkehr, meistens in der Passionszeit.<\/p>\n<p>Die Abschaffung des reglementierten Fastens ist eine Errungenschaft der Reformation, welche das Fasten als Heilsleistung scharf kritisiert hat. Und schon in der Passage vor unserem Text sind kritische Stimmen gegen ein so verstandenes Fasten zu h\u00f6ren: Seht, Ihr fastet so, dass es zu Streit und Zank kommt und dass man zuschl\u00e4gt mit der Faust des Unrechts. Das wird abgelehnt und stattdessen nach dem wahren Fasten gefragt. Was fordert das G\u00f6ttliche von uns? Dem Hungrigen dein Brot zu brechen, Arme, Obdachlose in dein Haus zu bringen, Nackte zu bedecken, dich deinen Mitmenschen nicht zu entziehen. Die Beziehungen unter den Menschen bestimmen massgeblich die Beziehungen zum G\u00f6ttlichen. Das wahre Fasten ist also ethisch verantwortliches Handeln gegen\u00fcber anderen Menschen, besonders den Notleidenden. Denn das wird in diesem Text auch klar: Gott steht auf der Seite der Notleidenden, der Hungrigen, der Elenden. Zum Glauben geh\u00f6rt das verantwortungsvolle Handeln unter den Menschen dazu. Mein Glaube ist nie isoliert von meinem Verhalten anderen gegen\u00fcber zu sehen.<\/p>\n<p>Am Erntedank kommt das f\u00fcr mich in der \u00abTeilete\u00bb zum Ausdruck und im gemeinsamen Dank. Ich stehe nicht alleine hier \u2013 in vertrauter Zwiesprache mit Gott und danke f\u00fcr diese F\u00fclle an Leben, die ich geschenkt bekommen habe, ich allein. Nein, ich stehe hier mit euch allen und verbunden mit der ganzen Menschheit, ja, sogar der ganzen Sch\u00f6pfung. Die Verheissung des Lebens geht an alles Lebende. Und als Teil davon bin ich aufgerufen, meinen Beitrag zu leisten, mein Licht leuchten zu lassen f\u00fcr alle. Eine schwierige Aufgabe. Gerade hier vor dem reich gedeckten Erntedanktisch. D\u00fcrfen wir dieses Buffet nun gar nicht geniessen? Uns die B\u00e4uche nicht vollschlagen? Schwelgen in dieser wunderbaren Lebensfreude?<\/p>\n<p>Das freiwillige Fasten, wie es in unserer Kirche Tradition ist, ist eine bewusste Zeit, um Gewohntes zu durchbrechen, Verzicht zu \u00fcben und sich \u00fcber das eigene hinweg mit der Welt zu verbinden. Ich muss etwas aus meinem gewohnten Alltag weglassen, um zu neuen Sichtweisen, neuen Erkenntnissen zu kommen, ich muss \u2013 modern gesprochen \u2013 die Komfortzone verlassen, um etwas \u00e4ndern zu k\u00f6nnen an mir, meinem Leben, meinem Verhalten. Die Forderung nach dem wahren Fasten steht quer zum Erntedank und fordert uns heraus. Inmitten der F\u00fclle des Lebens soll uns bewusst werden, dass es auch den Mangel gibt. Und dass die Verheissung sich nur dann erf\u00fcllt, wenn alle daran teilhaben k\u00f6nnen. Insofern ist das Teilen heute der wichtigste Bestandteil unseres Festes: Ich bringe nicht meinen Kuchen und esse ihn ganz allein. Das bek\u00e4me mir gar nicht und w\u00e4re auch nicht sinnvoll. Zu teilen heisst miteinander die F\u00fclle des Lebens zu geniessen, einander zu beschenken und beschenkt zu werden, sich verbunden zu f\u00fchlen in dem, was wir zum Leben brauchen und was uns dar\u00fcber hinaus noch gegeben ist. Beim Gabenbuffet am Erntedank ist das einfach, sozusagen eine Einsteiger\u00fcbung. Wie aber sieht es mit dem Teilen in unserem Dorf, unserem Land, der Welt aus? Ich habe noch viel zu \u00fcben, und Sie?<\/p>\n<p>Und dabei helfen mir die verheissungsvollen Bilder: mein Licht der Morgenr\u00f6te, Heilung, Befreiung, die starken Knochen und den satten Bauch in der D\u00fcrre, der bew\u00e4sserte Garten, der Wiederaufbau uralter Tr\u00fcmmerst\u00e4dte, der Pfad, der wiederhergestellt wird. Das G\u00f6ttliche, so erz\u00e4hlen mir die Bilder, weiss den Weg, ich darf ihm folgen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfrn. Nadja Papis<br \/>\nLangnau am Albis\/Sihltal<br \/>\n<a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p>Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. So. n. Trinitatis (oder Erntedanktag) | 05.10.2025 | Jes 58,7-12 | Nadja Papis | Kennen Sie das? Diese Wut im Bauch, wenn ich Hunger habe? 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